Südtirol unter dem Faschismus und danach. 2. Teil

5.6 Aus Molinari wird wieder Müller – Gossensaß (Gotzen = Knappe, saß = Sitz) oder Gotensitz) bleibt Colle Isarco (Berg am Eisack oder auch Berg der Isarker = der Stamm der Isarker waren Ureinwohner Tirols - unterschiedliche Deutungen.)

Im Pariser Vertrag von 1946 wurde die Wiederherstellung der italienisierten Familiennamen festgelegt. Darin heißt es: In Übereinstimmung mit den bereits erlassenen gesetzlichen Maßnahmen wird den Staatsbürgern deutscher Zunge im besonderen gewährt: das Recht, die deutschen Familiennamen wiedererwerben, die im Laufe der vergangenen Jahre italienisiert wurden:“ Durch den Artikel 22 der italienischen Verfassung wird diese Vereinbarung verfassungsrechtlich unterstrichen: „Niemandem darf aus politischen Gründen die Rechtsfähigkeit, die Staatsbürgerschaft oder der Name entzogen werden.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die italienische Regierung eine Frist fest, in der italienisierte Name in die ursprüngliche Form rückgebildet werden konnte. Wer diese Frist versäumte, dem blieb der italienische Name. Dies ist eingetreten. Denn heute kommen immer noch italienischen Namen in den Gemeindkarteien vor, und zwar von Personen die der festen Überzeugung sind, einen deutschen Namen zu haben.

In den Ortsbezeichnungen herrschen noch heute eine groteske Tatsachen. Die ungefähr 8000 von Tolomei erfundenen bzw. gefälschten und von der faschistischen Regierung im Jahre 1940 rechtlich vergebenen Orts-, Gelände-, Flur- und Weilernamen sind noch heue vom italienischen Staat anerkannt und werden offiziell verwendet. Die Wissenschaft ist sich einer Meinung, dass es - genau so wie ein Familienname, auch Orts- Flur- Geländenamen nicht in eine andere Sprache übersetzt werden können – es in einer Sprache keinen zweiten Ortsnamen geben kann. Die UNO – Standardisierung der Ortsnamen sagt, dass Ortsnamen in jeder Sprache historische gewachsene Sprachdenkmäler sind und niemals künstlich geschaffen oder willkürlich übersetzt werden können. Italien und leider auch teilweises die SVP und die Grünen scheint derlei Tatsachen nicht zu hören. Da jenes faschistische Dekret von 1940 heute noch seine volle Gültigkeit hat, haben die ursprünglich originalen Namen heute noch keine volle Gültigkeit, haben die ursprünglichen originalen (gewachsenen) Namen heute noch keine gesetzliche Gültigkeit und werden vom Staat nur geduldet. Eine geographische Örtlichkeit, die keinen italienischen Namen hat, existiert vor dem italienischen Gesetz nicht.

Im Artikel 102 des neuen Autonomiestatutes steht zwar;
„In der Provinz Bozen müssen die öffentlichen Verwaltungen gegenüber den deutschsprachigen Bürgern auch die deutschen Ortsnamen verwenden, wenn ein Landesgesetz ihr Vorhandensein feststellt und die Bezeichnung genehmigt hat.“ Doch muss dies eben erst durch ein Gesetz festgestellt werden, ob es die ursprünglichen Namen überhaupt gibt. Es gibt das Landesgesetz Nr. 71/10 - Errichtung des Verzeichnisses der Ortsnamen des Landes und des Landesbeirates für Kartographie (Von Fachleuten sehr umstritten).

Es ist nun paradox, dass heute die Südtiroler gegenüber dem Erfindungen Tolomei ihre ursprünglichen Namen sozusagen nachweisen müssen. Noch paradoxer ist, dass der Erzfaschist Tolomei innerhalb der italienischen „Geographischen Gesellschaft“ dem „Institut für Studien über das Hochetsch“ und dem italienischen Touring-Club als völlig rehabilitiert dasteht und als verdienstvoller Wissenschaftler gerühmt wird. Dies zu einer Zeit, da sich Wissenschaftler der ganzen Welt mit seinen Fälschungen und Erfindungen auseinandergesetzt und ihre Daseinsberechtigung zurückgewiesen haben.

 

5.7 „Wenn die Südtiroler Nazi werden, dann soll sie der Teufel holen“
(K. Schuschnig)

Die engste Verbindung der Südtirolfrage mit dem Anschluss Österreichs und die direkte Rückwirkung der deutschen Österreichpolitik auf die faschistische Südtirolpolitik“ durchzieht die gesamte Periode der Südtirolfrage in der Zwischenkriegszeit. Die Stadt Bozen wurde 1926 vom Ministerrat in Rom zur Provinzhauptstadt erhoben. Mussolinis Wunsch war, dass mit „fleißiger Arbeit und faschistischer Freude die Bevölkerung dieser Stadt sich immer dieser Entscheidung der faschistischen Regierung würdig zeigen wird“ (Telegramm Mussolinis an den Präfekturkommissär von Bozen). Dadurch war Bozen von der politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit Trients befreit. Trotzdem verbesserte sich die politische Lage für Südtirol nicht. Der Kompetenzbereich für die Angelegenheiten der Schule der Provinz Bozen verblieben weiterhin bei Trient. Ein Zeichen, dass kein Ende der Italienisierung zu erwarten war. Die Gemeinden zwischen Branzoll und Salurn – gehörten nicht mehr zur Provinz Bozen. Den endgültigen Beweis, dass Italien nicht daran dachte, den Südtirolern Konzessionen zu gewähren, lieferte die Erweiterung des Kompetenzbereiches des Präfekten der Provinz Bozen. Ihm oblag formal die Leitung und Überwachung des gesamten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens der Provinz. Er war die oberste Behörde, der direkte Vertreter der zentralen Exekutivgewalt. (manches hat sich bis heute nicht geändert)

Durch die Schaffung großer faschistischer Symbole sollte aller Welt der italienische Charakter Südtirols aufgezwungen werden, der Südtiroler selbst überall mit faschistischen Merkmalen konfrontiert sein (was er heute noch ist). Eine der großangelegten symbolischen Demonstrationen der Faschisten war die Grundsteinlegung für das „Siegesdenkmal“ in Bozen. Diese Art der für alle Welt sichtbaren Italienisierung entsprach einer Konzeption Mussolinis, der Bozen ausersehen hatte, im Gedenken an Cesare Battisti ein Ehrenmal zu errichten –„eine wahrhaft groteske Idee, wenn man bedenkt, dass Battisti Volkstreue stets höher hielt als Staatstreue und als leidenschaftlicher Verfechter des geschlossenen Nationalstaates für die Staatsgrenze bei Salurn und nicht am Brenner eingetreten ist“. Als Standort wurde jener Platz ausersehen, an dem ein Denkmal für die Kaiserjäger, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren, hätte errichtet werden sollen. (war bereits zu ca. 2/3 fertig gestellt) Die Grundsteinlegung des Siegesdenkmals erfolgte am 12. Juli 1926 in Anwesenheit vieler italienischer Honoratioren. Selbst König Viktor Emanuel III. war nach Bozen gekommen. In der Festrede verwies der Unterrichtsminister auf die zweitausendjährige Kultur Italiens und nannte den beeindruckenden Bau ein „Symbol des unerschütterlichen Willens Italiens, sich innerhalb seine eroberten Grenzen zu behaupten“. (was sie heute noch tun)

Ein anderer symbolischer Gewaltakt war die Entfernung des Denkmales Walthers von der Vogelweide von Hauptplatz in Bozen im Jahre 1935. Das Denkmal war 1889 geschaffen worden (Heinrich Natter der auch den Hofer am Bergisel schuf) und versinnbildlicht die Zugehörigkeit Südtirols zum deutschen Kulturkreis. Zur Zeit der Erbauung war man der festen Überzeugung gewesen, Walther von der Vogelweide stamme vom Vogelweiderhof in Laien. Diese Theorie ist heute umstritten. Für Tolomei war Walther „ein in Italien geborener Deutscher, dessen Lieder den Dichter der Grenze verraten; ein Mann, der lebhaft dem Einfluss der lateinischen Welt unterlag und es niemals vergessen konnte, wie seine Jugend von unserer italienischen Sonne erwärmt wurde“. Walters Ehrenmal fand einen Platz in einem unbeachteten Park der Stadt. An seine Stelle sollte ein Denkmal eines römischen Titanen errichtet werden.

In den zwanziger und dreißiger Jahren hatten sich innerhalb der Südtiroler Bevölkerung zwei politische Lager gebildet: der „Deutsche Verband“ und der „Völkische Kampfring Südtirols. (VKS). Die „Freiheitliche Partei“ und die „Katholische Tiroler Volkspartei“ – die zwei bürgerlichen Parteien Südtirols nach 1918 – hatten sich zum „Deutschen Verband“ (DV) zusammengeschlossen. Die Südtiroler Sozialdemokraten versuchten den gemeinsamen Weg mit den italienischen Sozialdemokraten, die sich gegen die Anexion Südtirols ausgesprochen hatten und nun das Selbstbestimmungsrecht für Südtirol forderten. Der „Deutsche Verband“ versäumte es bewusst, den Südtirolern diese Haltung der Sozialisten zu vermitteln, da die sozialistische Ideologie nicht mit der südtirolerischen zu vereinbaren war. Gerade aber die Sozialisten traten immer wieder laut für eine weitreichende Autonomie für Südtirol auf, und zwar in der Zeit des sich anbahnenden faschistischen Siegeszuges im römischen Parlament. Entweder fehlte den Funktionären des „ Deutschen Verbandes“ die politische Weitsicht, oder es war bewusst „Freundschaftspolitik“, dass die faschistische Machtergreifung in gewissen Sinne begrüßt wurde. Der Abgeordnete Willy von Walther sagte bei der Machtübernahme der Faschisten: „Man sei in Südtirol zufrieden über die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung, und man könne glücklich sein, dass Italien wieder über eine starke Regierung verfüge“.

Während des Faschismus identifizierten viele Südtiroler den Begriff Freiheit mit der Beseitigung der Brennergrenze, mit der Rückkehr zu Österreich bzw. zur deutschen Nation. Deshalb kam es zu keinen nennenswerte Widerstandaktionen gegen die faschistische Herrschaft und zu keiner Zusammenarbeit mit den italienischen kommunistischen Oppositionen im Untergrund. Eine echte Hilfe für Südtirol war, und versucht es auch heute noch zu sein, der 1919 in Innsbruck gegründete Andreas Hofer – Bund Tirol. Er versuchte mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mittel das Südtirolproblem international bekannt zu machen. Während sich der AHBT als Schutzbund für das unfrei Südtirol im freien Nord-Osttirol betrachtete, verstand sich der von Hans Egartner, Friedl Folger und Josef Mayr - Nusser 1939 gegründete Andreas Hoher–Bund in Südtirol als Gegner des Faschismus sowie des Nationalsozialismus und daraus resultierend natürlich auch als Gegner der Option. Unter anderem verhalf diese Untergrundorganisation vom Nationalsozialismus verfolgte Persönlichkeiten zur Flucht ins Ausland und leitete geheime Nachrichten (als Widerstandsbewegung) an die Alliierten weiter (siehe Sandwirtsbrief Nr. 46 Südtirol gegen Hitler“ www ah-bund-tyrol.at)

Keine der politischen Gruppen in Südtirol gelang es, politische Initiative im Land selbst zu entwickeln. In erster Linie waren die Restriktionen, die das gesamte politische Leben erfuhr, verantwortlich. Doch darüber hinaus verhinderte wiederum die passive Haltung, die im DV vorherrschte eine aktive Politik. So zeigte sich der DV unfähig, den Faschismus und die von ihm betriebene Minderheitenpolitik als kausale Einheit zu sehen. Es war die italienische Herrschaft über Südtirol an sich, die abgelehnt wurde. Der Antifaschismus des DV war ein „hilfloser Antifaschismus“. Die Halbmonatszeitung „Der Südtiroler“, das Sprachrohr des DV- Exils in Innsbruck, verkündigte bezeichnenderweise im November 1931: Wir schließen uns, nicht der von freimaurerischen Kreisen betriebenen Hetze gegen Italien an, denn der Faschismus ist sicherlich die italienischem Wesen gemäße Lebensform. Eben deswegen können wir seine Herrschaft nur auf italienischem Boden anerkennen. Wir kämpfen also für Südtirol, nicht weil Italien faschistisch ist, sondern weil Südtirol deutsch ist“. In der praktischen Konsequenz verhinderte diese Einstellung eine Kooperation mit antifaschistischen Kräften, die häufig an den DV herangetragen wurde. Diese damalige Erklärung und Ausführung der politischen Vertreter Südtirols kann nur unter folgenden Aspekten verstanden werden: Die Abgeordneten entstammten dem wohlhabenden Bürgertum. Ihre Anschauungen waren mit denen der breiten Bevölkerung nicht identisch. Es entsprach ihrem Wirtschaftsinteresse, dass sie viele Anschauungen des Faschismus begrüßten. Die Bevölkerung brachte ihnen deshalb auch nicht mehr die entsprechende Achtung entgegen. Auch von der Opposition waren die maßgeblichen politischen Führer nicht interessiert, sie erwarteten Unterstützung von außen, aus dem abgetrennten nördlichen Landesteil, aus Österreich und nicht zuletzt aus dem Deutschen Reich.

In Nord-Osttirol drehte sich nach 1918 nahezu das gesamte politische Leben um die Frage der Wiedergewinnung der verlorenen Landeseinheit. Das Land nahm die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge auf und integrierte von der Entnationalisierungskampagne betroffene Lehrer, öffentliche Angestellte oder die hohe Zahl der Eisenbahnarbeiter, die in Südtirol ihre Stellung verloren hatten und durch Italiener ersetzt worden waren.

Von der österreichischen Zentralregierung in Wien erwartete man sich dabei trotz des ständigen Drängens auf ein offensives Eintreten für die „Südtiroler Brüder“ nur wenig, wofür mehrere Faktoren ausschlaggebend waren. Die Südtirolpolitik der Ersten Republik steckte von Anbeginn in einem „Dilemma“. Die Rolle des Anwaltes der Südtiroler, die ihr als Nachfolger Österreich-Ungarns zufiel, konnte die Wiener Regierung zu keinem Zeitpunkt ausfüllen. Es gab keinen Rechtstitel, auf den sich eine Klage, etwa vor dem Völkerbund, hätte berufen können, denn Italien war als Siegermacht nicht dazu verpflichtet worden, den Schutz seiner Minderheiten zu garantieren. Zudem war die Erste Republik von hohem Maße wirtschaftlichabhängig vom südlichen Nachbarn

Viele Südtiroler hatten nach der faschistischen Machtergreifung erkannt, dass der Weg zur Rückkehr nach Österreich nicht mehr über Wien sonder über Berlin führe. Von Berlin erhofften sich die Südtiroler die Revisionierung der Brennergrenze und die Öffnung der Tore zur deutschen Nation. Hoffnung schöpften sie allein schon wegen des Artikel 1 des Parteiprogramms der NSDAP vom 24. Februar 1920, der wie folgt lautete: „Wir fordern den Zusammenschluss aller Deutschen auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes.“ Die deutsche Außenpolitik nach 1933 war aber von einer ganz anderen Spannweite, als dass auf das kleine Land Südtirol hätte eingegangen werden können. Die Südtirolfrage war schon im Jahre 1931 aus dem Parteiprogramm der NSDAP gestrichen worden.

Der „Deutsche Verband“ war 1926 aufgelöst worden, nachdem die Faschisten das allgemeine Parteienverbot erlassen hatten. Da das Verbot der politischen Betätigung nicht allein die Parteien im engeren Sinne erfasste, sondern auch auf Vereinigungen wie Sport, Schützen, Trachten- und Alpenvereine ausgedehnt wurde, war eventuell aktiven Widerstandsbestrebungen sehr enge Grenzen gesetzt. 1928 erfolgte die Gründung des „Gau - Jugend - Ringes“, aus dem 1933 der Völkische Kampfring (VKS) „jene Organisation der illegalen Südtiroler Nationalsozialisten, die bis 1939 imstande waren, die politische Untergrundführung, im Lande vollkommen zu übernehmen. Der Kampfring griff die ehemaligen Vertreter des „Deutschen Verbandes“ heftig an und beschuldigte sie des „Nationalen Verrates um des ökonomischen Vorteil willen“. (hat teilweise noch heute Gültigkeit)

1931 wurden in Meran und Bozen nationalsozialistische Ortsgruppen gegründet, die die Südtiroler, vor allem die Jugend, politisch und ideologisch wesentlich beeinflusste. Anfangs unterstützten die Faschisten diese Bewegung in jeder Weise. Als sich aber nach 1933 die Möglichkeit einer Angliederung Südtirols an das Dritte Reich infolge der aktiven Tätigkeit des VKS in Aussicht stellte, schwenkten die Faschisten in ihrer Haltung um. Der „Verein für das Deutschtum im Ausland“ (VDA) überbrachte 1934 dem Auswärtigen Amt in Berlin einen Bericht über die Reaktion der Südtiroler Bevölkerung auf die Matergreifung der Nationalsozialisten. Darin hieß es unter anderem: „Der Jugend bot der Sieg der NSDAP im Reich das große Erlebnis, das sie überwiegend auch in Südtirol in die Reihen des Nationalsozialismus führte. So lässt sich gegenwärtig feststellen, dass also nicht nur der größte Teil der ehemaligen „Freiheitlichen“ besonders in den Städten Bozen und Meran, ferner die Jugend, sowie die einigermaßen geistig regsam ist, auch beachtliche Teile der Bauernschaft – z.B. im Überetsch, Burggrafenamt und Pustertal – in ihrer geistigen Haltung nationalsozialistisch sind. Der Nationalsozialismus der Südtiroler stellt sich mehr als eine geistige Einstellung dar, die gerade dem gesamtdeutschen Erlebnis im Volk stärkste Auftriebe bringt und von größter Bedeutung für den Selbsterhaltungswillen der Volksgruppe wird“. Die Faschisten gingen in ihrer Vermutung also nicht fehl, dass die Südtiroler Hinwendung zum Reich stets intensiver wurde, und zwar trotz der Verzichtserklärung Hitlers auf Südtirol.

Der bisherige Versuch Südtirol zu entnationalisieren, musste als gescheitert erkannt werden. Um der Angliederung Südtirols an das Reich entgegenzuwirken, verschärften nun die Faschisten ihre Südtirolstrategie. Die Industriezone Bozen und die neugegründete „Ente di Rinascita Agraria“ sollten die Italienisierung beschleunigen. Durch die „Ente di Rinascita Agraruia“ konnten Italiener in Südtirol billigen Grund und Boden gesetzlich und beinahe unbegrenzt erwerben. Dadurch stieg der italienische Zuzugstrom drastisch an. Ein anderer gemäßigter strategischer Schachzug der Faschisten in der Südtirolpolitik lief darauf hinaus, die proösterreichischen Südtiroler mit den „echten Österreichern“, die gegen den Anschluss ans Reich waren, zusammenzuführen. Diese Österreicher stellen für Italien bezüglich Revision der Brennergrenze keine Gefahr dar.

Die Mehrheit der Südtiroler verfolgte indessen gespannt die Entwicklung im Reich. Sie begrüßten die Saarabstimmung* im Jahre 1935, mit der sie sich identifizierten. Eine besondere Begeisterungswelle löste bei der Jugend die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland aus. Die Sympathie der Südtiroler fürs Reich und gegen Österreich wurde immer größer. Mussolini sagte deshalb zum österreichischen Bundeskanzler Kurt Schuschnig, dass er sich im klaren darüber sein müsse, dass er (Schuschnig) in Südtirol zur Zeit noch verhasster sei als er (Mussolini) selbst.

Die kleinen proösterreichischen Kreise wurden vom VKS dilettantisch, aber lautstark und pöbelhaft überschrien. Wie weit dessen Propaganda ihren Zweck erreichte und welch große Begeisterung die Südtiroler für das Dritte Reich empfanden, zeigen der Aufruf Peter Hofers* zwei Tage nach dem Anschluss Österreichs. Er wird hier vollinhaltlich wiedergegeben, wobei sich jeglicher Kommentar erübrigt:

An alle Kreisleiter!
Kameraden
des VKS! Was wir nie für jetzt erwarteten, ist Tatsache geworden: der Führer mit der Größe und Macht des zusammengefassten deutschen Volkes steht am Brenner und steigert somit den Glauben und die Verpflichtung zum Kampf für Deutschlands südlichste Grenze ins Unendliche. Wir erleben ein Ereignis von ungeheurer Tragweite für Europa, insbesondere aber für das deutsche Volk…Es gibt nicht mehr ein Deutschland und ein Österreich, sondern es gibt nur mehr ein einiges, großes deutsches Reich von den Alpen bis zur Ostsee. Dieses große Reich wird in Kürze Mitteleuropa unangreifbar beherrschen. Demgegenüber spielt es keine Rolle, dass der Führer gezwungen war, um einen Eingriff aller europäischen Großmächte zu verhindern, Mussolini Zusicherungen wegen der Brennergrenze zu geben. So schmerzlich diese Tatsache für uns ist, kann sie uns die Freude an dem einen größeren Ereignis der Einheit Deutschlandes nicht rauben. An unserem Schicksal wird diese Zusicherung nichts ändern. Der ersehnte Tag unserer vollständigen Befreiung kann und wird erst dann kommen, wenn sich eine Umwälzung in Italien vollzieht, sei es durch einen Krieg oder durch einen inneren Umsturz oder durch sonstige unvorhergesehene Geschehnisse, wie es jetzt in Österreich der Fall war. Unsere Aufgabe ist und bleibt daher, ausharren und weiterzukämpfen und unsere Heimat jetzt erst recht deutsch zu erhalten, wie sie seit mehr als 1000 Jahren ist, damit wir bereit sind, wenn auch für uns die große Stunde schlägt. Somit liegt uns Südtirolern die endgültige Entscheidung darüber, dass wir weiter ein Glied des großen deutschen Volkes bleiben. Lasst uns daher keine Niedergeschlagenheit aufkommen, bekämpft stets und überall jeden Kleinmut. Die Aufgabe der Bewegung bleibt nach wie vor klar und unverändert in ihren unumstößlichen Grundsätzen verankert.

Kameraden! 75 Millionen Deutsche schauen vertrauensvoll auf die noch außerhalb des Reiches stehenden Volksdeutschen, welche die Aufgabe haben, den letzten Schritt zur Verwirklichung Großdeutschlands, gestützt durch den Glauben an ihr Volk, zu erkämpfen. Es lebe der Führer aller Deutschen Adolf Hitler, es lebe unser deutsches Südtirol! Kampf Heil!“

Indessen wurde die Sorge der Faschisten über einen möglichen Verlust Südtirols immer größer, zumal die Brennergrenze von Berlin in keinem Vertrag rechtlich anerkannt worden war. Für eine Anerkennung sprach lediglich ein privater Brief Hitlers an Mussolini vom März 1938. Die Beziehungen zwischen Italien und dem Reich waren nach dem Stahlpakt von 1939 gespannter als zuvor, das beweisen schon die Ausbauarbeiten an den Grenzfestigungen am Reschen, Brenner und in Innichen (1938-1942). Um der angespannten Situation entgegenzuwirken, strebten sowohl Italien als auch das Reich nach einer befriedigenden Lösung der Südtirolfrage. Das Umsiedlungsabkommen war schließlich das Ergebnis, das jeglichen Zweifel an der Freundschaft zwischen Nationalsozialisten und Faschisten aus der Welt räumen sollte.

Den Südtirolern war im Herbst 1938 von englischen Agenten im Auftrag Londons die Möglichkeit geboten worden, ihre Forderungen für eine Lösung der Südtirolfrage über London beim Völkerbund vorzubringen. England verfolgte mit diesem Hilfsangebot das Ziel, die Achse Rom-Berlin zu sprengen. Es wird allgemein die Meinung vertreten, dass hiermit die Südtirolfrage ihren Höhepunkt an internationaler Bedeutung erreicht habe und mit einer Zuwendung der Südtiroler zu England die Achsenpolitik ernsthaft in Gefahr geraten wäre. Die Südtiroler waren aber zu deutschnational, als dass sie dieses in den Augen Englands demokratische Angebot aufgegriffen hätten. Sie lehnten es entschieden ab mit der Begründung „der Rücksicht auf die politischen Notwendigkeiten des Reiches“ (möglicherweise hat man auch an den Geheimvertrag von London gedacht). Immerhin hätte dieses Angebot einen eventuellen Ausweg aus der folgenden Tragödie der Umsiedlung bedeuten können. Allerdings hatte die Umsiedlung zu diesem Zeitpunkt noch keine konkreten Formen angenommen.

Mit der Umsiedlung endet die Südtirolfrage zwischen den Weltkriegen. Sie war das tragische Ergebnis nazifaschistischer Totalitätspolitik, die für Millionen von Menschen unaussprechliches Leid brachte. Die „Option“ gehört dazu, wurde aber von manchen Schicksalen anderer Völker um ein Vielfaches übertroffen. Viele Südtiroler waren wegen ihrer freiheitlichen Einstellung ein Opfer der faschistischen Herrschaft geworden. Die Nationalsozialisten besetzten Südtirol nach der Niederlage Mussolinis in Italien für rund eineinhalb Jahre, vom September 1943 bis zum Mai 1945. Währen dieser Zeit büßten an die dreißig Südtiroler für ihre antinationalistische Überzeugung mit ihrem Leben.

* Die Südtiroler Jugend des VSK grüßt die Brüder an der Saar (ein Gedicht aus der damaligen Zeit von Norbert Mumelter, das uns die damalige Stimmung erahnen lässt

Ihr seid am Ziel – doch unser Kampf geht weiter:
Ihr kehrt nun heim – wir bleiben Grenzlandstreiter,
Wir merken Eins nur in des Unglücks Nacht:
Die deutsche Treu´ ist vor die Welt gezogen,
Die Treue, die sie lang schon totgelogen,
An die die Welt schon lang nicht mehr gedacht.

So geißelt er uns fort auf Schritt und Tritte,
Trägt seinen Frevel bis zur letzten Hütte,
Denn unsre Erde er erobern will.
Denn nur die Herrschaft hat in feilem Handel
Er sich erkauft, im Volk gab´s keinen Wandel:
Das Volk blieb deutsch und ward vom Zwang nur still.

Volk von der Saar, dein Wort bewies es allen,
Wie mächtig stark des Blutes Stimmen schallen;
Verzweifelt schwingt die Geißel er auf´s Neu !
Uns kann kein Geißelhieb die Kraft mehr rauben
Du, Saarvolk, gabst uns wunderbaren Glauben - 

Auch unser Zwingherr schaute eure Treue,
Durch die zum Reich zurück ihr kehrt aufs Neue,
Und er erschrak bei diesem Saarsymbol;
Er sah, was er beinah vergessen hätte,
Dass Treue niemals stirbt durch Zwang und Kette –
Sah bebend in der Saar – Deutschsüdtirol !

Da er nun weiß: wohl kann man uns zerreißen,
Doch stets wird unsre Sehnsucht Deutschland heißen,
Da um sein Hoffen er geprellt sich fand,
Verzehnfacht er den Zwang in jede Richtung,
Verzehnfacht will er uns aus unserm Land.

Verarmte Bauern jagt er von den Feldern,
Nimmt Haus und Hof statt Zins und Steuergeldern,
Setzt welsches Lumpenpack hinein dafür.
Und Hunderte von jungen Kameraden
Treibt er hinweg, an Afrikas Gestaden
Ihr Blut zu weihen seiner Ländergier.

Durch unsere Städte grölt er seine Lieder,
Ja, deutsche Bauten reißt er nieder,
Damit die Täuschung noch vollkommen sei.
Für welsche Brut errichtet er Fabriken;
In Stadt und Land das Deutschtum zu ersticken;
Ruft Tausende von Welsche er herbei.

Das Land bricht nieder rings – das Volk bleibt treu !
Das ist der Geist zu den Befreiungsstunden,
Den auch des Etschlands Jugend Will bekunden,
Denn euer Sieg ist unser Sieg zugleich.
Dank für den Glauben den ihr uns gegeben !
Hoch soll die Westmark, hoch die Südmark leben –
Nun helft uns streiten, Brüder aus dem Reich !

* Peter Hofer (* 2. Oktober 1905 in Kastelruth + 2.Dezember 1943 in Bozen) war ein nationalsozialistischer Politiker in Südtirol in den 1930er und 1940er Jahren
Hofer war einer der Exponenten der Optanten für Deutschland und spielte eine wichtige Rolle währen der Zeit der deutschen Besatzung im Rahmen der Operationszone Alpenvorland.

Er hatte unteranderem folgende Ämter inne:
1933 wurde er Kreisleiter des VKS Bozen, ab 1935 war er Landesführer.
1940 wurde Hofer geschäftsführender Leiter der ADO, der Organisation der Südtiroler, die ins Deutsche Reich abwandern wollten.
Nach dem Einmarsch der Deutschen Truppen in Italien wurde er am 21. September 1943 vom Obersten Kommissar zum Präfekten ernannt.
An 2. Dezember 1943 wurde er durch eine Fliegerbombe gerötet. Am selben Tag wurde sein Nachfolger Karl Tinzl ernannt. 

Der Wimpelspruch der Südtiroler VKS Studentenschaft.

Südtirol, dein Wimpel fliege
Weithin über deutschem Land;
Die die Not zusammenband,
Führe er durch Kampf zum Siege!

Schwarzer Ring sei uns Symbol
Treu, verschwiegen nie zu weichen,
Einig fürs Rotadlerzeichen,
Einig für Deutschsüdtirol!

 

F. d. R. d. W, Ing. Winfried Matuella Obmann des Andreas–Hofer–Bundes Tyrol Innsbruck am 29.12.2013

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