Margarethe Maultasch übergibt die Grafschaft Tirol an die Habsburger (1363)

Heinrich von Tirol, der Sohn Meinhards II., der seit seinem glücklosen böhmischen Abenteuer zeitlebens den Titel eines König von Böhmen führte, blieb trotz dreier Ehen (Anna von Böhmen, Adelheit von Braunschweig, Beatrix von Savoyen) ohne männlichen Thronerben. Sein einziger Sohn Leopold war bereits als Kind verstorben. Den damals um die Vorherrschaft im Reich ringenden Dynastien war dieser Umstand nicht entgangen, weswegen das Land im Gebirge  das Interesse der Luxenburger, der Wittelsbacher und der Habsburger auf sich zog, versprach doch die Erwerbung der Grafschaft Tirol und des Herzogtum Kärnten eine nicht unbeträchtliche Erweiterung der jeweiligen eigenen Hausmacht. Heinrichs 1313 geborene Tochter Margarethe (die ein Jahr ältere zweite Tochter Adelheit blieb Zeit ihres Lebens kränklich) wurde daher bereits sehr früh das Objekt von Heiratsplänen.   

Zunächst schienen die Luxenburger den Kampf um das Tiroler Erbe für sich entscheiden zu können. Bereits 1324/25 vereinbarte König Johann von Böhmen mit Heinrich ein  luxenburgisch – tirolisches Heiratsprojekt, das mit der Vermählung des siebenjährigen Johann Heinrich von Böhmen mit der elfjährigen Margarethe am 19. September 1339 in Innsbruck dann auch tatsächlich zustande kam. Die Habsburger mussten sich in der Rolle des Zuschauers begnügen, da sie damals innerhalb ihrer Familie gerade keinen Bräutigam für Margarethe „bei der Hand hatten“. Die Görzer als nächste Verwandten der Tiroler Grafen blieben bei all diesen und allen künftigen Überlegungen gänzlich unberücksichtigt. Kaiser Ludwig von Bayern brachte Heinrich allerdings gegen sich auf, da er nicht – wie vereinbart – dessen Zustimmung zu dieser Verbindung eingeholt hatte. Der Wittelsbacher schloss daraufhin mit den Habsburgern einen Geheimvertrag mit der Absicht, das tirolisch – kärntnerische Erbe nach dem Tode Heinrichs untereinander aufzuteilen.

Das Ableben Heinrichs am 2. April 1335 führte daher zum Verlust des Herzogtums Kärnten, das sich die Habsburger ohne großen Widerstand einverleiben konnten. In Tirol hingegen gelang es Margarethe und Johann Heinrich, sich mit Hilfe von Adel und Bevölkerung, vor allem aber durch die Unterstützung Markgraf Karls von Mähren (der spätere Kaiser Karl IV.) zu behaupten und die wittelsbacher Ambitionen abzuwehren.  Die tirolisch – luxenburgische Liaison erwies sich allerdings nur von begrenzter Dauer. Während beim Adel der zunehmende Einfluss der „Böhmen“ mit Misstrauen betrachtet wurde, scheint Margarethe an ihrem jüngeren Gemahl immer weniger Gefallen gefunden zu haben; öffentlich bezichtigte sie ihn der Impotenz. Am Allerseelentag des Jahres 1341 blieb das Tor von Schloss Tirol für Johann Heinrich von Böhmen verschlossen: Margarethe verstieß ihren Gatten. 

Scheinbar schon länger bestehende Vereinbarungen mit den Wittelsbachern führten bereits 1342 zur Ehe Margarethens mit Markgraf Ludwig von Brandenburg, dem Sohn Kaiser Ludwigs. Dieser Verbindung stand allerdings eine nach kanonischem Recht gültige Ehe entgegen. Angesichts der tiefgreifenden Spannungen zwischen Kaiser Karl und der Kurie war trotz des objektiv nachvollziehbaren Arguments des Nichtvollzugs der Ehe an eine Auflösung von Seiten des Papstes nicht zu denken.  Daher dachte man diese heikle Aufgabe dem Bischof von Freising zu. Als dieser jedoch auf dem Weg nach Tirol am verschneiten Jaufenpass zu Tode stürzte, weigerten sich die ihn begleitenden Bischöfe von Regensburg und Augsburg diese Verbindung aufzulösen, das sie im Unfall ihres Amtsbruders ein Gottesurteil sahen. So wurde Margareten und Ludwig am 10. Feber 1342 auf Schloss Tirol getraut, ohne dass die Ehe mit dem Luxenburger vorher annulliert worden wäre.

Dem neuen Landesfürsten gelang es relativ rasch, seine Herrschaft zu stabilisieren. Die Versuche der Luxenburger Tirol zurückzuerobern, wurden abgeschlagen, dem einheimischen Adel wurden enge Grenzen gezogen. Als hartnäckiges Problem erwies sich allerdings die Ehefrage. Auf betreiben der Luxenburger wurde Ludwig und Margarethe  wegen Ehebruchs exkommuniziert, die Grafschaft Tirol verfiel dem Intertikt*. Heuschreckenplagen, Erdbeben und vor allem die große Pest der Jahre 1348/49 wurden von der Bevölkerung als Strafe Gottes für das Verhalten Margarethes betrachtet. In diesen schwierigen Jahren wurden die Beziehungen zu den Habsburgern intensiviert, denen die Machtausweitung der Luxenburger ebenso ein Dorn im Auge war wie den Wittelbachern. Insbesondere die guten Kontakt Albrecht II, zur Kurie waren hilfreich, um das leidige Eheproblem aus der Welt zu schaffen. Die langwierige Causa endete erst 1359, Ludwig und Margarethe wurden von allen Kirchenstrafen losgesprochen und konnten nun neuerlich und diesmal mit dem Segen der Kirche heiraten. Das gute Einvernehmen beider Dynastien wurde durch eine eheliche Verbindung zusätzlich gefestigt. Meinhart III, der Sohn Ludwigs und Margarethes, heiratete 1358 Margarethe von Österreich, die Tochter Alberts II und Schwester Rudolfs IV.

Der überraschende Tod Ludwigs des Brandenburger im Herbst 1361 destabilisierte die Verhältnisse neuerlich. Verschiedene Kreise trachteten danach, den erst 17- jährigen und wohl noch unreifen Meinhard unter ihren Einfluss zu bringen. Seit Herbst 1361 hielt sich der junge Fürst in Bayern auf, wo er zum Spielball der untereinander zerstrittenen wittelsbacher Linie wurde. Die Tiroler Stände forderten ihn daraufhin auf, in das Land seiner Vorfahren zurückzukehren; es scheint, dass Rudolf der IV. an dieser Einladung nicht ganz unbeteiligt gewesen ist. Mitte Oktober verließ Meinhard München und begab sich auf Schloss Tirol. Seine ersten Regierungshandlungen erfolgten in enger Abstimmung mit seinem habsburgischen Schwager, der ihn wohl wegen möglicher Bündnis– und Erbverträge im Jahre 1363 aufsuchen wollte.  Am 16. Jänner erfuhr Rudolf in Lienz von dessen Tod und eilte an die Etsch. Die beim Chronisten Thomas Ebendorfer dramatisch geschilderte lebensgefährliche Überquerung des tief verschneiten Krimmler Tauern mit nur kleinem Gefolge hat die moderne Geschichtswissenschaft inzwischen längst widerlegt.

In Tirol schienen indes die Weichen bereits gestellt zu sein. Die Stände hatten Margarethe zwar als Regentin anerkannt, sie jedoch verpflichtet, keine Verfügungen ohne ihre ausdrückliche Zustimmung zu erlassen, was de facto auf eine Herrschaft einflussreicher Adelskreise hinauslief. Binnen weniger Tage gelang es Rudolf IV. jedoch, das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden. Er konnte Margarethe dazu bringen, die Grafschaft Tirol an die Habsburger zu übertragen, wobei die Landesfürstin bis zu ihrem Lebensende als Regentin die Herrschaft ausüben sollte. Sie hätte sich damit aus der Umklammerung des Adels befreit und unter habsburgischen Schutz weiterregieren können. Das für diese Übertragung unbedingt notwendige Einverständnis der Stände erreichte Rudolf durch die Vorlage zweier Urkunden aus dem Jahre 1359, kraft derer Margarethe und ihr Mann Ludwig für den Fall des Aussterbens der Familie das Land den Herzögen von Österreich vermacht hätten. Vieles spricht dafür, dass es sich bei den genannten Dokumenten um Fälschungen handelt. Angesichts der einschlägigen Erfahrungen Rudolfs auf diesem Gebiet muss dies nicht überraschen. Trotz einiger „Auffälligkeiten“ in den Urkunden stimmte der Adel des Landes dem Plan zu, so dass am 26. Jänner 1363 die hier vorgestellte Urkunde ausgefertigt werden konnte.

Margarethe verweist in diesem repräsentativen auf Pergament geschriebenen Diplom auf die fehlende Nachkommenschaft (…. Der almächtig Got… uns laider entsetzt hatt leiblicher erben…) hin, bezeichnete die Habsburger infolge der engen verwandtschaftlichen Beziehungen als die rechtmäßigen unter den Erben (…die natürleicher gepurde und dez geschlächtes wegen unser aller nächsten und rechtisten erben sind…) und erwähnt die ausdrückliche Zustimmung des Tiroler Adels (… nach zeitige und fürsichtigen rat unserer lantherren und ratgeber gemainleich…) zu dieser Übereinkunft. Vom Ja der „Tiroler“ zeugen in eindrucksvoller Weise die 12 (von ehemals 14) an die Urkunde angebrachten adeligen Siegel. Schließlich übergibt Margarethe das Land im Gebirge an die Habsburger, indem sie Herzog Rudolf IV. und seinen beiden Brüdern Albert und Leopold bereits zu ihren Lebzeiten in die „gewere“ der Grafschaft Tirol setzte und sich selbst nur mehr die Regentschaft vorbehielt.

Die „ Zustimmung der ganzen Bevölkerung“ und nicht nur einiger herausragender Adeliger liege dem Übergang Tirols an das Haus Habsburg zugrunde; so schrieb ein Tiroler Historiker vor gut einem Vierteljahrhundert. Eine solche zugespitzte Aussage, die den Erwerb Tirols durch das Haus Habsburg von einem breiten Konsens und entsprechender Mitwirkungsmöglichkeit breiter Bevölkerungsschichten flankiert und getragen sieht, war bis in achtziger Jahre des 20.Jahrhunderts der Stand der historischen Forschung. Inzwischen werden die Ereignisse des Jahre 1363 deutlich zurückhaltender bewertet. Als unmittelbare Mitwirkende sind neben Margarethe und Rudolf IV. nur die Vertreter führender Tiroler Adelsgeschlechter belegt. Dies entspricht mittelalterlichen Verfassungsstrukturen: Kein spätmittelalterlicher Landesfürst konnte fundamentale, das Land betreffende Entscheidungen aus eigener Machtvollkommenheit heraus treffen. Stets war er auf die Mitwirkung und gegebenenfalls die Zustimmung der mächtigen Adeligen seines Herrschaftsbereiches angewiesen, die gemeinsam die sogenannten „Landgemeinde“ bildeten und für sich in Anspruch nahmen das Land zu repräsentieren. Deutlich wird zudem die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Landesherren, das gesamte Land zu repräsentieren und für das Land zu agieren. Sie handeln für „Land und Leute“, „Edle und Unedle“, „Arm und Reich“. Derartige Paarformeln sind standardisiert und regelmäßig in Zeitgenössischen Quellen zu finden. Sie unterstreichen, für das Land und seine Bewohner zu handeln und dürfen nicht als Beleg für eine Einbeziehung der städtischen und ländlichen Bevölkerung in den Willensprozess gewertet werden.

Auf Grund der Übertragung an die drei genannten Brüder Rudolf, Albert und Leopold wurden von dieser Urkunde drei Ausfertigungen hergestellt, von denen sich zwei im Wiener Haus- Hof– und Staatsarchiv befinden. Die dritte, die es auf Grund wechselvollen Schicksals des Innsbrucker landesfürstlichen Archivs nach München verschlagen hatte, ist heute wiederum im  Besitz des Tiroler Landesarchivs.

In den folgenden Wochen konnte Rudolf der Stifter die habsburgische Herrschaft konsolidieren, er setzte Vertrauensleute auf wichtige Posten, er zog die Städte durch die Gewährung von Privilegien auf seine Seite und sicherte den landesfürstlichen Einfluss in den Hochstiften von Brixen und Trient. Lediglich Teile des Adels standen den neuen Verhältnissen reserviert bis ablehnend gegenüber. Eine feindselige Haltung nahmen verständlicherweise die Wittelsbacher ein, die sich  mit dem Verlust der Grafschaft Tirol nicht abfinden wollten und für die Rückeroberung rüsteten. Angesichts der drohenden militärischen Auseinandersetzung konnte der im August neuerlich nach Tirol geeilte Rudolf IV. Margarethe am 29. September 1363 zum Verzicht auf die Statthalterrechte bewegen. Die Grafschaft Tirol ging nun endgültig in habsburgische Hände über. Die im November und Dezember 1363 zum Teil tief nach Tirol eingedrungenen Bayern konnte erfolgreich zurückgeschlagen werden. Ein endgültiger Verzicht der Wittelsbacher erfolgte aber erst durch den Frieden von Schärding 1369, viel Jahre nach dem Tode Rudolfs des Stifters. Die Belehnung von Seiten des Reiches und damit die Anerkennung durch Kaiser Karl IV. verbunden mit dem endgültigen Verzicht der Luxenburger auf Tirol hatte der Habsburger bereits im Jahre 1364 erlangt.

Die mit der Urkunde vom 26. Jänner 1363 erfolgte Übergabe der Grafschaft Tirol an die Habsburger bedeutete für diese eine beträchtliche Erweiterung ihres Territoriums und eine wichtige Voraussetzung für ihre weitere Expansionspolitik. Tirol schloss die bisherige Lücke zwischen dem alten Stammland in der Schweiz und den neu erworbenen Herzogtümern im Osten. Für unser Land selbst läuteten die Ereignisse von 1363 ein bis heute währende, 650 –jährige Zugehörigkeit zu Österreich. (Ausnahmen 1805 bis 1814 bei Bayern, 1938 bis 1945 III. Reich - Ostmark)

Der Herrschaftswechsel dürfte für die Masse der Bevölkerung vor allem auf zwei Ebenen greifbar geworden sein: erstens auf verheerende Weise durch die Verwüstungen, die die darauffolgende Auseinandersetzung mit den Wittelsbachern speziell im Inntal nach sich zogen; zweitens mussten sämtliche Tiroler Untertanen dem neuen Landesfürsten in Form des sogenannten Huldigungseids Treue schwören. Eine derartige „Erbhuldigung“ war in allen Ländern des Heiligen Römischen Reiches bei Regierungsantritt eines neuen Fürsten üblich.

Margarethe, deren skandalumwitterte Umstände ihrer Ehe bereits um 14. Jahrhundert zum Beinamen „Maultasch“ geführt hatte, verließ nach ihrem Regierungsverzicht Tirol und ließ sich in Wien nieder, wo sie im Jahre 1369 verstarb. Ihre letzte Ruhestätte fand sie in der Wiener Minoritenkirche.

*Interdikt (Römisches Recht)

Ein Interdikt (lat. interdictum) war im Römischen Recht ein Befehl des Prätors oder eines anderen bevollmächtigten Beamten (Prokonsul in Provinzen), der auf Antrag einer Person gegen eine andere erging, um eine Handlung zu erzwingen oder zu verbieten. (In Südtirol kennt man das leider heute noch)

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