Namensgeschichtlicher Abriss und Überlegungen zu einer modernen  Nomenklatur.

Auf einer Flasche Rotwein die ich in Südtirol kaufen wollte, las ich zu meinem Entsetzen die Aufschrift am Etikett - Herkunftsland Alto Adige. Der Wein war von der Kellereigenossenschaft St. Michal Eppan (auch viele andere Kellereigenossenschaften verwenden diese Bezeichnung). Selbstverständlich habe ich diesen Wein ins Regal zurückgestellt. Dieser bürokratische und hässliche Kunstbergriff „Alto Adige“ aus der nationalen Giftküche des frühen 20. Jahrhunderts beleidigt jeden Tiroler. Das Land Südtirol heißt amtlich wenn man es unbedingt auch italienisch ausdrücken muss „Provinza Autonoma die Bolzano“ Die Hinzufügung von „Alto Adige“ ist lediglich eine überflüssige Dienstbeflissenheit irgendwelcher Beamter der Südtiroler Weinwirtschaft (und auch sonstiger), weshalb sie auch jederzeit abgestellt werden muss.   

Südtirol und Alto Adige sind in den Köpfen der meisten Leute automatische Entsprechungen, zumal dieses Namenspaar von der Politik so vorgesehen wird. Da ist es fast schon ein Wunder, wenn in einem Land, in dem Alto Adige omnipräsent ist, vereinzelt auch Sudtirolo beharrlich seinen Weg geht und die eine oder andere Nische findet. Sudtirolo und Alto Adige bezeichnet zwar dasselbe Territorium, aber bei genauerer Betrachtung werden durch die jeweiligen Bezeichnungen völlig auseinanderstrebende Beziehungen und Gefühle geweckt, die das Süd-Tirol Geschichtsbild zwischen den Sprachgruppen umso mehr auseinanderklaffen lassen. Der deutsche Name Südtirol, der immer noch das Grundelement Tirol enthält, ist historisch richtiger als Alto Adige; daher ist im Italienischen die Übersetzung Sudtirolo auch wegweisend, schlicht und einfach ehrlicher. Blickt man hinter die Kulissen von Alto Adige, entdeckt man ein ganz bestimmtes nationalistischen Konzept: Auf der Grundlage der sogenannten „Naturgrenzgesetze“ sollte allen voran durch Ettore Tolomei, den „Erfinder des Alto Adige“ (nach Maurizio Ferrand), ein südlich des Brenners und westlich der Toblacher Felder befindlicher Tiroler Landesteil geleugnet werden und der historische Anspruch auf ein „Hochetsch“ begründet werden. Werfen wir einen Blick auf die Geschichte der Namensgebung.

Namensgeschichtlicher Abriss 13. Jahrhundert.

Seit dem Aufstieg der Grafen von Tirol, die ihren Namen von der Burg oberhalb von Meran ableiten, findet man den u.a. im Jahr 1254 die Bezeichnung dominium quondam domini comitis Tirolis (=Herrschaftsbereich der Grafen von Tirol) und im Jahre 1256 comicia Tyrolensis (= Grafschaft Tirol). Der älteste allgemein und unpolitische Name terra inter montes (= Land im Gebirge) wird mehr und mehr verdrängt.

14. Jahrhundert:

Margarete Maultasch übergibt 1363 „die Land und gegende an Etsch und daz Intal mit der burg von Tyrol“ den Habsburgern. Der Herrschaftsbereich der Grafschaft Tirol geht von der Hauptstadt Meran aus und erstreckt sich vorwiegend entlang der Etsch bis zur Ulzmündung (Ulz = Noce). Gebiete im Osten (Hayden / Ampezzo, Buchenstein, Pustertal) und im Nordosten (Rattenberg, Kufstein, Kitzbühel, Zillertal) kommen erst nach 1500 dazu. Aus diesen Gründen wird vor allem im 14. Jh. neben Tirol auch Etschland (lat. Partes Athasis) als Landesbezeichnung geführt.

15. bis 18. Jahrhundert

Meran wird 1420 als Landeshauptstadt von Innsbruck abgelöst. Das politische Gewicht verschiebt sich nördlich des Brenners. Der Name  Tirol, bzw. Gefürstete Grafschaft oder Land Tirol  ital. Contea prinipecka oder Provincia des Tirolo scheine sich zu festigen. Aber auch der Name Etschland, Land an der Etsch, ital. Longolades, Paese Longolades (Ades = Adige) bestehen weiterhin, dies jedoch zunehmend nur mehr als Landschaftsbezeichnung, die sich in der Regel auf das Etschtal zwischen Meran und Trient beziehen. 1762 wird auf einer Landkarte von Josef von Sperg ein Teil Tirols abgebildet. Es nennt sich Tyrolis pars  Meridionalis und reicht im Nordwesten bis Schlanders und im Nordosten bis Ampezzo. Erstmals wird ein Teil Tirols namentlich als im Süden befindlich wahrgenommen.

Anfang des 19. Jahrhundert

Im Jahre 1805 muss Österreich Tirol an Bayern abtreten. Der Name Tirol existiert nicht mehr. Offiziell gibt es nur mehr Südbayern. Diesem Umstand zum Trotz finden wir den Namen Tirolo des öfteren. Spätestens im Jahr 1809 tauchen die Bezeichnungen Tirolo meridionale und Tirolo italiano und Tirolo tedeso erstmalig auf, so beispielsweise in italienischsprachigen Korrespondenzen von Andreas Hofer und welschen Zeitgenossen. Tirolo meridionae und Tirolo italiano sind hier Synonyme: Sie beziehen sich auf das südliche Tirol vorwiegend welscher Zunge. Die Bezeichnung Tirolo tedesco bezieht sich auf das übrige Tirol etwa nördlich von Salurn.

1810 bis 1814

Auf Grund der Aufteilung Südbayerns (also das alte Tirol) durch Napoleon zwischen Bayern und Italien entstehen Südbayern und das Oberetsch – Department / Dipartmento dell´Alto Adige. Letzteres umfasst die heutige Provinz Trient (mit Ausnahme von Primör / Primero, Hayden / Ampezzo, Buchenstein und Toblach gehörten zum Dipartimento del Piave. Dass Verwaltungseinheiten nach Flüssen benannt werden, entspricht den französischen Gepflogenheiten.

19. Jahrhundert nach 1814

Nach der Wiederherstellung  Tirol und dessen Rückkehr zu Österreich tritt die Bezeichnung Südtirol/ Tirolo meridionale häufiger auf, aber auch hier immer nur als Landschaftsname. Anfänglich bezieht sich dieser auf das Oberetsch – Department inklusive Primör / Primero, als die heutige Provinz Trient, und die heutige Provinz Bozen bis Gargazon und Kollmann. Später deckt sich Südtirol / Tirolo meridunale vielmehr erneut mit dem italienischen Teil Tirols. Für den deutschen Teil Tirols, zu dem freilich auch Bozen gehört, ist aus Welschtiroler Sicht auch Tirolo settentrionale geläufig. Auf administrativer Ebene gelten ab Mitte des 19. Jahrhunderts Deutsch- Tirol / Tirolo tedesco für das deutsche Tirol (außer Deutschnonsberg, Truden und Altrei) und Ladinien (außer Fassatal), und Welsch-Tirol / Tirolo italiano für das italienische Tirol (einschließlich Deutschnonsberg, Truden und Altrei) und das ladinische Fassertal. Mit Tirolo italiano konkurrierte im Italienischen schon seit den 1840 Jahren der von den Irrendentisten bevorzugte begriff Trentino, der „das Trentinische“ bedeutet. (Sie wollten keine Tiroler mehr sein)

Ende des 19. Jahrhundert

Der extreme Roveretaner Nationalist Ettore Tolomei (Totengräber Südtirols) beginnt seinen Kampf um die Gewinnung Deutsch – Tirols südlich des Brenners und westlich der Toblacher

Felder. Um jede Gemeinsamkeit mit Tirol zu leugnen, prägt er für dieses Territorium den Begriff  Alto Trentin. Indes wird in der Reiseliteratur das deutsche südlich des Brenners

gelegene Tirol auch Deutsch – Südtirol / Tirolo merdionale tedesco beworben, das sporadisch dem welschen Südtirol (Trentino) gegenübergestellt wird.

1906

Tolomei lässt Alto Trentino endgültig fallen und gräbt Napoleons Alto Adige aus, nachdem dieses seit 92 Jahren verschwunden war und für ein ganz anderes Gebiet gegolten hat. Hinter der Übertragung von Alto Adige auf das südliche des Brenner und westlich der Toblacher Felder befindliche Deutsch - Tirol (ohne Deutschnonsbeg und Altrei) und Ladinien (ohne Hayden / Ampezzo und Buchenstein) steckt die von Tolomei für seine irrendentistische Zwecke ( Irredentismus  - eine 1866 nach der Einigung Italiens entstandene Bewegung in den italienischsprachigen Gebieten Österreich-Ungarns, die den Anschluss an Italien anstrebten) missbrauchte Idee der natürlichen Grenzen an der Wasserscheide zwischen dem Einzugsgebiet der Etsch, die in die Adria fließt und ins Mittelmeer mündet, und dem Einzugsgebiet des Inns und der Drau, die beide in die Donau fließen und ins Schwarze Meer münden. Tolomei wörtlich in Bezug auf die Etsch und sein Alto Adige: Finche´decorre il rivo e il fiume in giu´, la ragione l´ho io. Cazione che il fiume e il rivo andassero allínsu´, diro´che e hai regione tu.” Für die heutige Provinz Trient (inklusive Deutschnonsberg und Altrei) treibt Tolomei die Bezeichnung Trentino voran. Indes sind in der österreichischen Verwaltungssprache einerseits nach wie vor die Bezeichnungen Deutsch – Tirol / Tirolo tedesco und Welsch – Tirol / Tirolo italiano geläufig, andererseits findet man auch Bezeichnungen Südtirol / Tirolo settentrionale als Landschaftsnamen. Wenn Südtirol / Tirolo meridionale für Gebiete unmittelbar südlich des Brenners gilt, umfasst dieser Begriff freilich auch den Bezirk Lienz.

1918

Annexion Tirols südlich des Brenners und westlich von Arnbach (Gemeinde Sillian) durch Italien. Plötzlich nimmt man es mit dem vielzitierten Prinzip der Wasserscheide nicht mehr so genau. Im Hochpustertal wird die neue Grenze nicht quer durch die Toblacher Felder gezogen, sondern auch die im  Einzugsgebiet der Drau liegenden Orte Sexten und Innichen werden aus militärischen Gründen (Zugang über Comelico) vom Bezirk Lienz abgetrennt. Tolmeis Stunde ist gekommen: das annektierte deutsche Tirol (ohne den Deutschnonsberg und Altrei), aber mit Gröden und dem Gadertal) erhält die Bezeichnung  Alto Adige. Alto Adige mit dem Bestandteil Adige weist nach Süden. Jede namentliche Verbindung zu Tirolo, wie etwa Tirolo meridionale, das nach Norden weisen würde, ist somit aus dem Weg geräumt. Mit dem Erweb von Sexten und Innichen hätte nicht einmal Tolomei gerechnet, da diese nicht im Einzugsgebiet der Etsch liegen. Diese beiden Gemeinden bekommt Italien aber als eine Art Zusatzbonus. (Auch die Unrechtgrenze am Brenner liegt nicht genau an der Wasserscheide)

1923

Verbot des Landesnamen Tirol / Tirolo mit sämtlichen Ableitungen. Erlaubt sind nur Alto Adige / Oberetsch und der Einwohnerbezeichnung Atesino / Etschländer. Das von Italien annektierte Tirol wird zu einer Großprovinz mit der Hauptstadt Trient. Hayden / Ampezzo und Buchenstein kommen zur Provinz Belluno. Tolomei selbst zieht im Deutschen den eigenhändigen rückübersetzten Begriff Hochetsch dem napoleonischen Oberetsch  vor.

1927

Das Oberetsch / Alto Adige wird eigene Provinz mit der Hauptstadt Bozen, heißt somit offiziell als Körperschaft Provinca di Bolzano. Der Deutschnonsberg, Altrei und das Unterland bleiben bei der Provinz Trient. Die Region, die beide Provinzen umfasst, heißt Venezia Tridentina.

1948

Durch das 1. Autonomiestatut wird die Region umbenannt: Regione autonoma Trentino – Alto Adige / Autonome Region Trentino – Tiroler Etschland. Die Bezeichnung Südtirol ist immer noch verboten, da diese durch das Element „Süd“ an ein geteiltes Tirol erinnern würde. Der Deutschnonsberg, Altrei und das Unterland werden der Brovinz Bozen angegliedert. Diese heißt offiziell Provincia autonoma di bolzano / Autonom Provinz Bozen.

1970

In zweisprachigen Wörterbüchern taucht unter dem Begriff Südtirol neben Tirolo meridionale erstmals die italienische Entsprechung Sudtirolo auf. Schriftlich ist diese Bezeichnung Sudtirolo bzw. die Ableitung sudirolese aber spätestens schon seit den 1940er Jahren bezeugt, wenn auch nur lückenhaft. Man muss bedenken, dass der deutsche Name Südtirol, geschweige ein italienisches  Tirolo meridonale oder Sudtirolo, immer noch verpönt sind. Der Begriff Alto Adige wird dagegen von Anfang an in den Wörterbüchern mit Oberetsch-Gebiet und später mit Tiroler Etschland übersetzt, mit letzterem zum Teil auch noch heute.

1972

Der deutsche Name Südtirol ist bis zu diesem Jahr als Eigenbezeichnung auf allen öffentlichen Dokumenten tabu. Durch das 2. Autonomiestatut wird die Region im Deutschen umbenannt: Autonome Region Trentino - Südtirol. Die Kunstkomposition Tiroler Etschland wird fallengelassen. Die offizielle Wiederherstellung des Namens Südtirol ist – wenn auch nur in Bezug auf die Region Trentio – Südtirol -  „ein später Akt historischer Gerechtigkeit“. Allerdings hat man es unterlassen, den Landesnamen auch in der italienischen Nomenklatur wiederherzustellen. Dieser würde Tirolo meridionale oder Sudtirolo lauten. Tolomeis Alto Adige bleibt – in Bezug auf die Region Trentino - Alto Adige beibehalten. Die Provinz Bozen heißt laut beiden Autonomiestatuten Provinca autonoma di Bolzano / Autonome Provinz Bozen und laut Verfassung nur auf Italienisch Provinca autonoma di Bolzano. Auf Landesebene wird mit Inkrafttreten des 2. Autonomiestatuts die Kurzform Südtirol an die offizielle Bezeichnung Autonome Provinz Bozen angehängt. Offenbar besteht das Anliegen, Südtirol auch in die Bezeichnung für die Provinz mit einfließen zu lassen. Gleichzeitig wird aber Tolomeis Alto Adige in der italienischen Diktion Provinca autonoma di Bolzano eingeschleust.

2001

Laut neuem Verfassungsgesetz zur Föderalismusreform lautet der Name für die Region nunmehr offiziell Trentino – Alto Adige / Südtirol. Der Text im Wortlaut: „La Regione Trentino Alto Adige / Südtirol e´costituita della Province autonome di Trento e di Bolzano.” Der Name Südtirol gilt also nach wie vor nur in Bezug auf die Bezeichnung für die Region (und nicht für die Provinz!) und nur in Verbindung mit Alto Adige. Es ist immer noch kein Ersatz von Tolomeis Alto Adige durch Sudtirolo vorgesehen. Auf Landesebene wird nach wie vor – konträr zur Landesbezeichnung im Autonomiestatut und in der Verfassung – die Taulogie Autonome Provinz Bozen – Südtirol / Provincia autonoma die Bolzano – Alto Adige geführt.

Überlegungen zu einer modernen und gerechten Nomenklatur

Die derzeitig auf Landesebene amtliche Nomenklatur Autonome Provinz Bozen- Südtirol / Provincia autonoma di Bolzano – Alto Adige  ist in beiden Sprachen zu schwerfällig, semantisch inkorrekt und in Bezug auf  Alto Adige  nationalistisch – faschistisch konnotiert. Was das Deutsche betrifft, so gibt es entweder nur eine Autonome Provinz Bozen oder ein Land Südtirol. Die Bezeichnung Land Südtirol entspricht zunehmend dem deutschen Sprachgebrauch, zumal die vielen Abteilungen ja auch Südtiroler Landeshauptmann, Landesregierung, Landtag usw. heißen. Was das italienische betrifft, so ergibt hier nur die Bezeichnung Provincia autonoma di Bolzano (also ohne Alto Adige) einen Sinn. Die Provinz Trient heißt ja auch nicht Provincia autonoma die Trento-Trentino. Eine amtliche Nomenklatur Land Südtirol / Provincia autonoma die Bolzano entspräche dem natürlichen Sprachgebrauch und Sprachempfinden. Als deutsche Kurzform kommt freilich Südtirol in Frage. Und dieses konnte im Italienischen vollinhaltlich nur Sudtirolo entsprechen. Die Bezeichnung Sudtirolo stellt eine wortbildungsmäßig modernere Form zu dem älteren Tirolo meridionale dar, und man findet sie mittlerweile  in fast allen zweisprachigen Wörterbüchern.  Weder Alto Adige / Südtirol noch Sudtirolo sind im Bezug auf die Provinz von der italienischen Verfassung bzw. vom Autonomiestatut vorgesehen.

 Der Akt der historischen Gerechtigkeit in Bezug auf die offizielle Bezeichnung des Landes ist erst dann gänzlich vollzogen, wenn auf amtlicher Ebene im Deutschen der Langform Land Südtirol mehr Gewichtung beigemessen wird, als der aus dem Italienischen rückübersetzten Langform Autonome Provinz Bozen.

Uns vom Andreas Hofer Bund Tirol wundert es, dass die „weltbeste Autonomie“ dies nicht ändern kann oder will. Uns wäre es natürlich  am allerliebsten wenn es kein Land Südtirol, kein Land Ost– bzw. Nordtirol gäben würden, sondern nur ein Land Tirol das alle Landesteile unter einer österreichischen Regierung beherberg. Landschaftsbezeichnungen kann es natürlich weiter geben.

Denn Tirol isch lei oans.          

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