Süd-Tirol unter dem Faschismus 1. Teil

5.1 Die Machtübernahme

Am 28. Oktober 1922 erfolgte der Marsch der Faschisten auf Rom. Ihrer Machtergreifung wurde kein Hindernis in den Weg gelegt. So stark war das nationale Fundament, dass es Mussolini nicht schwerfiel, eine Diktatur nach nationalem Muster aufzubauen. Am 30. Oktober bildete er sein erstes Kabinett und blieb bis 1943 italienischer Ministerpräsident. Knappe zweieinhalb Jahre brauchte er, um die alten Parteien aus dem Parlament zu verdrängen. Aus dem regime constituzionale (frei, liberale Konstitution)wurde das regime autoritario dittatoriale (autoritäre Diktatur). Nach 1928 gab es nur mehr den „Partito Nationale Fascista“ (Nationale Faschistische Parte, PNF). Sukzessive erfolgten die Weisungen des PNF zur Unterbindung demokratischer Institutionen: Versammlungs-, Vereins-, Presse-, Radio- und Streikverbot waren nur einige der Diktatureffekte. Der Faschismus bedeutete das Ende des freien parlamentarischen Lebens und der Beginn des Einparteienparlaments, dessen höchste Instanz der Gran Consiglio del Fascismo (Faschistischer Großrat) war. Mit dem Faschismus begann die aggressive Politik Italiens.
Wer aber waren die ersten Faschisten? Sie rekrutierten sich aus Studenten, jungen Leuten, nationalen Fanatikern intellektueller Kreise, ehemalige Offiziere, Nationalisten und nationalen Idealisten Dazu kam ein Haufen von Abenteurern und Ehrgeizligen. Direkte vorfaschistische Bewegungen fanden zwischen den Verehrern Gabriele d`Annunzio, des gefeierten italienischen Dichters, und der Futuristen um Filippo Tommaso Marinetti, des Mitbegründers des Faschismus, zusammen. Schlagwörter, wie: Die Nation sei die größte und letzte Einheit des kollektiven Lebens, ertönten alsbald in allen Gesellschaftskreisen. Nur wenige fielen der faschistischen Epidemie nicht zum Opfer. Als ein direkter Vorläufer kann der Trientiner Soziologe Scipio Sighele angesehen werden, er war Mitglied des „Nationalistischen Verbandes“. Sich am Ziel seines politischen Traumes wähnend, trat er 1912 aus dem Verband aus. Stolz stellte er fest: „Der Traum meiner Phantasie ist glücklich wahr geworden: Das Nationalbewusstsein des neuen Italien ist erwacht, das Komitee der Vorläufer kann sich auflösen, weil ganz Italien nationalistisch geworden ist.
Beim Aufstieg des Faschismus hatte die Macht des Geldes eine gewichtige Rolle gespielt. Die italienischen Großgrundbesitzer und ehemaligen Geldgeber des PPI neigten nach 1920 immer mehr dazu, die Faschistische Partei finanziell zu unterstützen, weil die Gefahr drohte, die sozialistischen Arbeiter könnten sich mi radikalen katholischen Landarbeitern gegen den Großgrundbesitz und allgemein gegen das Kapital verschwören. In den ländlichen Regionen Norditaliens kam es zu scharfen sozialen Spannungen. Viele Güter waren von Landarbeitern besetzt worden, Kooperationen, die an einer Reihe von gut organisierten Konsumgenossenschaften angeschlossen waren, bewirtschafteten das Land. Großgrundbesitzer wie Kleineigentümer waren keineswegs gewillt, ihr Land abzugeben und dem Ruf nach Kollektivierung zuzustimmen. Es entsprach ihrem gemeinsamen Interesse, gegen die Kollektivierung eine neue Macht zu unterstützen, die versprach, Ordnung zu schaffen. Zudem sollte dadurch der Schritt aus der

wirtschaftlichen, sozialen und politischen Krise getan werden. Bezeichnend für die Haltung der Grundbesitzer war, dass im Frühjahr 1922 die Teilnehmer der faschistischen Parade in Mailand von Großgrundbesitzern Freifahrtscheine für die Eisenbahn erhielten. Erst nach dem Marsch auf Rom kamen zu den Großgrundbesitzern auch Industrielle und Bankiers als Geldgeber der Faschisten dazu.
Das Geld wurde der Faschistischen Partei nicht direkt übergeben, sondern über die Zeitung „Popolo d `Italia“, die Benito Mussolini herausgab. Mussolini hatte den „Popolo im Jahre 1914, als er vom Parteitag der Sozialisten aus der sozialistischen Partei ausgeschlossen worden war, gegründet, um über diese Zeitung für den Eintritt Italiens in den Krieg zu werben. Den Faschisten wäre ohne das Kapital auf ihrer Seite die Machtübernahme nicht gelungen. Trotzdem aber war es nicht so, dass sich der Faschismus kaufen ließ. Vielmehr war es eine Wechselwirkung zwischen Kapital und faschistischer Ideologie, die die Machtergreifung ermöglichte: „die geistige Annäherung ging mit der finanziellen Anlehnung parallel, vielleicht sogar voraus“. Die letzten wirklichen Gegner des Faschismus in der italienischen Öffentlichkeit, der Verband der „Arditi des Popolo“, scheiterten letztlich am Geld, über das die Faschisten verfügten. Diese konnten es sich ohne weiteres leisten, Zehntausende ihrer Schwarzhemden auszurüsten und zu erhalten. Der Marsch auf Rom 1922 „war nicht zuletzt ein Sieg des Geldes“.
Mussolini schaffte unter dem Druck des Großkapitals die Erbschaftssteuer und etliche Luxussteuern ab und hob die Einkommensteuer für Arbeitnehmer, kleine Bauern und Pächtern an. Gleichzeitig subventionierte er die Schwerindustrie und die Schifffahrtsgesellschaften. Als er im Februar 1925 versuchte, die Spekulationen der Mailänder Börse einzudämmen, kam es zu einer spektakulären Streikbewegung alle Börsenbesucher. Die Proteste der Banker und finanzkräftigen Industriekreise in Rom bewirkte die sofortige Aufhebung der erlassenen Börsenverordnung. Großgrundbesitzer, Industrielle und Bankiers hatte wegen des augenscheinlichen Entgegenkommens der faschistischen Regierung allen Grund, die faschistische Herrschaft finanziell zu unterstützen. Mussolini wandelte den “Popolo d´Italia“ in eine Verlagsanstalt um, deren Aktien ausschließlich von Großkaufleuten gekauft wurden.
Die Faschistische Partei hatte nach 1922 keine großen finanziellen Sorgen mehr. Seitens der Großbanken. der Großindustrie, des Großgrundbesitzes und der Verkehrsgesellschaften flossen ihr jährlich Millionenbeträge zu. Der Mailänder Großindustrielle Brusandelli rühmte sich öffentlich, der Partei Mussolinis zwölf Millionen Lire gespendet zu haben. Obwohl sich die Faschistische Partei immer mehr als Orden betrachtete, in dem nur junge Mitglieder aufgenommen werden sollten, wurden in besonders lukrativen Fällen Ausnahmen vorgenommen. So wurde 1929 der Präsident des Verwaltungsrates des „Credito Italiano“ Carlo Feldrielli, in die Partei aufgenommen, nachdem er ein hohes Eintrittgeld hinterlegt hatte. Im politischen Alltag kam es immer wieder vor, dass faschistische Funktionäre wohlhabender Kreise aufforderten, für notwendige politische Zwecke Geld zu spenden. Nach 1928 überbrückte der Faschismus allmählich jenes Stadium, in dem er auf private Geldgeber angewiesen war. Der Grund dafür war, dass Partei und Staat immer mehr ineinander übergingen. Durch die finanzielle Selbständigkeit errang der Faschismus die wirtschaftpolitische Unabhängigkeit vom Großkapital und konnte nun den Unternehmern wesentliche Einschränkungen in ihrer Handlungsfreiheit auferlegen. Indem Mussolini die Presse nicht verstaatlichte, befreite er sich von einer großen wirtschaftlichen Last. Aufgrund der Pressegesetze mussten die Journalisten im Sinne der faschistischen Ideologie schreiben, wenn sie publizieren wollten. Die größte italienische Zeitung, der Mailänder „Corriere della Sera“ widerstand dem drakonischen Pressegesetz am längsten. Der „Corriere“ war wegen seiner hohen Auflage, täglich 600.000 Exemplare, ein ertragreiches Unternehmen. Noch im Jahre 1925 verzeichnete die Zeitung einen Überschuss von 13 Millionen Lire. Die Gebrüder Albertini waren mit 40 Prozent an der Zeitung beteiligt und bestimmten den liberalen Kurs des Blattes. Nur auf illegalem Wege gelang es den Faschisten, die Albertinis aus der Zeitung zu vertreiben. Nach 1930 war der „Corriere della Sera“ völlig in faschistischer Hand.

5.2 Das Ende des Autonomietraums

Die faschistische Machtergreifung bedeute das Ende des Südtiroler Autonomiewunsches. Tolomei konnte endlich 1923 in Bozen den Beginn des Entnationalisierungsprogrammes der Faschisten verkünden: „Bozen sollte mit Trient in einer Provinz vereint werden. Die deutschen Gemeinden sollten italienische Sekretäre erhalten, die Staatsbürgerschaftsverleihungen an Südtiroler wird widerrufen, das Ergebnis der Volkszählung soll überprüft werden. Die Amtssprache müsse italienisch, die deutschen Ortsnamen durch italienische ersetzt werden, ebenso die öffentlichen Aufschriften, die Straßen- und Hofbezeichnungen. Für deutsche Einreisende sollten Einreise- und Aufenthaltserschwernisse geschaffen und ihre Ansiedlung verhindert werden. Der Erwerb von Grund und Boden durch Italiener sei von Amts wegen zu fördern, das italienische Kulturleben in Südtirol durch Errichtung italienischer Kindergärten, Volks- und Mittelschulen sowie durch den Ausbau eines Studieninstitutes für Südtiroler zu unterstützen. Die deutschen Banken sollen liquitiert und an ihres Stelle eine italienische Bodenkreditanstalt geschaffen, die Carabineritruppe verstärkt und der Stand des aktiven Militärs in Südtirol erhöht werden. Die Handelskammer und die landwirtschaftliche Körperschaft müssten scharf überwacht und zur Durchdringung Südtirols die Bahnlinie Mailand – Mals und Agordo – Brixen gebaut werden. Nordtirol sei aus dem Bistum Brixen auszugliedern. In Sterzing und Toblach seine große Zollämter zu schaffen und die ganze deutsche Beamtenschaft entweder zu entlassen oder in die alten Provinzen zu versetzen. Bei Gericht dürfe nur die italienische Sprache verwendet werden. Das Studium der Südtiroler an ausländischen Hochschulen sei zu drosseln.
Mit all diesen Unterdrückungsmethoden begann der Entnationalisierungsprozeß der im Laufe der Jahre zunehmend totalisiert wurde, indem das Verbot für deutsche Parteien, des Alpenvereins, des Tagblatte „Der Tiroler“, des Namens Südtirol, der Südtiroler Familiennamen und der deutschen Schulen erlassen wurde, sollten die letzten Möglichkeiten, das Deutschtum zu erhalten, aus der Welt geschafft sein. Ehemalige Nationalisten zeigten sich in Südtirol oft radikaler als die Faschistische Partei. Als 1922 der PNF den Übergang zur Zweisprachigkeit im annektierten Südtirol empfahl, forderten die Nationalisten in der Rolle der Trentiner „Liberalen“ ausschließlich die italienische Sprache.

5.3 Die Gründe für den Aufstieg des Faschismus

Die oben angeführten Vorläufer des Faschismus, die allgemeinen nationalen Tendenzen in Italien nach der Jahrhundertwende, der Ausgang des Krieges, die steigende innenpolitische und wirtschaftliche Krise sind nur einige Argumente, um den Aufstieg und den Erfolg des Faschismus in Italien zu erklären. Immerhin war es strenggenommen die erste Diktatur des vorigen Jahrhunderts in Europa. Die Geschichtsforschung ist sich bis heute noch nicht einig, wo überall die Gründe und Ursachen für den raschen Aufstieg Mussolinis und seiner Partei zu suchen sind. Benito Mussolini, 1883 in Predappio in der Romagna als Sohn eines überzeugten Sozialisten geboren, war ein Mann mit vielseitigen Fähigkeiten. Er konnte die Massen überzeugen und begeistern. Politisch war er kaum gebildet und besaß wenig Geschick in der politischen Taktik. Trotzdem ist der Durchbruch des Faschismus weitgehend ihm zuzuschreiben. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war in den Städten Italiens chaotisch: Arbeitslosigkeit, Streiks, Straßenschlachten und Terror prägten das Alltagsbild.
Die historischen und politologischen Thesen für den Aufstieg des Faschismus zur Diktatur sind zahlreich. Allgemein wird die Meinung vertreten, dass er neben der einnehmenden Persönlichkeit Mussolinis auf das Versgagen der einzelnen Parteien, Interessensgruppen und des Parlametarismus zurückzuführen ist. Andere sehen ihn als das Ereignis der politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Spannungen an. Für neue Untersuchungen ist er ein Glied in der langen Kette der italienischen Kolonialpolitik; er wird als Antwort des Bürgertums auf die Arbeiter- und Bauernbewegung interpretiert. Der Philosoph Benedetto Croce nannte den Sieg der Faschisten schlicht ein accidente, ein unvorhergesehenes Ereignis. Der Historiker Reinhold Schumann hebt als wichtige Komponente bei den Massen des Aufstieg des Faschismus hervor:„Fand Mussolini bei den Massen den Ausgleich seines Ichs? Das ist möglich. Objektiv muss man aber fragen, ob er das Massenproblem seiner Zeit gelöst hat und wie. Konnten die, die am Radio an seiner Stimme hingen, mit ihm zufrieden sein? Scharf hatte Giacomo Mateotti kritisiert, dass der Faschismus den Arbeitern alle Errungenschaften der letzten Jahrzehnte wieder genommen hatte. Wirklich hatten die Faschisten durch das Zusammenschlagen der Sozialisten bis hinunter zum Streikbrechen in Industrie und Landwirtschaft die Macht errungen. Sie hätten aber kaum so lange regieren können, ohne sich der Arbeiterfrage anzunehmen. Mussolini tat dies doppelspurig durch seine Wirtschaftsforderungen und durch seinen Eintritt in das Gewerkschaftswesen, und beide Wege zusammen führten ihn zum korporativen Staat“. Mussolini gelang es zwar, der Arbeitslosigkeit Herr zu werden, die Bedingungen waren aber ähnlich denen Hitlers. In der militärischen Aufrüstung, im Straßenbau, der Elektrifizierung und Industrialisierung fanden Millionen Arbeiter, denen es aber trotz der Arbeit sozial kaum besser ging.
Der österreichische Histoiker Hans Kramer meint, dass für den faschistischen Erfolg „die Angst vor der sozialistischen oder kommunistischen Revolution, das Begehren nach Ruhe, Ordnung und Sicherheit, die Hoffnung aller früheren Interventisten, Nationalisten und Imperialisten, dass der Faschismus ihre Wünsche erfüllen und die sogenannte Verzichtpolitik preisgeben werde, die Forderungen nach Anerkennung und Ehrung des Frontkämpfergeistes, der Kriegsorden, der Kriegsinvaliden usw., die Bekämpfung des Defaitismus (keine Aussicht auf einen Sieg), Antipatriotismus und Pazifismus ausschlaggebend waren.
Zuletzt muss noch einmal auf den offenen und versteckten italienischen Nationalismus seit 1870 verwiesen werden, der sich aber weder 1900 noch im Ersten Weltkrieg, noch unmittelbar danach, der nationalen Tradition zufolge, voll etablieren bzw. abreagieren konnte, nachdem Italien nicht als großer Sieger aus dem Krieg hervorgegangen war.

5.4 Ettore Tolomei

Bevor in den nächsten Abschnitten auf die gravierendsten Entnationalisierungsmaßnahmen in Südtirol eingegangen wird, soll von Tolomei die Rede sein. Seine fast krankhaften nationalistischen Phantasien entsprangen jene fanatischen Unterdrückungsversuche, die in kürzester Zeit das Tirolisch-deutsche Element auslöschen sollten. Der nationalistischen Bewegung vor dem Ersten Weltkrieg gehörte Tolomei nicht an, eine patriotische Bindung hätte er als Fessel empfunden. Er war zu sehr Nationalist, als dass es sich mit einer Parteizugehörigkeit abgeplagt hätte. Mit seinem Nationalliberalismus wirkte er bahnbrechend für den Faschismus. Tolomei war bei allen faschistischen Fälschungsunternehmen, die ethnographischer Natur waren, die führende Hand. Er war in seiner Arroganz ein geradezu einmaliger Geschichtsfälscher. Unter anderem behauptete er sogar, Südtirol habe bis 1866 zu Lombardo - Venetien gehört. Er sagte, dass es erst ab 1866 von den übrigen Regionen Italiens getrennt worden sei, wobei er die „gepriesene jahrhundert alte Herrschaft Österreichs „ als eine „Prahlerei lügnerischer Usopatoren“ hinstellte. Es entsprach Tolomais Fanatismus, dass die deutsch beschrifteten Grabsteine italienisiert werden mussten. Altministerpräsident Sonnino nannte ihn den „Schöpfer des nationalen Bewusstseins für den Brenner“. Für Sonninos Amtskollegen Paolo Boselli war es Tolomei, der, das Oberetsch (Südtirol) durch ein unerschütterliches Denkmal der Wissenschaft und der Geschichte der italienischen Rasse und dem italienischen Genius zurückgegeben hatte.
Der Historiker Paul Herre befasste sich jahrelang mit dem faschistischen Phänomen Tolomeis. Er ist noch zu dessen Lebzeiten auf ihn eingegangen und hat ihn ausreichend charakterisiert. Ein kurzer Auszug davon soll hier wiedergegeben werden: „Tolomei entstammte einer im achtzehnten Jahrhundert aus Altitalien nach Trient zugewanderten Familie, die in der neuen österreichischen Heimat zu gutem Wohlstand gelangt war. Schon seine Eltern waren echte Italianissim, und mit seinem Bruder wuchs er in einer Atmodphäre schärfsten Widerstandes gegen den österreichischen Kaiserstaat auf. Als Alpinist, als Geograph wie als Ethnologe durchwanderte und durchkletterte er die Täler und Berge südlich des Brenners und erfüllte sich mit dem Ideal der natürlichen Grenze. Seiner ganzen Anlage nach erinnerte Tolomei an Poincare`, von dem Waldeck – Rousseau einst sagte , er habe einen Stein an Stelle des Herzens; ein einseitiger Verstandmensch, dem selbst die Heimatliebe keine Gefühlssache war, sondern der Gegenstand kalter Rechnung; ein Willensmensch, der unbeirrt seinen Weg verfolgte aber in abstoßender Engstirnigkeit und Verbohrtheit das Ziel zur fixen Idee wurde und an dessen Wollen und Handeln persönliche Eitelkeit eine großen Anteil hatte; ein Mann romantischer Phraseologie, der mit einer Mischung von Naivität und Unwissenheit das Zusammenleben der Völker zu einem Germanentum vereinfachte.

5.5 Namen oder wie aus Müller Molinatio wurde

Für viele der italienischen Familien-, Hof-, Orts- und geographischen Namen, die italienisiert wurden, gilt die Eintragung in Tolomeis Tagebuch vom 24. Oktober 1906: „Gleno l´hoinvebtato io“ (Gleno habe ich erfunden. Schon Mitte der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts hatte er den Entschluss gefasst, die deutschen Südtiroler Namen ins italienische zu übertragen. Bevor aber Tolomei und Konsorten systematisch darangingen, die Familiennamen der Südtiroler zu italienisieren, sollten die Ortsnamen der italienischen Vorstellung angepasst werden. Die italienische Öffentlichkeit und die ausländischen Diplomaten in Italien sollten durch die italienischen Namen überzeugt werden, dass es sich bei Südtirol um ein italienisches Land mit italienischer Vergangenheit handle. Zudem sollte die heranwachsende Jugend Südtirols den Eindruck einer einwandfreien Italienität des Landes bekommen und im Zugehörigkeitsgefühl zur österreichischen bzw. deutschen Vergangenheit unsicher werden.
Den topographischen Namensänderungen, die häufig auf einer Fälschung beruhen, versuchte Carlo Battisti, der ein hervorragender Romanist war, den wissenschaftlichen Unterbau zu geben. Schon am 27. Juni 1916, nach vierzigtägiger Arbeit, waren 12.000 Südtiroler Ortsnamen italienisiert. Insgesamt italienisierte Tolomei und seine Mitarbeiter an die 17.000 Südtiroler Ortsnamen.
Der Arbeit Tolomeis brachte man auf nationaler Ebene großes Interesse entgegen. Selbst die Königliche Geographische Gesellschaft unterstützte die Durchführungen seiner Vorhaben. Bereits im Februar 1916 hatte sie Tolomei in ihren Zentralrat gerufen als „Exponenten des Programms für eine vollständige geographische Kenntnis der endlich zum Vaterland zurückgekehrten Provinz“. Tolomei und seine Mitarbeiter wurden zwar anfangs seitens einiger Mitglieder der angesehenen Geographischen Gesellschaft kritisiert und ihre „Wissenschaftlichkeit“ in Frage gestellt, setzten sich aber schnell durch. Trotzdem blieb innerhalb der Gesellschaft eine Opposition bestehen, der es aber nicht gelang, die Fälschungstätigkeit aufzuhalten. Einer Tagebuchaufzeichnung Tolomeis vom 24. Oktober 1917 zufolge. Er schrieb darin, dass auch Österreich seinerzeit mit Südtirol gleich vorgegangen sei. Nun liege aber der Unterschied darin, dass es für Österreich – einen Vielvölkerstaat – auf eroberten Boden eine Präpotenz gewesen sei, für Italien – einen Nationalstaat – es nun auf dem eigenen Boden ein Recht sei. Die Namensänderungen gelten heute als Fälschung und werden als unwissenschaftlich hingestellt, da eine Übersetzung von Eigennamen als unsinnig gilt und rechtlich mit Urkundenfälschung auf derselben Stufe steht.
Tolomei ging bei der Italienisierung nach mehreren Kriterien vor.
1. Bei der phonetischen Reduktion wurde die deutsche Grundform beibehalten, der Name durch eine „Oberflächliche Tarnung, meist durch eine andere Endung“, italienisiert. So wurde aus Brenner Brennero, aus Moos Moso, aus Vahrn Varna usw.
2. Der Name wurde wörtlich übersetzt. Aus Grünsee wurde Lago Verde, aus Weißkugel Palla Bianca. Dass bei dieser wörtlichen Übersetzung die unsinnigsten Namen herauskamen, führt Freiberg auf die Eile und Ungenauigkeit der Übersetzung zurück. Ein Beispiel dafür wäre Linsberg, der mit Monteluigi übersetzt wurde; Monteluigi heißt deutsch Luisberg, also hat man anstatt Lins Luis gelesen.
3. Der italienische Name wurde frei erfunden. Aus Waidbruck wurde Ponte all` Isarco, aus Hochwild Altissima. Der Name Gossensaß wird von „Sitz des Gozzo“ oder von „Gotensitz“ hergeleitet. Tolomei übersetzte Gossensass mit Colle Isarco, was soviel wie Hügel am Eisach (oder Hügel der Isarker) heißt.
4. Orte, die seit jeher von Italienern besucht wurden und eine italienische Bezeichnung hatten, wurden „reaktiviert!: Bozen – Bolzano, Meran – Merano usw.
5. Bei Namen romanischer oder ladinischer Herkunft wurde nicht immer die italienische Bezeichnung einer sinngemäßen Übertragung verwendet. So wurde aus Terenten, das von Torrentes“ stammt, Ternto oder aus Boimont (ehemalis Pedemont) Pedemote usw. 6. Auch die Namen vorromanischer Zeit wurden italienisiert. Aus Tisens (urkundlich Tisenne) wurde Tisana usw.

Bei den Familiennamen versuchte man krampfhaft, lateinische Urformen nachzuweisen. Es wurde die Behauptung aufgestellt, dass Namen wie Oberbacher, Kircher, Erlacher, Wieser usw. ladinischen Ursprungs seien. Der Grund dieser Behauptung war, dass sich beim Ladinischen eher eine römische Abstammung nachweisen ließ. Der Wissenschaftler Ernesto Lorenzi hatte sich schon 1907 mit ladinischen Namen auseinandergesetzt und ihre italianität nachzuweisen versucht. Für Tolomei galt es als selbstverständlich, sämtliche deutsche und ladinische Namen ins Italienische zu übertragen. Selbst historische Persönlichkeiten vergangener Jahrhunderte „taufte“ er um. So wurde aus dem mittelalterlichen Dichter Hans von Vintler und Oswald von Wolkenstein – Giovanni Vintola und Oswaldo die Selva.
Am 10 Jänner 1926 erfolgte das königliche Dekret, wonach „alle angeblich übersetzten oder entstellten ursprünglichen italienischen oder ladinischen Namen oder Adelprädikate sowie die von ebensolchen Ortsbezeichnungen hergeleiteten Namen und freiwillig alle anderen Familiennamen italienisiert werden sollten“. Das Dekret entfachte im Ausland heftige Protestaktionen. Trotzdem zog es die faschistische Regierung nicht zurück. Als man in Julisch-Venetien bereits an die 40.00 Namensänderungen vorgenommen hatte, wurde 1934/35 die ersten 5.000 von den insgesamt 20.000 ins Italienische übersetzten Südtiroler Familiennamen veröffentlicht - Professor Carlo Battisti, der an den Übersetzungenerstrangig beteiligt war, hatte sich die Arbeit einfach gemacht. Oft wurden verschiedene zusammengesetzte Namen mit einem einheitlichen italienischen wiedergegeben. Nicht nur aus Müller wurde Mollinari, sondern auch aus Riedmüller, Steinmülle und Achmüller. Es kam mitunter vor, dass Familien mit gleichen Namen, die untereinander verwand waren, nun verschiedene Namen hatten. So wohnten die vier Gebrüder Ploner aus Enneberg in verschiedenen Orten. Nun hießen sie Piazza, Peroni und Ploner. Das Übersetzungsverfahren war wiederum ähnlich dem der Ortsnamen. Am öftesten wurde wörtlich oder sinngemäß übersetzt. Als Auswahl seien hier angeführt: Haller – Alleri; Maier – Massari; Heckel – Frattini; Erler – Alno; Schmidt – Fusinato; Planl – Bianchi.
Tolomei war sich der Fälschungen seiner Übersetzungen bewusst, und er war stolz darauf. Der Wissenschaftler Battisti war sich der Sache nicht sicher; lieber hätte er auf die Arbeit verzichtet. Es war für ihn klar, dass Übersetzungen von Familiennamen immer nur ein Hilfsmittel seien, denn der Name, so schrieb er 1942 an Tolomei, lasse sich nicht übersetzen. Sein wissenschaftliches Gewissen siegte aber nicht über die nationale Überzeugung.
 

Des Ersten Weltkriegs – Erbe
Brüder ! Traurigem Gedenken
Woll´n wir dieser Stunde schenken,
Einem schicksalsschweren Jahr;
Sind die Waffen auch zerschlagen,
Muss doch schwere Wunden tragen
Unser Roter Landes - Aar !

Dass er wieder steig´ zur Höhe
Das Tirol neu auferstehe,
Um dem Vaterland zu gehören
Wollen heut´ wir hier beschwören:
Erst die Heimat, dann erst wir.

Dieser Leitsatz gelt´ uns allen,
Soll durch Tal und Berge hallen,
Weil nur er uns retten kann.
Und vom ganzen Lande draußen
Soll es ewig widerbrausen:
Erst Tirol und dann der Mann !

Dann geweckt von tausend Stimmen

Wird empor der Adler klimmen
Über altem Kampfgeschlecht; -
Ruhig können wir´s dann wagen
Hinzutreten und zu sagen:
„Gebt uns Sprache, Land und Recht !“


Wenn in festgeschlossnen Reihen
Alle wir dem Einig Tirol uns weihen,
Dann – endet alle Not:
Unsrer Freiheit geht´s entgegen
Und mit mächt´gen Flügelschlägen
Fliegt der Aar in´s Morgenrot !

W.M.

F.d.R.d. W. Ing. Winfried Matuella Obmann des Andreas Hofer- Bundes Tirol

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