Südtirol gegen Hitler

In Nordtirol vergisst man nur allzu leicht, dass jene Kriegsmonate unserem südlichen Landesteil genauso viel Ängste und Schrecken und Opfer gebracht haben wie uns im Norden. Vielleicht sogar noch mehr, war doch ein Gutteil der Südtiroler Bevölkerung als Optanten ausgewandert und herrschte doch seit dem Austritt Italiens aus dem Krieg an der Seite Hitlers und der Errichtung der deutschen „Operationszone“ Alpenvorland“ am 10. September 1943, die aus der Provinz Bozen, Trient und Belluno bestand, eine völlig neue Situation. Südtiroler Nationalsozialisten hofften sogar, ihr alter Wunsch nach einem Gau „Südtirol“ könnte Wirklichkeit werden. Ein Beginn dazu  wurde bereits damit gemacht, dass Franz Hofer, Chef des Gaues Tirol-Vorarlberg, auch Oberster Kommissar der Operationszone Alpenvorland wurde, während der nazistische Südtiroler Peter Hofer zum Präfekten von Bozen ernannt wurde.

Südtirol war nun wieder „deutsch“ – aber wie sah dieses Deutschtum aus? Die „Dableiber“ von 1939 wurden erst recht als „Verräter an der deutschen Sache“ gebrandmarkt, die jüdische Bevölkerung wurde sofort in die verschiedenen KZ gebracht. Von den Mitgliedern der isralitischen Kultusgemeine Meran z.B. überlebte angeblich  nur eine einzige Frau den zweiten Weltkrieg (nach einer Dokumentation im „Föhn“ 6/7, 1980).

Auch hier stand ein Priester auf der Abschussliste: Kanonikus Michael Gamper, der sich seiner Verhaftung durch die Flucht entzog. Zwei Monate versteckte er sich auf dem Ritten, dann gelang ihm die Flucht nach Florenz. Dort verfasste er seine „Große Denkschrift“, die im Frühjahr 1945 den Alliierten überreicht wurde. Als Verfasser bezeichnete er alle jene Südtiroler, die dem „Nationalsozialistischen Terror stand gehalten“ und die ihnen „von beiden Diktatoren Mussolini und Hitler aufgezwungene Option abgelehnt hatten“. Er sprach darin aber auch für alle Südtiroler „die Bitte um Befreiung von der doppelten auf ihnen lastenden Druck der italienischen Fremd- und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ aus.

Aber er ging noch weiter. Im politischen Weitblick, der sogar so etwas damals unvorstellbares wie die in den 1970er Jahren ins Leben gerufene Arge Alp“ oder die später gegründete „Europaunion Tirol“ vorausahnte, schrieb er: Eine Wiedervereinigung Südtirols mit dem Bundesland Tirol würde „viel zur Festigung und Wiederkehr des Friedens in Europa beitragen… ein in seiner Einheit wiederhergestelltes und mit Österreich vereintes Tirol wird in Zukunft ein starkes Bollwerk gegen etwa wieder auftretende alldeutsche Tendenzen … Ein mit dem neuerstandenen, demokratischen und von imperialistischen Bestrebungen vom Norden und vom Süden der Alpen her, ähnlich denen Hitlers und Mussolinis, trennend und abwehrend im Wege stehen…“ (Imperialistische Bestrebungen kommen heute nur mehr aus dem Süden)

Die Geschichte hat uns gezeigt, dass alle diese logischen und, auch europäisch gesehenen, wertvollen Vorschläge ins Nichts gesprochen waren. Im Herbst 1943 wurden auch Südtiroler zur Deutschen Wehrmacht eingezogen, ab Jänner 1944

wurde die Kriegsdienstleistung auf „alle männlichen italienischen Staatsangehörigen der Jahrgänge 1896 bis 1926“ erweitert und für Deserteure Todesstrafe, Gefängnis und Sippenhaft eingeführt. Trotzdem entzogen sich Hunderte von Südtirolern der Einberufung. Aber während die Südtiroler politische „Volksgruppenführung“ bis Kriegsende mit dem NS-Regime für den Einsatz zum „totalen Krieg“ und die „Erringung des Endsieges“ kollaborierte, entwickelte sich langsam eine antifaschistischer  und antinazistischer Widerstand, als deren Keimzelle ein Teil jener Dableiber  angesehen  werden   kann,  die  sich  schon  Ende  November  1939  zum

„Andreas-Hofer-Bund“ zusammengeschlossen hatten. Bis September 1943 beschränkte sich ihre Tätigkeit im wesentlichen auf die Propaganda gegen die Umsiedlung, obwohl ein großer Teil dieser Männer schweren Repressalien ausgesetzt war und die Faschisten mit Drohungen, Brandstiftung und sogar Mordversuch die Mitglieder dieser Organisation einzuschüchtern versuchten.

Als die Nationalsozialisten im September 1943 in Südtirol die Macht ergriffen, wurden viele Persönlichkeiten des Andreas-Hofer-Bundes  verhaftet, eingesperrt und deportiert, darunter auch ihr Vorsitzender Dr. Friedl Volgger, der bis Kriegsende im KZ war, an dessen Stelle Hans Egarter trat. Zweck und Ziel der nun immer aktiver werdenden Widerstandbewegung war es, den Alliierten und der ganzen Welt zu beweisen, dass es in Südtirol nicht nur Nazis gab, wie oft behauptet wurde, sondern dass es Tausende gab, die den Nazismus und den Faschismus hassten und verurteilten und die ihn unter schwersten Bedingungen bekämpften. Entgegen italienischen Anschuldigungen nach dem Kriegsende hatten die Mitglieder der Bewegung nie separatistische Ziele angestrebt oder einen Putsch gegen Italien geplant. Sie hatten die Alliierten über alle ihre Aktionen gegen den Nationalsozialismus informiert und nie ohne Befehl der „Kommandoorganisation“ in der Schweiz agiert.

Obwohl viele Mitglieder des „Andreas-Hofer-Bundes“, wie erwähnt, eingesperrt worden waren und andere zu Zwangsarbeit in Fabriken, beim Straßen- und Eisenbahnbau eingesetzt  oder zum Militärdienst in einem der drei Polizeiregimenter „Alpenvorland“, “Bozen“ und „Schlanders“ verpflichtet wurden, konnte der Widerstand nicht geschwächt werden, im Gegenteil, alle, die vorher weit voneinander getrennt, waren jetzt an den einzelnen Orten vereint, konnten Meinungen und Erfahrungen austauschen, Pläne schmieden, hatten Zugang zu Waffen- und Munitionslager und Kenntnis von geheimen Befehlen, geheimen Kommandosachen und von Codes für Radio- und Telegrafenmitteilungen. Daneben wurden Deserteure der deutschen Wehrmacht, deren Zahl immer größer wurde, versteckt, verpflegt und bewaffnet. Sabotage wurde großgeschrieben. Zerstört wurden vor allem Sende- und Telemeßgeräte, Flugzeugmotoren, Lastwagen, Eisenbahnwaggons und militärische Werkstätten. Aber auch die Polizeiregimenter wurden unterwandert. Fast 80 Prozent der Regimenter „Bozen“ und Schlanders“ sowie das vollständige Regiment „Alpenvorland“ inklusive ihrer Kommandanten standen auf der Seiten der Südtiroler. Die Mitglieder dieser Regimenter führten verschiedene Befehle nicht aus, warnten Patrioten vor Polizeiaktionen und konnten damit zahlreichen Südtirolern aber auch Italienern das Leben retten. Auch vor sehr spektakulären Aktionen scheuten diese Männer nicht zurück. So weigerte sich das ganze Polizeiregiment „Brixen“, das neu aufgestellt worden war, den Fahneneid auf den Führer abzulegen. Das Regiment

wurde  daraufhin entwaffnet, in der Kaserne eingesperrt und nach Schlesien deportiert. Auch als schließlich Gauleiter Hofer seinen alten Wunschtraum nach Aufstellung von „Standschützenregimentern“ verwirklichte, gab es viele, in einem einzigen Bataillon zum Beispiel 700 Mann, die mit der Widerstandsbewegung zusammenarbeiteten. Auch acht Bataillonskommandanten hatten sich der Bewegung angeschlossen.

Aber im eigentlichen aktiven Einsatz standen nur 280 Mitglieder des harten Kerns sowie an die 600 engeren Mitarbeiter. Jene „Partisanen“ darunter viele Deserteure, wurden aus Mitteln des British Special Forces erhalten. Militärische Informationen wurden in die Schweiz, zum obersten Kontaktmann, Mr. McCafferty, geleitet. Die Sabotageaktionen der Südtiroler, sie schlugen auch im Ausland zu und dies bereits zu Beginn des Krieges; in Köln und Münster, in Maastrich und Brüssel, bei Smolensk und Warschau, in Neapel, Arziniano und Mailand.

Dass diese Aktionen auch große Opfer forderten, war angesichts ihrer Intensität wie auch infolge der ungleichen Kampfstärke nur selbstverständlich. Neun Mitglieder der Organisation wurden zum Tode verurteilt, vier wurden hingerichtet, zwei wurden erschossen, vier wurden verwundet, zwölf blieben vermisst, weit mehr als hundert waren gefangen und in Konzentrationslagern eingesperrt.

Aber auch nach dem Ende des Krieges setzte die Widerstandsgruppe ihre Arbeit fort und half den Alliierten, flüchtige NS-Größen in den Südtiroler Bergen aufzuspüren. Allein im Juli  1945 wurden von diesen Einheiten gefangengenommen: Ein General, vier Offiziere der Wehrmacht und der SS, 19 Unteroffiziere der Wehrmacht, der SS, der Gestapo und der Landgendarmerie, 34 Männer der Wehrmacht und der SS, 25 politische Verbrecher u.a.

Hans Egarter der Vorsitzende des Andreas Hofer – Bundes Südtirol schrieb im Sommer 1945: Nie vergessen werden sollten alle Opfer, Gefahren und Schmerzen, welche die Mitglieder der Widerstandorganisation erleiden mussten. Nachts und bei schlechtem Wetter, in Gewitter, Schnee, bei Regen und Eis auf schlechten und gefährlichen Wegen, auf den hohen Bergen, hungrig, durstig und ohne Schlaf, in großer Hitze und Kälte, verfolgt, gefangen, die Leiden der Gefangenschaft und der Konzentrationslager, Verleumdung, körperliche Misshandlung, Schaden am Eigentum, immer in Gefahr, entdeckt zu werden, immer in Sorge um die Angehörigen, immer in Lebensgefahr.

Aber all das wurde nicht umsonst gelitten, wenn das Recht und die Gerechtigkeit wieder auferstehen. In Südtirol lässt die totale Gerechtigkeit noch heute auf sich warten.     

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