Teil 9. Schlussbetrachtung

9.1 Resümee

Der Wert Südtirols für die deutsche Rechte bemaß sich nach den Leitlinien ihres Denkens nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Die Rechte verfolgte „superrevisionistische“ Ziele, das heißt dem Ziele, die weit über eine bloße Beseitigung der Bestimmungen des Verseiller Vertrages  hinausgingen. Angesichts der realen Machtverhältnisse im Europa der Nachkriegszeit bot sich allerdings kaum eine Perspektive für die Verwirklichung ihrer Projekte. Einen Ausweg bot ihnen der Begriff des „Volkstums“, der Stärke und Macht abseits der staatlichen Realität versprach. Auf der Ebene des Volkes konnten die inneren und äußeren Formen des Staates negiert werden. Das Volkstum zu „stärken“ war deshalb  eine vordringliche Aufgabe, der sich die deutsche Rechte widmen wollte. Aus diesem Grund rückten vor allem die Deutschen im Ausland ins Blickfeld, die unter staatlicher Hoheit anderer Staaten dem Versuch ausgesetzt waren, sie ihres Deutschtums zu „berauben“. Die Entnationalisierungspolitik des Faschismus in Südtirol wurde insofern von der deutschen Rechten in erster Linie als Teil eines allgemeinen “Volkstumskampf“ interpretiert.

So konnten die Deutschtumsvereine, die sich um die Südtirolfrage kümmerten, Mitte der zwanziger Jahre mit breiter Unterstützung rechnen. Sie waren personell und ideologisch eng mit der Rechten verbunden und die Sprache ihrer Publikationen befanden sich im Gleichklang mit der „Gefühlswelt“. In sie flossen völkisches und großdeutsches Gedankengut ebenso ein wie weitverbreitete antiitalienische Ressentiments. Es gelang der Südtirolpropaganda dieser Vereine Mitte der zwanziger Jahre somit mühelos, eine breite Front zu schmieden. Vor allem in Bayern konnten weite Teile der Rechten in der Südtirolfrage mobilisiert werden, denn hier bestanden starke Bindungen zu Tirol und die bayrischen Regierungsparteien förderten diese Aktivitäten der Vereine. Für die enge Zusammenarbeit der Aktionsgemeinschaft aus Südtirolvereinen und rechten Gruppen war mitentscheidend, dass man sich in ihr nicht nur über Ziele, sondern auch über die Art der anzuwendenden Methoden einig war. Die nationalistischen Kompromisslosigkeit des VDA-Bayern und des Andreas Hofer - Bundes ihrer strikten Verweigerungshaltungen gegenüber den Anforderungen der Weimarer Außenpolitik verstärkten den Zulauf, den sie aus der Rechten hatten.

Dass Hitler auf Südtirol verzichtete, forderte diese Front der Rechten heraus. In seinem „realpolitischen“ Ansatz war die Südtirolfrage ein Unterpunkt der Lebensraumideologie. Hitler postulierte die Notwendigkeit eines entgrenzten Expansionismus und setzte diese Ziele absolut. Auch er ging vom „Volkstumskampf“ aus, jedoch anders als die übrige Rechte akzeptierte er keinen Wert des Volkstums „an sich“, genauso wenig wie begrenzte Revisionsziele. Die Verbindung mit Italien musste Südtirol nach seiner Auffassung übergeordneten Zielen geopfert werden. Als er diese Vorstellungen der Öffentlichkeit präsentierte, geriete er folgerichtig in eine schwere Auseinandersetzung mit der Südtirolfront der Rechten.

Die Debatte zwischen Hitler und der deutschen Rechten endete nach einem erbittert geführten Streit 1928 ohne eindeutiges Ergebnis. Da Hitler aber seine Position weder aufgegeben noch eingeschränkt hatte, konnte er sich als Sieger der Diskussion fühlen. Teile der übrigen Rechten begannen sich nun eigenständig aus der Südtirolfrage zu lösen, als sie sich dem italienischen Faschismus näherten. Für sie entstand daraus ein Problem, denn nicht längst alle ihrer Anhänger waren bereit, diesen Schritt mit zu vollziehen. Dieses Dilemma kannte Hitler nicht. Die Strukturen der Führerpartei ermöglichten es ihm Widerstände zu überwinden, die in der NSDAP wie in allen andren Teilen der Rechten gegen den Verzicht auf Südtirol bestanden – und sie erlaubten es ihm, die Widerstände zu ignorieren, die es weiter gab. Eines wurde im Laufe dieser Arbeit ebenfalls deutlich: Große Teile der Rechten, Teile der NSDAP einbegriffen, schlossen sich nicht der Verzichtspolitik Hitlers an. Das Ziel Südtirol behielten sie über lange Zeit weiterhin  im Blick, sie waren lediglich bereit, es vorübergehend zurückzustellen. So stellte für sie dann die „Aufgabe“ Südtirols 1938 / 39 also ohne Zweifel eine Niederlage dar. Den Kampf um dieses Ziel verlor diese Mehrheit jedoch nicht erst 1939, auch nicht 1933, als die NSDAP an die Macht gelangte. Wie gezeigt wurde, verlor sie ihn bereits in der Weimarer Zeit, lange bevor Hitler die Richtlinien der Südtirolpolitik auch offiziell bestimmen konnte. Warum verlor die Rechte diesen Kampf, den sie eine Zeit lang so erbittert geführt hatte? Aus der vorliegenden Untersuchung lassen sich als Antworten zwei Thesen ableiten:

1.) In der Endphase der Weimarer Republik waren jene Kräfte der Rechten, die das Lager der Südtirolpropaganda im Deutschen Reich bildeten, doppelt geschwächt. Große Teile näherten sich Mussolini und dem italienischen Faschismus an, hegten Bewunderung und Sympathie und verspürten den Wunsch, eine enge Verbindung mit ihm zu schaffen. Gleichzeitig befanden ebenso große Teile im Sog des Nationalsozialismus. Der überwiegende Teil des völkischen Lagers ging zu ihm über, und eine stetig wachsende Zahl der bürgerlich–nationalen Rechten folgte. Durch beide Bewegungen entfernten sich die genannten Kräfte nahezu notwendigerweise von den Zielen, die sie in der Südtirolfrage verfolgten. Die ambivalente Haltung der Rechten, die darin bestanden hatte, zur selben Zeit um die Sympathien des Faschismus zu werben, aber in antiitalienischern Kundgebungen nationale Empörung über die Behandlung der Südtiroler Ausdruck zu geben, war auf lange Sicht nicht durchzuhalten. Genauso implizierte die Annäherung an die NSDAP zumindest die Akzeptanz deren Strategie in der Südtirolfrage, beziehungsweise dessen, was man für Strategie hielt. Die Annäherung der Probleme lag, sowie sie sich in den letzten Jahren der Republik darstellten, war hauptverantwortlich dafür, dass die Stille um Südtirol einkehrte, die sich die Umworbenen wünschten.

2.) Diese doppelte Schwäche war kein allgemeines Resultat der Umstände in der letzten Phase Weimars. Der Keim dieser Schwäche war frühzeitig angelegt und zwar bereits in der Zeit, als die Front der Rechen von außen betrachtet am stärksten und geschlossensten war. Gerade die Deutschtumsvereine, die sich vorwiegend der Bedeutung Südtirols widmeten, waren Erben und Träger eines unversöhnlichen und grundsätzlich chauvinistischen Nationalismus. Ihre Sorge galt nur in zweiter Linie dem Minderheitenschutz. Ihre Perspektive war die des „Volkstumskampfes“, ihr Postulat die Überlegenheit des deutschen Menschen. Das Recht anderer Völker achteten sie geringer als das des eigenen. Von Anfang an waren sie deshalb nicht in der Lage, in der Minderheitenpolitik des italienischen Faschismus das Spiegelbild ihrer eigenen Vorstellungen und Ziele zu erkennen. Sie ignorierten  seine ursächliche und alleinige Verantwortung für die Entnationalisierungsmaßnahmen. Sie standen dem Faschismus nicht prinzipiell feindlich gegenüber und gelangten nie zu einer antifaschistischen Position. Eine solche lehnten sie im Gegenteil dezidiert ab. Als sich große Teile der Rechten an den Faschismus annäherten, fehlten ihnen wichtige Argumente.

Die gleiche Schwäche zeigten sie mit Hitlers Südtirolverzicht. Sie beurteilten ihn gemäß ihrer eigenen Kriterien. Da sein Ausgangspunkt bei der Bewertung von Fragen des Volkstums dem ihren glich und auch in der Sprache ähnelte, schätzten sie seine Position als eine Abweichung innerhalb eines grundsätzlichen Konsens ein. Trotz aller Schärfe, in der die Diskussion Mitte der Zwanziger Jahre  ausgetragen wurde, wurde sie sich über die Ernsthaftigkeit der Hitlerschen Position nicht im vollen Umfang bewusst. So wird erklärbar, dass sie sich, als sie sich im Bann der erfolgreichen NSDAP befand, gegen alle Offensichtlichkeiten, darüber hinwegtäuschen konnten.

9.2 Ausblick

Als 1939 das Optionsabkommen verkündet wurde, zerschlugen sich alle Illusionen: Für Spekulanten blieb kein Raum mehr. Seit der Gleichschaltung des VDA 1937 kümmerte sich in Deutschland die SS um die „Volkstumsarbeit“. Sie war es, die nun in Südtirol zielstrebig daran ging, in den Worten des SS - Reichsführers Heinrich Himmlers die „völkische Substanz“ für das Reich zu sichern. Sie leitete alle notwendigen Maßnahmen ein, um für eine zügige und möglichst geschlossene Auswanderung zu sorgen. Die Südtiroler Aussiedler waren dazu ausersehen, in den Gebieten, die man erobern wollte, als „Wehrbauern“ neu sesshaft gemacht zu werden. In diesen Monaten zeigte Hitler nicht nur, dass es ihm mit seiner Verzichtpolitik ernst gewesen war und dass er tatsächlich bereit war, die faktischen Konsequenzen aus seiner Haltung zu ziehen. Er verdeutliche daneben auch noch einmal sehr anschaulich seinen rein instrumentellen Begriff vom Volkstum. Für ihn waren die Südtiroler nichts weiter als verschiebbare Schachfiguren in seinem Konzept vom „Volkstumskampf“. Er bemaß ihren Wert allein nach der Funktion, die sie dabei ausfüllen konnten: Erst Opfer für ein „lebensnotwendiges“ Bündnis und dann Frontsoldaten für den „Rassenkampf“ im Osten.

Die Skeptiker in der Partei wie im übrigen auch die Südtiroler Nationalsozialisten im VKS fügten sich dem „Führer“ und stellten seinen Schritt nach dem Operationsabkommen öffentlich nicht mehr in Frage.  Aus ihren Köpfen hingegen vermochte Hitler die Ansprüche weiterhin nicht zu verbannen.  Das zeigte sich 1943 durch den Sturz Mussolinis und den Austritt Italiens aus der „Achse“ eine neue Situation ergab. Sofort waren sie wieder zur Stelle. Als deutsche Truppen den Brenner überschritten und unter anderen auch Südtirol besetzten, erhoben sich sofort die Stimmen in der Partei, unter ihnen Goebbels, die Hitler zu überreden versuchten, Südtirol doch noch in das Reich einzugliedern. Hitler zögerte weiterhin und überließ die Hoheit über Südtirol formal dem, von deutschen Fallschirmspringern aus der Haft befreiten Mussolini und seiner Marionettenregierung in der neueingerichteten „Republik von Salo`“. Faktisch übte jedoch die Wehrmacht in der von ihr eingerichteten „Operationszone Alpenvorland“, bestehend aus den Provinzen Belluno, Trient und Bozen, die Macht aus.  Von den Tiroler Parteistellen und einem nicht geringen Teil der Südtiroler Bevölkerung wurde die „Operationszone“ als Überwindung der Teilung Tirols gefeiert. Ob und wie diese Entwicklung im Deutschen Reich aufgenommen wurde, ist schwer zu überblicken. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass viele sie als späten Sieg empfunden haben und dass sie erneut Hoffnung verspürten, dass es nach einem siegreich beendeten Krieg keine Rückkehr zum vorherigen Zustand geben würde. Und nach 1945? Die großdeutsche Perspektive war durch den Weltkrieg sicherlich zerstört.

Es wäre dennoch ein lohnendes Unterfangen, das Fortleben der Südtirolfrage in der politischen Landschaft der Bundesrepublik Deutschland zu verfolgen. Konnte doch 1959 der später Bundespräsident Carl Carsten mit dem Satz zitiert werden,  - Südtirol sei „ein urdeutsches, wenn nicht gar das deutscheste aller deutschen Länder“ (Zitiert aus der Vorabrezension von Gerhard Mumelter in SÜDDEUTSCHER ZEITUNG vom 6.12.1999)

Zusammenfassung

Die Arbeit untersuchte den Südtirolkurs der deutschen Rechten zur Zeit der Weimarer Republik im Spannungsfeld von Volkstumsdenken und Revisionismus. Ein „Südtirolproblem“ das letztlich von keiner Strömung der Weimarer Rechten, von traditionell - konservativ bis radikal - völkisch, gelöst werden konnte, stellte sich dabei auf mehrfache Weise: Zum einen für die deutsche Rechte insgesamt, da in Südtirol seitens des italienischen Staates auf besonders drastische Weise der Versuch unternommen wurde, eine durch die Pariser Vorortsverträge unter neue Herrschaft geratenen deutschsprachigen Bevölkerung „Ihr Deutschtum zu entreißen“. Zweitens stellte sich das Problem innerhalb der deutschen Rechten, weil Südtirol die einzige Frage einer auslandsdeutschen Minderheit war, in der sich, durch die Verzichtserklärung Hitlers und der NSDAP bedingt, grundsätzliche Differenzen in der Bewertung ergaben. Schließlich ergab sich drittens ein Problem wiederum innerhalb der Rechten, da das Aufwerfen der Südtirolfrage im Verlauf der Weimarer Jahre in immer stärkeren Gegensatz zu den weit verbreiteten Sympathien der Rechten mit dem italienischen Faschismus gerieten. Als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht gelangten war die noch Mitte der zwanziger Jahre leidenschaftlich geführte Debatte um Südtirol weitgehend verstummt  und Hitler konnte sich mit gutem Recht als Sieger fühlen, wenngleich die Ansprüche auf Südtirol bei vielen dadurch keineswegs aufgegeben waren.   

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