Wie war das mit dem Trentino? Wie war das mit den Ladinern?

So vehement die Welschtiroler ihre Autonomiewünsche in Wien vorbrachten, so weniger Verständnis hatten die meisten deutsprachigen Politiker für den Wunsch des italienischen Bevölkerungsteils nach größerer Selbstständigkeit, denn nach ihrer Meinung hatte sie die Selbständigkeit bereits. In Innsbruck und in Bozen wollte man unbedingt an der „historischen Einheit Tirols“ festhalten, während in Trient der Ruf „Los von Innsbruck“ seit 1848 immer lauter wurde. Im österreichischen Reichstag der Revolutionsjahre 1848 / 49 hatten die Trentiner Unterstützung gefunden. Damals wäre nicht nur die Bildung eines selbstständigen österreichischen Kronlandes Trient, sonder auch der Anschluss an Lombardo - Venezien eine „patriotische“ Lösung gewesen, da Oberitalien noch zu Österreich gehörte. Zu einer demokratischen Entscheidung der Trienter Frage kam es wegen der Auflösung des Reichstagen und der Wiederkehr des absolutistischen Regimes nicht mehr.

Da es seit 1866 kein österreichisches Oberitalien mehr gab, sondern Welschtirol nun an das nach weiteren Gebietsgewinnen strebende Königreich Italien grenzte, währe unter Umständen die Gewährung einer Autonomie ein Gebot der politischen Klugheit gewesen. Auf diese Weise hätte man jenen Trentiner Politikern zuvorkommen können, die nicht nur „los von Innsbruck“, sonder auch „los von Wien“ wollten. Doch in Innsbruck und Wien sah man dies nicht ein, denn man hätte hier einen Präzedenzfall geschaffen der anderer Kronländer beeinflusst hätte. Die von den Autonomisten für das italienische Tirol geprägte Bezeichnung „Trentino“ wurde als „geographische Übersetzung“ der politischen „Los – von – Innsbruck“ – Parole betrachtet und abgelehnt. Offiziell sprach man von Welschtirol oder von Südtirol.

Neben den 500.000 Deutschtirolern – das ist der Stand um 1900 – lebten im Land rund 350.000 Welschtiroler. Sie hatten in ihrem geschlossenen Siedlungsgebiet die volle kulturelle – nationale Autonomie. (Siehe diesbezüglich Sandwirtsbrief Nr. 71) Trotzdem waren Teile der Bevölkerung nicht zufrieden und daher blieben italienische Abgeordnete aus Protest immer wieder durch längere Zeit hindurch den Sitzungen des Landtages fern. Sie waren eben keine echten Tiroler mehr.

Eine höchst merkwürdige Auffassung hierüber zeigt ein Gutachten des Matrikelausschusses des Landtages vom Jahre 1892. Damals hatten nämlich die italienischen Gebiete Tirols, die sogenannte welchen Konfinen, eine Umänderung des Stimmenverhältnisses beim Landtag zu ihren Gunsten gefordert, das Gutachten lehnte das ab und sagte: „ Nimmermehr kann das welsche Tirol jene Rechte beanspruchen, welche dem deutschen und eigentlichen Tirol vorbehalten sind….. Sind die Konfinen mit einem solchen Beschluss nicht zufrieden und glauben sie, dass ihnen mit der grundsätzlichen Absonderung von Tirol besser gedient sei, so wolle man ihnen diesen Wohlstand nicht missgönnen: sie mögen aus unserm Bunde austreten, eine eigenen Nation bilden und gleich der Lombardei angesehen werden. Wir aber werden unsere alte Landesfreiheit und unsere herkömmliche Verfassung unabbrüchig genießen und fortsetzen, auch in Ruhe und mit biederer deutscher Eintracht unseres Landtages vollbringen“. Diese Auffassung, die allerdings der Wiener Regierung nicht genehm war, überlässt es dem freien Wollen der Welschtiroler den Landesverband zu verlassen und war getragen von der selbstbewussten Überzeugung, dass Deutschtirol ohne sie auch Tirol sei und bleibe.

Ganz anders verhielten sich die Angehörigen der dritten tirolerischen Volksgruppe, die Ladiner in den fünf Dolomitentälern, deren Zahl für die Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert auf rund 20,000 geschätzt wird. Die jahrhundertlange Zugehörigkeit zum Fürstentum Brixen bzw. zum Land Tirol und die enge persönliche, wirtschaftliche und rechtliche Bindung an den deutsprachigen Siedlungsraum hatten bei Bewahrung der eigenen Sprache eine weitgehende Angleichung an die deutschen Lebens- und Kulturformen bewirkt. Auch in Bezug auf Besitzrecht und Gemeindewesen gabt es nie einen Unterschied zwischen deutschen und ladinischen Bauern.

Mit Ausnahme des Fassatales, das seit 1815 zum Welschtiroler Kreisen gehört, waren alle Dolomitentäler deutsche Verwaltungssprengel zugeordnet. Ampezzo bildete zusammen mit Buchenstein seit 1868 eine eigene Bezirkshauptmannschaft. Ein Anspruch auf Autonomie wurde von den Ladinern nie gestellt. Sie fühlten sich seit eh und je den Deutschtirolern verbunden, von denen sie auch im Landtag vertreten wurden. Eine Ausnahme bildeten auch hier wieder die Ladiner im Fassatal, die einen Welschtiroler wählen mussten. Die Bemühungen der Fassataler, in allen Belangen an Deutschtirol angeschlossen zu werden, wurde zwar vom Tiroler Landtag unterstützt, scheiterte aber an der Verständnislosigkeit der Wiener Regierung. So konnte Fassa zu einem Brennpunkt des nationalen Kampfes werden. Einen schlechtern Dienst leistete die österreichische Regierung den Ladinern damit, dass sie bei den Volkszählungen die Ladiner zu den Italienern rechnete (man hielt ursprünglich die ladinische Sprache für einen italienischen Dialekt. Dass dies nicht so ist, darüber wird in einem eigenen, kommenden, Sandwirtsbrief berichtet). Der von Deutschtirolern eingebrachte Vorschlag, die fünf ladinischen Täler zu einem Wahlkreis zusammenzuschließen und so die Wahl eines Ladiners zu ermöglichen, wurde von den Vertretern Welschtirols zu Fall gebracht.

Die Frage der Trentiner Autonomie trat – nach einigen früheren Zugeständnissen – um 1900 in eine entscheidende Phase. Schon 1989 hatte die deutsche Mehrheit im Tiroler Landtag die Berechtigung von – wie es hieß – „besonderen Einrichtungen und Organen der Selbstverwaltung zur besseren Besorgung der nur den italienischen Landesteil betreffenden Angelegenheiten“ zugegeben. Die eingeleiteten Verhandlungen erbrachte jedoch kein zufriedenstellendes Ergebnis für die Welschtiroler. Zwischen 1900 und 1902 kam es zu mehreren ernsthaften Versuchen, das Problem zur beidseitigen Zufriedenheit zu löse. Zwar war nie an einen Trentiner Landtag und an eine Tilgung des Landtages ernsthaft gedacht; immerhin sollte es aber eine italienische Sektion der Landesregierung in Trient und verschiedene autonome Organe geben; auch andere für eine Minderheit vorteilhafte Regelungen waren vorgesehen, z.B. die Bildung nationaler Sektionen im Landtag und die Teilung des Budgets.

Doch es sollte nicht dazu kommen. Einmal wurde eine Vereinbarung von der Staatsregierung sabotiert, die fürchtete, für Tschechen und Ruthenen einen Präzedenzfall zu schaffen; dann wieder waren die italienischen Politiker mit den Entscheidungen unzufrieden, oder die deutschen Landtagsabgeordneten stimmten mit Nein; oft scheiterte ein fertiger Entwurf nur an wenigen Detailfragen. Schließlich lehnten die Trentiner Wähler selbst durch eine Art Referendum die vorgeschlagene Lösung ab. Die Welschtiroler Nationalliberalen hatten mit Erfolg das „Alles oder Nichts“ propagiert. Die Trentiner Sozialdemokraten waren entsetzt, weil sie einen Kompromiss, auch wenn er nicht ihren Idealvorstellungen entsprach, als einen „guten Schritt in Richtung Autonomie“ angesehen hätten.

Nach diesem Misserfolg, konstruktiver Verhandlungen änderte sich Taktik und Ziel der Trentiner Politiker, die seit 1901 wieder an den Landtagssitzungen teilnahmen. Die extremen italienischen Nationalisten wollten gar keine Autonomie mehr, um das ungelöste Problem für ihre Forderung nach einem Anschluss an Italien ausnützen zu können. Der christlichsoziale „Partito Popolare“, (eigener Sandwirtsbrief Nr. 73) dessen rasch wachsende ländliche Anhängerschaft durchaus österreichisch gesinnt war, arangierte sich hingegen mit den führenden Männern in Innsbruck, um in Trient seine Ziele verwirklichen zu können. Die Autonomieforderung war dabei als Druckmittel wertvoll, da die regierende Christlichsoziale Partei bei den Landtagsabstimmungen auf die Unterstützung ihrer italienischen Gesinnungsfreunde angewiesen war. Dem Trentino kam diese realistische oder – je nach Standpunkt- opportunistische Politik sehr zugute, nicht zuletzt in wirtschaftlicher Hinsicht. Die “Popolari“ verstanden es auch, die Situation propagandistisch zu nutzen. Alles Positive war ihr Verdienst, alles Negative konnten sie der deutschen Mehrheit anlasten. So Christlichsozialen aus dem Trentino im Landtag nicht einen Kampf um die Autonomie, sondern einen Kampf mit der Autonomie, wie es Claus Gatterer einmal ausdrückte. Nur die zahlenmäßig schwachen Trentiner Sozialdemokraten, die 1914 nach Änderung des Wahlrechtes mit Cesare Battisti ins Landhaus einzogen, ging es wirklich noch um die Autonomie. Battisti betrachtete das Trentiner Problem von zwei Seiten: Einmal meinte er, nach Gewährung einer Autonomie die Politik der herrschenden „Popolari“ als für das Trentino schädlich entlarven zu können, andererseits sah er in einer national sauberen Lösung einen Beitrag zur Bewältigung des Nationalitätenproblems im Vielvölkerstaat Österreich. Battisti schrieb: „Wenn wir unseren Landtag in Trient haben werden, wird niemand mehr sagen können, dass die zunehmende Not in unserem Land eine unmittelbare Folge des deutschen Regimes ist. Allein unser Bürgertum wird dann für Reformen und Gesetze verantwortlich sein. Nur eine Autonome Verwaltung wird das Trentino wirtschaftlich heben und nationalen Streitigkeiten ein Ende setzen. Das wird nicht nur zum Nutzen des Trentino und Tirol gereichen, sondern zum Nutzen des ganze Staates“.

Statt einer zukunftsweisenden Lösung näherzukommen, nahmen Radikalisierung und Misstrauen auf beiden Seiten zu. In Welschtirol orientierte sich vor allem die bürgerliche Klasse immer mehr nach Italien. Da Cesare Battisti seine Ideen innerhalb Österreichs nicht verwirklichen konnte, wurde auch er schließlich einer der eifrigsten Kämpfer für ein Italien bis Salurn. Bei Kriegsausbruch emigrierte Battist nach Italien, setzte sich entschieden für einen Kriegseintritt des Königreiches gegen Österreich ein und kämpfte in der italienischen Armee. Als er 1916 gefangengenommen wurde, lautete das Urteil Hochverrat und Tod durch den Strang, weil Battisti als Landtags- und Reichstagsabgeordneter sowie als Offizier auf den österreichischen Staat vereidigt war.

Hauptsächlich unter den Trentiner aber auch auf der Gegenseite gewann extremer Nationalismus an Boden. Von der Regierung in Wien und Innsbruck wurde jedoch das Territoralprinzip mit der ethischen Grenze bei Salurn so streng eingehalten, dass man sich selbst um die großen deutschen Sprachinseln im Trentino, Lusern und Fersental kaum kümmerte. Es war der Einsatz privater Vereinigungen notwendig, um dort deutsche Schulen zu gründen oder andere Maßnahmen zum Schutz dieses gefährdeten Volkstums in die Wege zu leiten. Trentiner Politiker waren empört über solche Aktivitäten

In Tirol war man in jenen Jahren auf das engste mit den Problemen konfrontiert, die den österreichischen–ungarischen Vielvölkerstaat erschütterten. Ein übersteigender Nationalismus und Patriotismus, Denkmalenthüllungen in Trient (die Enthüllung des Dantedenkmals in Trient am 11. Oktober 1896 wurde von vielen Deutschtirolern als nationalistische Provokation empfunden), patriotische Reden und glanzvolle Kaisermanöver konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lebensfrage der Donaumonarchie ungelöst war. Wie sollte sich ein Dutzend Völker untereinander verständigen können, wenn es in Tirol schon zwischen zwei Volksgruppen so schwierig war, zu einer vernünftigen Einigung zu kommen. Neue Hoffnungen gibt es hinsichtlich mit einer neuen Form der Zusammenarbeit des historischen Tirol. Zum selben Zeitpunkt (29. Oktober 2014) als dieser Sandwirtsbrief geschrieben wurden tagt in Schwaz der Dreier-Landtag unter dem Vorsitz des Tiroler Landtagspräsidenten DDr. Herwig van Staa.

Dreier-Landtag bezeichnet man die gemeinsamen Sitzungen des Südtiroler Landtages, des Tiroler Landtages sowie des Landtages der Autonomen Provinz Trient. Der Vorarlberger Landtag nimmt im Rahmen des Dreier-Landtages einen Beobachterstatus ein und nimmt an der gemeinsamen Landtagssitzung mit seinem Präsidenten bzw. seiner Präsidentin sowie den Mitgliedern des erweiterten Präsidiums teil.

Der Dreier-Landtag besteht aus den Abgeordneten der Landtage Südtirols, Tirol und Trentino. Der Dreier-Landtag befasst sich laut Artikel 1 Absatz 3 der einschlägigen Geschäftsordnung „mit grenzüberschreitenden Themen und anderen Anliegen und kann in der Diskussion stehende Angelegenheiten Entschließungen fassen.

Im Zeitraum von 1991 bis heute haben insgesamt zwei Vierer– und acht Dreierlandtage stattgefunden (Vorarlberg ist freiwillig ausgeschieden und nur mehr Beobachter) - in einem Zweijahresrythmus -, wobei der Austragungsort unter den drei Ländern wechselt. (Ausnahme zwischen 1911 und 14 3 Jahre wegen Landtagswahlen)

Die Vorbereitungen und der Ablauf des Dreier-Landtages, in welchem Landtage zusammentreffen und gemeinsame Beschlüsse fassen, erfolgt nach klaren Regeln, die sich der Dreier-Landtag selbst im Jahre 1998 durch die Genehmigung einer Geschäftsordnung für die gemeinsamen Landtagssitzungen gegeben hat. Die Landeshauptleute berichten, getrennt oder gemeinsam, den Landtagen über die konkrete Umsetzung der gefassten Beschlüsse. Der Großteil der vom Dreier-Landtag gefassten Beschlüsse sind Entschließungen, mit welchen die Landesregierungen verpflichte bzw. aufgefordert werden, in einem oder im anderen Sinn tätig zu werden.

Als ein Beispiel sei hier erwähnt.

Wenn sich am 29. Oktober 2014 der Dreier-Landtag in Schwaz zusammenfindet, wird von allen über eine vertiefte Zusammenarbeit der Makroregion Alpen diskutiert. Ein Vorkämpfer war hier bekanntlich LT Präsident Herwig van Staa. Um die Kooperation weiter zu stärken und gemeinsam den sensiblen Alpenraum zu schützen, sollen nun die Protokolle der Alpenkonvention zu einer Säule der Makroregion erklärt werden,

Die Alpen, und in deren Mitte befindet sich Gesamttirol, sind ein sehr sensibler Raum, der ökologisch leicht verwundbar ist. Im Bereich umweltgerechter Verkehr und auch im Bereich des Schutzes von Ökosystemen ist es unerlässlich, dass wir als Alpenländer an einem Strang ziehen, begrüßt der Andreas Hofer – Bund Tirol diese vertiefte Zusammenarbeit. Was aber nicht passieren darf, ist dass die großen Städte wie Mailand, Wien oder München wegen ihrer zahlenmäßigen Übermacht über das Kerngebiet der Alpen darüberfahren. Erfolgreich wird die Makroregion nur dann sein, wenn es einen Ausgleich zwischen Land und Zentrum gibt. Das beste Instrument hiefür ist die Einhaltung der Alpenkonvention*) stellt auch der Andras-Hofer-Bund Tyrol fest.

  • *)Die Alpenkonvention (AK) formal Übereinkommen zum Schutz der Alpen, ist ein völkerrechtlicher Vertrag über den Umfassenden Schutz und die nachhaltige Entwicklung der Alpen. Sitz des ständigen Sekretariats der Konvention ist Innsbruck, eine Außenstelle befindet sich an der EURAC in Bozen. Die Alpenkonvention ist die regelmäßige Versammlung der Vertragspartner die da sind:

  • Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, deren Rechtsnachfolger seit 1993 die Europäische Union ist (Genehmigung 1996)

  • Deutschland (Ratifizierung 1996)

  • Frankreich (Ratifizierung 1995)

  • Italien (Ratifizierung 1999)

  • Lichtenstein (Ratifizieru7ng 1994

  • Österreich (Ratifizierung 1994)

1989 verabschiedeten die Alpenstaaten und die Europäische Wirtschaftgemeinschaft auf der ersten Alpenkonferenz (9.-11. Okt.1989) in Berchtesgaden die Berchtesgadner Resolution, die den Willen zu gemeinsamer Rahmenkonvention für die Entwicklung des Alpenraumes äußern. Am 7. November 1991 wurde die Rahmenkonvention durch die Umweltminister der Alpenländer bei der zweiten Tagung der Alpenkonferenz in Salzburg unterzeichnet. Auch Italien unterzeichnete am 7.11.1991 die Rahmenkonvention brauche allerdings zum Unterschied der anderen Staaten 8 Jahre bis zur Ratifizierung.

F. d. R. d. W. Ing. Winfried Matuella Obmann des Andreas-Hofer-Bundes Tyrol

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