Der „Boarische Rummel“ um die Freiheit Tirols

Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts sah drei Landesherrn in Tirol: Ferdinand Karl, Claudia von Medicis Sohn, starb 1662, sein jüngerer Bruder Sigmund Franz folgte ihm drei Jahre später. Damit war der letzte aus der Tiroler Linie der Habsburger dahingegangen und Kaiser Leopold I., der bis 1705 regierte, übernahm persönlich die Gefürstete Grafschaft Tirol als Landesfürst, die von da an bis 1918 in der Hand des jeweiligen österreichischen Monarchen lag.

Da brach der spanische Erbfolgekrieg aus, der das Reich 14 Jahre lang beschäftigen sollte. Die Casa Austria in Spanien und der neuen Welt war herrenlos geworden, die spanischen Habsburger hatten dasselbe Schicksal erfahren wie die Tiroler: ihre Linie war ausgestorben. Natürlich erhoben die österreichischen Verwandten Anspruch auf das Erbe, das wahrlich nicht zu verachten war, wenn man die überseeischen Besitzungen ins Auge fasste. Aber noch jemanden stachen diese Schätze ins Auge, Ludwig XIV., dem „Sonnenkönig“ Frankreichs, dessen Mutter, Anna von Österreich ebenfalls eine Habsburgerin war: Habsburg in Österreich und die Bourbonen in Frankreich – und beide wollten das spanische Erbe. Aber nicht nur sie, fast ganz Westeuropa rechnete mit einem Happen dieses schönen Kuchens. Ludwig XIV. tat den ersten Schritt und rückte mit seiner Armee in Italien ein. Leopold der I. von Österreich griff auf den damals wohl berühmtesten Feldherrn zurück, den die Welt  kannte: auf Prinz Eugen den großen Sieger über die Türken. Ihm gelang es, was niemand zu hoffen gewagt hatte: da die Franzosen alle südlichen  Ausgänge Tirols blockiert hatten, vor allem das Etschtal und das Sarcatal, führte Prinz Eugen, der Savoyer, seine Truppen über enge Seitentäler, über Jöcher und Berge der Lessinischen Alpen bis in die Ebenen Oberitaliens. Er überrumpelte die Franzosen und schlug sie in mehreren heißen Gefechten vernichtend; persönlich nahm er den französischen Oberbefehlshaber in der Festung Cremona gefangen. Das erste Jahr des 18. Jahrhundert, 1701, hatte für Österreich glänzend begonnen. 

Tirol spielte in diesem Erbfolgestreit eine nicht unbedeutende Rolle, vor allem, da sich Kurfürst Max Emanuel von Bayern auf die Seite der Franzosen stellte. Nach dem Sieg der Österreicher von 1701 verlief das Jahr 1702 erstaunlich ruhig, aber die Ereignisse von 1703 lagen bereits in der Luft. Der Plan der Franzosen sah vor, dass sie von Süden her, die Bayern von Norden  in Tirol einmarschieren, sich bei Brixen treffen und durch das Pustertal nach Kärnten vorstoßen wollten, um gemeinsam die österreichische Armee zu schlagen.

Aber die Bayern hatten die Rechnung (wie so oft in der Geschichte) ohne die Tiroler gemacht. Zwar gelang es Kurfürst Max Emanuel, innerhalb kürzester Zeit die Festung Kufstein und Rattenberg einzunehmen und er konnte ohne große Behinderung am 25. Juni 1703 sogar in Innsbruck einziehen, doch von da an begannen die Schwierigkeiten. Beim Weitermarsch nach Westen stellten sich die Tiroler massiv dem Feind entgegen, es kam zu heftigen Kämpfen zwischen Kematen, Unterberfuß und Zirl, Schloss Ferklehn ging in Flammen auf, die Tiroler Schanzanlagen bei Marinsbühel hätten sicherlich gehalten, hätten die Bayern nicht von Kematen her ihre schwere Artillerie eingesetzt. Die Tiroler wichen auf die Burg Fragenstein zurück, die bereits im Schmalkaldenkrieg und beim Einfall des Moriz von Sachsen (und wieder waren unser „lieben“ deutschen Brüder) Verteidigungsfunktion gehabt hatte, doch auch hier war die Stellung nicht zu halten. Um den Feind nichts Kriegswichtiges in die Hände fallen zu lassen, sprengten die Zirler Verteidiger alle Pulvervorräte, die in der Burg gelagert waren, in die Luft.

Inzwischen hatten sich die schwachen österreichischen Truppen Richtung Brenner zurückgezogen. Auf der Gstirnerau bei Matrei kam es noch zu einem heftigen Reitergefecht, aber die 8000 Dragoner der Bayern waren den Österreichern überlegen. Nur spürten die bayrischen Eindringlinge bereits hier, dass es in Tirol neben den regulären Militär noch etwas anders gab: unsichtbare Scharfschützen, die das Gefecht von Matrei zwar nicht gewinnen und den Weitermarsch nicht aufhalten konnten, die aber, wie es ein bayrischer Offizier nannte, „ungemein lästig“ waren. Am Lueg waren die südlichen Scharfschützen stationiert, die dem Feind innerhalb weniger Tage über 1000 Mann Verluste zufügten.

Wo immer das bayrische Militär hinkam, und das war von Kufstein bis Landeck und von Innsbruck bis zum Brenner, wurden schwerste Kontributionen verhängt, die Ställe wurden geplündert, es wurde Requirier und konfisziert, was nicht niet- und nagelfest war.  Die Wut der Tiroler wuchs von Stunde zu Stunde, ebenso aber die Bereitschaft, sich zusammenzutun und endlich zuzuschlagen, um diesem „Boarischen Rummel“ ein Ende zu bereiten.

Immer mehr Truppen kamen nach Tirol; noch Ende Juni schickte der Kürfürst 1000 Mann über den Brenner und 1500 Mann nach Ehrenberg, so dass am Höhepunkt des Feldzuges 14.000 Mann feindliche Soldaten in Tirol standen.

Kaum hatte sich Max Emanuel auf den Marsch zum Brenner gemacht, erhoben sich die Bauern im Unter– und Oberland. Sogar Landstürmer aus dem salzburgischen Teil des Zillertales rückten mit aus gegen die Festung Rattenberg und Kropfsberg, die am 20. Juli eingenommen wurden. In Schwaz erhoben sich

die Bergknappen, die sehr gut organisiert waren und eine gefürchtete

Streitmacht darstellten. Mit größtem Mut stürmten die Tiroler die Stadt Hall, die sehr gut befestigt und mit einem starken Trupp Bayern besetzt war. Am Unteren Stadtplatz kam es zu schweren Kämpfen, bei denen die Tiroler an die 300 Bayern niedermachten; ihre Leichen warf man in die aufgelassenen Zisternen der „Krippe“ (Gasthaus) und des Haller Zeughauses, des „Agramsturm“. (Die Erinnerung an diese Schlacht hielt Hall noch lange an. Als man 1830 ein Gasthaus eröffnete, nannte man es „Geisterburg“, weil angeblich die Seelen der im Jahre 1703 erschlagenen Bayern noch immer umgingen. Bei späteren Grabarbeiten fand man in den Kellern tatsächlich eine Menge Skelette). Auch der Bayrische General Graf de Verita` fand bei diesen Kämpfen den Tod.

Fast zur gleichen Zeit erhoben sich auch die Oberländer, von Zirl bis Scharnitz. Besonders die Innbrücke von Zirl musste eingenommen werden, die immer noch von den Bayern besetzt war. Der Landsturm aus Kematen und Völs, vereint mit den Hörtenbergern, rückten von Süden aus vor, die Zirler von Norden. Es kam zu einem äußerst blutigen Gefecht, bei dem die Bayern über 260 Mann verloren; die Brücke ging in Flammen auf. (Das Kreuz, das in der Mitte der Brücke stand, stürzte ins Wasser und wurde bis in die Gegend von Schwaz getrieben, wo es ein Bauer fand und dort die „Kreuzkirche“ errichtete. Auf dem Hochaltar hängt heute noch der „Zirler Herrgott“.)

Die weiteren schweren Kämpfe um Zirl schildert Norbert Prantl in seinem „Zirler Buch“ ausführlich: Inzwischen hatten die Hörtenberger alle Verschanzungen bei Martinsbühel stark ausgebaut. Eine meterdicke Mauer vom Felshügel des Schlosses bis zur Martinswand wehrte dem Feind an dieser Engstelle. Insgesamt 800 Schützen und 150 Kaiserliche  standen im Tal und an den Felswänden des „Plattele“ zum Kampf bereit. Boten brachten dem Max Emanuel Kunde von der Erhebung an der Zirler Innbrücke und im Ober- und Unterinntal. Der Kurfürst sah sich plötzlich im Inntal von allen Seiten eingeschlossen. Da beschloss er, die Verschanzung bei Völs und an der Martinswand zu stürmen, um sich die Verbindung nach Bayern über Seefeld und Scharnitz zu wahren.

Beim „Schwarzen Kreuz“ verteidigten die Landstürmer des Gerichtes Sonnenberg, von Axams, Oberperfuß, Oberhofen und Inzing die Schanze. Zwei Stunden lang hielten die Schützen dem Angriff der zehnfachen Übermacht stand, dann mussten sie sich in die Wälder zurückziehen. Die Schanzen bei Martinsbühel ereichte der zweite Trupp gegen vier Uhr morgens. Die Landesverteidiger hatten hier die Straße an vielen Stellen abgegraben den Wald bis Meilbrünnl umgehackt und damit die Straße blockiert. Die ganze Strecke entlang lauerten hinter den Verhauen und oberhalb der Straße einige hundert der besten Scharfschützen aus dem Gericht Hörtenberg, in der Hauptschanze am Martinsbühel legen 150 Mann kaiserlicher Truppen unter der Führung des Freiherrn von Heindl sowie die ausgesuchtesten Scharfschützen aus dem Oberinntal und dem Vinschgau. In Zirl selbst befand sich eine starke Reserve an Militär und Schützen. Leider verfügten die Tiroler über keine Artillerie.

Sobald die Bayern in die Nähe der Tiroler Verteidigungslinien kamen, eröffneten die Scharfschützen das Feuer. Mehr als zwei Stunden lang gelang es dem Feind nicht, an die Schanze heranzukommen, und auch dann noch leisteten Schützen und die kaiserlichen Soldaten erbitterten Widerstand. Bis acht Uhr früh hatten die Bayern 700 Mann verloren.

Nun aber griff die Artillerie ein: von Kematen herüber ließ der Kurfürst Martinsbühel und den Wald oberhalb der Straße mit Granaten bestreichen. Als es schließlich den Dragonern gelang, den Inn zu Pferde zu durchschwimmen, mussten die Tiroler die Schanze räumen und sich nach Zirl zurückziehen. Nun siegte die Übermacht; wer nicht unter den Schüssen und Säbelhieben der Feinde fiel, wurde gefangengenommen. Mehr als 130 Schützen und Soldaten wurden getötet, an die 170 wurden festgenommen. Der Verlust der Bayern und Franzosen war jedoch um ein Vielfaches höher. Alle Spitäler und Lazarette in Innsbruck waren überfüllt und viele Verwundete mussten mit Schiffen auf dem Inn nach Bayern gebracht werden.

Die Erbitterung der Bayern über den heftigen Widerstand und die schweren Verluste waren enorm. Dazu kam noch, dass der Zirler Jäger Anton Lechleitner beim „Reißenden Ranggen“ dem Kurfürsten Max Emanuel auflauerte, um ihm vom Pferd zu schießen. Da aber der Adjutant des Kurfürsten die prächtigere Uniform trug, Max Emanuel hingegen nur einen gewöhnlichen Reitermantel, verwechselte Lechleitner die beiden und erschoss den Adjutanten Graf Arco. Nun kannte die Rache des Kurfürsten keine Grenze mehr. Sobald die Truppen in Zirl eingerückt waren, gab er ihnen das Dorf und die ganze Bevölkerung zur Plünderung frei.  Der Zirler  Kurat Schanz schrieb in seiner Zirler  Topographie:

„Bei diesem Brande 1703 verübten die Bayern Grausamkeiten, die sogar im Totenbuch aufgeschrieben sind. Z.B. den Christoph Witting banden sie die Hände und Füße zusammen und verbrannten ihn so auf dem Dorfplatz, der Eva Portnerin stachen sie die Augen aus, die blinde Anna Kaeferin schossen sie nebst vielen anderen tot“. Auch Kematen, Unterperfuß  und Völs gingen in Flammen auf.

Alle diese Kämpfe fanden bereits in der zweiten Julihälfte 1703 statt. Aber vielleicht hätten die Tiroler nicht mit solchem Schwung den Aufstand durchgeführt, hätte nicht bereits am 1. Juli im Oberinntal ein Ereignis stattgefunden, das wie ein Fanal wirkte: der Kampf an der Pontlatzer Brücke.

Ende Juni hatte Kurfürst Max Emanuel 300 Mann bestens ausgerüsteter Soldaten durch das Oberinntal geschickt, die, unter dem Kommando von Oberst Marquis de Nivion, über den Reschen ins Vinschgau ziehen sollten, um dort mit dem Heer Maeschall Vendomes zusammenzutreffen. Am 29. Juni erreichten sie Landeck, das sie kampflos besetzten. Während sich die Soldaten einquartierten besetzten Offiziere Linseres Gasthaus zur Post. Als sie sich bei Essen und Wein von den Strapazen des Fußmarsches von Innsbruck nach Landeck erholten, tagten zur selben Zeit im gleichen Haus drei Männer – eine für heutige Begriffe filmreife Szene: dort die siegreichen feindlichen Offiziere, hier drei Tiroler, die Wand an Wand  mit dem Feind den Plan seiner Vernichtung ausheckten: der Postwirt Linser, der Landecker Landsturmführer Domanik Tasch und der Gerichtspfleger von der Burg Landeck, Martin Sterzinger, der bereits vorher heimlich den Landsturm des Oberen Gerichtes aufgeboten hatte.

Im „Landecker Buch“ berichtet Rudolf Plangg über weitere Geschehen:

“Zuversichtlich war die feindliche Marschkolonne am 1. Juli von Landeck aufgebrochen. Kein Mensch begegnete ihr auf der einöden Straße im engen Durchbruchstal des Inns, niemand sollte ihr das drohende Unheil verraten. Als die ersten Feinde an der Engstelle von Pontlatz ankamen, wo die Straße von den Felsstürzen unterm „Gachen Bichl“ aufs bewaldete linke Steilufer hinüberwechselt, da gewahrten sie erst die lauernde Gefahr über ihnen. Jedoch zur Umkehr war es zu spät. Ein mörderisches Feuer der Scharfschützen  und der Stürmer aus den Gericht Landeck (Ried) Pfuns und Naudersberg überschütteten sie aus Schrofen und Büschen. Von den vorbereiteten Schanzen polterten Steinlawinen nieder und schlugen schreckliche Breschen in den feindlichen Zug, dem vorne der Weitermarsch über die Brücke von gut zielenden Schützen versperrt war. Wer von den Bayern noch konnte, floh aus dieser Schlucht des Grauens, die toten und verwundeten Kameraden zurücklassend, eiligst gegen Landeck zurück.

Aber hier am Ausgang der Innschlucht, wo anstelle der heutigen Gerberbrücke eine alte Holzbrücke den Fluss übersetzte und die einstige Straße bis hierher am linken Ufer verließ, überschüttete der Landecker Landsturm die Flüchtenden mit einem wahren Kugelregen. Vor dem Brückeneingang stand der Tasch Kasperle, wie der Landsturmhauptmann der Landecker, Dominikus Tasch, genannt wurde, und hielt, mit einem Prügel wild wie rasend um sich schlagend, die voranpreschenden Offiziere so lange auf, bis einige Sturmleute einen nahen Nussbaum gefällt und als Brückensperre auf die Straße geworfen hatten. Ein paar feindliche Reiter, die mit Pistolen auf Tasch zielten, schmetterte er mit wuchtigen Schlägen in den Inn hinab. Nun rannten die Bauern hinter den Obstbäumen hervor, schossen die Reiter von den Pferden oder schlugen sie mit Äxten herab. Diesem gräulichen Gemetzel entronnen, suchte der Dragonerhauptmann Graf Porcia mit einigen seiner Leute Zuflucht im „Jägerstall“, an dessen Stelle heute eine Gerberei steht, und ließ auf die anstürmenden Landecker hinausschießen. Aber die ergrimmten Bauern schlugen die Stalltür ein und erschlugen die Soldaten mit ihren Äxten.

Unterdessen waren Oberst Novion und der Oberstleutnant Graf Taufkirchen mit etwa 20 Dragonern über die Landecker Brücke entkommen und sprengten gegen Zams, wo sie vor der abgetragenen Innbrücke in die Hände der Landstürmer fielen. Keiner entkam, der dem Kurfürsten das böse Ende seines Unternehmens im Oberland melden hätte können. Die nicht umgekommen waren, mussten sich ergeben und wurden in die Gefangenschaft geschleppt. Die Oberländer  Freiheitskämpfer hatten durch ihre Voraussicht und Schneid mit unbeträchtlichen Opfern (einem Toten und wenigen Verletzten) einen glänzenden Sieg des Heimatschutzes errungen“.

Wie ein Lauffeuer ging die Kunde dieses Sieges durch Tirol. Dem Kurfürsten gelang es nicht, den Brenner zu überschreiten, ja, die Scharfschützen zwangen ihn sogar zur Umkehr in Richtung Innsbruck, von wo ihn eine  Aufstandsmeldung nach der anderen erreiche. Während eines Rasttages bei Matrei gelang den Scharfschützen am 25. Juli ein gewagter Coup: sie überfielen die bayrische Musikkapelle, obwohl sie von 50 ausgesuchten Dragonern bewacht wurde, und nahmen ihnen die Musikinstrumente weg, mit denen sie die kurz vorher gegründete Matreier Musik  ausstatteten. Aus Rache über diese verwegene Tat zündeten die Bayern sechs Matreier Häuser an.

Aber trotz aller Greuel, die die Bayern auf ihrem Rückzug verübten–siehe Zirl, konnten sie sich in Tirol nicht mehr halten. Am Anna–Tag, dem 26. Juli 1703, zogen die feindlichen Truppen über Scharnitz ab, das Land war frei. Mit dem Schicksal des bayrischen Einfalls brach auch das französische Unternehmen zusammen, das bis Trient vorgestoßen war.

„Der militärische Erfolg von 1703, schreibt Harold Steinacker in „Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde“, „wäre nicht denkbar gewesen, hätte nicht eine einheimische Regierung – von Wien als `Interims–Direktion´ wohl oder übel anerkannt–die innere Leistung des Landes energisch in die Hand genommen. Diese Fähigkeit der Tiroler, in Krisenzeiten, wie 1525, 1703, 1796. 1809, 1848, 1945, wo die normale Regierungsgewalt versagte, die Ordnung aufrecht zu erhalten und sich selbst zu regieren, führt Hermann Wopfner zurück auf die politische Schulung, die demokratische Überlieferung, den Sinn für Freiheit und Selbstregierung, wie sie durch den Anteil des ganzen Volkes an die

Landesregierung entstanden waren. Ohne Landlibell von 1511 wären solche Leistungen wohl auch kaum möglich gewesen.

Die Bauern hatten gesehen, dass auch schlecht ausgerüstete und militärisch unerfahrene Männer gegen bestens ausgerüstete und hervorragend organisierte Truppen, sogar bei starker zahlenmäßiger Überlegenheit, den Sieg davontragen können.  Dieses gesteigerte Selbstbewusstsein führte dazu, dass der Kaiser 1704 einen offenen Landtag zu Innsbruck einberief, bei dem viele berechtigte Wünsche der Tiroler behandelt wurden. Dabei wurde unter anderem beschlossen, zehn Scheibenschützenkompanien zu je 200 Mann aufzustellen, das Fest der Unbefleckten Empfängnis im ganzen Land festlich zu begehen und in der Maria–Theresien–Straße in Innsbruck eine Gedenksäule mit der Statue der Unbefleckten und den vier Statuen der Landespatrone Kassian (Diözese Brixen) und Virgil (Diözese Trient), der Mutter Anna und des HL. Georg (Schutzpatron Tirols) zu errichten. Zur Erinnerung an den Anna – Tag 26. Juli 1703 nennt man diese Säule bis zum heutigen Tag „Anna-Säule“,

Wichtig für das Wehrwesen in Tirol war die neuerliche Gründung von Schützenkompanien. In den Gerichten Schwaz wurden z.B. 1704 zwölf Kompanien aufgestellt, die nach der Zuzugsordnung auf 16 angehoben werden konnten. Außerdem bildeten sich freiwillige Schützenkompanien. Sie bewehrten sich in den nächsten Kriegen in Tirol, bis zum Ersten Weltkrieg.

Dass Österreich während des „boarischen Rummels“ von den feindlichen Heeren verschont wurde, ist ausschließlich auf den Kampf und den Sieg der Tiroler zurückzuführen. Kaiser Leopold würdigte dies durch verschiedene Privilegien. So verlieh er am 3. Dezember 1704 den „Gemeindeleuthen des Gerichtes Landegg“ auf ihre Bitte hin das Recht zwei Jahrmärkte „auf der sogenannten Ed“ abzuhalten, den ersten am „Pfingsterchtag“ und den anderen am „Montag nach dem Rosaryfest“. 1705 erfüllte der Kaiser den wackeren Oberländern noch eine Bitte: er verlieh als Landesherr von Tirol den Gerichtsgemeinden Landeck, Laudeck, Pfuns und Nauders die Befugnis, die Pfandschaft der adeligen Gerichtsherrn abzulösen und sie selbst zu übernehmen, sowie den Pfleger und Richter zur Erneuerung durch den Landesfürsten vorzuschlagen. Die Gerichte erhielten  den Namen „Freigerichte“, weil ihren Insassen die Jagd auf Gemsen und anderes Hochwild freigegeben war.

Eine schlagkräftige Minderheit kann die Gesellschaft mehr beeinflussen, als eine lahme Mehrheit.  Siehe 1703, 1809, Freiheitsmarsch in Bozen am 14. April  2012 und die Bemühungen des AHBT um die Freiheit Süd-Tirols.

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