Ein 1913 geborener Südtiroler

Eine versuchte Rechtfertigung eines Zeitzeugen als Antwort auf den Sandwirtsbrief Nr. 64 in den es auch um Nationalsozialisten in Südtirol ging.

Ein 1913 geborener Südtiroler (Name bekannt) der in seiner Jugend Mitglied des Südtiroler Kampfringes war, optierte und in der deutschen Wehrmacht diente, wurde nach seiner Rückkehr nach Süd-Tirol von einem jüngeren Jahrgang gefragt „Waren sie Nationalsozialist“? Mit dieser gezielten Frage überraschte er den Jahrgang 1913.

Seine Rechtfertigung:

Die berechtigte und ganz sachliche gestellte Frage hatte die Wirkung, dass ich gewahr wurde, wie schwer es eigentlich ist in einer Darlegung von etlichen Minuten ohne langen Vortrag eine Antwort zu geben und darin vom Schwarzweiß-Klischee der Nicht-Zeitgenossen, das so einfach scheint und nur die Antwort Ja oder Nein zulassen möchte, eine Brücke zu erlebten Wirklichkeit zu schlagen.

Die größten Hoffnungen und die größte Katastrophe unseres Volkes im 20. Jahrhundert stand unter dem Zeichen des Nationalsozialismus, aber auch unfassbare Verbrechen haben schließlich, der Gesamtheit bei uns bis zum Ende oft nicht bekannt, unter diesem Zeichen ereignet.

Die eingangs erwähnte Frage kann eine Frage nach der damaligen Gesinnung, sie kann aber auch eine solche nach organisatorischer Zugehörigkeit sein. Darin liegt schon eine bedeutende, dem jüngeren Fragesteller freilich oft kaum bewusste Abstufung.

Geht es nach der Gesinnung, dann haben sehr viele von uns, auch ich, mit Ja zu antworten. Freilich gab es auch da im Reich und erst recht bei uns (Südtirol) große Unterschiede, angefangen von denen, die den Nationalsozialismus als politische Zeitbombe bis zur letzten Äußerlichkeit, besonders auch bis zu den Hackenkreuzen, nachzuahmen sich bemühten, aber in unseren Reihen nicht sehr zahlreich waren, bis zu vielen, die ihn mit Vorbehalt hinnahmen und dabei meistens, bewusst oder unbewusst, auf eine gewisse tirolerische Eigenständigkeit Wert legten, besonders angesichts des nationalen Existenzkampfes in Südtirol.

Meint die gestellte Frage aber die Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Organisation oder Partei, von deren Spitze später die Entwicklung zur europäischen Katastrophe Ausgange nahm, dann liegt ihr in Südtirol, wenn überhaupt, wohl häufig eine falsche Vorstellung zugrunde. 

Etwa folgendes: Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, die 1933 im Reich an die Macht kam und unter deren Regierung 1938 Österreich und die sudetendeutschen Gebiete und 1939 das Memelland ohne Krieg und nach dem Wunsch einer großen Bevölkerungsmehrheit an das Reich angeschlossen wurden, muss von ihrer Gesamtzentrale in München aus ein Organisations- und Beeinflussungsnetz aufgebaut haben, das überall Anhänger warb, über sie seine Fäden zog und alle und alles zu beeinflussen suchte; auch Südtirol wäre demnach in den neunzehnhundertdreißiger Jahren mit einer solche Organisation überzogen worden und das wäre dann die Südtiroler Nationalsozialisten gewesen.

Vergleichbares gibt es ja fast in allen Erdteilen auch in der Gegenwart.

In Bezug auf Südtirol ist diese Vorstellung aber grundfalsch. Zu keiner Zeit in den neunzehnhundertzwanzige oder der dreißiger Jahren unterstanden bodenständige Organisationen in Südtirol irgendwelchen Befehlsstellen der NSDAP, es bestand zu ihnen (Z.B. NSDAP Nordtirol) kaum Kontakt. Dieser wurde erst durch Option und Umsiedlung in den letzten Monaten 1939 und in der 1940er Jahren geschaffen, auch da aber weniger zu Partei – als zu Reichsstellen.

Wenn die italienische Geschichtsforschung von heute einfach unterstellt, der Bozner Peter Hofer sei ein Vetter des Innsbrucker Gauleiters Franz Hofer gewesen (und somit der Kontakt von Anfang an gegeben), so wirft das ein bezeichnendes Licht auf die Sorgfalt einer solchen „Forschung“; in Wahrheit waren die beiden sich ganz fremd.

Woher kamen dann diejenigen Südtiroler, die in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre – meistens insgeheim – kurzerhand als Nationalsozialisten bezeichnet wurden und von denen nicht alle, aber manche – ebenfalls insgeheim, denn alles unterstand ja strenger Geheimhaltung – sich selbst so bezeichneten ?

Auch damals hat, wie heute, ein Teil der Jugend das Verhalten der Älteren, das ihr durch ängstliche Erstarrung vor dem harten politischen Los gekennzeichnet schien, abgelehnt und einen anderen Weg einzuschlagen versucht:

Nicht gegen die Älteren, aber ohne sie gegen den Eindringling, der mit seinen faschistischen Maßnahmen eine akute nationale Gefährdung gebracht hatte; das Soziale blieb dabei im Hintergrund, es schien weniger wichtig.

Der volkischen Gefährdung konnte das bloße ängstliche Bewahren, so sahen wir Junge es damals, nicht hinreichend gewachsen sein. Die Gleichheit der Gefühle bei fast allen Tirolern in Südtirol reichte nach unserer Meinung nicht aus: Ein bewusster Zusammenschluss schien und erforderlich. Die Losung „Nur nicht auffallen!“ war zwar Jung und Alt gemeinsam, doch wir Junge stellten vor sie das Erfordernis einer Werbung zu gemeinsamem stillen Widerstand; das Risiko solchen Tuns musste, nach unserer Ansicht, in Kauf genommen werden.

Dazu kam etwas für die Entwicklung Wesentliches. So wie nun fast alle Italiener in einem Staat lebten konnten, so sollte es unserer Ansicht nach auch allen Deutschen möglich werden in einem Staat miteinander zu leben. Die damalige Abkapselung der Staaten voneinander, auch in Europa, die geringe Mobilität der Menschen, bewirkte, dass das Gewicht des Staates und der Zugehörigkeit zu ihm damals viel mehr als heute, da es in Europa nun doch eine beachtliche Freizügigkeit gibt, das Leben des einzelnen entscheidend geprägt hat..

Die Sehnsucht nach einem deutschen Staat war nicht Neues, sondern eine Jahrzehnte alte Forderung; seit 1918, dem Ende der deutschen Monarchie, der Zerstückelung des alten Österreichs und der empfindlichen Beschneidung des Deutschen Reichs war diese Forderung einleuchtend denn je geworden: Ziel der alliierten Sieger war nicht ein deutscher Staat, sondern mehrere. Das Volk jedoch, Jugend und Alter, interessierte sich nicht für den egoistischen Wunsch der Alliierten, sondern formte sich seine Ideale selbst.

Aus einem Erlebnis entsinne ich mich, dass ich, fast noch im Volksschulalter, im aufgeschlagenen Notenheft auf dem Klavier einer Nachbarsfamilie das Deutschlandlied fand

und dessen Text las: ….von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt….“. Das blieb in mir haften wie selten etwas, denn diese Etsch hatte ja nur wenige Kilometer von meiner Heimatstadt ihren Lauf; beim frühen Entstehen eines politischen Bewusstseins stand.

Es scherte uns Junge wenig, dass die Gegner ringsum, auch die Italiener, schon vor Hitler den großdeutschen Gedanken als „Pangermanismus“ verschrien und als verabscheuungswürdig, wenn nicht verbrecherisch gestempelt hatten, während sie sich gleichzeitig des Erfolges ihrer eigenen nationalen Einigungsbewegung rühmten und diese hochpriesen.

Bei einer Volksabstimmung in Nordtirol – in den anderen Bundesländern Österreichs war es den Siegermächten gelungen sie untersagten zulassen – hatten am 21. April 1921 - 90 % der Wählenden sich für den Anschluss an das Deutsche Reich ausgesprochen. Das war damals etwas Klares und überzeugendes, nicht nur bei 90 % der Erwachsenen, sondern erst recht bei fast der gesamten Jugendbewegung aller Lager, gleichgültig, ob sie mehr realpolitisch oder mehr romantsch dachten. Es konnte auch in Südtirol damals gar nicht anders sein, soweit überhaupt politisch gedacht wurde oder politische Gefühle erwachten.

In der Jugendbewegung in Südtirol, die zwar mit Ausnahme kirchlicher Gruppen nicht erlaubt war, aber in kleinerem Umfang trotzdem existierte, war schon vor 1933 die großdeutsche Ausrichtung weitaus vorwiegend, mindestens in Form einer Schwärmerei, eines Fernzieles; ab 1933 konnte eine Orientierung nach jenem Staat, der die Aussicht in sich trug, die gesamtdeutschen Bestrebungen vielleicht doch noch zu verwirklichen, bei den meisten Gruppen nicht ausbleiben, Der Sog der erstarkenden Mitte machte sich mehr und mehr fühlbare.

Die gefühlsmäßige Hinneigung zu den allgemeinen nationalen Zielen des Nationalsozialismus bedurfte in Südtirol wahrhaftig keiner reichsdeutschen Agitatoren oder Werbegruppen oder vom Reich her bezahlte Anstifter, wie die Zeitgeschichte-Forscher es gerne hinstellen.

Viel Geschichtsforscher haben mit Polizeibeamten eines gemeinsam: Sie suchen immer und überall nach Anstiftern und wollen einfach nicht glauben, dass eine Mode auch ohne Werbetrommel, eine Krankheit auch ohne Infektion und ein Brand auch durch Selbstentzündung entstehen können. Und das Klima war wirklich derart, dass eine Selbstentzündung durchaus kein Wunder, sondern nur natürlich war. Einer Anfeuerung und Steuerung von jenseits der Grenze bedurfte es dazu nicht.

Gerade die vielen begeisterten Schreier, die als Gefährdung empfunden und daher von den organisierten Gruppen nicht herangezogen wurden, tauchen in den Polizeiberichten immer wieder als „Nationalsozialisten“ auf, wobei unterstellt wird, sie wären organisiert. Nach einer Zählung vom April 1936 umfasste die Bewegung in Wirklichkeit damals in 148 Gruppen und 65 Stützpunkten nur 1306 Personen.

Die neue Führung des Deutschen Reiches hatte Südtirol politisch abgebucht, sie wollte es gar nicht und wollte zu den Südtirolern auch keine dauerhafte Geheimbeziehungen, die sich gegenüber Italien hätte kompromittierend auswirken können. Es ist bezeichnend für den Mechanismus von Massenströmungen, dass etwa ab 1934 trotzdem ein sehr erheblicher Teil der Tiroler, des kleinen deutschen Volkssplitters am Rande Italiens, gebannt auf das Reich schaute, dessen Stimme hier gleich wie in anderen Ländern durch Rundfunk und reichsdeutsche Zeitungen: ja, dass dieser Zustand selbst den Mai 1938 mit dem ausdrücklich, in Rom feierlich versprochenen Verzicht Hitlers auf Südtirol, überdauert hat.

Zufällig stand ich selbst damals, in Uniform als Reserveoffizier des italienischen Heeres, inmitten der Menschenmassen auf der Piazza Venezia vor dem Amtssitz Mussolinis und habe dieses „Vermächtnis“ Hitlers in seiner ganzen, für Südtirol niederschmetternden Bedeutung dort aus erster Hand entgegengenommen. Nach einem Abend dumpfer Verzweiflung und einer fast schlaflosen Nacht war meine innere Reaktion nicht etwa die Abwendung vom Reich und seiner damaligen Führung. Nein, die einzige Aussicht, die mir in jener Lage für uns Tiroler noch schicksalsmöglich schien, wurde meine schwache Zuflucht: die feste Hoffnung, dass irgendwann die damalige Regierung Italiens den Pakt mit dem Deutschen Reich brechen und so das „Vermächtnis Hitlers an das deutsche Volk“, den Verzicht auf Südtirol, gegenstandslos machen würde. Dass beide Regierungen auch untergehen könnten, schien mir 1938 nicht vorstellbar.

Um zu Schluss zu kommen: Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach dem Nationalsozialistisch - gewesen – sein könnte für mich etwas so lauten: staatspolitisch Ja, weltanschaulich zum Teil, organisatorisch nein. Der Bürger von heute wird mit einer solchen Antwort nicht viel anfangen können. Soweit er die Zeit nicht miterlebt hat, sind bei ihm oft Klischeekenntnisse hängengeblieben: es ist naheliegend, dass dann im Blickfeld der Nachwelt ganze Generationen nach Geschehnissen beurteilt werden, deren sichtbare Einzelheiten oder Ursachen damals fast immer anders aussahen, deren Hintergründe aber zum Teil und insbesondere außerhalb des Reiches nicht bekannt waren.

Die Schwierigkeiten einer verständlichen Antwort geht weit über den hier zum Anlass genommenen Einzelfall hinaus: Es sind viele, die antworten müssten oder möchten und noch sehr viel ist die Zahl derer, die eine innerliche wahre Antwort zu bekommen verdienen. Alle diese Überlegungen brachten mich auf den Gedanken diese Seiten zu schreiben, um vielleicht doch ein wenig darstellen zu helfen, wie das, was die so schlichte und so entwaffnende Frage meint, in den Gedanken und Gefühlen der Jugend von damals, und auch vieler Erwachsener, im Grenzland Südtirol sich fast zwangsläufig entwickelt hat.

Nicht, dass mein Leben in jener Zeit anders verlaufen wäre als das von vielen: Ein Durchschnittsschicksal meiner Generation in diesem Land. Das nicht Alltägliche daran ist, dass viele Stationen meines Weges von mit in Versen gegossen wurden, die noch vorhanden sind. Sie sind nicht selten voll von Fahnen und von Pathos, das heute schwer verdaulich erscheint, von Romantik, die man als weltfremd empfinden kann, aber nicht, weil es heute etwa keinen Pathos oder keine Romantik gibt, sondern weil jede Zeit da ihre eigenen, besonderen Formen und Stile hat und über die aus anderen Zeitabschnitten muss.

Auch bei uns sind Scharfmacherei und Unduldsamkeit vorgekommen wie überall und zu allen Zeiten. Auch bei uns sind sie zu bedauern. Trotzdem aber muss der Einzelne nach seinen Taten und seiner Haltung beurteilt werden, und nicht nach einem unklaren Sammelbegriff, der sehr große Unterschiede umspannt.

Ich jedenfalls bekenne mich zu meiner Vergangenheit: Zu dem, was ein empfindsamer Jungmann in diesem Land zwischen seinem 15. Lebensjahr (1928) und dem Beginn der Mannesjahre erlebt und erlitten hat, zu den Entscheidungen, die ich aus dem Erlebten und Erlittenen heraus gefasst oder die ich, soweit ich davon erfuhr, hingenommen habe, bis im

Frühjahr 1941 auch mein Schicksal Auswanderung und Wehrdienst waren und der Eintritt in ein bis dahin siegreiches Heer auch mich in seinen Bann schlug.

Ein Gedicht zur Probe:

Lied der Bozner Studenten 1931- Weise: „Der Gott, der Eisen wachsen ließ…“

Obwohl bedrängt und heimatlos,
Stehn fest wir auf der Wache
Und hüten in treu im Sturmgetos
Des Volkstums heil´ge Sache.
Ist unser Hoffnung Bauen:
Das Vaterland geeint und groß
Und glücklich einst zu schauen.

„Es wird nach schwerer Zeiten Leid“
So soll es stets erbrausen –
„Auch unsre Heimat einst befreit
Bis zur Salurner Klause!“
Wir rufen „Heimattreu!“ in Glück
Und Leid durch Wald und Aue
Und „Heimattreu!“ so halt ´s zurück
Aus unserem ganzen Gaue.

Uns lehrte Treu´ und Festigkeit
Ein Sänger auserlesen:
Herr Walther von der Vogelweid´
Ist Meister uns gewesen.'
So schützen wir den roten Aar
Den sie vom Reiche trennten:
Wir sind die treue, deutsche Schar
Der Bozner Studenten.

 

F. d. R. d. W, Ing. Winfried Matuella Obmann des Andreas–Hofer–Bundes Tyrol, Jänner 2014

Kommentare (0)

Passwort vergessen

Bitte geben Sie Ihre Emailadresse ein. Sie erhalten dann ein Email um ein um neues Passwort zu setzen.

Möchten Sie sich neu registrieren?

Dann klicken Sie bitte hier.

Registrierung