Dauerhafte und aktuelle Problemkomplexe in Südtirol

Durch die Abtrennung Südtirols wurde aus einem zweisprachigen Land (ohne Welschtirol)) durch staatlich geförderte Zuwanderung ein  dreisprachige Land.

1. Kurzer geschichtlicher Abriss zur Entwicklung – Südtirol nach 1918

Nachdem Italien bereits 1915 im Londoner Vertrag durch England und Frankreich die Brennergrenze für dessen Kriegseintritt zugunsten der Alliierten zugesichert worden war, konnte Österreich  die Zerteilung Tirols nach Kriegsende nicht mehr verhindern und so wurde Südtirol mit dem „Friedensvertrag von Saint-Germain 1919 zu Italien geschlagen. Der Vertrag sah keinerlei Minderheitenschutz vor. Die „Südtirol-Frage war entstanden und eine weitere von zahlreichen Phasen alternierende Italienisierungs- bzw. Germanisierungsversuche Südtirols eingeleitet.

In der Zeit des italienischen Faschismus fand eine breit angelegte Entnationalisierung bzw. Zwangsassimilierung der Südtiroler statt. Zunächst wurden deutsche Ortsbezeichnungen verboten und an den deutschen Schulen Italienisch als Unterrichtssprache eingeführt, was die Entstehung sogenannter  „Katakombenschulen“, ein von Kanonius Gamper und einigen mutigen Lehrkräften initiiertes Netz deutscher Geheimschulen, zur Folge hatte. Deutsch war zwischen 1923 und 1943 offiziell verboten. Dieser „Faschismusschock“ wirkt heute noch teilweise in der Südtiroler Bevölkerung nach. Er war und ist die Grundlage des nach Sprachgruppenzugehörigkeit getrennten Systems. Infolge eines deutsch-italienischen Abkommens zwischen Hitler und Mussolini kam es zur Aussiedlung vieler Südtiroler und einer Massenansiedlung von Italienern. Diese als „Option“ bezeichnete Zwangsentscheidung im Jahre 1938, für das faschistische Italien oder das nationalsozialistische Deutsche Reich und eine damit verbundene Auswanderung zu optieren, wirft die Frage auf, wie sich in nur wenigen Monaten große Teile der Bevölkerung für die deutsche Staatsbürgerschaft entscheiden konnten. Hier spielen sicher anfängliche Versprechungen sowie schließlich Drohungen und Gewalt seitens der italienischen Regierung eine große Rolle, aber auch die kontinuierliche Anfeindungen und Übergriffe seitens der  Optantenmehrheit. Letztlich wurde die Umsiedlung jedoch vor allem aufgrund des weiteren Kriegsverlaufs nicht vollständig durchgeführt.

Nachdem Italien mit den Alliierten am 8.9.1943 den Waffenstillstand geschlossen hatte und deutsche Truppen den größten Teil des Landes bis Neapel besetzt hatten, wurde aus der Provinz Bozen, Trient und Belluno die sogenannte „Operationszone“ Alpenvorland“ gebildet, die schließlich vom 10.09.1943 bis zum 02.05. 1945 Bestand hatte.

Südtirol wurde 1945 – wie bereits auch 1919 – erneut das Selbstbestimmungsrecht verwehrt und die österreichischen Forderungen nach einer Volksabstimmung wurde nicht entsprochen. Im September 1946 unterzeichnete der österreichische Außenminister und der italienische Ministerpräsident im Rahmen des Pariser Vertrages das „Gruber-Gegasperi-Abkommen“ und 1948 erhielt die Region Trentino-Südtirol das Erste Autonomiestatut. Hierbei lagen jedoch die wesentlichen Autonomiebefugnisse bei der Region, innerhalb derer die deutschsprachige Bevölkerung eine oft vernachlässigte Minderheit darstellte. Dies führte schließlich dazu, dass ab 1957 unter der Parole „ Los von Trient“ eine stärkere Stellung der Südtiroler eingefordert wurde. Nach einer „heißen Phase des Widerstandes“, die in den Jahren von 1956 bis 1966 über 300 Attentate und  Bombenanschläge  verzeichnen musste und der Auseinandersetzung mit der Problematik durch die UNO auf Ersuchen Österreichs hin (UNO-Resolution von

1960/61), wurde 1969 schließlich das sogenannte „Paket“ mit 137 Maßnahmen zugunsten eines besseren Schutzes der Bevölkerung zusammen mit einem Operationskalender angenommen. Das „Paket“ stellte vor allem die politische Grundlage für das zweite Autonomiestatut dar, das im Jahre 1972 in Kraft trat und für Südtirol und das Trentino eigene Landesautonomien mit kulturellen und wirtschaftlichen Zugeständnissen vorsah. Die Tatsache, dass die wahre Autonomie seither bei den Provinzen und nicht bei der Regierung liegt, unterscheidet die Autonomie Trentino-Südtirol wesentlich von der der anderen vier Regionen Italiens mit Sonderstatut. Die Wichtigkeit des Themas „Sprache“ wird unter anderem dadurch deutliche, dass sich insgesamt acht Artikel des Autonomiestatuts darauf beziehen.

In zahlreichen Durchführungsbestimmungen, wie etwa denen zum ethnischen Proporz und zur Zweisprachigkeit im Juni 1976 oder zur Sprachgleichstellung im Juni 1988, wurde die Maßnahme des „Paketes“ umgesetzt. Ein Zwischenfall mit Anschlägen im Sommer 1988 stieß, anders als in den 60er Jahren geschehen war, bei der Bevölkerung auf dezidierte Ablehnung und so konnte Österreich schließlich im Juni 1992 seine Streitbeilegungserklärung abgeben.

Seit dem Beitritt Österreichs zur EU im Jahre 1995 und der Schaffung der Euregio Tirol, hat die „Südtirol-Frage“ weitgehend an Brisanz verloren und eine Zusammenarbeit in Tirol kann nunmehr auf einer höheren, supranationalen Ebenen stattfinden. Dennoch hat einerseits die Geschichte in kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung deutliche Spuren hinterlassen, andererseits existieren nach wie vor ungeklärte Probleme im Zusammenleben der drei in der Provinz Bozen vereinten Sprachgruppen. Zwar gilt der Minderheitenschutz in Südtirol als vorbildlich. Das Leitbild, ein gelungenes, aktives Miteinander anstatt eines bloßen Nebeneinander zu erreichen muss sich jedoch immer wieder neuen Herausforderungen stellen.

2. Die drei Sprachgruppen in Südtirol – Nähe und Distanz?

Normalerweise spricht man in Südtirol eher von „Sprachgruppen“ als von „Volksgruppen“ und im Alltag sind verkürzend die Bezeichnungen „Deutsche“, Italiener“ und „Ladiner“ gebräuchlich wenn man eigentlich die jeweilige Sprachgruppe meint. Statt lediglich die Kontaktsituaton der deutschen und italienischen Sprache zu betonen und in diesem Zusammenhang den bis Anfang der 70er Jahre gebräuchlichen Begriff der „Doppelsprachigkeit“ bzw. später den der „Zweisprachigkeit“ zu verwenden, spricht man in Südtirol inzwischen bewusst von Drei- bzw. Mehrsprachigkeit. Mit Doppelsprachigkeit wurde in erster Linie das Recht der Deutschen auf den Gebrauch ihrer Muttersprache gemeint.

Betrachten man die Siedlungsstruktur und die schwerpunktmäßige Verteilung der verschiedenen Sprachgruppen auf das Gebiet Südtirols, so fällt auf, dass Vertreter der deutschen Sprachgruppe nahezu überall präsent sind, im städtischen wie im ländlichen Gereich, während die italophone Bevölkerung fast ausschließlich in den Städten und größeren Orten der Provinz Bozen (Bozen, Meran, Brixen Leifers) anzufinden sind. Dies kann als Ergebnis der Italienisierungspolitk des Faschismus (aber auch durch die Zuwanderungspolitik des demokratischen Italien) in den großen Zentren verstanden werden. Das Hauptzentrum der faschistischen Siedlungspolitik war Bozen, was man noch daran sehen kann, dass sich das für die gesamte Provinz charakteristische Verhältnis der deutschen Sprachgruppe zur italienischen Sprachgruppe (etwa zwei Drittel zu einem Drittel) in der Stadt Bozen umgekehrt verhält. Innerhalb Bozens weisen beispielsweise das Viertel Gries und die Altstadt (Lauben Dom) eine deutschsprachige Mehrheit auf, während in den Stadtteilen Europa und Don Bosko

die italophone Gruppe die Mehrheit (durch Zwangsansiedlung) ist. Die ladinische Sprachgruppe konzentriert sich stark auf die Dolomitentäler, Grödental und Gadertal, die als zwei von insgesamt fünf ladinischen Tälern zur Provinz Bozen gehört.

Es stellt sich die Frage, inwieweit die Angehörigen der jeweils anderen Sprachgruppe bei der soeben skizzierten Siedlungsform die Möglichkeit zum Gebrauch der Zweit- bzw. Drittsprache haben bzw. eine Notwendigkeit hierfür verspüren, dazu stimuliert zu werden. Die Aktivitäten außerhalb der Schule im Freizeitbereich sind oft in einem ethnischen Sinne aufgeteilt, was eine erhebliche Erschwerung beim Erwerb einer Zweitsprache in Südtirol darstellt. Deutsch wurden daher von Italienern oft als Fremdsprache betrachtet und mit den Methoden des klassischen Fremdsprachenunterrichtes vermittelt. Man spricht daher bei der Zweisprachigkeit in Südtirol von einem „falschen Biligualismus“ und weist darauf hin, dass die Sprache einer anderen Sprachgruppe häufig nicht dafür erlernt wird, um eine alltägliche Unterhaltung mit seinem Nachbarn zu ermöglichen, sondern eher erzwungenermaßen, in Hinblick auf eine mögliche Eingliederung in Bereiche der Verwaltung und Wirtschaft.

Aber währen man früher noch auf die Devise je mehr wir uns trennen, desto besser verstehen wir uns“ setzte, ist man sich indessen vielfach bewusst, dass aus einem friedlichen Nebeneinander ein produktives Miteinander werden kann, nicht zuletzt auch um das die Region spezifische Humankapital optimal nutzen zu können.

Der Integrationsprozess verschiedensprachiger Gruppen dürfte eher in Zyklen ablaufen und so abwechselnd durch passive Koexistenz, gegenseitige Annäherung und aktives Zusammenleben sowie erneute Rückzüge in eine passive Haltung gekennzeichnet sein. Offene ethnische Konflikte sind in Südtirol eher unwahrscheinlich, da nicht zuletzt gute materielle und finanzielle Absicherung und Wohlstand sowohl eine relativ niedrige Arbeitslosigkeit gute Rahmenbedingungen  für ein niedriges Konfliktpotential bieten. Warten wir ab, wie sich das in der derzeitigen Krisensituation in Italien weiter entwickelt.

3. Die wichtigsten Themenkomplexe im aktuellen politischen Diskurs Südtirols

Im Folgenden sollen die wichtigsten, gleichsam aktuellen wie dauerhaften Problemkreise erörtert werden, mit denen Südtirol aufgrund des “Zusammenlebens“ verschiedener Sprachgruppen und der damit verbundenen politischen Entscheidungen konfrontiert ist.  Prinzipiell kann man zwischen Sprach- und Sprachpolitik auf geplante und gewollte Veränderungen einer Einzelsprache, während Sprachpolitik die Koexistenz verschiedener Einzelsprachen voraussetzt. Im ersten Fall betreibt man sozusagen  Planung des Korpus einer Sprache, während es sich im anderen Fall um Statusplanung mindestens zweier Sprachen im Verhältnis zueinander handelt.

In Südtirol überwiegt die Statusplanung, weil es im Wesentlichen darum geht, wie die Sprachen auf die Gesellschaft verteilt werden. Aber es findet auch Korpusplanung statt, wie beispielsweise bei der Kodifizierung einer Norm für das Dolomitenladinische. Oft spielt die Definition von Minderheiten und Mehrheiten bei Problemen wie der Aufrechterhaltung der nach Sprachgruppen strikt getrennten Schulsysteme, bei Diskussionen um die Verwirklichung eines Immersionsprogramms nach kanadischem bzw. baskisch-katalanischen Vorbild. Dem ethnischen Proporz, der Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung oder dem scheinbar drohenden Identitätsverlust der einzelnen Sprachgruppen im Fall einer zu weitreichenden Sprachmischung eine große Rolle. So könnte man fast behaupten, dass niemand Mehrheit sein will und beide Sprachgruppen dafür sich den Status der Minderheit beanspruchen: die deutsche Sprachgruppe für sich den Status auf nationaler und die italienische auf lokaler Ebene.

So ergäbe sich aber die paradoxe Situation, dass in Südtirol nur“ Minderheitensprachen“ wären. Die deutschsprachigen Südtiroler stellen eine Minderheit auf der Ebene des italienischen Nationalstaates dar, die Italienischsprachigen in Südtirol eine Minderheit innerhalb der Provinz. Abgesehen davon, dass es sich beim Begriff der Minderheitensprache scheinbar um einen sehr relativen handelt, sprechen weder die deutsche noch die italienische Sprachgruppe in Südtirol eine Minderheitensprache im eigentlichen Sinne, weisen sie doch beide (mindestens) ein sogenanntes „Mutterland“ (Vaterland) im Ausland auf.

3.1 Der Artikel 19 des Autonomiestatuts

Der „berühmte“ Artikel 19 des Autonomiestatuts, wie er manchmal ionisch von Gegner einer strikten Trennung des Südtiroler Schulwesens nach Sprachgruppen mit der Bezeichnung „Schule mit deutscher Unterrichtssprache“ “Schulen mit italienischer Unterrichtssprache“ und „Schulen der ladinischen Ortschaften“ Südtirol, das im Schulwesen lange Zeit lediglich sekundär und im Kindergartenbereich primär Gesetzgebungskompetenz besaß, wurden also dem Hintergrund der traumatischen Erfahrungen währen der Zeit des Faschismus zum Schutz der deutschen Minderheit eine Schule für jede Sprachgruppe und somit getrennte, eigene Schulen für Kinder und Jugendliche deutscher Muttersprache eingeführt. Unterricht wird in der Muttersprache von Lehrkräften, für die die entsprechende Sprache ebenfalls Muttersprache ist, was auch für Zweitsprachenlehrer/Innen gilt.

In den Schulen italienischer Unterrichtssprache ist das Bedürfnis nach Autonomie sicher weniger ausgeprägt. Auf dem Lande ist es aber für Italiener manchmal schwierig, Unterricht in der Muttersprache zu erhalten, das sich im Zuge der bereits weiter oben dargestellten Siedlungsschwerpunkte der Großteil der italienischsprachigen Schülerinnen und Schüler auf größere Orte konzentriert.

Für die Schüler der ladinischen Täler entschied man 1948 weniger aus pädagogischen Gründen, sondern eher aus politisch-sozialen Überlegungen für die Einführung eines „paritätischen“ Models, nach dem Mehrsprachigkeit von der ersten „Hauptsprache“ Deutsch und Italienisch zu gleiche Anteilen im Unterricht Verwendung finden. Das Ladinische stellt für die meisten Schüler die Muttersprache dar und ist einerseits eigenes Fach, dient andererseits jedoch vor allem in den ersten Schuljahren als Erläuterungs-, Verständigungs- und Anleitungssprache.

Wird die Trennung des Schulsystems nach Sprachgruppen meist als historisch sinnvoll anerkannt, da aufgrund der negativen Erfahrung im Faschismus („Katakombenschulen“) die Wichtigkeit einer eigenen Schule für die deutsche Sprachgruppe offensichtlich war, rückt mittlerweile auch stärker das Bewusstsein in den Vordergrund, dass diese Trennung auch auf einer zweiten Ebene stattfindet. Es handelt sich nicht nur um die sprachliche Trennung, sondern auch um eine ethnische Natur, nach „Deutschen“, „Italienern“ und „Ladiner“ nämlich. Handelt es sich bei der strikten Trennung letztlich also eher um einen Schutz der deutschen Minderheit oder eine Barriere für das Zusammenleben der Sprachgruppen? Jeder Vorschlag, der auch nur geringe Veränderungen in Richtung einer gemeinsamen Schule vorsieht, wird jedoch berechtigt als Gefahr für die deutsche Sprachgruppe interpretiert.

Die Diskussion zum Thema Identitätsverlust, Identiätsbewahrung, kulturelle Assimilation, „Verelsässerung“ und „Mischkultur“ war lange Zeit und ist es noch heute durch einen Lehrsatz bestimmt, dass eine Minderheit (55 Millionen Italiener im Hintergrund) nie genug geschützt werden kann.

3.2 Zweisprachenerwerb und Immersion.

Zunächst gilt es anzumerken, dass bereits die Bezeichnung der Sprache des Nachbarn als Zweit- oder etwa Fremdsprache von Bedeutung ist. Wenn auch lange Zeit die Zweitsprache im Sinne einer klassischen Fremdsprache unterrichtet wurde, so hat sich die Einstellung gegenüber der Sprache, mit der man neben der Muttersprache praktisch täglich in Kontakt ist, weitgehend verändert.

Man unterscheidet in einer Untersuchung zum Spracherwerb prinzipiell zwischen Antrieb und Zugang.  Man beschäftigt sich also mit der Frage, warum sich jemand dazu angetrieben, gedrängt fühlt, eine zweite Sprache zu erlernen und auf welche Weise er sie erlernt. Als Antrieb kann hierbei der Wunsch nach sozialer Integration gelten, was sich jedoch im umgekehrten Fall auch als Angst vor einer sozialen Integration und gleichzeitig Verringerung des Kontaktes zur eigenen Sprachgruppe und dem damit verbundenem Gefühl der Orientierungslosigkeit äußern kann. Ferner stellen auch kommunikative Bedürfnisse einen Antrieb dar. Die Spanne reicht hierbei von einer instrumentellen, auf Profit abzielenden Motivation bis zu einer integrativen Motivation.

Ist jedoch der Antrieb eines jeden Einzelnen, seine Motivation und Einstellung, politisch sehr schwer steuer- und beeinflussbar, so ist der  Zugang zur Zweitsprache hingegen sehr viel besser lenkbar. Die Möglichkeit zum Hören und zur Verwendung der anderen Sprache in der eigenen Umwelt spielen hierbei eine Rolle wie ferner auch die Frage nach der Veranlassung zur Verwendung und somit nach Sinn und Unsinn, Zwang oder Druck auszuüben. Die Zweisprachigkeitsprüfung zur Aufnahme in den öffentlichen Dienst, die die Bewerber zum Beherrschen der Zweitsprache zwingt, kann in diesem Sinn auch als Politikum verstanden werden. Ab wann wird der Druck jedoch stark oder gar kontraproduktiv?

Nur durch einen gewissen politischen Druck hat die deutsche Sprache nach 1945 an Domänen in der italienischen Gesellschaft zurückgewinnen können.

Einem erleichterten Zugang der italienischen Sprachgruppe zum Deutschen ist beispielsweise das viel zu schnelle und fast gewohnheitsmäßige Umschalten der deutschsprachigen Südtiroler auf das Italienische abträglich, sobald diese versuchen, ein Gespräch in deutscher Hochsprache zu beginnen. Man führt hierzu als mögliche Erklärung an, dass durch eine unbewusste Angst, den anderen zu nahe kommen zu lassen, motiviert sein könnte.

Speziell im Rahmen der schulischen Sprachvermittlung wird in Südtirol das Modell der Sprachimmersion kontrovers diskutiert. Auf Initiative einer kleinen Gruppe anglophoner Eltern in St. Lampert (Montreal) Mitte der 60er Jahr hin an kanadischen Schulen für die englischsprachige Bevölkerung entstanden und erstmals eingesetzt sowie später auch in Spanien und Finnland durchgeführt, ist damit der Versuch gemeint, bei Eltern einer Zweit- bzw. Fremdsprache die gleichen oder zumindest weitestmöglich  ähnliche Bedingungen zu schaffen wie bei der Muttersprache. Das bedeutet  konkret, dass mindesten fünfzig Prozent der Sachinhalte von Schulfächern in der Zweit- bzw. Fremdsprache unterrichtet werden. Hierbei wird jedoch auf den Gebrauch der ersten Sprache nie völlig verzichtet. Die Idee besteht darin, eine zu erlernende Sprache in einen authentischen, realitätsnahen und somit motivationsfördernden Kontext einzubetten. Bei der Immersion unterscheidet man zwischen früheren, mittleren und später sowie zwischen Voll- und Teilimmersion. Die spezielle Form der reziproken Immersion bedeutet das gemeinsame Unterrichten von Schülern, die der sprachlichen Minderheit und Mehrheit eines Gebietes angehören.

Befürworter eines Immersionsmodells berufen sich auf die bisher eher negative zu beurteilende Zweisprachigkeitskompetenz vieler Maturanten und stellen die Sprachimmersion

neben Vorschlägen zur verstärkter Zusammenarbeit zwischen den Lehrenden, zum Ausbau des interkulturelle  Lernens und zur Begegnungspädagogik beispielsweise in Form von Klassenpartnerschaften, als Modell vor.

Dieser Vorschlag stößt aber mit dem Hauptargument des Schutzes der deutschen Sprachgruppe andererseits auf Widerstand. Oft wird schon der Begriff der Immersion als gefährlich erachtet, erinnert er doch leicht an das Verbot der deutschen Sprache währen des Faschismus und die zwangsweise Eingliederung der deutschen Schüler in italienische Schulen sowie die zwangsweise Eingliederung Südtirols in den italienischen Staat.

3.3 Von der Zweisprachigkeit zur Mehrsprachigkeit

Die Entwicklung von der anfänglichen Diskussion um die Doppel- bzw. Zweisprachigkeit in Südtirol hin zum Konzept der Mehrsprachigkeit soll im Folgenden an den Beispielen des „Amtes für Zweisprachigkeit und Fremdsprachen“ der Freien Universität Bozen und dem Phänomen der Immigration mit ihren Folgen für die sprachlich-kulturelle Landschaft Südtirols dargestellt werden.

Bereits die Bezeichnung „ Amt für Zweisprachigkeit und Fremdsprache“ wird die Öffnung gegenüber Fremdsprachen deutlich. Hatte das Amt ursprünglich vorwiegend die Aufgabe, dem dringenden Bedürfnis zahlreicher Erwachsener nach Fortbildung zu entsprechen und für die italienische Bevölkerung Deutschkurse anzubieten, hat es sich nunmehr auch die Verbreitung von Fremdsprachen wie vor allem Englisch, Französisch und Spanisch zum Ziel gemacht. Dies geschieht beispielsweise durch eine Förderung von Studien- und Arbeitsaufenthalten für Schüler und Studenten im Ausland.

Mit der „Freien Universität“, die mit dem akademischen Jahr 1998/99 ihren Betrieb aufgenommen hat, wurde eine mehrsprachige Hochschule geschaffen, an der Vorlesungen in deutscher, italienischer und englischer Sprache stattfinden. Sie ist mit dem Zusatz „frei“ versehen, da sie bis zu siebzig Prozent an ausländischen Professoren berufen hat, und eigene Ausschreibungen durchführen kann. Die Fakultät für Wirtschaftwissenschaft in Bozen hat sich ihre zentrale geographische Position zunutze gemacht und bietet speziell international ausgerichtete Studiengänge an. Mit der Fakultät für Bildungswesen in Brixen kann künftig eine gezielte Vorbereitung der Lehrer auf die spezifischen Bedürfnisse der Südtiroler Schüler erreicht werden. Eine überwiegende Mehrheit der Südtiroler Studenten studiert jedoch auswärts, wobei im besonderen Maße Österreich und dort speziell Innsbruck die meisten Studenten anlockt. (Landesuniversität)

Ein in diesem Ausmaß relativ junger Themenkomplex stellt für Südtirol das Phänomen der Einwanderung dar. Neu ist daran vor allem, dass sich neben den traditionell ansässigen „Ausländern“ aus Deutschland und dem Vaterland Österreich immer mehr Zuwanderer nicht mehr nur durch eine andere Sprache auszeichnen, sondern auch durch eine unterschiedliche Kultur oder Religion. Neben dem Aspekt der Mehrsprachigkeit tritt hier also auch der der Mulikulturalität hinzu. Eine zweisprachige Schule ist nach Landeshauptmann Luis Durnwalder – im Gegensatz zur deutschen und italienischen Sprachgruppe – für Immigration sogar denkbar, weil diese keine Identitätsprobleme mitbringt.

3.4 Die Zweisprachigkeitsprüfung 

Die als „Patentino“ bezeichnete Prüfung zum Nachweis der weitestgehenden gleichen Kompetenz eines Individuums in den beiden Sprachen Deutsch und Italienisch wurde im

Jahre 1976 eingeführt und ist für den Einritt in den öffentlichen Dienst als Zugangsvoraussetzung verpflichtend. Für deren Durchführung ist die „Dienststelle für Zwei- und Dreisprachigkeitsprüfung“ verantwortlich, während sich das „Amt für Zweisprachigkeit und Fremdsprache“ mit der Vorbereitung auf die Prüfung befasst.  Es bietet hiezu fünfmal jährlich zweiwöchige Intensivkurse mit insgesamt 60 Unterrichtsstunden an sowie Konversationsstunden in Kleingruppen von vier Personen zur Vorbereitung auf den mündlichen Teil der Prüfung. Relativ neu ist das Angebot einer kostenlosen Beratung, die jeder Interessierte dreimal zu je 45 Minuten nutzen kann.

Die Zweisprachigkeitsprüfung selbst ist gemäß den Laufbahnen in A (ehemalige höhere Laufbahn), B (ehemalige gehobene Laufbahn), C (ehemalige mittlere Laufbahn) und D (ehemalige einfache Laufbahn) gegliedert und besteht – mit Ausnahme des Niveaus D – aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil.  Für den schriftlichen Teil ist gesetzlich eine Übersetzung festgelegt, wobei jedoch  stets gewisse Zweifel an der Eignung der Übersetzung im engeren Sinne als Prüfungsmethode bestand, beraubt sie doch den Kandidaten der Möglichkeit, sich frei und spontan zu äußern und treibt ihn oft sogar in Interferenzfehler durch interlineare Nachstruktuierung. Daher findet seit 1999 statt einer wörtlichen Übersetzung ein erweiterter Übersetzungsbegriff Anwendung und so werden im schriftlichen Teil nunmehr je ein deutscher und italienischer Text mit etwa 150 Wörtern Länge vorgelegt, wobei die sechs Fragen zum Textverständnis in der jeweiligen anderen Sprache beantwortet werden muss. Es wird also keine wörtliche Übersetzung mehr verlangt, sondern eine sinngemäße Übertragung bzw. Zusammenfassung eines Textes in eine andere Sprache. Mit dieser interpretierenden Übersetzung kann dennoch die Übersetzungskompetenz geprüft werden. Es sollte dadurch in stärkerem Maße den kommunikativen Eigenschaften der Sprachbeherrschung und Sprachverwendung Rechnung getragen werden.

Die Ergebnisse der Zweisprachenprüfung gaben früher auch bedingten Aufschluss über die Muttersprachigkeit der Bevölkerung, als dem Teilnahmegesuch noch die Erklärung der Sprachgruppenzugehörigkeit beigelegt wurde und somit eine Aufschlüsselung der Ergebnisse möglich war. So haben beispielsweise im Zeitraum von 1978 bis 1990 47.9% der Deutschen, 30.0 % der Italiener und 61.1 % der Ladiner die Prüfung erfolgreich bestanden. (neuere Ergebnisse sind mir nicht bekannt).

3.5 Der ethnische Proporz

Die 1976 eingeführte, nach der Stärke der Sprachgruppen bestimmte verhältnismäßige Verteilung der Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst und der Kapazität im sozialen Wohnbau wird als ethnischer Proporz bezeichnet und ist in den Artikeln 61 und 89 des Autonomiestatuts verankert. Dieses Verhältnis geht aus den abgegebenen Sprachgruppenzugehörigkeitserklärungen hervor, zu denen weitere unten noch Ausführungen folgen.

Die Proporzregelung hat ihre historische Begründung in der Tatsache, dass beispielsweise 1975 noch ca. 86 % der Posten im Bereich der staatlichen Verwaltung von Italienern besetzt waren und nur 14 % von der deutschen und ladinischen Sprachgruppe, wohingegen Letztere zusammen einen Bevölkerungsanteil von über 70 % stelltem.

Mit der Einführung dieser „positiven Diskriminierung“ der deutschsprachigen Bevölkerung als Minderheit in nationalen Kontext wollte man diesem Ungleichgewicht entgegentreten und in gewisser Weise das faschistische (und auch demokretische 1943-1975) Unrecht ausgleichen. Umstritten ist jedoch, ob diese Regelung immer noch zeitgemäß ist, oder ob es sich bei der strikten Proporzanwendung nicht vielmehr um ein konkurrenz- und

leistungsbehinderndes Instrument handelt. Bettelheim und Benedikter schreiben schon 1982 von der „Apartheit in Mitteleuropa“ und meinen damit die ethnische Arbeitteilung in Südtirol.

In einem Bereich des öffentlichen Lebens wird statt des Proporzes jedoch das Paritätsprinzip angewandt, da die italienische Sprachgruppe in proportional zusammengesetzten Kommissionen sonst in der Minderheit wäre.

3.6 Die Sprachzugehörigkeitserklärung

Die Zugehörigkeits- bzw. Zuordnungserklärung zu einer der drei Sprachgruppen erfolgte gemäß Art. 89 des Autonomiestatuts im Rahmen der Volkszählungen im zehnjährigen Rhythmus. Bei der Zählung 1991 betrug der prozentuale Anteil der Italiener 27.65 % an der gesamten Wohnbevölkerung, der Anteil der Deutschen 67.99 % und der Ladinert 4,36%, 2001 machten die Italiener 26.47 % aus, die Deutschen 69.15 % und die Ladiner 4.37 %. Die Auswertung der Volkszählung 2011 nach der Zugehörigkeit zu den drei Sprachgruppen hat nur geringe Veränderungen gebracht. Demnach stieg der Anteil der deutsch- bzw. ladinischsprachigen Bevölkerung leicht an. Die italienische Volksgruppe wird etwas kleiner. Deutsche 69.41%, Italiener 27.06 % , Ladiner 4.53 %

Die Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung nach dem Bekenntnisprinzip wird im wesentlichen wegen der Problematik einer möglichen Konversion und damit opportunistischen Nutzung der Erklärung sowie aufgrund der zu starren Einordnung in eine Gruppe kritisiert. Dadurch, dass sie die Grundlage für den Proporz im öffentlichen Dienst und die soziale Wohnungsvergabe darstellt und sie somit die eigenen Lebenschancen zu beeinflussen vermag, beinhaltet sie auch die Gefahr der Konversion zu opportunistischen Zwecken bzw. eine Wahlmöglichkeit zwischen Identität und Anpassung: „Erst wo es um Konkurrenz, aktive Assimilation oder Ausgrenzung, um Machtteilung oder eindeutiger Dominanz geht, erwächst das strategische Interesse an der Feststellung quantitativer Kräfteverhältnisse, oder aber an der Vereitelung dieser Kräfteverhältnisse“. 

In Belgien ist eine Zählung dieser Art verboten und ein Beispiel aus dem belgischen Zensus soll den Grund hierfür verdeutlichen. Während sich in Martelane/Martelingen an der Grenze zwischen Luxenburg und Belgien 1930 noch 88 % als deutsch. Und 12 % als französisch erklärten, ergab die darauffolgende und letzte Zählung im Jahre 1947 lediglich noch einen Anteil von 2 % Deutschsprachigen bzw. 98 % Französischsprachigen.

Die Erhebung zur Sprachgruppenzugehörigkeit wurde anfangs – in Anlehnung an die „Option von 1939“ – sogar als „Option 81“ bezeichnet und auch ein Vergleich mit der Verfassung Zyperns von 1960 und der damit verbundenen Zugehörigkeitsentscheidung zur griechischen bzw. türkischen Gruppe, die schließlich zu nationalen Konflikten und gegenseitiger Xenophonie führte wurde abgestellt.

Eine weitere Schwächung dieser Zählung ist ihre rigide Anwendung. Jede Person muss sich für eine Sprache entscheiden und kann sich nur als zu einer ethnischen Gruppe zugehörig erklären. Dies gilt auch für Mischehen und Arbeitsemigranten sowie für all jene Menschen, die kosmopolitisch gesinnt sind und verleugnet folglich die Existenz möglicher Zwischenformen neuer kollektiver Identitäten. Wir wollen aber dabei nie vergessen, dass Südtirol zwangsweise in den letzten 93 Jahren durch Italiener besiedelt wurde und nur deshalb einer Sprachgruppenzugehörigkeit notwendig wurde. (vor 1918 brauchte man eine solche Erklärung nicht)

Bei der Frage, die Möglichkeit eines Rückschlusses von den bei der Volkszählung erhobenen und nach Gemeinden aufgeschlüsselten absoluten Zahlen auf die erklärenden

Personen eventuell verhindern zu müssen und die Zahlen daher nur in Prozentwerten zu veröffentlichen, kam es zu einer heftigen Diskussion zwischen der römischen Zentralregierung und der Südtiroler Landesregierung. Es bestanden Befürchtungen um eine mögliche Verletzung der Privatsphäre oder gar Diskriminierung, wäre doch ein Rückschluss auf eine Person beispielsweise im Fall von zwei abgegebenen Erklärungen aus der ladinischen Sprachgruppe in einer kleinen Gemeinde nur allzu leicht möglich.

  1. Der Streit um die Toponomastik und das Siegesdenkmal

Die Straßen und Ortsbezeichnungen sowie das unter den Faschisten errichtete Siegesdenkmal im Zentrum von Bozen sollen hier als Beispiele für Symbole der ethnischen Identität Südtirols herausgegriffen werden, die auf Unterschiede zwischen den Sprachgruppen hinweisen. Ebenfalls symbolischen Wert hätte etwa der Name Andreas Hofer, Herz Jesu oder die verschiedenen Trachte in Südtirol.

Der Streit um die Toponomastik hat vor etwa 25 Jahren wieder an Bedeutung gewonnen und geht zurück auf die während des Faschismus von italienischen Nationalisten entworfenen geographischen Karten mit neu aufscheinenden italienischen Ortsbezeichnungen, die bis dahin größtenteils  noch gar nicht existiert hatten. Ettore Tolomei, der aufgrund  seines 32 Punkte unfassendes Italienisierungsprogramms für Südtirol auch als „Totengräber Südtirols“  bezeichnet wurde, nahm vielfach eine Italienisierung von Ortsnamen vor (z.B. Andrian – Andriano), übersetzte diese in anderen Fällen ins Italienische (Klausen -  Chiusa) oder erfand Namen ganz neu (Gossensass – Colle Isarko). Seine Intention bestand darin, den jeweiligen neugeschaffenen Ortsnamen möglichst italienisch aussehen zu lassen und so der „Geschichte“ eine „historische Identität“ vorzutäuschen. Damit sollte schließlich ein Territorialanspruch auf Südtirol nachgewiesen werden. Nachdem 1923 bereits ein erstes Ortsnamensgesetz über die Verwendung der italienischen Ortsnamen erlassen worden war, erhielten sie dritte Auflage seines „Protuario die nomi locali dell ´Alto Adige“ mit ca.8.000 Namen 1940 per Dekret Gesetzeskraft. Durch den Pariser Vertrag 1946 wurde eine zweisprachige Ortsnamensgebung vorgesehen und in den Artikel 101, 102 des Autonomiestatuts von 1972 ist das Recht der deutschen und ladinischen Bevölkerung auf Verwendung und Erhaltung der eigenen und wahren Ortsnamen festgelegt.

Von Seiten der deutschen Sprachgruppe und insbesondere von den deutschen Oppositionsparteien (leider nicht von der SVP) wird jedoch auf die Auflösung dieses historischen Unrechts gedrängt, währen Vertreter italienischer Parteien und der Regierungspartei SVP betonen, dass die italienisierten Namen nunmehr fester Bestanteil ihres Kulturgutes geworden seien und die schwerauszusprechenden deutschen Namen für Italiener nicht zumutbar seinen (welch ein dummes Volk). Fraglich ist, ob es wirklich um die Rückgängigmachung eines geschichtlichen Fehlers ginge, oder aber um eine verstärkte symbolische Beherrschung des Gebietes.

Im Bereich der Toponomastik ist noch anzumerken. Dass beispielsweise die Umbenennung des Bozner „Siegesplatzes“ in „Friedensplatz“ vor allem bei der Alleanza Nationale auf großen Widerstand stieß und eine Umbenennung durch eine italienische Mehrheit in Bozen verhindert wurde.

Auch die Inschrift „Hic cetores excoluimus lingua artibus“ des Siegesdenkmales wie das faschistische Denkmal selbst sind viel diskutiert und auch die Anbringung von viersprachigen Erklärungstafen konnten den Konflikt nicht entschärfen.

  1. Das „Unbehagen“ der zugewanderten italienischsprachigen Bevölkerung

Immer wieder stellt sich die Frage, wie gut die Sprachgruppen in Südtirol eigentlich miteinander auskommen. Das vielzitierte „Unbehagen“ oder „disagio“ der italienischen Sprachgruppe in Südtirol begann im wesendtlichen mit dem Autonomiestatut von 1972, durch das die italienischsprachige Bevölkerung sozusagen zur „neuen Minderheit“ auf Provinzebene wurde. Ein wichtiger Teilaspekt des interehtnischen Zusammenlebens in Südtirol ist die oft bemängelte fehlende Kooperation, der produktive Austausch zwischen den Sprachgruppen. Die italophone Sprachgruppe als Mehrheit im eigenen Staat und Minderheit auf lokaler Ebene empfindet es oft als Zwang, die deutsche Sprache zu erlernen und für den öffentlichen Dienst ihre Kenntnisse durch die Zweisprachigkeitsprüfung unter Beweis stellen zu müssen. Die teilweise recht folkloristisch geprägte Lokalkultur der deutschsprachigen Südtiroler führt zu Frustrationen, ist die sprachliche Realität durch starken Dialektgebrauch doch oft eine ganz andere.

Die Einwohnerzahl der italienischen Gemeinschaft schienen ferner lange Zeit rückläufig zu sein, was bisweilen mit Schlagworten wie „Todesmarsch“ dramatisiert wurde. Heute liegt der Anteil der Italiener in Südtirol bei 26. 47 %.

  1. Zur Situation der deutschen, italienischen und ladinischen Sprache in Südtirol

Fragen wie die nach der Reinhaltung der Sprache, der Sprachmischung durch Interferenzen aus den Sprachen der Nachbarn, der (Un-) Zulässigkeit von „Codeswitching“ (in der Sprachwissenschaft ein Vorgang, bei dem jemand von einer Sprache in eine andere wechselt) im Alltagsgespräch, der Normierung und Norminstanzen, der verschiedenen Register der Sprache sowie der Dialektverwendung in der Alltagssprache, der Dominanzkonfiguration und schrittweisen Rückgewinnung von Domänen durch die deutsche Sprache nach dem Zweiten Weltkrieg spielen in der Diskussion um die sprachliche Situation in Südtirol eine große Rolle. Es herrscht allgemein ein sehr großes Sprach- und Normbewusstsein in der Bevölkerung. Dieses hohe Normbewusstsein, in Folge dessen Fehler stark sanktioniert werden, rührt bei der deutschsprachigen Bevölkerung vor allem von einem übermäßigen Bestreben nach Reinhaltung der Sprache her, da bei einer Minderheit Normabweichungen oft als Gefahr für den Fortbestand der Minderheitensprache interpretiert werden. Außerdem wird Sprachwandel häufig mit Verschlechterung oder gar Kulturverfall gleichgesetzt. So suchte man sprachliche Rückendeckung im Hochdeutschen, das heißt in der als prestigeträchtiger erscheinenden bundesdeutschen statt der österreichischen Variante. Besonders durch den „Faschismusschock“ neigt man zu Überkompensation, „Überbehütung“, steht jeglichem Wandel skeptisch gegenüber. Das Thema Sprache ist überproportional politisch besetzt.

Andererseits wird durch diese Haltung jedoch der Sprachwandel verzögert und kreative Potentiale nicht ausgeschöpft. Ein von der italienischen Sprachgruppe oft beklagtes, da beim Erlernen einer Fremdsprache hinderliches Charakeristikum der Verwendung des  Deutschen in Südtirol ist die unangefochtene Stellung des Dialektes im Alltag. Mit Projekten wie beispielsweise „Hoi Hanni“ wurde jedoch bereits eine Initiative zur Verbreiterung von passiven, aber auch aktiven Kenntnissen des Dialekts gestartet.

Im Unterschied zum Deutschen weist das Italienische in Südtirol kaum dialektale Varianten auf. Gerade die jüngere Generation spricht nahezu keinen Dialekt mehr. Es wird fast nur die Standartform bzw. ein relativ „neutrales“ Italienisch, das „italiano bolzanino regionale“ gesprochen. Dies ist das Resultat einer traditionellen  Varietätenmischungn im Zuge der stattlich geförderten Einwanderung von Sprechern unterschiedlichster Provinzen Italiens.

Bei der deutschen und italienischen Sprachgruppe besteht folglich ein Ungleichgewicht im Repertoire bzw. in der Kommunikationsmöglichkeit, denn während es für die einen bereits genügt, die italienische Standartsprache zu erlernen, ist für die anderen die  bloße Kenntnis des Hochdeutschen oft nicht ausreichend.

 Zuletzt soll noch auf die Situation des Ladinischen eingegangen werden. Das Dolomitengebiet als eines von drei rätoromanischen Gebieten (Graubünden, Friaul, Dolomiten) umfasst eigentlich die fünf Täler Gadertal, Grödental, Fassatal, Buchenstein und Ampezzo, die jedoch politisch auf drei Provinzen Bozen, Trient und Beluno aufgeteilt sind. Dies verursacht eine Schwächung der Position des Dolomitenladinisch und hat  zudem je nach Provinz eine sehr unterschiedliche rechtliche Stellung zur Folge. Hiermit ist auch ein ganz unterschiedliches Identitätsbewusstsein und Interesse an einer gemeinsamen, alle Dialekte „überdachende“ Schriftsprache verbunden.

Bereits im Jahre 1833 strebte der Gadertaler Priester Micurá de Rü (Nikolaus Bacher) mit seinem ersten Versuch einer „Deusch-Ladinischen Sprachlehre“ eine einheitliche Koine auf der Basis des Badiotischen unter Berücksichtigung alle Dialekte an – jedoch ohne Erfolg. Beim „Projekt SPELL“ ging es 160-170 Jahre später um den Ausbau und die Diffusion einer überdialektalen ladinischen Standartvarietät, dem „Ladin Standart“ oder „Ladin Dolomiten“. Diese soll eine „gemeinschaftliche Lösung“ darstellen, eine Koine eine gesamtladinische Ausgleichssprache, in der sich jeder Sprecher des Ladinischen wiedererkennen kann, ohne auf seine Identität verzichten zu müssen, wie es im Vorwort zur Gramatica dl ladin standart (GLS) heißt.  Zusammen mit dem Dizionar dl ladin standart (DLS) stellt diese das Ergebnis der Entscheidung für eine Kompromisssprache und gegen die Erhebung eines bestehenden Dialekts zur Standartsprache dar. Auf der Basis einer vom Züricher Professor Heinrich Schmid ausgearbeiteten „Wegleitung“, begann das „Projekt SELL“ im Jahre 1994 und die Hauptarbeit der Standardisierung kann als abgeschlossen betrachtet werden. Die Frage nach der Akzeptanz dieses Entwurfes, dem bisweilen der Vorwurf eine „Kunstsprache“ zu sein gemacht wird, muss freilich noch beantwortet werden.

4. Weitreichende Auswirkungen der Mehrsprachigkeit

Zu Abschluss soll noch auf weitreichende, zunächst vielleicht unerwartete Konsequenzen der gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit hingewiesen werden. Der Perfektionierung der Verwirklichung einer weitestgehenden Symmetrie zweier in einem Gebiet koexistierender Sprachen sind keine Grenzen gesetzt,  So müssen um ein Beispiel zu nennen Medikamente in Südtirol auch Beibackzettel in den beiden Sprachen Deutsch und Italienisch beigefügt werden. Es gab aber auch schon wegen Missachtung dieser Vorschrift Strafen für 26 Pharmakonzerne.

Auch bei einigen Sportveranstaltungen wurde sozusagen der Proporz praktiziert, als auf den Trikot der Sportler entweder “Südtirol“ oder „ Alto Adige“ zu lesen war.

Dieses beschriebene Szenario wäre nicht erforderlich, würde Südtirol wieder zu Österreich zurückkehren. Denn da gäbe es nur eine deutschsprachige Volksgruppe als Mehrheit.

Kommentare (0)

Passwort vergessen

Bitte geben Sie Ihre Emailadresse ein. Sie erhalten dann ein Email um ein um neues Passwort zu setzen.

Möchten Sie sich neu registrieren?

Dann klicken Sie bitte hier.

Registrierung