Teil 8.  „Es ist still geworden“ – Südtirolvereine auf dem Weg in den Nationalsozialismus 1930 – 33

Auf die veränderte Situation, die sich durch den unaufhaltsam erscheinenden Aufstieg der Nationalsozialisten im Reich ergab, reagierten die Kreise, die in der Südtirolfrage am engagiertesten waren, durchaus unterschiedlich. Der Andreas Hofer – Bund Tirol blieb zunächst in schroff ablehnender Haltung Hitler gegenüber und bekämpfte die NSDAP – Verzichtspolitik von Innsbruck aus weiterhin unerbittlich. 1932 druckte der Andreas Hofer - Bund Tirol 10.000 Sonderexemplare des SÜDTIROLER – Artikels „Hitler und Südtirol“, in dem die „Verblendung“ des NS-Führers gebrandmarkt wurde, für die Verteilung im Deutschen Reich. Reut-Nicolussi und der Andreas Hofer – Bund Tirol bewegten sich wieder mehr dem österreichischen Staat zu und suchten neue verbündete im Lager der Legitimisten. Die Arbeit der reichsdeutschen  Gruppen erlahmte hingegen. Als die Hauptgruppe München im Jänner 1932 eine Versammlung einberief, beklagte sich der Verfasser der Einladungen, dass dem AHB  Deutschland die Hände angesichts der allgemeinen Situation gebunden seien, „so dass wir mit unseren Bestrebungen in der Öffentlichkeit nicht wirken können, wie wir es gerne möchten“. Aus dem Schreiben ging auch hervor, dass Zusammenkünfte nur noch selten und mit geringer Teilnehmerzahl stattfanden. (beinahe wie heute)

Ein ganz anderes Bild bot hingegen der VDA – Bayern. Die Auseinandersetzung mit der NSDAP waren, was ihn betraf, beendet. In den Jahren von 1930 – 1933 vollzog sich ein Prozess der Annäherung an Hitlers Partei, der die Ergebenheitsadressen und Treueschwüre seiner Volkstumspolitik an die Adresse des „Führers“ nach dem 30. Jänner 1933 in der Nachbetrachtung für mehr als nur opportunistische Wendung erscheinen lassen. Wie war das möglich? Interesse und Anteilnahme für Südtirol waren ungebrochen vorhanden, daran konnte kein Zweifel bestehen.

Der VDA – Bayern stellte noch im April 1932 empört fest: Es ist still geworden um Südtirol. Das größte geschichtliche Unrecht ist geblieben (im Originaltext gesperrt): Die Zerreißung Tirols!“ Er organisierte in dieser Zeit „Grenzlandfahrten“, rief seine Mitglieder zu „Noldin – Feiern“ zusammen und demonstrierte damit unbeirrt den Willen, an seinen Zielen und Methoden festzuhalten. Sein Verlag publizierte 1932 ein Buch mit den propagandistischen Titel „DEUTSCH SÜDTIROL IM SCHMERZ  - MIT IHM DAS GANZE DEUTSCHE LAND?“ 

An einem geänderten Verhalten der NSDAP zur Südtirolfrage lag es aber auch nicht. Verglichen mit den Jahren der Auseinandersetzung ließ man dort zwar jetzt Ruhe in die Frage einkehren, und mit Ausnahmen der Prozesse gegen von Graefe verzichtete Hitler auf die öffentliche Besprechung dieses Thema, so dass in seinen Reden Südtirol von 1930 bis 1933 tatsächlich kaum mehr Erwähnung fand. Dass damit jedoch keineswegs eine Modifikation der Positionen verbunden war, führte bereits ein Blick auf die Aktivitäten der Partei außerhalb der Grenzen des Reiches in aller Deutlichkeit vor Augen. Der internationale Kontakt zwischen dem Faschismus und der NSDAP und die privilegierte Behandlung, welche die Partei innerhalb der deutschen  Rechten  in Italien seit  etwa 1931 genoss,  ermöglichte es ihr, bald selbst aktiv Einfluss auf das politische Geschehen in Südtirol zu nehmen. Im Dezember 1931 beziehungsweise Jänner 1931 gründete sich, wärmstens begrüßt von den faschistischen Behörden, NSDAP – Ortsgruppen in Meran und Bozen. Diese standen zwar ausschließlich Bürgern des deutschen Reiches mit Wohnsitz in Italien offen, Südtiroler waren jedoch als Gäste willkommen. Über diese Ortsgruppen gelang es den Nationalsozialisten, Kontakt zum Gaujugendring (GJR) zu knüpfen. Auf diese Weise wurden sie zu Schulungszentren und Keimzellen für den für den Völkischen Kampfring Südtirol (VKS), einer originären Südtiroler nationalsozialistischen Bewegung nach 1933. Wenn die Reichsleitung der NSDAP auch offene Verzichtserklärungen in diesen Kreisen  missbilligte, weil sie eine abschreckende Wirkung auf die Volksgruppe befürchtete, so lag die Intention doch langfristig eindeutig in der Ausrichtung des GJR auf die Ziele einer kommenden nationalsozialistischen Außenpolitik.  Flankiert wurde diese eher stille, gleichwohl von den Politikern des DV argwöhnisch beobachtete und vom Andreas Hofer - Bund Tirol angeprangerte Tätigkeit, von einer reihe spektakulärer Auftritte reichsdeutscher NS-Abgeordneter, bei denen es zu Verbrüderungsszenen mit Faschisten kam. Eine Delegation unter SS-Standartenführer Theodor Eicke ließ sich gar anlässlich der 10.Jahres-Feier der faschistischen Machtergreifung am 28. Oktober 1932 gemeinsam mit faschistischen Schwarzhemden vor dem Bozener „Siegesdenkmal“ ablichten.  

In Nordtirol waren nicht minder eindeutige Aktivitäten in aller Öffentlichkeit zu beobachten. Wie vor beschrieben, leugneten die Tiroler Nationalsozialisten den Verzicht Hitlers. Als sie parallel zur Entwicklung in Reich Anfang der dreißiger Jahre zu einer bedeutenden politischen Größe aufstiegen, bot die Südtirolhaltung der Mutterpartei ihren Gegnern reichlich Munition. Der Streit in Tirol wurde in sehr scharfer Form ausgetragen, und wiederum waren es reichsdeutsche NS – Gruppen, die unter „Südtirol verrecke“ Rufen – im übrigen gemeinsam mit der Heimatwehr, ihrem politischen Feind, aber Verbündeten in dieser Frage – Südtirolveranstaltungen des Andreas Hofer – Bundes und der Tiroler Volkspartei sprengten. Der Tiroler Landeshauptmann Stumpf sprach daraufhin ein Redeverbot für reichsdeutsche NSDAP – Mitglieder im Land aus, da er ihre Haltung „aus Tiroler Sicht als glatten Verrat“ sah.

Diese Ereignisse geschahen für alle Welt sichtbar und konnten von den Südtirolaktivisten kaum ignoriert werden, um so weniger, als diese Gelegenheit hatten, sich im persönlichen Gespräch mit Hitler von dessen unveränderter Haltung zu überzeugen. Der VDA hatte sich lange Zeit vergeblich um Aussprache bemüht. Am 31- März 1932  kam diese schließlich in „Braunen Haus“ in München zustande und hatte formell den Charakter eines Gipfeltreffens. Neben dem VDA Funktionären war auch der Andreas Hofer – Bund Tirol mit Reut-Nicolussi und Mumelter vertreten. Aus der NSDAP waren neben Hitler Rosenberg, Röhm, Frank, Heß und Brückner zugegen. Das Gespräch nahm allerdings schnell einen ganz und gar einseitigen Verlauf. Die Südtiroler Vertreter legten einen Forderungskatalog vor, und Hitler lehnte ihn in allen Punkten rundweg ab. Stattdessen antwortete er in „längeren, manchmal fast wörtlich seinen in Druck erschienen Gedanken entsprechenden Ausführungen .

Es gab also sachlich weder eine Änderung in der Haltung des VDA noch die Hitlers, und doch fanden sie in diesem Jahr zueinander. Um dies zu verstehen, müssen wohl mehrere Faktoren berücksichtigt werden: Beide Seiten bewegten sich aufeinander zu, allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Die NSDAP begann sich Ende der zwanziger Jahre für die Deutschtumsverbände zu interessieren.  In seiner Südtirolbroschüre hatte Hitler die Parole ausgegeben den „Störern“ der deutsch – italienischen Verständigung und „Vergiftern“ der öffentlichen Meinung“ müssten „alle verwertbaren Waffen aus der Hand gewunden werden“. Währen das gegenüber dem Andreas Hofer - Bund immer nur offener Kampf bedeut hatte, war der Umgang mit dem VDA ein anderer gewesen. Schon frühzeitig erkannten Parteigenossen wie Rudolf Heß oder Alfred Rosenberg, die sich mit der Frage der Volkstumspolitik auseinandersetzten, die Chancen, welche die Organisationen der Volkstumsarbeit außerhalb der Partei als Instrument eines zukünftigen nationalsozialistischen Regimes für die Abschirmung ihrer Außenpolitik barg. Zur Vorbereitung konnte es dienlich sein, frühzeitig die Kontrolle über die beteiligten Verbände zu gewinnen, um sie im entsprechenden Moment als berechenbare Größen handhaben zu können. Das traf natürlich auf die Gruppen in besonderem Maße zu, die in dem programmatisch so sensiblen Bereich Südtirol aktiv waren. Die NSDAP ging dabei unterschiedlich vor, arbeitete mit Drohung ebenso wie mit Infiltration. Der Vorsitzende des VDA Bayern von Witzleben berichte über eine Begegnung mit Hitler 1929. Dieser habe verlangt, dass der VDA – Bayern sich definitiv jeder aktiven Südtirolpolitik enthalten sollt, anderenfalls werde die Partei Konsequenzen gegen den VDA ergreifen. Erleichtert stellte von Witzleben fest, eine Einigung sei  dann doch noch erzielt worden, nachdem er Hitler versichert habe, der VDA werde auf jede „Politik“ verzichten. Hoffnungsfroh resümierte er „Jetzt haben nicht nur die Angriffe von dieser Seite her aufgehört, sondern es erfolgt auch Mitarbeit und Unterstützung“.

Die „Mitarbeit“ der Nationalsozialisten im VDA sollten sich jedoch schon bald als paralleler Versuch entpuppen, die Südtirolarbeit – diesmal von innen – zu bekämpfen. Auf der Fünfzig-Jahr-Feier des VDA – München bemängelte von Witzleben, dass die Arbeit des Verbandes „mehr noch als durch Unterdrückungsmaßnahmen der Italiener durch die Haltung eines Teils unserer deutschen Volksgenossen in der Ortsgruppe“ behindert werden. „Nationalsozialisten im VDA“ versuchten an verschiedenen Stellen, den Verband in eine pronationalsozialistische Richtung zu manövrieren, indem sie beispielsweise auf einen Boykott des SÜDTROLER drang. Einen eindringlichen „Warnruf an die Adresse des VDA“ enthielt der BVP – nahe BAYRISCHE KURIER im Februar 1932:

(Der VDA) ist in Gefahr, von bestimmten Kreisen missbraucht zu werden. Wir wissen von Anstrengungen, die gemacht werden, um Hilfe des Verbandes den Mantel des Schweigens über die Haltung des Nationalsozialismus gegenüber Südtirol auszubreiten. (…) Es wäre äußerst beklagenswert, wenn eine Einrichtung die so viel Verdienstliches geleistet hat, Parteiinteressen und die Interessen der Gesamtnation nicht mehr auseinander halten könnte. Viel richtiger schiene es uns, wenn der VDA die bedrohten Südtiroler gegen eine Partei. Die für diesen wertvollen Stamm nicht das genügende Verständnis zeigt, in Schutz nehmen und darauf wirken würde, dass der   Nationalsozialismus seine Haltung ändere.

Doch dazu war der VDA nicht nur deshalb nicht in der Lage, weil die NSDAP Druck auf ihn ausübte, sondern aus dem VDA selbst bewegte man sich aus freien Stücken auf die Nationalsozialisten zu. Die NSDAP war bereits die größte und in zunehmenden Maße die einzige Hoffnungsträgerin des gesamten nationalen Lagers, und auf diesen waren die Deutschtumsvereine nun einmal voll und ganz fixiert. Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass es um Südtirol auch nur in der nationalen Presse „still geworden“ war. Die sozialdemokratische und kommunistische, die katholische und die liberale Presse berichteten weiterhin ungebrochen kritisch über die italienische Minderheitenpolitik und über den Südtirolverzicht Hitlers. Aber hier suchte man die Partner eben nicht. An der NSDAP führte somit kein Weg vorbei. Es gab eine jüngere Generation im Verband, die sich dem Nationalsozialismus aufgeschlossener zeigte als die alten bürgerlich – nationalen Honoratioren. Die wenig ausgreifende Vorstellung von der Verwirklichung des angestrebten „Volksstaates“ in den Deutschtumsverbänden, machte gerade die Jüngeren, die daran Kritik übten, für jene politischen Kräfte anfällig, die staatlicher Volkstumspolitik eine machtvolle Perspektive boten. Auch wenn Hitler letztlich andere Ziele im Auge hatte als sie, seine Volkstumsrethorik täuschte sie darüber hinweg.

Es gab einen Willen zu Annäherung. Trotzdem: Wie konnte ein Volkstumsverein wie der VDA – Bayern an der Südtirolhaltung Hitlers vorbeikommen? Einen Verzicht, so wie Hitler ihn meinte, total und unabhängig, konnte er nicht akzeptieren. Die Quellen lassen nur eine Antwort zu: Man glaubte Hitler nach wie vor nicht. Zur Verwirrung beigetragen haben mögen Stimmen aus der NSDAP, die in dieser Zeit Verständnis für die Anliegen der Südtirolvereine zeigten. So bei einer Vorbesprechung des Treffens mit Hitler im Jänner 1932 in der Geschäftsstelle des VÖLKISCHEN BEOBACVHTER in Berlin.. Die anwesenden Nationalsozialisten Rosenberg, Schickedanz und Hinkel erkannten dort Südtirol „selbstverständlich als einen Bestandteil des deutschen Volksgebietes“ an und versprachen bei einer künftigen deutsch - italienischen Annäherung werde Südtirol in jedem Fall ein Thema sein. Zusätzlich erklärte Rosenberg, die NSDAP wolle sich in Zukunft „Taktvoll“ gegenüber den Südtirolern verhalten, die bisherigen Äußerungen Hitlers seien in dieser Hinsicht „nicht immer glücklich“ gewesen. Dass solche Aussagen lediglich Ausdruck abweichender Meinungen innerhalb der Nationalsozialistischen Partei waren und keinen Wert besaßen, sofern Hitler sie nicht teile, realisierten die Südtirolvertreter zunächst nicht, sie hofften auch nach der Begegnung mit Hitler weiter.

Nichts belegt die Selbsttäuschung, der die Deutschtumspolitiker in diesen Jahren unterlagen, besser als die häufig verwendete Formel von der „zu weit getriebenen Haltung Hitlers“. Felix Kraus, der ja ein hoher Funktionär des VDA war, berichtete beispielsweise von einer Zusammenkunft mit Vertretern der Vereine im Reich und Südtirol Politikern im Jänner 1932 in Innsbruck:

Ich fand darüber (…) einheitliche Auffassung, dass man im Lande wie bei den Freunden außerhalb des Landes nicht erlahmen dürfe, durch alle nur möglichen Verbindungen der Führung der N.S. die inneren Widersprüche ihrer zu weit getriebenen Haltung zu zeigen und sie zu einer für Südtirol wenigstens erträglichen  Einstellung zu veranlassen. (….) Natürlich wird man, wie die Dinge liegen, öffentliche Erklärungen, die die bisherigen Stellungsnahmen preisgeben, nicht erwarten können und hält es daher auch nicht für zweckmäßig, solche Erklärungen erzwingen zu wollen.

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