UM TIROLS FREIHEIT
Als Soldat der sächsischen Rheinbunddivision im Jahre 1809 in Tirol

Nachdem Erzherzog Karl am 12. Juli 1809 den Waffenstillstand von Znaim abgeschlossen hatte, der die Räumung Tirols und Vorarlbergs durch die österreichischen Truppen vorsah, standen dem französischen Imperator hinreichend Streitkräfte zur Verfügung, um des Aufstandes in Tirol Herr zu werden. Von Italien, Kärnten, Oberbayern und Salzburg her sollten Heeressäulen, insgesamt an die 50.000 Mann, in Tirol einmarschieren. Die Hauptrolle fiel dabei dem Korps des Marschalls Lefebvre, Herzog von Danzig, zu. Er sollte mit den bayrischen Divisionen Kronprinz (Raglovich) und Deroy sowie der 3. rheinbündischen unter dem französischen Gneral Rouyer von Salzburg her in Tirol einrücken. Die einmarschierenden Truppen waren in Tirol auf keinen nachhaltigen Widerstand gestoßen. Solchem begegnete erst die Division Rouyer, als sie auf dem Weg nach Brixen, wo sie sich mit den aus dem Pustertal und Etschtal heranrückenden französischen Divisionen zu vereinigen hoffte, die Eisackschlucht passieren wollte. Der Versuch scheiterte kläglich am Widerstand des Anfang August von Andreas Hofer aufgebotenen Tiroler Landsturmes aus dem Eisack- und dem vorderen Pustertal. Diese Niederlage hatte entscheidenden Einfluss auf die Weiterentwicklung der Volkserhebung in Tirol. Denn währe es der Division Rouyer gelungen, Brixen, den militärischen Schlüsselpunkt des Landes, welchen der mit den letzten österreichischen Truppen nach Kärnten abziehenden kaiserliche General von Buol am 2. August geräumt hatte, zu besetzen, so wäre ein weiterer Kampf der Tiroler wohl aussichtslos gewesen und es währe kaum zu der für sie so erfolgreichen Bergiselschlacht am 13. August gekommen.

Den einheimischen Geschichtsschreibern, vor allem Michael Mayr und Josef Hirn, standen über die kriegerischen Vorgänge, die sich in den ersten Augusttagen 1809 in der Eisackschlucht zwischen Mauls und dem heutigen Franzensfeste abspielten, als tirolische Geschichtsquellen in erster Linie die Aufzeichnungen des damaligen Kooporators von Villander, Josef Gruber, des Kaplans von Schabs, Paul Wassermann, und des Kuraten von Weitental, Georg Lantschner, was aber die Rheinbundseite anlangte, das Werk des sächsischen Majors ( 1809 Leutnants ) Ludwig von Seebach „ Geschichte der Feldzüge des herzoglichen Sachen-Weimarschen Scharfschützenbataillons im Jahre 1809 und des Infanterieregiments der Herzoge von Sachsen in den Jahren 1807, 1809, 1810 und 1811“ (Weimar 1838) und Alexander von Schauroths „Im Rheinbundregiment – nach Aufzeichnungen des damaligen Leutnands Wilhelm v. Schauroth“ (Berlin 1905) zur Verfügung. Schauroth hat die in Rede stehenden Kampfhandlungen nicht selbst erlebt, da er im Juli 1809 krank in Salzburg zurückgeblieben war und über das Schicksal seines Regiments in Tirol erst nach dessen Rückkehr nach Salzburg am 20. August aus dem Munde von Kameraden Näheres erfahren hat.

Man besitzt aber noch  eine, meines Wissen selten verwendete Quelle, und zwar das Tagebuch eines gewissen Gottlieb Krüger, der aus einem Dorf in der Nähe von Dessau stammte und im Frühjahr 1809 das Unglück hatte, ein Marschlos zu ziehen, daher zu dem 5. rheinbündischen Regiment Anhalt-Lippe einrücken musste und als einfacher Soldat dieses Truppenkörpers auch den Feldzug in Tirol mitgemacht hat. In seinem schon kurz nach den napoleonischen Kriegen veröffentlichten und auch in das Werk „Die ersten Kriegszüge des Anhaltischen Regiments 1807 – 1814“ (Dessau 1907) aufgenommenen Tagebuch schildert er anziehend und anschaulich seine mannigfachen Erlebnisse während der mehrjährigen Militärdienstzeit zuerst in Deutschland, dann in Tirol. Ab dem Winter 1809 in Spanien, wo er mit seinem Bataillon im März 1810 nach ungeheuren Strapazen in spanische Kriegsgefangenschaft geriet und dann in ein englisches Scharfschützenbataillon eintrat, als dessen Korporal er nach vielen Gefechten von den Franzosen gefangengenommen wurde. 

Wenn seine Berichte über die Ereignisse in Tirol an manchen Stellen berichtigt werden müssen, so ist dies wohl vor allen darauf zurückführen, dass er seine fast durchwegs undatierten Aufzeichnungen anscheinend erst geraume Zeit nach betreffenden Erlebnissen, ja wahrscheinlich erst nach seiner im Jahre 1814 erfolgten Rückkehr in seine Heimat gemacht hat. Dabei sollen sie nicht nur mit Seebachs und Schauroths Angaben konfrontiert werden, sondern es soll auch aus den Aufzeichnungen manche in die gangbare Literatur über das Jahr 1809 nicht übernommene Notiz eingeflochten werden.

In der Nacht vom 31. Juli zum 1. August erreichte das Korps Lefebvre Innsbruck und lagerte vor der Stadt auf den Wiltener Feldern. Auf Befehl zur Ablieferung alle Waffen wurden, wie Schautoth berichtete, alte verrostete Flinten, Pistolen, Säbel und Degen, aber nicht eine brauchbare Büchse zum Rathaus geschleppt. Nach Schauroth soll Lefebvre den damals in der Gegend von Sterzing weilenden Andreas Hofer zu einer Besprechung eingeladen und von einem bäuerlichen Parlamentär dessen folgende mündliche Antwort empfangen haben:

„ Guten Morgen, Herr General! Unser General und mein Gevattermann lößt Enk schön grüßen, Ihr habt´s ihn eingloden, es soll herein kämen; er geht aber net eine, wenn´s was mit ihm zu besprechen habt´s, so sollt´s außer kämen in sein Zelt – Adjes Herr General!“

Eine Unterredung zwischen Lefebvre und Andreas Hofer hat jedenfalls nicht stattgefunden. Am 2. August trat die Rheinbunddivision den Marsch nach Sterzing an, ohne bis dorthin auf einen Feind zu stoßen. Sie bestand aus dem Regiment der Herzoge von Sachsen, aus dem 5. Rheinbundregiment, nämlich dem zwei Bataillone starken Regiment der Herzoge und Fürsten von Anhalt und Lippe, und dem zum 6. Rheinbundregiment gehörigen Bataillon Waldeck und Reuß; beigegeben waren ihr das 4. bayrische leichte Reiterregiment und die bayrische Batterie Vandouve, Insgesamt zählte der Zug 6000 – 7000 Mann. Die stärkste Truppe war das ersterwähnte Regiment mit drei Bataillonen, zusammen ungefähr 2200 Mann. Es vereinte in nach Territorien  formierten 14  Musketier - (Füselier-), zwei Grenadier- und zwei Voltigeu- ( das ist Plänkler- ) kompanien, die Kontingente der thüringischen Kleinstaaten der Ernestinischen Linie des Hauses Wettin, nämlich von Gotha-Altenburg, Koburg, Meiningen, Weimar und Hildburghausen. Aus der Zusammensetzung der Divisionen ergibt sich, dass die,für sie in der Literatur gebrauchten Bezeichnung als „sächsische“ nur mit erheblicher Einschränkung zutrifft.

Wenn wir nun Krügers Tagebuch aufschlagen und darin lesen: „Wir marschieren nun auf Sterzing und bezogen dort ein Lager, wo der Hunger bald anfing uns zu quälen“, so stimmt das mit anderen Berichten überein, insbesondere mit anderen Bemerkungen bei Seebach über mangelhafte Verpflegung der Division, als diese am 3. August in Sterzing einen Rasttag hielt.

Seebach berichtet weiter, dass Royer an diesem Tag zwei Leutnants mit 60 Mann vom 3. (leichten) Bataillon des vorerwähnten Regiments und 40 bayrische Chevauxlegers zum Rekognoszierung gegen Brixen sandte, (er wollte sein Mittagessen in Bixen einnehmen ) dass diese Truppe bald nach Mauls beim einsamen Wirtshaus „Im Sack“ auf einen Feind stieß und, bei dessen Verfolgung auf der Landstraße vordringend, plötzlich von 500 hinter Felsen und in dichtem Wald postierten Tirolern beschossen wurde. Nach diesem Scharmützel, bei dem aber nur ein Trompeter den Tod fand, sei das Detachement über das nun menschenleere, aber mit Wagen und Gerätschaften versperrte Dorf Mauls nach Sterzing zurückgekehrt. Krüger weiß zu  erzählen auch von einem vereitelten, von 3000 Tirolern unternommenen Versuch, Sterzing, das die Division immerhin einigermaßen versorgte, niederzubrennen, und der Vernichtung und Gefangennahme dieser 3000 Tiroler. Es dürfte sich hier wohl um eine Erfindung seiner Phantasie handeln.

Am frühen Morgen des 4. Augustes trat die Division Rouyer ihren Weitermarsch nach Süden an, in Sterzing nur eine Gotha-Altenburgische Musketierkompanie zurücklassend, welche die Verbindung mit einem auf dem Brenner stehenden Detachement zu unterhalten hatte. Seebacher zufolge bildete das 3. (leichte) Bataillon des Regiments der Herzoge von Sachsen unter Major v. Germar die Vorhut. Es bestand aus fünf  Musketierkompanien  aus Weimar und einer Füselierkompanie aus Hildburghausen. Die Spitze der Vorhut bildeten fünfzig ausgewählte Weimarer Büchsenschützen unter einem Leutnant. Der Vorhut folgten dann das 1. und 2. Linienbataillon des genannten Regiments, hierauf zwei Eskadronen des 4. bayrischen Chevauxlegersregiments, eine sechsfpündige Kanone und eine Haubitze der bayrischen Batterie Vandouve, das Regiment Anhalt-Lippe, das Bataillon Waldeck-Reuß, der übrige Teil der Batterie Vandouve, endlich der Rest des 4. bayrischen Chevauxlegersregiments.

Da Krügers Abteilung in der Mitte des Zuges eingeteilt war, so erlebte er natürlich aus eigener Anschauung nicht soviel wie die Angehörigen des vorne marschierenden Regiments der Herzoge von Sachsen, welche als erstes immer wieder auf den Feind traf. Die Schilderung, die Krüger von diesem Vormarsch gibt, ist immerhin lesenswert.

„Jetzt brachen wir aus unserem Lager auf und marschierten auf Brixen. Das ist eine gute Festung und der Weg dahin sehr schmal und gefährlich; es ging unten in einem Tal entlang, rechts hatten wir einen Fluß und links hohe Gebirge und Felsen. Auf diesem Marsch beunruhigten uns die Tiroler außerordentlich; sie wälzten große Steine von den Bergen herab und tötenden und verwundeten manchen von uns, weshalb wir unseren Marsch so eilig als möglich fortsetzen mussten, um aus diesem Engpaß zu kommen.

Als wir Brixen näher kamen, hatten die Tiroler durch Verhaue uns den Weg versperrt, und jetzt mußten die Sappeurs vor, um dieselben aufzuräumen, allein die in den Felsen versteckten Tiroler machten ein so gutes Feuer auf sie, dass mehrere davon getötet oder Verwundet wurden, die übrigen aber flüchten mussten. Nun hieß es: „Jäger vor!“ – Diese mussten über die Verhaue setzen, die versteckten Tiroler aufsuchen und vertreiben; dadurch ward der Weg wieder frei und wir setzten unseren Marsch eiligst fort.“

Die Meinung Krügers, dass Brixen, wohin er nie gekommen, eine Festung gewesen sei, ist ein Irrtum. Was die von ihm erwähnten, den Weg versperrenden Verhaue anlangt, so stieß auf das erste nach von Seebach die Vorhut der Division schon bald nach Mauls; es konnte binnen kurzem beseitigt werden. Nachdem die Vorhut sodann unter gegenseitigem Gewehrfeuer die Tiroler Schützen zurückgetrieben hatte, stand sie eine Viertelstunde hinter dem verlassenen Wirtshaus „Im Sack“ vor einem weit stärkeren Verhau. Es wurde von den Sappeuren aller Truppenkörper unter heftigem Kugelregen der hinter Felsen und Büschen schießenden Tiroler aus dem Weg geschafft. Kaum war dieses Hindernis beseitigt, als von der linken Bergflanke, dem Raitsteinberg, die ersten von den Tirolern mit Pulver gesprengten oder sonst losgewälzten Steinlawinen auf die zwischen Berghang und Fluss eingezwängten schmale Landstraße niedergingen und unter dem leichten Bataillon Tod und Verderben verbreiteten. Nachdem dieses truppweise die gefährlichen Stellen passiert hatte, stieß es während die nachrückenden Truppenteile, aus dem Walde fortwährend beschossen, die Straße von Felsentrümmer, Baumstämmen und zerschmetterten Leichen zu säubern suchten, auf neuerlichen heftigen Widerstand bei dem von den Tiroler hartnäckig verteidigten, unmittelbar auf die enge Straße stoßenden Postgasthauses von Mittewald. Dieses Hindernis konnte erst nach Artilleriebeschuss genommen werden. – Heute sind noch an der Mauer dieses Gebäudes zwei bayrische Kanonenkugeln zu sehen. Wenn Krüger im folgenden von der Erstürmung einer Burg spricht, so stand ihm vermutlich dieses von den Tirolern zu einem Bollwerk ausgestattete Postgasthaus in Mittewald vor Augen, denn eine Burg war und ist in dieser Gegend, abgesehen von Welfenstein, das ja die Kolonne schon kampflos passiert hatte, nicht gelegen. Von den von ihm erwähnten drei riesenhaften Besitzern der Burg hören wir sonst nirgends etwas. Wir waren noch nicht weit gekommen, als eine Burg vor uns lag, unter welcher unser Weg durch ein hohen Bogentor hinweggehen sollte; dieses Tor aber war verschlossen und von innen verrammelt und der Weg davor mit Wagen verfahren. Ins Tor selbst, sowie ins Gemäuer hatten die Tiroler Schießscharten gemacht, aus welchen sie furchtbar unter uns feuerten, so dass es nicht möglich war, heran zu kommen und Kanonen dagegen auffahren zu lassen.

Das Tor ward eingeschossen und im Sturmschritt ging es nun gegen die Burg heran. Als wir hineindrangen, fanden wir daselbst noch drei riesenhafte Tiroler, die uns den Einmarsch streitig machen wollten, da sie aber unser Eindringen nicht verhindern konnten, begaben sie sich, leider zu spät, auf die Flucht, denn sie wurden von bayrischen Reitern bald eingeholt und niedergemacht. Es fand sich nun, dass diese drei Helden, welche wohl ein besseres Schicksal verdient hätten, der Besitzer dieser Burg mit seinen zwei Söhnen waren.“

Die Vorhut der Sachsen hatte schon vor dem Kampf bei Mittewald ansehnliche Verluste gehabt, laut Seebach waren allein von den 50 Mann der Spitze bereits 20 durch Kugeln und Steine getötet oder verwundet worden. Nach Schauroth ist vor dem Verhau vor Mittewald oder unmittelbar vor diesem Ort selbst der Französische Kriegskommissär nebst dem General tot vom Pferd gefallen. Die Tiroler suchten sich, nachdem sie Mittewald geräumt, über einen Steg auf das rechte Eisackufer zu retten, die beiden Voltigeurkompanien des Regiments der Herzöge von Sachsen folgten ihnen und sollten gleichzeitig ihrem auf der Hauptstraße gegen Oberau unter dem fortwährenden Feuer der Tiroler vorrückenden Regiment als rechte Flankendeckung dienen. Auf dem Weg dorthin wurde die Hauptkolonne von einer neuen, noch furchtbareren Steinlawine überrascht. Krüger, der sie anscheinen ganz nah erlebt hat, schilderte diese Katastrophe wie folg:

„ Wir gingen nun auf Brixen weiter und waren noch nicht weit gekommen, als die Tiroler die Felsen neben oder über unserem Weg mit Pulver sprengten. – Dies tat furchtbare Wirkung; ungeheure Felsenmassen rollten auf uns herab und zerschmetterten ganze Glieder; Bäume, die am Abhang standen, wurden mit niedergerissen und erschlugen 20 bis 30 unserer Leute mit einem Male, und was von Steinen noch zurückblieb, wälzten die Tiroler herab. Es schien, als sollten wir hier vernichtet werden; unsere Lage war erschrecklich; der Weg war so schmal, der nahe Fluß reißend und tief, und die Berge, von wo herunter Tod und Verderben kam, hoch und steil. – In dieser großen Angst und Not wurde ich gewahr, wie ein Feldwebel von den Gotharen, um sich vor einem großen Stein, der auf ihn angerollt kam, zu sichern, hinter einem großen Baum sprang; dieser am Abhang stand, so glitschte der Feldwebel aus, umschlang unwillkürlich den Baum, um sich zu halten, als gerade der Stein an denselben anschlug und dem armen Teufel Hände und Arme gänzlich zerschmetterte.“

Das leichte Bataillon Weimar-Hildburghausen bahnte, unterstützt von den abgesessenen Chevauxlegers, auf der schmalen Landstraße langsam und unter großen Verlusten vorgehend, der nachfolgenden Kolonne den Weg über den Weiler Oberau hinaus. Als es dann, um den Marsch nach dem auf dem rechten Eisackufer gelegenen, im heutigen Stausee untergegangenen Ansitz Unterau und weiter nach Brixen fortsetzte, die Peißerbrücke südlich von Oberau überschreiten wollte, stieß es auf besonders heftigen Widerstand der von allen Seiten feuernden und auch wieder eine mächtige Steinlawine herunterlassenden Tiroler Schützen, denen sich etliche aus der französisch-bayrischen Gefangenschaft geflohenen österreichisch Jäger, sogenannte Ranzioniere, angeschlossen hatten. An einem Sturm gegen das von den Tirolern vor der Brücke errichtete Verhau haben sich nach Seebachs Schilderungen auch die beiden ersten Bataillone des Regiments der Herzoge von Sachsen und das Bataillon der Herzoge von Anhalt beteiligt. Krüger erwähnt von dieser Aktion nichts, auch nichts davon, dass das Verbrennen der hölzernen Brücke durch die Tiroler ihr Überschreiten und damit das Gewinnen des anderen Ufers unmöglich machte; er spricht vielmehr im Anschluss an die oben zitierte Stelle gleich von dem seinem Bataillon auch laut Darstellung Seebachs anbefohlenen Rückzug mit folgenden Worten:

„Es blieb uns nun weiter nichts übrig als der eiligste Rückzug; denn vorwärts zu gehen war unmöglich, da der schmale Weg durch Felsenstücke gänzlich versperrt worden war; wir mussten linksum machen und 500 Tote zurücklassen. In dieser Verwirrung schossen die Tiroler immer von den Bergen herunter und töteten oder verwundeten noch manchen von uns; jetzt lief, wer laufen konnte.“   Von den erbitterten Kämpfen, die das leichte Bataillon am 4. August gegen die von Haspinger, Speckbacher und dem Mahrerwirt Peter Mayr geführten Schützen noch weiter zu bestehen hatte, und vom Vordringen des Bataillons über einen bei Oberau rasch errichteten Notsteg auf dem rechten Eisackufer bis Unterau nahe der späteren Festung Franzensfeste, ferner davon, dass das Regiment der Herzoge von Sachsen schließlich zwischen Oberau und Unterau Verteidigungsstellungen bezog und im Freien biwakierte, weis Krüger begreiflicherweise nichts zu erzählen. Seine Angabe von den 500 Toten ist, schon gar, wenn sie sich nur auf den 4. August beziehen soll, übertrieben. Jenes Regiment hatte laut Seebach an diesem Tage neun Offiziere und 198 Mann an Toten und Verwundeten zu beklagen – als gefallene Offiziere die bei Oberau unter drei großen Bäumen beigesetzten Brüderpaare Kapitäne und Secondeleutnants von Schierbrandt und von Hoenning; nach Schauroth kostete der Tag dem Regiment sechs gefallene und verwundete Offiziere und 400 Mann.

Wie es Krüger in der Nacht vom 4. auf 5. und am Morgen dieses Tages, den er irrtümlich als 4. August bezeichnete, ergangen ist, beschreibt er folgendermaßen:

„ Jenseits der Burg machten wir halt, und als wir uns hier wieder versammelt hatten, war es unterdessen dunkel geworden und so mussten wir übernachten, wo wir waren. Zu essen gab es hier nichts, und Feuer durften wir auch nicht machen, aus Furcht, von den Tirolern dabei totgeschossen zu werden. Jeder richtete sich so ein, so gut es ging; aber nach einigen Stunden fing es so furchtbar an zu regnen, dass keiner von uns einen trockenen Faden am Leibe behielt; diese Nacht war fürchterlich lang! Endlich dämmerte der Morgen, und wir sahen, dass es auf den Gebirgen so geschneit hatte, dass die Zacken der Bäume vom Schnee gebogen und die Kornmandeln verschneit waren; dies war am 4. August. Hungrig und durchnässt setzten wir unseren Marsch nach Sterzing fort, bis wir unweit davon ein Lager aufschlugen, wo wir hofften, uns von den großen Strapazen erholen zu können. Wer nicht auf Posten stand, suchte sich ein Abendbrot zu bereiten und dann zur Ruhe zu begeben.“

Als General Rouyer am 5. August bei Morgendämmerung, um nicht umzingelt zu werden, mit einem Teil der erschöpften und hungrigen Truppen seiner Division den sehr gefährlichen Rückzug nach Sterzing antrat, ließ er in der erreichten Verteidigungsstellung das nur mehr ungefähr 1400 Mann starke Regiment der Herzoge von Sachsen unter Oberst von Egloffstein zurück. Dieser zog sich, nachdem er mit seiner Truppe vom frühen Morgen bis zum Nachmittag gegen die von allen Seiten andrängenden Tirolern sich tapfer gewehrte und vergeblich auf Hilfe seitens Rouyers gewartet hatte, mit der kleineren Hälfte des noch vorhandenen Regiments und den beiden Geschützen, die ihre ganze Munition verschossen hatten, zunächst bis Mittewald und weiter bis Sterzing zurück, wobei die Kolonne von den auf den Berglehnen versteckten Tiroler Schützen fortwährend heftig beschossen und von den herabgewälzten Steinmassen getroffen wurde. Noch größere Verluste als diese Truppe aber erlitt der vom Oberst in Oberau auch zum Schutz der dort untergebrachten vielen Verwundeten zurückgelassene andere Teil seines Regiments. Diese tapfere Schar hat sich schließlich am Abend des 5. August, völlig abgekämpft, ohne Nahrung und Wasser, nachdem sie fast ihre ganze Munition verschossen, der Übermacht der die drei Häuser des Weilers einschließenden Tiroler ergeben. Ein hierbei dem Major von Bose abgenommenes „ Ordre, Parole und Feldgeschy Buch für dessen Bataillon vom 11. März 1809 befindet sich im Innsbrucker Zeughaus. Von den ca. 600 Gefangenen kamen die unverwundeten Offiziere zunächst auf das Schloss Rodeneck, die verwundeten nach Brixen und die verwundete Mannschaft in das Kloster Neustift. Die anderen Soldaten wurden Bauern zur Arbeit überlassen. Die Mehrzahl kam ins Sarntal, größere Partien auch nach Klausen und nach Vöran. Am 6. November  erlangten Sie durch den französischen General Vial, der sie nach Innsbruck schickte, die Freiheit. Der Verwundete und bei der Gefangennahme misshandelte Oberst von Henning erlag in Brixen seinen Verletzungen. Die anderen Offiziere wurden bald nach ihrer Gefangennahme nach Bozen, Meran oder Innsbruck gebracht und auf Veranlassung Andreas Hofers gut behandelt.

Während sich das Schicksal des Regiments der Herzoge von Sachsen auf die geschilderte tragische Weise in der danach benannten „Sachsenklemme“ erfüllte, lagerte das Gros der Division wiederum bei Sterzing. Wenn Krüger erzählt, dass ihre Lager dort bei Einbruch der Nacht unter Wasser gesetzt worden sei, weil die Tiroler den nahen Fluss zugedämmt hatten, so dass das Wasser das Ufer überstieg und die Ebene, auf welche das Lager stand, überschwemmte, so erliegt er einem Gedächtnisfehler, denn dieser auch von Schauroth geschilderte Wasserüberfall – die Tiroler hatten ihn durch Öffnung der zur Wiesenbewässerung bestimmten Schleuse des Eisacks bewirkt – hat bereits in der Nacht vom 3. auf 4. August stattgefunden. Es stimmt auch nicht ganz, wenn Krüger weiter berichtet:

„In der Verwirrung, in die uns die Verschwemmung setzte, erhielten wir auch noch die Nachricht, dass der Sandwirt mit 40.000 Mann am Marsche sei, um hinter dem Gebirge herum uns quervorzukommen und uns den Paß zu verrennen. Wir erhielten sogleich Befehl, unsere Siebensachen aufzupacken und uns still auf den Marsch zu machen.

Die Division Royers verließ nämlich Sterzing erst am 10. August abends, nur das nach den Verlusten in der „Sachsenklemme“ in zwei Bataillone formierte Regiment der Herzoge von Sachsen war schon etwas früher vom Marschall Lefebvre auf den Brenner verlegt worden. Der Großherzog von Danzig war nach den schlimmen Nachrichten über das Geschick der Division Rouyeram 5. August mit der bayrischen Division Raglovich nach Sterzing aufgebrochen,  um mit dieser den Durchbruch nach Brixen zu erzwingen, hatte aber diese Absicht aufgeben müssen, als er am 7. August hinter Mauls die Straße von riesigen herabgewälzten Felsblöcken unpassierbar gemacht vorgefunden hatte. Der 8. August war mit Gefechten im Becken von Sterzing, gegen die von Andreas Hofer dirigierten Schützen, der 9. August mit ergebnislosen Verhandlungen vergangen. Von den Tirolern fortwährend im Rücken, in der linken Flanke und von vorne angegriffen, schlug sich Lefevre am 11. August mit der Division Raglovich und Rouyer ins Inntal durch, wo in der Gegend von Innsbruck an diesem Tage bereits die Kämpfe entbrannt waren, die dann am 13. August ihren Höhepunkt erreichten und mit der Niederlage des Korps Lefevre endeten. Die Division Royer war auf dem Rückzug durch das Wipptal in Matrei als rechte Flankendeckung der auf der Brennerstraße sich zurückziehenden bayrischen Division über die Ellbögner Straße Richtung Hall abgezweigt, das sie am 11. August spät abends erreichte.

Wenn auch die von Matrei an auf dem östlichen Sillufer zurückgehende Division Rouyer weniger unter dem Feuer der Tiroler  zu leiden hatte als die mit Lefevre selbst auf der Brennerstraße ziehende Kolonne, so hatte auch jene eine Reihe von Fähr- und Hindernissen zu überwinden. Hören wir, was Krüger darüber schreibt, der ja auch die fortwährende Bedrohung der auf der anderen Seite marschierenden Bayern beobachten konnte:

„ Es war gerade abends 11 Uhr, als wir, so stille wie ein Mäuschen, ( von Sterzing ) abmarschierten, und dieser Marsch  dauerte ununterbrochen fort bis an den anderen Abend um 9 Uhr, also 22 Stunden hintereinander. Doch trotz unserer Stille, waren die munteren Tiroler unseren Abmarsch zeitig genug inne geworden und hatten alles getan, was ihnen nur möglich war, unsern Marsch zu hindern und uns dadurch dem Sandwirt in die Hände zu liefern. Wo wir an eine Brücke kamen, fanden wir sie abgebrochen; wo Bäume am Wege standen, hatten sie die Tiroler umgehauen, und auf dem Gebirge folgten uns stets ihre Scharfschützen zur Seite und schossen in unsere Kolonne. Dieses nötigte unseren General, starke Seitenpatrouillen auf die Gebirge zu schicken, aber wir armen Müden konnten kaum die Berge ersteigen, und wem es ja glückte, hinaufzukommen, der fand droben entweder Tod oder Gefangenschaft. Dadurch wurden die Tiroler umso kühner; ganze Trupps kamen vom Gebirge herunter und verfolgten uns; wer von den Unserigen nur irgend zurückblieb, ward getötet oder gefangen, und viele mussten matt und kraftlos zurückbleiben.“

Wenn Krüger dann weiter angibt, dass seine Truppe acht Tage „bei Innsbruck“ – der Name der Stadt Hall war ihm offenbar  entfallen – stehengeblieben , so überschätzt er die dort verbrachte Zeit. Marschall Lefevre trat nämlich nachdem er am  13 August die große  Bergiselschlacht gegen die Tiroler verloren hatte, in der darauffolgenden Nacht den Rückzug durch das Unterinntal an, wobei sich die Division Royer in Hall und Volders befehlsgemäß anschloss sie hatte dort an jenem Tage nur kleine Scharmützel zu bestehen gehabt. Am 19. August  überschritt die Division auf dem Rückzug nach Salzburg zwischen Waidring und Lofer die Landesgrenze. Ihr folgte die bayrische Division Kronprinz, währen die Division Deroy über Kufstein aus dem Land gezogen war. Dieses war nun wiederum frei und erlebte im Oktober 1809 neuerdings den Einmarsch gewaltiger feindlicher Truppenmassen.

  Vernehmen wir nun noch, wie Krüger die Schilderung seiner Erlebnisse und Eindrücke in Tirol abschließt:

„ Wir blieben acht Tage bei Innsbruck stehen und erholten uns wieder etwas, worauf wir nach Salzburg marschierten und dort vierzehn Tage standen. Jetzt erhielten die Bayern, welche mit auf dem Marsch nach Wien sich befanden, Befehl, sogleich umzukehren und wieder in Tirol einzubrechen; wir, die Anhalter, Gothaer, Weimarer, Hildburghauser, Nassauer usw. dagegen mussten wir uns in Marsch nach Wien setzen. Wir dankten alle Gott, dass wir nicht wieder nach Tirol gingen; denn wir hatten die braven Tiroler kennen gelernt, die fest und unerschütterlich sind wie ihre Felsen. Was wir in Tirol verloren haben, kann ich nicht angeben: ich glaube aber, dass es nicht wenig ist.

Jetzt traten wir unseren Marsch nach Wien an und hatten das Glück, dass der Kampf (Schlacht bei Wagram 5., 6. Juli 1809) schon vorüber und von den Franzosen gewonnen war, als wir dort ankamen.“

Wenn auch das Bataillon Anhalt, in dem Krüger diente, glimpflich davongekommen zu sein scheint – es hatte am 4. August nur zwei Tote und zehn

Verwundete zu beklagen gehabt -, so waren die in Tirol von den übrigen Teilen der Division, insbesondere vom Regiment der Herzoge von Sachsen, erlittenen Verluste sehr groß. Die Zahl der Gefallenen, Verwundeten und Gefangenen dieses Regiments betrug an 1000 Mann, d.i. ungefähr die Hälfte seines Standes. Von dem Kontingent, dem Schauroth angehörte, waren nur 75 Mann nach Salzburg zurückgekehrt. Ist es schon bedauerlich anzusehen, dass im Jahre 1809 Deutsche auf Befehl ihrer Napoleon mehr oder minder hörigen Landesfürsten gegen Tiroler Bauern, die ihre Freiheit und Heimat verteidigten, kämpfen mussten, so liegt eine besondere Tragik darin, dass gerade die Division Royer,  deren thüringische und niedersächsische Offiziere und Soldaten nach übereinstimmenden Zeugnissen einer Reihe von Zeitgenossen überall in Tirol strenge Manneszucht hielten, sich keinerlei Ausschreitungen zuschulden kommen ließen, Speis und Trank bezahlten, ja geradezu höflich bezeichnet wurden und über die Ungezogenheit und Rohheit der Bayern sich entrüsteten, in Tirol so arg mitgenommen wurde.

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