Südtirol Geschichte, Politik und Gesellschaft

Die Äußerungen eines Jugendlichen aus Deutschland, der sich über die guten Deutschkenntnisse der Süd -Tiroler, da sie doch Italiener sind wunderte, aber auch der Identitätsverlust einige Südtiroler, hat mich veranlasst, diese Sandwirtsbriefe zu schreiben. Wie begann das Unheil für Süd-Tirol.

1 Vorwort:

Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges ist Südtirol zu einem internationalen Problem geworden. Bei den Friedensverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg in Paris und dem Pariser Vororten wurde es gegen den Willen der Bevölkerung von Österreich abgetrennt. Seit dieser Zeit leben drei Sprachgruppen Deutsche, Italiener und Ladiener (vorher waren es in Süd-Tirol nur zwei) unter oft konfliktreichen Bedingungen zusammen. Wobei zu berücksichtigen ist, dass die Italiener zwangsangesiedelt wurden. Diese Italiener stellen – als Teil des italienischen Staatsvolkes – in Südtirol keine eigenen sprachliche Minderheit dar. In den Problemen um Belangen der Provinz Bozen (Südtirol) ist der Italiener direkt mit deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler, die dort noch eine Mehrheit bilden, konfrontiert, wobei er innerhalb einer eigenen bestimmten Sprachgruppe einzuordnen ist und sich nicht auf seine nationale Volksstärke berufen kann. Heute kann der in Südtirol geborene und aufgewachsene nicht mehr mit jenen identifiziert werden, die nach 1818 und währen der faschistischen Herrschaft oder nach 1945 von ihrem italienischen Mutterboden unterhalb der Salurner Klause nach Südtirol umgesiedelt wurden. Obwohl es sich auch bei ihm meist um Nachfahren der Okkupanten handelt.

Der Artikel 6 der italienischen Verfassung besagt: „Die Republik schützt mit besonderen Bestimmungen die sprachliche Minderheiten.“ Für Südtirol ist dieser Artikel von besonderer Bedeutung, da er zusammen mit dem Pariser Abkommen von1946 und dem Sonderstatus von 1971/72 den verschiedenen Volksgruppen den Schutz des eigenen Volkscharakter, der eigenen Identität zusichern sollte.

Die Minderheitenfrage ist nicht nur in Südtirol aktuell: In Italien gibt es zahlreiche ethnischen Minderheiten. Während des Zweiten Weltkrieges wurden wiederholt Autonomieforderugen laut, und zwar in den Grenzgebieten zum damaligen Jugoslawien, Frankreich und Österreich (damals zu Deutschen Reich gehörend) und auf Sizilien und Sardinien. Heute nehmen innerhalb der italienischen Verfassung durch die Gewährung von Sonderstatuten Sizilien, Sardinien, Aosta, Friaul-Julisch Venetien mit Triest und Trentino-Südtirol eine autonome Stellung ein. Dadurch sind bestimmte Eigenständigkeiten im sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Bereich gewährt. Die Minderheiten dieser fünf Regionen nehmen gegenüber den Albanern, Franzosen, Griechen, Kroaten und Okzitanten eine Sonderstellung ein.

Die Deutschen und Ladiner Südtirols genießen gewiss besondere Privilegien im italienischen Staatsverband obwohl einige der Privilegien, aus Gründen der italienischen Finanzlagen, eine derzeitige Einschränkung erfahren haben. Trotzdem ist die Südtirolfrage bis heute nicht gelöst worden. Südtirol ist seit langem zum Gegenstand völkerrechtswissenschaftlicher Forschung in und außerhalb Europas geworden. Die Südtirolfrage ist heute genau so aktuell wie vor dem Zweiten Weltkrieg, und die Vorstellungen zu ihrer Lösung sind, da jede Partei einen anderen Vorschlag hat, teilweise noch nicht realisiert. Innerhalb der traditionellen Südtirolfrage, die sich mit dem Fortbestand der deutschen und ladinischen Eigenheit beschäftigt, sind viele kleine, mit der Autonomie zusammenhängende Einzelfragen dazugekommen, die im Alltag genau so aktuell sind wie das Lied der Selbstbestimmung.

Das durch den wirtschaftlichen Aufschwung bedingte Wohlstandsdenken hat in den letzten Jahren die drei Volksgruppe zwar einander etwas näher gebracht und das politischen Verantwortungsbewusstsein der einzelnen Wähler bestimmt. Die eigene Vergangenheit konnte dabei aber nicht bewältigt werden. Das faschistisch-nationalsozialistische Engagement vieler Südtiroler und das Kapitel „Option“ sind tabuisiert. Würde man an diesen Themen rütteln, könnte vielleicht manch ehrbarer Familienname beschmutzt werden und vernarbte Wunden wieder aufreißen.

Diese Reihe der Sandwirtsbriefe versucht eine kritische Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung Südtirols seit der Annexion 1918/19 (und etwas davor) bis zur Gegenwart, wobei Südtirol am politischen Kontext mit Italien und der österreichischen Vergangenheit und Gegenwart untersucht wird. Sie versuchen ferner aufzuzeigen, was aus diesem Teil des ehemaligen „heiligen Landes Tirol“ geworden ist und wie die über 90 jährige Zugehörigkeit zu Italien Land und Leute verändert hat. Sie versuchen die Realität aufzuzeigen, erheben aber keinen wissenschaftlichen Anspruch auf Vollständigkeit.

2 Risorgimento und Irredentismus die Grundlagen des Nationalismus

Der Begriff „Risorgimento“ umfasst die einzelnen Phasen der italienischen Einigungsbewegung von 1815 bis zum endgültigen Zusammenschluss Italiens im Jahre 1870. Wortführer der italienischen Einheitsidee fanden sich schon im späten Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit. So war es Niccolo Macjiavellis (1469-1527) Staatsphilosophie aus dem Unbehagen der italienischen Zerstückelung erwachsen. In der Zeit nach 1815, als es in Europa allgemein zum nationalen Erwachen kam, sollte sich nun endlich der Traum der „Wiederherstellung“ (=Risorgimento) des nationalen Italien verwirklichen. Die Geschichte der italienischen Einigung endet aber nicht mit dem Jahr 1870. Vielmehr waren in diesem Jahr nur die rechtlichen Grundlagen des italienischen Staates geschaffen. Erst in den folgenden Jahren musste die Bevölkerung zusammengeführt und die Basis für das Nationalbewusstsein geschaffen werden. Italien versäumte es dabei, die von einigen Wortführern des Risorgimento vertretene Idee der Eingliederung Italiens in das politische Denken Europas zu verwirklichen. Die Tendenz nach 1870 verlief vielmehr in Richtung Nationalismus und verstärkten Zentralismus. Einer der Hauptvertreter des Risorgiomento, Giuseppe Mazzini, benützte anfangs den europäischen Gedanken, der aus dem alten Europa der restaurativen Monarchie ein junges Europa der Völker schaffen sollte. Dies diente ihm dann nur als europäische Rechtfertigung seiner nationalen Aktion, aus der das Nationalbewusstsein Italiens erwachte, das zum Fanal für den späteren Faschismus wurde.

Unter „Irredentismus“ versteht man gemeinhin „eine 1866 nach der Einigung Italiens entstandene Bewegung in den italienischsprachigen Gebieten Österreich-Ungarns, die den Anschluss an Italien erstrebten. Mit dieser Begriffsdefinition wird aber der gesamte Komplex nur gestreift. Als politische Bewegung ist der Irredentismus bei allen nichtselbstständigen Nationen des mittleren und östlichen Europas zu finden. Der Journalist Claus Gatterer verweist in seinem Standardwerk „Im Kampf gegen Rom“ darauf, dass es verschiedene Thesen zur Entstehung und Bewegung des Irredentismus gibt und dass die Anfänge in Italien eher in den Jahren 1877/78 zu suchen sind, als Matteo Imbrioni die „Associazione pro Italie irredenta“ (Vereinigung für das unerlöste Italien) gründete. Im eben vereinigten Italien gab es mehrere solche „unerlösten“ Gebiete. Außer dem Trentino war z.B. Triest ein Dorn im Auge der Nachfolge Mazzinis. Mit dem Verein „Pro Italia irrendenta“ sympathisierten viele Italiener, die Kinder des Risorgimento und Väter des späteren Nationalismus. Zu finden waren sie in bürgerlich-liberalen wie in revolutionären Kreisen. Der Publizist Alfredo Oriani machte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts auf die Gemeinsamkeit zwischen Irredentisten und Nationalisten aufmerksam. So ist es nicht richtig, wenn man heute den Irredentismus als nicht nationalistische Bewegung hinstellt und ihn als Weiterführung der Risorgimentotradition definiert.

Die österreichische Herrschaft war schon vor Zeit des Risorimento tief in die italienische Halbinsel vorgedrungen. Italien blieb seit der Völkerwanderung und dem Untergang des Römischen Reiches 476, keine nationale Einheit mehr - es war gewissermaßen zum Spielball der europäischen Großmächte geworden. 1859 gewann Italien erstmals durch den Vorfrieden von Villafranca* eine staatliche Einheit. Venetien verblieb aber weiterhin bei Österreich. Erst 1866 konnte es mit preußischer Hilfe dem entstandenen Nationalstaat angekoppelt werden. Durch Jahrhunderte hatte sich der Hass vieler Italiener gegen Österreich aufgestaut, der nun in der Bewegung der Irrendentisten voll zum Tragen kam. Es war eine Erbfeindschaft entstanden, die bis heute nicht ganz verklungen ist. So war Österreich das Hauptangriffsziel. 1910 als Italien schon ein halbes Jahrhundert als eigener Staat bestand und Österreich nur noch mit dem Trentino in die Halbinsel hineinragte, setzte sich die „Irredenta“ – Bewegung wahnwitzige Ziele: Ansprüche auf Nizza und Korsika, auf den Tessin und sogar auf Malta wurden erhoben. Was endgültig den Beweis eines direkten Zusammenhangs zwischen Irrendentismus, Nationalismus und Imperialismus liefert.

Bezüglich Südtirol waren in Italien in den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts Stimmen laut geworden, die die Brennergrenze forderten oder zumindest die Lostrennung Welschtirols und Teile Südtirols. Gegen Ende der 1870er Jahre verstummten sie allmählich, weil es in Italien zu viele innerstaatliche Probleme (so wie heute) gab und der Aufbau des Staates zu einer Großmacht auch die Irrendentisten für wichtiger hielten. Nach 1890 lebte die irrendentistische Bewegung wieder erneut auf, diesmal lauter und aggressiver. Der Zusammenschluss des Dreibundes von 1882 erscheint als Ironie der Geschichte: Gerade Österreich, gegen das sich so viel Feindlichkeit seitens Italien ergoss, wurde zum Verbündeten Italiens.

Durch das Schüren der „Societa Dante Alighieri“ fand nach 1890 die „Wasserscheidetheorie“ immer mehr Bedeutung. Giovanni Marinelli meinte, die natürliche Grenze Italiens bilden alle Flüsse, die ins Adriatische Meer fließen. Der Lauf des Eisack, der auf der Steineralm am Brenner entspringt, südwärts durch das Wipp- und Eisacktal nach Bozen fließt und dort in die Etsch mündet, die als zweitlängster Fluss Italiens ins Adriatische Meer strömt, sollte den „wissenschaftlichen Beleg“ dieses Anspruches bilden. Die These Marinellis teilten alsbald auch andere Wissenschaftler. „Mehr als jeder andere aber leistete für diese geistige Vorbereitung des politischen Machtzieles jene beinahe herostratische Persönlichkeit, mit deren Namen des Schicksal des deutschen und italienischen Volkes verhängnisvoll verknüpft bleibt: Ettore Tolomei“. Ohne eine Auseinandersetzung mit Tolomei ist die Geschichte des südlichen Tirols des vorigen Jahrhunderts nicht zu verstehen. Auf ihn wird an einer anderen Stelle eines Sandwirtsbriefes näher eingegangen.

Den Italiener lag wenig daran, bei Salurn eine scharfe Grenzlinie zu ziehen. Sie strebten vielmehr danach, aus dem Gebiet zwischen Salurn und Unterbozen – dem Unterland – oder auch bis Bozen eine zona billingue (zweisprachiges Gebiet) zu machen. Die Unterländer entwickelten aber eine starke Widerstandskraft, so dass dem italienischen Einfluss in der Gegend zwischen Bozen und Salurn der Erfolg versagt blieb.

Die Irredentismus-Bewegung mündete später in die nationalistisch – faschistische. Entsprechend der nationalistischen Ideologie und dem irredentistischen Ziel stellten die Nationalisten die Idee des Vaterlandes an die erste Stelle ihrer Politik, zu der auch die Befreiung der „unerlösten Gebiete“, wie das Trentino, zählte. Schon bei der Gründung des „Partio Nationale“ (Nationalistische Partei) im Jahre 1910 wurde die Frage des Trentino aufgeworfen. Die Nationalisten waren die Wegbereiter des Faschismus. Mit der Anexion Südtirols und des Trentino durch Italien hatten so die Nationalisten und ehemaligen Irredentisten ein Ziel erreicht. Schon im Risorgimento waren nationale Kreise die tragende Schicht gewesen. Der Liberale Gedanke lag der Einigungspolitik zugrunde, weshalb sich der konservative Nationalismus mit dem aufgewachten Liberalismus verband.

In der 1910 neu gegründeten Partei „Partito Populare Italiano“ (Italienische Volkspartei PPI) waren keine Irrentendisten. Vielmehr prägte ihre Mitglieder und Anhänger ein gutes Quantum Nationalbewusstsein. National waren aber viele Italiener, darunter viele Trentiner. Einer der geistigen Väter und treibenden Kräfte des Risorgimento, der schon erwähnte Guiseppe Mazzini, geriet mit seinem Grundsatz, dass es gelte, nach der Brüderlichkeit aller Nationen auf der Grundlage der Achtung der Freiheit und des Willens eines jeden zu streben, mit anderen Aussagen in Widerspruch. Seine Meinung vom Jahre 1866, dass der Krieg nicht in einem bestimmten Interesse geführt werden dürfte, dass es kein lokaler, sondern ein Expansionskrieg sein müsse und als Objekt Wien zu wählen sei, wobei er auf den Straßen von Udine und Laibach auszutragen sei und auf Wien hinzuzielen habe, kann mit seinen friedlichen Absichten nicht auf einen Nenner gebracht werden. Dass diese Aussagen den Konflikt zwischen den Österreichern und Italienern noch verstärkten, ist verständlich. Wie Mazzini im Falle eines Erwerbs Südtirols gehandelt hätte, ob er in den Fußstapfen Tolomeis getreten wäre, kann heute nicht beantwortet werden.

Im Trentino waren die Vertreter des Risorgimentos hauptsächlich innerhalb der gebildeten Schicht in den Städten zu finden. Die Landbevölkerung, die großteils sehr arm war, beschäftigte sich kaum mit politischen Überlegungen, ihr ging es in erster Linie um bessere Lebensbedingungen. Schon 1849, auf dem Kremsierer Reichstag, hatten die Trentiner die Loslösung von Österreich beantragt. Der Verfassungsausschuss nahm den Antrag mit siebzehn gegen vier Stimmen an. Dann aber gelang es den Vertretern Deutschtirols durch ihren heftigen Protest, den Antrag im Plenum zu Fall zu bringen. In der Reichsverfassung vom 4. Mai 1849 wurde die ursprüngliche Einheit Tirols – einschließlich des Trentino – wiederhergestellt.

2.1. Der Dreibund von 1882

Im Jahre 1882 verbündeten sich Österreich – Ungarn, Deutschland und Italien im Dreibund. Als neue Großmacht war es für Italien notwendig, mit anderen Staaten Bündnisse einzugehen. Der Dreibund wurde immer wieder erneuert, das Verhältnis zwischen den drei Staaten blieb aber nicht dasselbe; innenpolitische Veränderungen und unterschiedliche Vorstellungen in der Außenpolitik führten zu einer Entfremdung. Frankreich verbündete sich 1904 mit England („Entente cordiale“), zuvor 1902, hatte es mit Italien einen Neutralitätsvertrag abgeschlossen. Italiens Politik des Opportunismus wurde in Wien und Berlin mit Skepsis verfolgt. Der Dreibund war ein Defensivpakt. In ihm war verankert, dass sich im Falle einer kriegerischen Bedrohung eines Vertragspartners durch eine Großmacht – ausgenommen England – die beiden anderen Parteien zur Neutralität verpflichten.

Zwischen Deutschland und Österreich bestand seit 1879 ein eigener Zweibund. Sosehr sich Italien auch nur mit Deutschland gegen Frankreich und seine Erzfeind Österreich verbinden wollte, so musste es die Freundschaft zwischen Deutschland und Österreich akzeptieren, und es musste erkennen, dass der Weg nach Berlin nur über Wien führte. So kam der Dreibund unter einem schlechten Stern zustande; zu sehr erinnerten sich beide an die ausgefochtenen Kämpfe während des Risorgimentos, und zu groß war die Volksverhetzung der Irrendentisten und Nationalisten in Italien gegen Österreich. Auf dieser Basis konnte sich keine fruchtbare Zusammenarbeit entwickeln. Eine Klausel des Vertrages gestatte Italien, freundschaftliche Beziehungen mit England zu unterhalten. England bildete mit Frankreich und Russland die Dreierentente. Im Laufe der Jahre bis zum Ersten Weltkrieg stellt die italienische Regierung immer weitreichende Forderungen. Österreich konnte die territorialen Ansprüche Italiens -, die 1914 sogar die deutsche und südslawische Volksgrenze überschritten, nicht akzeptieren.

In der Außenpolitik hatte sich Italien in der Zeit zwischen 1880 und 1914 ein zunehmend größeres Aktionsfeld geschaffen. Es war kein Zweifel mehr, dass seine Politik von Opportunismus geleitet wurde und es im Falle eines Kriegsausbruches auf der Seite des Meistbietenden kämpfen würde. Viele politisch führende Kräfte hielten nach außen an den Bestimmungen des Dreibundes fest, so dass der defensive Charakter gewahrt blieb. Innerhalb der klerikalen Kreise der italienischen Regierung bestand ein gewisser Respekt vor Österreich. Im sozialistischen Lager bewunderte man die soziale Innenpolitik der österreichischen Sozialdemokratie. Die Sozialisten waren an der italienischen politischen Aktivität zwar maßgebend beteiligt, der Aufstieg der nationalistischen Ideologie, die schließlich auch sozialistische Kreise erfasste, war aber nicht mehr aufzuhalten. Überhaupt war der Nationalismus für viele Italiener keine negative Erscheinung. Vielmehr wurde er gutgeheißen, weil er die endlich zusammengefundene nationale Einheit stärkte und eine Vergrößerung des nationalen Territoriums in Aussucht stellte. Nach dem Mord an dem österreichischen Thronfolger und dessen Gattin in Sarajevo, als der Konflikt zwischen Österreich – Ungarn und Serbien immer größer wurde, war es innerhalb der italienischen Regierung nur mehr eine Frage von Tagen, dass sie sich vom Dreibund entfernen würden.

2.2 Die Neutralitätserklärung von 1914

Am 2. August des Jahres 1914 erfolgte endlich die Neutralitätserklärung, die nicht als Mittel zur Aufrechterhaltung des Friedens gewertet werden kann. Sie sicherte Italien vielmehr jene Zeitspanne, die es brauchte, um die in Gang gesetzte Aufrüstung abzuschließen und sich jenes Lager auszusuchen, das seiner Vorstellung der nationalen Grenzsicherungspolitik und imperialistischen Expansionsstrategie am nächsten kam.

Über den Dreibund und die Neutralitätserklärung Italiens ist bis heute eine Unmenge wissenschaftlicher und anderer Untersuchungen angestellt worden. Die Ergebnisse sind unterschiedlich, oft widersprüchlich. Die italienische Geschichtsschreibung nennt die Neutralitätserklärung nachdem österreichischen Ultimatum an Serbien „eine korrekte Interpretation des Casus foederis“.

2.3. Der Londoner Geheimvertrag von 1915

Am 26.April 1915 unterzeichnete Italien den Geheimvertrag von London. Seit Kriegsbeginn hatten England und Frankreich Unmengen Geld nach Italien geschickt, um die Bewegung des „Intervento“ zu unterstützen. Seit der Neutralitätserklärung agierten zwei Bewegungen, mit konträren Zielsetzungen: Interventisten und Neutralisten. Die Intervenisten propagierten lautstark den intervento, den Eintritt Italiens in den Krieg. Die Neutralisten, die zahlenmäßig größere Gruppe, wollte weiterhin die Neutralität. Die Intervenisten waren durchwegs Nationalisten. Es gelang ihnen, den Großteil der Presse und anderer Propagandamittel zu gewinnen und die Neutralisten zu übertönen. Zudem war, wie erwähnt, ihre Propagandamaschinerie vom Ausland finanziell unterstützt.

Im Geheimvertrag von London nahmen die Westmächte keine Rücksicht auf die Einhaltung der deutschen und jugoslawischen Grenze. Sie konnte Italien Territorien versprechen, welche Österreich-Ungarn nie hätte in Aussicht stellen können. So wurden im Geheimvertrag jene Territorien für Italien verankert, die von den Irrendentisten und Nationalisten schon Jahre und Jahrzehnte zuvor von Österreich verlangt worden waren. Es waren dies nicht nur rein italienische oder ehemals italienischen Territorien, sondern Gebiete wie Südtirol, die für Italien strategisch, wirtschaftlich und expansionistisch von Bedeutung waren. Im Artikel 4 des Vertrages erfolgte unter anderem die Zusage auf österreichische Länder: „Im Friedensvertrag wird Italien erhalten: das Trentino, das cisalpine Tirol mit seiner geographischen und „natürlichen“ Grenze (der Brennergrenze), desgleichen Triest, die Marktgrafschaft Görz und Gradisca, ganz Istrien bis zum Quanero und mit Einschluss von Volosca und der istrischen Inseln Cherso, Lussin sowie der kleinen Inseln Plavnik, Unie, Canidole, Palazzuoli, San Pietro di Nemi, Asinello, Gruica, und die benachbarten Eilande.“

Im Artikel 2 des Geheimvertrages verpflichtete sich „die Gesamtheit seiner Hilfsquellen einzusetzen, um den Krieg in Gemeinschaft mit Frankreich, Großbritannien und Russland gegen alle Feinde zu führen“. Mit „all ihre Feinde“ waren direkt Österreich – Ungarn und Deutschland gemeint, gegen die sich der Hass der imperialistischen Entente schon seit Jahren gerichtet hatte.

Der Londoner Geheimvertrag bestand aus 16 Artikeln und einem Nachsatz, England sicherte Italien großzügige Kolonialbesitzungen zu, Inseln in seiner Umgebung, größere und kleinere Territorien im Süden und Südosten. Für Italien bedeute dieser Vertrag, dass es nun endlich von den europäischen Großmächten ernst genommen wurde, dass es voll akzeptiert an ihrer Seite kämpfen konnte, um der italienischen Nation Rum zu verschaffen und den Staat territorial zu vergrößern. Für Frankreich und England bedeutete ein Kriegseintritt Italiens, dass Österreich-Ungarn im Süden einer zusätzlichen Offensive ausgesetzt war. Bevor Italien den Londoner Geheimvertrag unterzeichnete, war es von der österreichischen Regierung aufgrund der übertriebenen Forderungen zögernd behandelt worden. Die deutsche Regierung drängte Österreich, dass sie die italienischen Forderungen akzeptiere. Italien sollte mit einem hohen Preis neutralisiert werden. Die Entente stand nicht vor der Schwierigkeit Österreichs, sie „brauchte ja nur Territorien des Feindes zusagen“ Italien beharrte auf seine Forderungen. Durch den Krieg sollte es zu Kolonien gelangen und den Mittelmeerraum gesichert bekommen. Er sollte aber auch das Trentino und Südtirol einbringen und den Brenner als eine damals strategisch wichtige Grenze. Italien hatte also der Nationalismus gesiegt, obwohl die Politik für lange Zeit von einem gemäßigten Liberalen wesentlich mitbestimmt worden war, von Giovanni Giolitti.

2.4 Giovanni Giolitti

Es wurde schon darauf hingewiesen, dass es die Hauptaufgabe der italienischen Politik nach 1870 war, die Einigung im Inneren zu vollziehen, das heißt aus unterschiedlichem Städte-, Provinziale- und Regionalbewußtsein ein einheitliches Italienbewußtsein zu schaffen. Daneben war es eine dringende Notwendigkeit, im Land, vor allem im Süden, längst schon fällige Sozialreformen durchzusetzen und die Wirtschaft zu fördern. Der neuen Nation galt es als selbstverständlich, über ein eigenes modernes Heer und eine, einsatzfähige Flotte zu verfügen, für das finanzschwache Land ein kostspieliger Aufwand. In der Wirtschaft konnte erst nach 1900 positive Bilanz verzeichnet werden: Der Fremdenverkehr wurde allmählich planmäßig gefördert, die Landwirtschaft erbrachte endlich Einnahmen und nahm jährlich zu. In Süditalien war die Geheimorganisationen, wie Mafia und Camorra, zur Plage geworden, die, ähnlich der Gegenwart, die Wirtschaft beherrschten. Die im Norden aufblühende Industrie erdrückte die Kleinbetriebe des Südens. Der Gegensatz zwischen dem Norden und dem Süden des Landes war krass. Weder die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg noch die späteren Jahrzehnte vermochten die Kluft zwischen diesen beiden Landesteilen zu schließen.

Mit dem Politiker Giovanni Giolitti, der auch das Amt des Ministerpräsidenten innehatte, erlebte Italien nach 1900 die erste Blütezeit. Der „Präsident des guten Lebens“, wie er vielfach genannt wurde, war in seiner Politik um Ausgleich bemüht. Er beabsichtigte, Italien mit kleinen Schritten zu modernisieren. Giolitti brach mit der Tradition des Risorgimento und vollzog damit einen sozialen und politischen Strukturwandel. Für ihn als Liberalen schien der Zeitpunkt gekommen, den Zusammenschluss der Arbeiter zum Durchbruch zu verhelfen. Er verkündigte, Italien stehe am Beginn einer neuen historischen Ära, in der die Volksmassen jenen Teil des wirtschaftlichen und politischen Einflusses an sich reißen müssten der ihnen zusteht.

In der italienischen Historiagraphie wird diese Zeit zwischen 1901 und 1914 als Eta giolittana (Epoche Giolittis) bezeichnet. Diese Zeit war in der Tat eine produktive, fortschrittliche Periode. Dem liberalen Giolitti gelang es nicht, die Risorgimentpolitik, monarchisch und national geprägt, ganz ins Abseits zu drängen. Er bekämpfte sie zwar und gewann wegen seines sozialen Reformprogrammes viele Anhänger, konnte aber nicht einmal den Nationalismus aus den eigenen Reihen verbannen. Selbst die Kirche, die in Italien, damals wie heute, in der Politik ein entscheidendes Wort mitredet, legte dem Nationalismus kein Hindernis in den Weg. Papst Pius IX. verbot 1874 mit seiner Weisung „Non expedit“ den Katholiken, an den Wahlen zur Deputiertenkammer in Rom teilzunehmen. Das Verbot galt aber nicht für die Gemeindevertretung. Die Kirchentreuen Italiener hielten sich an die Weisung. Damit stand den Nationalliberalen ein breites politisches Feld offen. Trotz einiger Oppositionen, die sich in ihrer Popularität abwechselten, behielten die Nationalliberalen die politische Macht bis 1922. Selbst der revolutionsfeindliche Giolitti konnte das nicht verhindern. Pius X. gestattete nach seiner Inthronisation 1903 den Katholiken die Ausübung des Wahlrechtes für die römische Kammer; einer eigenen katholischen Partei gelang es nach dem Ersten Weltkrieg der Sprung ins Parlament.

2.5 Italiens Kriegserklärung und Kriegseintritt

Schon 1913/14 hatte Italien mit einer gezielten Aufrüstung begonnen, um im Falle eines Kriegsausbruches gerüstet zu sein. Die Aufrüstungsmaschinerie wurde bei Ausbruch des Weltkrieges enorm beschleunigt. Als Italien dann am 24. Mai 1915 Österreich-Ungarn den Krieg erklärte, erwartete die italienische Bevölkerung einen Offensivstart und, den Verheißungen der Interventisten entsprechend, große Erfolge (da wurden sie aber arg enttäuscht). Die Kriegserklärung an Deutschland erfolgte am 28. August 1916.

Die Kriegserklärung Italiens an Österreich am Pfingstsonntag den 24. Mai 1915, änderte die Berichterstattung in den österreichischen Medien. Unter anderem konnte man lesen – „Der Tag der Kriegserklärung wurde zum Tag des Verrats, Italien hatte seine Bundesgenossen (Dreibund) zwar auch vorher nicht unterstützt (Italien ist neutral geblieben), doch nun wurde der Welsche zum verhassten Feind.

So hatte sich Italien an jene Seite in den unglücklichen Krieg gestürzt, die ihr am meisten bot. Für das Land und deren Bevölkerung begann jenes Geschichtskapitel, von dem der bedeutendste Philosoph und Historiker Benedetto Croce, der bedeutendste Vertreter der liberalen Kultur Italiens, meinte, er könne es nicht als Geschichte bezeichnen. Seine Aufzeichnungen der „Storia d´ Italia“ (Geschichte Italiens) brach er 1915 ab. (der 62. Sandwirtsbrief befasst sich mit dem Thema: Südtirol auf der Friedenskonferenz von Saint-Germain)

* Der Vorfrieden von Villafranca wurde am 11, Juli 1859 in Villafranca die Verona zwischen Österreich, Frankreich und Sardinien-Piemont währen des Oberitalienischen Krieges geschlossen. Der Präliminarfrieden wurde später im Definitiffrieden von Zürich weitgehend bestätigt.

 

F. d. R. d. A. Ing. Winfried Matuella Obmann des Andreas–Hofer–Bundes Tyrol

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