Nord - Tiroler gegen Hitler

Von „Tirol“ im eigentlichen Sinne konnte man zwischen 1938 und 1945 nicht mehr sprechen. Politisch war das heutige Nordtirol zum Gau Tirol – Vorarlberg umgewandelt worden und ein Teil des Großdeutschen Reiches, Südtirol war nach wie vor italienisch und wurde von Hitler ab 1943 als „Alpenvorland“ in seine strategischen Pläne miteinbezogen - Osttirol wurde zum Gau Kärnten geschlagen. Aus der einst so stolzen „gefürsteten Grafschaft Tirol“ waren Trümmer und Reste geworden, über denen fremde Fahnen flatterten und fremde Gesetze herrschten.

Die europäischen Politiker der Zwischenkriegszeit hatten anscheinend wichtigere Dinge zu erledigen, als sich um dieses klein gewordene Tirol viel zu kümmern. Inflation, Weltwirtschaftskrise, politische Unruhen und ein immer stärker werdender Nationalsozialismus machten ihnen so viel zu schaffen, dass sie, blind wie Politiker manchmal sein können, wie aufgescheuchte Hühner tausenderlei Dinge begackerten, die notwendigen aber nicht sahen. Nur ein Mann ging schnurgerade seinen Weg – und es ist ein makaberer Treppenwitz der Geschichte, dass dieser Mann ausgerechnet ein Österreicher war, dem alles nachzulaufen schien, „im gleichen Schritt und Tritt“: Adolf Hitler. Kein Wunder, dass in der Mitte der dreißiger Jahre immer mehr Österreicher – und auch Tiroler – sehnsuchtvolle Blicke nach Norden zu „Großen Bruder“ warfen, wo dank einer unvorstellbaren Aufrüstung Worte wie Arbeitslosigkeit oder Inflation unbekannte Begriffe waren. Aber trotzdem gab es auch Männer, die drohende Gefahr erkannten und so dachten, wie Bert Brecht, der in seinem „Kälbermarsch“ zur Melodie des Horst Wessel-Liede geschrieben hatte:

Hinter der Trommel her

Trotten die Kälber.

Das Fell für die Trommel

Liefern sie selber.

Der Metzger ruft. Die Augen dicht geschlossen,

das Kalb marschiert mit ruhigem festem Tritt,

die Kälber, deren Blut im Schlachthof schon geflossen,

sie ziehen im Geist in seinen Reihen mit.

Aber auch die österreichischen Politiker waren um keine Jota besser als ihre übrigen europäischen Kollegen. Obwohl sie die drohende Gefahr sahen, die da im Norden heranwuchs, bekämpften sie sich im eigenen Land aufs Blut, lieferten sich einen Bürgerkrieg und gaben keine Ruhe, bevor nicht auch in Österreich das Parlament abgeschafft und der Ständestaat deklariert worden war, durch den eine Annäherung der Parteien aussichtslos wurde. Dabei war der Feind bereits im eigenen Land; die „Illegalen“ sprengten Bahngeleise, brannten Hakenkreuze auf den Bergen ab, legten Papierpöller, streuten NS-Flugzettel, demolierten E-Leitungen und lieferten den „Hahnenschwänzlern“ (Heimatwehr) blutige Saalschlachten (z.B.Penzplatte in Hötting), bis Bundeskanzler Dr. Kurt Schuschnig am Abend des 11. März 1938 in Innsbruck nur noch das traurige Schlusswort blieb: “Gott schütze Österreich!“ Am nächsten Tag marschierten die deutschen Truppen in Österreich ein, kampflos, fast überall begeistert empfangen, und als Hitler selbst nach Wien kam und stolz die „Heimkehr“ seines Vaterlandes in das Großdeutsche Reich verkündete, da jubelten Hunderttausende auf. Es ist bezeichnend, dass man immer nur die Schreier hört; jene hört man nicht, die still daheim saßen und auf das Klopfen an ihrer Tür warteten, Menschen, die zu Teil bereits ihre Koffer gepackt hatten, um bereit zu sein, wenn Männer in den Ledermänteln und dunklen Hüten kamen und die entsetzlichen Worte „Gestapo mitkommen“ sagten.

Aber dann wurden auch die anderen geholt, die jungen Männer, und man steckte sie in fremde Uniformen und vereidigte sie auf eine fremde Fahne und schickte sie in den Krieg, der nicht der ihre war und der nichts mehr mit der Freiheit Tirols zu tun hatte oder gar mit dem Landlibell von 1511. Für sie hieß es nicht mehr, die eigenen Grenzen zu verteidigen, sondern fremde Grenzen zu überschreiten. Und sie gingen  - nach Polen, Norwegen, Holland, Belgien, Frankreich, Griechenland Jugoslawien, Afrika und Russland. Und sie zeichneten sich aus oder fielen oder gerieten in Gefangenschaft oder blieben vermisst (wie mein Onkel der freiwillig mit 17 Jahren in den Krieg zog). Erst ganz am Ende dieses entsetzlichen Krieges besann man sich plötzlich wieder auf das Landlibell, „Standschützenbataillone“ (Volkssturm) aufzustellen. Am 27. November 1944 erschien in eine Tiroler Zeitung folgendes Gedicht von Hans Matscher, das sich betitelte  „S LIAD VOM LANDLIBELL“.

So steht im alten Landlibell

Gesiegelt und verbriaft:

„Tiroler Mannder, seid´zur Stell,

Bald enk das Landl riaft!

Wenn öpper kemmen an die Grenz

Schon wieder sötte Höllenschwänz,

Zu tausend wegen meiner,

Ins Landl darf kuaner einer!

 

Und biater auf enk das Libell

Wie G´far umgeaht im Land,

Zelm, Mannderleit, zelm greift lei schnell

Was enk ist bei der Hand.

Und tremmelt´s auf dö Hegl drein,

s´kann Morgenstern, Dreschflegel sein,

Ins Land darf kuaner einer!

 

Und ist a alt dös Landlibell,

Die Mannder sein alm nui!

Sollt´jucken uan halt wieder ´s Fell,

Wir gebe´n ihm scho die Plui!

jatz schiaßn mir gar alles weck

Mit Panzerfaust und Panzerschreck,

s´Masching`wehr neben meiner

Da kimmt ins kuaner einer!

 

Und wenn iatz nach dem Landlibell

Ins Adolf Hitler riaft,

Da sein mir glei zur Stell

Und kuaner si verschlieft

Und kemmen sie a bürstendick:

Amerikaner, Bolschewik.

Engländer wegen meiner

Es kimmt ins kuaner einer!

 

Wir halten fest am Landlibell

Es ist ja´s Land Tirol

Vom Deutschen Reich die Zitadell,

wia´s allweil bleiben soll.

Wir halt´n aus auf inserm Stand

Für inser deutsches Vaterland!

Steh´n Wacht a wegen deiner!

Es kimmt ins kuaner einer.

 

Es hat zu Beginn der NS-Ära in Tirol, wie im übrigen Österreich, sicherlich viele gutgläubige Menschen gegeben, die in Hitler die Erlösung sahen. Aber sie waren zweifellos die ersten, die erkannten, wogegen sie dieses Österreich mit all seinen Problemen eingetauscht hatten: Mit Überfällen auf fremde Staaten, mit einem Krieg, der von Monat zu Monat blutiger wurde, mit Konzentrationslager, mit Angst, letztlich auch mit Not und Tod für Millionen.

Doch es gab auch andere Männer, die von allem Anfang an instinktiv spürten, dass Österreich mit dem 13. März 1938 nicht getötet worden war, sondern, dass Österreich leben musste, auch wenn es noch so viele nicht mochten oder nicht gemocht hatten und erst jetzt, da es vergewaltigt und gefesselt war, begriffen, dass diesem Land trotz allem eine Heimat dargestellt hatte. Und dass das Unrecht, das diesem Österreich angetan worden war, ein Ende finden musste. Wenn man vom „österreichischen Widerstand gegen Hitler“ spricht, dann begann dieser Widerstand nicht erst in den letzten Kriegsmonaten, er begann in den ersten Tagen nach dem Anschluss. Natürlich nur in zaghaften Anklängen, in leisen Worten, in Blicken nur, denn noch war Hitler und seine Armee gigantisch, unbesiegbar, die Blitzkriege überrollten fast ganz Europa – was sollten da ein paar, zumeist ältere österreichische Patrioten, von denen keiner wusste, wann ihnen das Schicksal seiner bereits inhaftierten Freunde treffen würde, groß an Revolution und Aufstand denken? Aber die Gegnerschaft, die Abneigung, der Abscheu vor Hitler, seiner SS-Scharen und seinen  Gestapoleuten war lebendiger, er pflanzte sich fort wie ein Virus, der immer mehr Menschen ergriff, ohne dass er virulent geworden wäre.

Aber er war da, und als sich die Waage allmählich auf die richtige Seite, auf die Seite der Freiheit zu neigen begann, da hatte er zahllose Menschen ergriffen, die bereit waren, nun aufzustehen und, wenn es sein musste, mit Waffengewalt dem nazistischen Terrorregime ein Ende zu machen – und das lange vor dem 20.Juli 1944, als deutsche Offiziere gegen Hitler putschten.

Wenn man von der österreichischen Widerstandsbewegung spricht, dann sollte eines immer wieder betont werden: alle diese Männer und Frauen, die sich schon zwei und drei Jahre vor Kriegsende im Untergrund trafen, um gegen Hitler zu arbeiten, setzten nie andere Menschenleben aufs Spiel, stets nur ihr eigenes. Sie bildeten keine Spreng- und Demolierungstrupps, durch deren Aktionen etwa Gebäude oder Züge in die Luft flogen und Menschen getötet worden wären; sie beschränkten sich zur Hauptsache auf Sabotage beim Strom, Transport- oder Fernsprechwesen sowie auf die Fälschung von Dokumenten und Ausweisen, durch die es vielen gelang, rechtzeitig vor der Verhaftung durch die Gestapo zu fliehen. Als Verständigungszeichen wählten die österreichischen Widerstandskämpfer das Signal „05“ (5 stand für den 5. Buchstaben im Alphabet, also für das „e“, so dass „05“ nichts anderes hieß als „OE“, die Abkürzung für „Österreich“). Immer öfter tauchte dieses Zeichen auf Mauern, Plakaten und Flugzettel auf.

  Mitte Juli gelang es Fritz Molden, damals ein junger Student, später ein weltbekannter Verleger in Wien, Sohn von Paula von Preradovic, der Dichterin der österreichischen Bundeshymne (ohne Töchter), Verbindung mit dem Schweizer Armeestab aufzunehmen und wichtige Abmachungen mit ihm zu treffen. Er gründete die „Verbindungsstelle Schweiz“, die zur wichtigsten Auslandsstelle der in Österreich agierenden Widerstandskämpfer wurde. Über Mittelspersonen in Oberitalien und auch in Deutschland konnten die Widerstandsgruppen stets auf dem laufenden gehalten werden. Über die Schweiz entstanden auch Kontakte zu Allan W. Dulles, dem Chef des US-Geheimdienstes und Bruder von Außenminister John Foster Dulles, der 1955 den österreichischen Staatsvertrag mitunterschrieb.

Im September 1944 fuhr Molden mit falschen Papieren und in der Uniform eines deutschen Feldwebels nach Innsbruck, wo er eine Zweigstelle von „05“ gründete, die bald schon Kontakt zum österreichischen Komitee in London und zum „Comite`Autichien pour la Liberration“ in Paris aufnehmen konnte. Nach mehreren illigalen Grenzübertritten in die Schweiz konnte Molden mit führenden französischen Militärs zusammentreffen, u.a. auch mit dem Adjutanten von General de Gaulle. Am 18. Dezember 1944 wurde in Wien das „Provisorische Österreichische Nationalkomitee“ gegründet, das bald schon enge Beziehungen zu österreichischen Politikern, wie etwa Julius Raab, anknüpfte.  Inzwischen baute die Gruppe „05“ ihre Kontakte zu den Alliierten immerweiter aus, wobei als Kuriere in die Schweiz die Innsbrucker Studenten Herwig Wallnöfer und Luis Mittermayer sowie der oberösterreichische Lehrer und Oberleutnant Hans Berthold fungierten. Mit bis zu 40 kg Gepäck an Waffen, Funkgeräten und Propagandamaterial beladen, fuhren sie trotz Schneestürmen und Lawinengefahr durch ein Gebiet, das stark von SS – Einheiten besetzt war.

In Innsbruck arbeiteten bei der “05“ vor allem folgende Personen, die damals z.T. noch Studenten waren: Helmut Heuberger, Wallnöfer und Mittermayer, Berthold, Eduard Grünwald, Hartl Pezzei u.a. Grünwalds Vater, Dr. Ernst Grünwald, war bis 1938 Erster Staatsanwalt in Innsbruck gewesen; auch er stellte sich nach kurzen Gesprächen mit Molden in den Dienst der Widerstandsbewegung. Nun wurden in Innsbruck mehrere „Hauptquartiere“ eingerichtet; in der Andreas–Hofer-Straße 49, in der Schillerstraße 18, in der Innstraße 40. Als Kuriere wurden verlässliche Studentinnen herangebildet, die sich bestens bewährten. Das Netz wurde weiter ausgebaut: der Rechtsanwalt Dr. Höflinger schloss sich an, Dr. Hubert Prinz Hohenlohe-Schillingfürst, der Schuhmacher Anton Haller, Univ.Prof. Dr. Eduard Reutt-Nicolussi, mehrere Offiziere, wie z. B. Oberst Haubold, Oberleutnant Moser, Stabsarzt Dr. Wiilbald Stricker, Leutnand Ludwig Steiner u.a.. Auch der amerikanische Offizier, Fred Mayer, der über den Alpen mit einem Fallschirm abgesprungen war, schloss sich dieser Gruppe an. Es wurden detaillierte Pläne für eine alliierte Luftlandeoperation im Inntal ausgearbeitet; Otto Molden, der spätere Begründer des Europäischen Forums Alpach, machte sich selbst auf den Weg über die Berge, um diese Pläne in der Schweiz abzuliefern.

Obwohl gerade in den letzten Kriegmonaten die Gestapo äußerst scharf auf alles war, was nur im entferntesten nach Sabotage roch, schlossen sich immer mehr Männer dem Widerstand an, immer mehr Funkstationen wurden in Betrieb genommen, über die nun direkt mit den Amerikanern Kontakte aufgenommen werden konnten. Die einzelnen Widerstandsgruppen  wurden besser koordiniert, und man nahm auch Verbindung mit hohen deutschen Militärs auf, die ebenfalls gegen Hitler waren, wie z.B. Ritterkreuzträger Major Heine, der im Gebirgsjägerersatzbataillon 136 ein wirksames Instrument für den Kampf gegen den Nationalsozialismus schaffen wollte. Enge Kontakte wurden auch mit der schon 1941 im Ötztal bestehenden, gut bewaffneten Gruppe um Wolfgang Pfaundler und Hubert Sauerwein aufgenommen (dem man später den Tito des Ötztales nannte), sowie mit der Gruppe um des Obergefreiten Oskar Görz, den Gruppen der Ärzte Dr. Strickner und Dr. Eckl. Zahlreiche Persönlichkeiten schlossen sich diesen Gruppen an. Stefan Zechner, Ing. Anton von Hradetzky, Franz Huter, Dr. Vinzens Pezzei, Josef Stockhammer, Dozent Dr. Simon Moser, Dr. Sepp Mayr, Pfarrer Krießmer von Huben, der Ötztaler Postchauffeur Peter Falkner und Max Manl, Gendarmeriepostenkommandant Hans Kröll und viele andere. Wie gut ausgerüstet gerade die Ötztaler Gruppe war, beweist, dass bereits Ende 1943 am Ötzer Berg 5 Maschinengewehre, 15 Maschinenpistolen, 75 Waltherpistolen, über 200 Handgranaten sowie zahlreiche Gewehre mit genügend Munition für alle Waffen sowie ausreichend Medikamente bereit lagen. Ebenfalls schon seit Beginn der vierziger Jahre hatte sich eine Gruppe in Innsbruck unter Prof. Franz Mair zusammengeschlossen, um jenen Mann, der am 3. Mai 1945 bei den Kämpfen ums Landhaus fiel.

Am 13. April 1945, um 11 Uhr nachts, fand in der Wohnung des Architekten Jörg Sackheimer eine Besprechung statt, an der die wichtigsten Vertreter dieser Gruppen teilnahmen, aber auch ein Zivilist namens „Brandt“. Unter diesem Namen verbarg sich Dr. Karl Gruber, der spätere erste Landeshauptmann von Tirol und österreichische Außenminister (Gruber-Degasperi-Abkommen) der bereits seit längerer Zeit mit dem Tiroler Widerstand, aber auch mit wichtigen Stellen in der Schweiz und Lichtenstein und dadurch auch mit amerikanischen Militärstellen in Verbindung stand. Er war es, der die Leitung des Widerstandes in Tirol in die Hände nahm und die letzten Vorbereitungen für einen Aufstand in unserem Land plante.

Inzwischen waren die Militärs nicht untätig geblieben. Der größte Teil der in der Conradkaserne in Innsbruck liegenden Panzerersatzkompanie waren Mitglieder der Widerstandsbewegung. Ein wichtiger Stützpunkt von „05“ befand sich seit Oktober 1944 auf der Kemater Alm, wo sich US Oberleutnant Fred Mayer mit mehreren österreichischen Widerstandkämpfern eingenistet hatte. Beim Bauern Kaltenhauser in Ampaß versteckte sich inzwischen der amerikanische Leutnant Horneck Frankenstein und sein Funker Ludwig Novacek, aber auch sie stiegen zur Kemater Alm auf, als die Lage im Tal zu gefährlich wurde. Novacek richtete eine Kurzwellenstation ein, die später auf die Adolf-Pichler-Hütte verlegt wurde. Auch Major Heine kam mit seinen engsten Mitarbeitern auf die Kemater Alm.

Zu „Führers Geburtstag“, am 20.April 1945, wurden in Innsbruck  Flugzettel mit der Aufschrift „05 –Freiheit –Österreich“ gestreut und vor dem „Breinössl“, in dem eine Geburtstagsfeier für Hitler stattfand, ein Sprengkörper gezündet. Einen Tag später wurden Dr. Grünwald und sein Sohn verhaftet, ebenso Dr. Andretta, alter Kaiserjägeroffizier, der in seinem Hotel „Kreid“ am Bozner Platz eine Meldezentrale der Widerstandsgruppe eingerichtet hatte. Die Gestapo kam auch US-Oberleutnant Fred Mayer auf die Spur. Auch er wurde gefangen, die Kemater Alm wurde gestürmt, es kam zu einem Feuerwechsel, bei dem der Funker Novacek ums Leben kam.

Das Zentralbüro der Widerstandbewegung befand sich in diesen Tagen im 2. Stock des Cafe „München“ (Ecke Erler- Meranerstraße), aber das ständige Kommen und Gehen der einzelnen Gruppenmitglieder musste früher oder später auffallen. Helmut Heuberger organisierte ein neues Treffen und zwar in den Räumen einer Mineralwasser- und Spirituosenhandlung in der Andreas-Hofer-Straße. Nach der Orangeadesorte, die dort hergestellt wurde, gab man dem Büro und dem Kennwort im Falle einer größeren Aktion den Namen „Palermo“.

Der 30. April brachte der Widerstandsbewegung einige schöne Erfolge. Architekt Sackheimer gelang es, das Gestapoarchiv im Schillerhof (Mühlau) durch einen kühnen Handstreich auszuheben. Am gleichen Tag übergab  der Bürgermeister von Solbad Hall dem Widerständler Toni Haller die Stadt. Damit war die zweitgrößte Stadt Tirols ohne einen Schuss und ohne Blutvergießen in der Hand der Widerständler. Aber man konnte unmöglich schon zu Aufstand im übrigen Tirol aufrufen. Noch kämpften die Amerikaner bei miserablem Wetter erst im Raum Scharnitz und man konnte noch nicht absehen, bis wann sie in Innsbruck einmarschierten konnten, befanden sich doch noch immer starke deutsche Verbände im Land. Eine „Alarm Sitzung“ in der Nacht zum 1. Mai musste abgebrochen werden, weil die eigenen Kräfte einfach zu schwach waren. Dabei wusste man, dass höchste Eile Not tat, waren doch die verhafteten Freunde bereits zum Tode verurteilt worden.

Am 1. Mai kam die Nachricht, dass Hitler tot sei. Jörg Sackheim sammelte sofort 180 Mann, alle bewaffnet, die an verschiedenen Stellen ihren Einsatzbefehl abgewartet hatten. Obwohl noch SS-Verbände in Innsbruck waren, schlugen sie zu: Oberleutnant Huber, einer der wichtigsten Männer im militärischen Widerstand, besetzte mit seinen Leuten die Conradkaserne, wo unter dem Decknamen „Oberst Natter“ der Gefechtsstand der Bewegung eingerichtet wurde. Dr. Gruber schlug sein Hauptquartier in der Kaserne auf. Wenige Stunden später gelang einer Studentengruppe innerhalb der Wehrmacht unter der Führung von Hauptmann Guido Todeschini und Unterarzt Dr. Eckl in einem äußerst mutigen Handstreich die Besetzung der Klosterkaserne. Unmittelbar darauf konnte Sackenheim mit seinen bewaffneten, aber in Zivilkleidung agierenden Freunden ein SS Kommando überrumpeln und gefangen nehmen. Fast zur gleichen Zeit wurde die Eugenkaserne besetzt und am Abend des 2.Mai auch die Innkaserne. Die deutschen Offiziere wurden gefangengenommen.

Rittmeister Winkler, der spätere Oberst und Landesgendarmeriekommandant in Tirol, besetzte das Stabsgebäude der Gendarmerie am Innrain. Auch hier wurden, wie in der Kaserne, Waffen und Munition beschlagnahmt und an die Widerständler verteilt.

Aber noch war General Böheim mit seinem Stab auf der Hungerburg; noch konnten seine Befehle ein Blutbad anrichten, wenn er die im Raum Innsbruck konzentrierten SS- und Wehrmachtsverbände sammelte und in den Einsatz schickte. Major Heine übernahm die Aufgabe, den General und seinen Stab zu verhaften. Um 19.15 Uhr fuhr die Einsatztruppe von der Klosterkaserne ab und traf um 19.30 Uhr auf der Hungerburg ein. Die Wachposten wurden innerhalb weniger Sekunden überrumpelt, die am Eingang des Hotels gelegene Telefonzelle wurde besetzt. Alle Militärpersonen, die sich außerhalb des Hotels aufhielten, wurden entwaffnet. General Böheim und seine Offiziere saßen beim Abendessen, als Major Heine mit seine Widerstandkämpfern in den Saal trat, die Waffen im Anschlag, und die hohen Offiziere und einige Parteigrößen aufforderte, sich zu ergeben. Auch hier fand kein Blutvergießen statt. Die Gefangenen wurden in die Gendarmeriekaserne am Innrain gebracht, wo sie bereits der vom Innsbrucker Polizeimajor Paar festgenommenen Gendarmeriegeneral Albert und SA-Brigadeführer Glück im Gewahrsam der Widerständler befanden.

Am 3. Mai sollte der entscheidende Schlag folgen. Dem Unteroffizier Anton Steyrer gelang es, mit einem kleinen Trupp seiner Soldaten das Hauptwaffenlager der Bataillone General Feuerstein in der Hofburg zu besetzen, während Dr. Gruber mit Ing. Hradetzky und Dr. Junger, dem späteren Innsbrucker Polizeidirektor, Polizeipräsident Dornauer und dem inzwischen aus der Haft entwichenen Gendarmeriegeneral Albert ein kurzfristiges Ultimatum zur Übergabe aller Streitkräfte stellten.

Als dieses Ultimatum angenommen wurde, übernahm Dr. Junger sofort die Innsbrucker Polizeidirektion, die Gendarmerie wurde Stabsrittmeister Winkler unterstellt. Gleichzeitig wurde der Sender Aldrans besetzt ebenso das Landhaus, aus dem Gauleiter Hofer bereits fluchtartig „ausgezogen“ war. Die rotweißrote Fahne wurde gehisst.

Aber während dieser Aktion stießen plötzlich eine Panzer- und andere SS-Einheiten vor, die sofort das Feuer eröffneten. Prof. Dr. Franz Mair, der bei jenen Männern war, die das Landhaus besetzten, wurde tödlich verwundet, ein junger Medizinstudent schwer verletzt. Mit mehreren Maschinengewehren und einer Vierlingsflak gelang es den Widerständlern, die SS Truppen zurückzuschlagen. Gegen 17.Uhr befand sich die Stadt endgültig in den Händen der Österreicher –  wie man diese Männer jetzt wieder nennen durfte. Militär und Polizeiformationen übernahmen sofort den Ordnungsdienst. Ihr Erkennungszeichen waren rotweißrote Armbinden. Immer mehr rotweißrote und weißrote Fahnen zeigten sich den Innsbrucker Straßen, Tausende überglückliche Menschen versammelten sich in den Straßen und vor dem Landhaus. In den frühen Abendstunden rollten die ersten amerikanischen Panzer in die Stadt. Den Kriegsberichterstattern, die die Truppen begleiteten, fiel als erstes auf, dass nirgends weiße Fahnen zu sehen waren. „Diese war kein Einmarsch von Siegern – dies war der Willkommen für Befreier“ nannte es einer von ihnen treffend.  

Am 3. Mai kam es aber auch noch in anderen Teilen Tirols zu Kämpfen, so z.B. im Raum Wörgl, wo die Widerständler unter Rupert Hagleitner und Martin Pichler die wichtigsten öffentlichen Plätze und Gebäude besetzt hatten. Die Stadt zeigte bereits rotweißroten Fahnenschmuck, als plötzlich fast wie in Innsbruck, überraschend SS-Verbände auftauchten. Die Widerständler mussten sich nach einer längeren Schießerei aus dem Ortszentrum von Wörgl zurückziehen, erhielten aber gegen Abend Unterstützung durch eine zu ihnen übergegangene, gut bewaffnete Wehrmachtsgruppe unter der Leitung von Major Sepp Gangl.

In Innsbruck hatte inzwischen das Exekutivkomitee der Widerstandbewegung die Nachricht erhalten, dass Wörgl bereits von Hagleitners und Pichlers Leuten besetzt sei, sie wussten aber nichts von einem neuerlichen Vorstoß der SS. Aber dem Exekutivkomitee war bekannt, dass auf Schloss Itter hochgestellte ausländische politische Gefangene der Deutschen untergebracht waren, darunter der frühere Premierminister Edouard Daladier; der bekannte französische Politiker Paul Reynaud; Marschal Maurice Gameli und Maxime Weygand, die beiden Stabschefs der französischen Armee; Jaques de la Rocque, der frühere Führer des französischen Croix de Feu; Jan Borota ein französischer Tennichampion; Michel Clemenceau, der Sohn des berühmten „Tiger“ vom ersten Weltkrieg; Madam Alfred Caullieu, die Schwester de Gaulls, sowie Madam Weygand. Über den Sender Aldrans wurde die Botschaft an die Wörgler Widerstandgruppe ausgestrahlt, sofort die Gefangenen auf Schloss Itter zu befreien. Aber die Meldung hörte auch die SS.

Einheiten der Division „Großdeutschland“ und anderer SS-Verbände zogen sofort einen engen Kreis um Schloss Itter, in dem das Chaos herrschte. Ein Teil der SS- Wachmannschaft war bereits geflohen, zwei SS-Offiziere, der ehemalige Chef des KZ Dachau, SS – Obersturmbannerführer Weiter, sowie der Musikmeister der Leibstandarte „Adolf Hitler“, SS - Sturmbannführer Müller – John, begingen Selbstmord. Daldier sandte den französischen Gefangenenkoch heimlich nach Wörgl zu Hagleitner, um Hilfe zu holen. Da sich in Wörgl die Lage wieder beruhigt hatte, nachdem die SS nach Itter gezogen war, machte sich sofort eine starke Gruppe aus Soldaten und Widerstandskämpfern unter der Leitung von Major Gangl und Hagleitner nach Itter auf. Als Einheimische wussten sie, wie man heimlich den Ring der SS –Soldaten durchbrechen und ins Schloss gelangen konnte.

In den frühen Morgenstundendes des 5.Mai schlugen in und um Schloss und Dorf Itter die ersten Artilleriegeschoße ein. Ein US Panzer, der in der Nacht eine Spähtruppfahrt ins Brixental unternommen hatte, wurde in Brand geschossen, seine Besatzung schlug sich zum Schloss durch, wo  sie Major Gangl halfen, den Zugang zum Schloss zu verteidigen–mit einigen Karabinern und sechs Maschinengewehren. Die deutsche Artillerie richtete schwere Verwüstung am Schloss an. Die Verteidiger hielten durch. Um 11 Uhr Vormittag fiel Major Gangl, aber die Männer gaben nicht nach, bis nach Mittag amerikanische Panzerverbände auftauchten und die SS vertrieben bzw. gefangen nahmen.  Um 13 Uhr war das Schloss in amerikanischen Händen, die Gefangenen wurden befreit. Einige Tage später geleiteten Tiroler Widerstandkämpfer und amerikanische Soldaten gemeinsam Major Gangl auf dem Friedhof von Wörgl zur letzten Ruhe.

Es ist aber immer wieder erstaunlich, dass die Leistungen der Widerstandsbewegung oft mitleidig belächelt wurden. Man vergisst dabei möglicherweise absichtlich, dass jede, auch die geringste antinazistische Betätigung mit Gefängnis, KZ oder dem Tode bestraft wurde, man vergisst, dass jedes Wort, geschweige denn eine Tat den Kopf kosten konnte. Dass Innsbruck kampflos übergeben werden konnte ist ausschließlich den Männern der Widerstandbewegung zu verdanken.

Das US-Kommando akzeptierte den von der Widerstandbewegung in Tirol eingesetzten „Ordnungsausschuss“, das oben erwähnte Exekutivkomitee, das von Dr. Karl Gruber geleitet wurde. Am 22. Mai wurde Gruber offiziell zum Landeshauptmann von Tirol ernannt, wenig später bezeichnete sich der „Ordnungsausschuss“ als Tiroler Landesregierung.

Dass Tirol als eigenes Bundesland der bereits am 27. April 1945 in Wien wiederum proklamierten Republik Österreich angehörte und dass für sie die Verfassung von 1920 und für Tirol die Landesverfassung von 1921 gelten sollte, war auch nach der Erklärung der Vertreter der vier Besatzungsmächte selbstverständlich. Formal ausgesprochen wurde dies allerdings erst durch die von allen österreichischen Ländern Ende September 1945 zu Wien abgehaltene Länderkonferenz. Dabei wurde Dr. Karl Gruber zum Staatssekretär und bald darauf zum Außenminister ernannt. Landeshauptmann von Tirol wurde Dr. Ing. Alois Weißgatterer. 

In Nordtirol vergisst man nur allzu leicht, dass jene letzten Kriegsmonate unserem südlichen Landesteil genauso viel Ängste und Schrecken und Opfer gebracht haben wie uns im Norden. Daher der nächste Sandwirtsbrief unter dem Motto „Südtirol gegen Hitler“

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