7. Die bröckelnde Front

 7.1 Die Anziehungskraft des Faschismus

Auf alle Teile der Rechten, nicht nur auf die Nationalsozialisten, übte der Faschismus seit dem „Marsch auf Rom“ eine gewaltige Faszination aus. „Italia docet“, lautete der Titel eines Artikel Arthur Moeller van den Brucks, in dem er dem Faschismus bereits 1922 eine wegweisende Rolle für die nationale Bewegung in Deutschland zusprach. Von vielen anderen wurde er ähnlich früh als Modell der „autoritären Lösung“ gesehen, wie man sich auch im eigenen Land erhoffte, als ein Muster zur Beseitigung der verhassten republikanischen Staatsform und zur Abwehr der „bolschewistischen Gefahr“. In der Weimarer Republik bestand in allen Strömungen der Rechten bereits lange Jahre ein „philofaschistisches Meinungsklima“, bevor es in der allgemeinen empfundenen Staatskrise der Jahre 1929 bis 1933 selbst auf anfängliche Gegner aus dem liberalen und katholischen Lager übergreifen sollte.

Gemeinsam war der gesamten nationalen Bewegung die Begeisterung für die Persönlichkeit Mussolinis. Er war der „starke Mann“, der „nationale Erlöser“, die große charismatische Führerfigur, auf die auch Deutschland nach ihrer Überzeugung wartete. Oswald Spengler feiert die Herrschaft des „römischen Genius“ hymnisch als „neuen Cäsarismus“. Darüber hinaus konnten verschiedene Strömungen sich jeweils mit einzelnen Aspekten der – tatsächlichen oder vermeintlichen – faschistischen Realität identifizieren. Geringe Kenntnisse der Verhältnisse und die Widersprüche, die dem Faschismus innewohnten, halfen dabei, dass ganz unterschiedlich, zuweilen entgegengesetzte Wunschvorstellungen auf ihn projizierbar waren und ihm Attraktivität verliehen. Der Sieg des Faschismus war für die alte Elite im Reich ein Zeichen der Kehrtwende und Hoffnung in ihrer Angst vor dem Umsturz der alten Ordnung durch die Arbeiterparteien, wie sie nach der russischen Oktoberrevolution grassierte. Für traditionelle Monarchisten und ostelbische Großgrundagrarier in der DNVP war der Ausgleich Mussolinis mit der Krone und mit der alten Elite, der sie für den Faschismus einnahm. Sie sahen in seinem System in erster Linie das bewahrende Element und nahmen wohlwollend zur Kenntnis, dass Mussolini die Eigentumsverhältnisse unangetastet gelassen hatte. Auf der anderen Seite konnten sich aber auch Nationalrevolutionäre wie Ernst Jünger, die keine Restauration kaiserzeitlicher Verhältnisse wollten, mit dem Faschismus identifizieren und sah in der Dynamik, Modernität und Fortschritt verwirklicht. Für sie war er ein Fanal des Aufbruches, das „ erste revolutionäre Experiment der Mittelklasse“, eine nationale und antimarxistische, aber eben doch revolutionäre Antwort auf die „bolschewistische Herausforderung. Autoren der „Konservativen Revolution“ interpretierten die faschistische Institutionen und vor allem das korporatistische Wirtschaftsprinzip als Idealbild eines „organischen“ Ständestaates, wie sie selbst ihn sich erträumten. Für eine dritte Gruppe war es gerade die polymorphe Erscheinungsform, die den Faschismus so attraktiv machte. Helmut Franke, der Chefredakteur der STANDARTE, dem Forum der „Konservativen Revolution“ im Stahlhelm, feierte das System gerade als „Synthese aus Konservatismus und Modernismus“, als eine Mischung aus Jugendlichkeit und Tradition, aus revolutionärem Antrieb und konservatives Ordnungsdenken.   

Der Stahlhelm war es auch, der unter allen Sympathisanten bald am deutlichsten faschistische Züge entwickelte, denn hier fühlte man sich aus dem eigenen Rollenverhältnis heraus zum Faschismus hingezogen, hat Mussolini doch nach der Ansicht vieler als Erster den Eintritt des „Frontsoldatentums“ in die Politik vollbracht.

Im Prinzip waren die Voraussetzungen nicht schlecht, um Kontakte zu knüpfen und für eine Zusammenarbeit zueinander zu finden. Die Maximen der faschistischen Außenpolitik überschnitten sich in einer Reihe von Punkten mit denen der nationalen Rechten. In der radikalrevisionistischen und antifranzösischen Grundausrichtung und in der vollkommenen Ablehnung von Locarno und deutschen Verständigungspolitik waren sie sogar identisch. So war es nicht verwunderlich, dass beide Seiten Initiativen entwickelten, um ins Gespräch zu kommen. Bereits 1922 / 23 sondierte Oberst Tedaldi, ein Agent Mussolinis, die Lage in der bayrischen Rechten und pflegte dort Kontakte sowohl zu Pittinger als auch zum Ludendorff-Kreis. Auf einer noch weit höheren Ebene angesiedelt waren Gespräche, die der von Mussolini mit Vollmacht ausgestattete General Luigi Capello 1924 mit der Spitze der DNVP, mit Oskar Hergt, Kuno Graf von Westarp und Karl Helfferich sowie mit Vertretern der Reichswehr führte, um Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten. Konkret wurde dabei die eine eventuelle italienische Unterstützung für einen Staatsstreich unter dem Chef der Heeresleitung von Seeckt ins Auge gefasst, der „autoritären Lösung“, die man zu dieser Zeit unter den Deutschnationalen favorisierte. Daneben wurden Rüstungsfragen debattiert und die Möglichkeit von italienischen Waffenlieferungen besprochen um das deutsche Heer für einen gemeinsamen Krieg gegen Frankreich instandzusetzen. Das war bemerkenswert, weil sich hier Kriegsgegner gegenüberstanden und die deutschen Gesprächsteilnehmer noch den „Verrat“ Italiens im Gedächtnis hatten. Hier taten die Sympathien, die dem Faschismus entgegengebracht wurden, bereits ihre Wirkung. Genauso hatte die Sonderrolle, die Italien unter den Siegermächten einnahm, bereits geholfen, Ressentiments auf deutscher Seite abzubauen. Wenn alle Gespräche im Anfangsstadium steckenblieben, so kam der Südtirolfrage dabei wohl die ausschlaggebende Rolle zu. Sie stand zu diesem Zeitpunkt unüberwindlich zwischen den Verhandlungspartnern. Eine Verbindung mit Italien war zu diesem Zeitpunkt ohne Klärung der Südtirolproblematik für die nationale Rechte gegenüber ihrem Klientel nicht machbar.

Das Dilemma, in dem die Rechte in ihrer Beziehung zu Italien steckte, war mit Händen greifbar. Innerhalb der Parteien wechselte sich das Loblied auf den Faschismus mit aggressiver antiitalienischer Propaganda in der Südtirolfrage ab. Diese schizophrene Haltung war ein schwer überwindbares Hindernis für eine volle geistige wie auch für eine praktische Annäherung an das faschistische Italien. Derselbe Moeller van den Bruck beispielsweise, der in ITALIA DOCET die Vorbildhaftigkeit des Faschismus unterstrichen hatte, bezeichnet in DAS DRITTE REICH Mussolini, als „Verräter am Ideal der Irredenta“. Dieser sei dafür verantwortlich, „ (…) dass Völker nicht erlöst, sondern verknechtet werden, dass Staaten ihren Machtbereich ausdehnen und Grenzgebiete der Abdrosselung verfallen.

Oberst Tedaldi berichtete Mussolini, dass außer Hitler keiner seiner bayrischen Gesprächspartner bereit war, auf eine ausführliche Erörterung des Themas als condition sine qua non (Bedingungen ohne die nicht…) für Verhandlungen zu verzichten. Als der Führer der DNVP, Karl Helfferich, 1923 mit dem italienischen Botschafter De Bosdari über Bündnisfragen sprach, nannte er als erste von zwei Vorbedingungen für einen „fruchtbaren Gedankenaustausch“ mit dem Faschismus den Verzicht auf eine gewaltsame Italianisierung Südtirols. Otto Hoetzsch, nach Helfferichs Tod der Leiter der Deutschnationalen Verhandlungsdelegation, setzte Capello ebenfalls in Kenntnis, dass von italienischer Seite zwei Vorleistungen erbracht werden mussten: die Aufgabe des Widerstandes gegen den Anschluss und – der Verzicht auf die Zwangsitalianisierung Südtirols. Mussolini wunderte sich über die Intransigenz der Deutschnationalen, sobald die Sprache auf das Thema Südtirol kam. Da er selbst nicht einmal zu einer allgemeinen Besprechung der Südtirolfrage bereit war, war natürlich ein toter Punkt in allen Gesprächen schnell erreicht.

Nachdem in den hitzigen Diskussionen der Jahre 1925 / 26 viel Porzellan zerschlagen wurde, ruhten die Kontakte für längere Zeit. Das lag auch daran, dass die deutsche Rechte für Mussolini als Partner an Attraktivität verlor, als sich die Republik stabilisierte und ein autoritärer Staatsstreich von rechts im Reich unwahrscheinlich wurde. Erst als sich die nationale Bewegung gegen Ende der zwanziger Jahre mit Vehemenz erneut zu radikalisieren begann und dem Staat gegenüber in eine grundsätzlich feindselige Haltung zurückfiel, begann man sich in Rom wieder für sie zu interessieren.

In der Zwischenzeit erhoben sich Stimmen, welche die unerbittliche Haltung gegen Italien als Fehler brandmarkten und anmahnten, eine „flexible“ Haltung zur Südtirolfrage einzunehmen, um die Kontakte mit dem Faschismus zu erleichtern. Der Sohn des exilierten Kaisers, Friedrich von Hohenzollern, der mit der DNVP sympathisierte, vermerkte in einem Brief an seinen Vater 1926, es sei eine unglaubliche Kurzsichtigkeit von unseren nationalen Kreisen, dass sie auf das propagandistische Geschrei unserer demokratischen Presse hereinfallen und die Südtiroler Frage immer wieder als Anlaß nehmen, um Mussolini anzugreifen.

Solche Einzelstimmen verhallen zunächst, doch bald gab es sie in allen Teilen der nationalistischen Bewegung und sie äußerten sich vernehmlicher. Als erster und zunächst vielkritisierter Vorreiter einer versöhnlichen Linie nach den Angriffen in der Südtirolkrise trat die nationalliberale DEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG hervor. Publizisten wie der Herausgeber der deutschnationalen GRÜNEN BRIEFE, Josef Sonntag, folgten. Im Stahlhelm waren es die Autoren der STANDARTE die in der Zwischenzeit für eine neue Linie warben. Der Autor einiger Artikel über den Faschismus mit dem Pseudonym Gelimer propagierte im Jahre 1926 eine Anlehnung trotz der Kritik an der „Deutschfeindlichkeit“ des Faschismus, die sich in Südtirol manifestierte. Man merkte bei vielen das Bemühen, einen Weg zu Mussolini an Südtirol vorbei zu finden. Es dauerte aber noch eine Weile, bis solche Vorstellungen auch in der Führungsspitze der nationalen Bewegung vordrangen. Mit Hugenbergs Übernahme des Parteivorsitzes und der Radikalisierung des Stahlhelms war schließlich die Zeit reif für einen Wechsel. Das alt-neue außenpolitische Konzept dieser „nationalen Opposition“ bestand im wesendlichen in einem kompromisslosen Konfrontationskurs, vor allem gegenüber Frankreich. Dadurch gewannen radikalrevisionistische  Bündnisplanspiele mit Ungarn, Österreich und Italien, wie sie bereits anfangs der zwanziger Jahre kursiert waren, von neuem an Reitz. Gleichzeitig war die Bewunderung für den Faschismus, der sich in Italien nun endgültig etabliert hatte, weiter gewachsen. Je mehr die autoritäre Lösung für die Rechte wieder zur allgemeinen Option wurde, in desto größerem Glanz erstrahlte   der Modellcharakter des Faschismus. 1928, das Jahr in den die Radikalisierung der deutschen Rechten manifestierte, war auch das Jahr des Wechsels ihrer Südtirolhaltung. In Berlin trafen Hugenberg, Stahlhelm-Bundesführer Seldte, sowie andere Vertreter nationaler Parteien und Reichswehroffiziere zu einer Konferenz mit dem Hauptmann Waldemar Papst, einem der glühendsten Bewunderer Mussolinis und Weber für einen neuen Südtirolkurs zusammen.  Papst war eine der wichtigsten Figuren der rechtsradikalen Szene in der Weimarer Republik, beteiligt am Luxenburg / Liebkanecht - Mord ebenso wie am Kapp-Putsch. Nach seiner Flucht aus Deutschland 1922 war er in Tirol als militärischer Berater der rechtsradikalen Heimatwehr tätig. Für deren Projekt eines autoritären Umsturzes der österreichischen Republik ersuchte die Heimatwehr (Heimwehr) Italien um Unterstützung mit Waffen und Geld. Ihr Führer Richard Steidle und der deutsche Hauptmann Waldemar Papst schlossen 1928 zu diesem Zweck einen Vertrag mit Mussolini, in dem sich die Heimatwehr verpflichtete, gegen die gewünschte Unterstützung die Südtiroler Frage nicht mehr aufzuwerfen. In Berlin fand die Ausführung von Pabst offene Ohren, wenn auch die Mehrzahl der Konferenzteilnehmer für eine offizielle Erklärung im Stil der Heimatwehr  nicht zu gewinnen war.

Der Schwenk des nationalen Lagers vollzog sich auf eine lautlose Weise. Eine Rede des DNVP - Reichstagsabgeordneten Axel von Freytag - Loringhofen vor dem Reichtag markierte bereits einen ersten Wechsel der Parolen. Er, der 1925 zu den Verfassern der zitierten deutschnationalen Südtirolinterpellation gehörte, plädierte nun dafür, um eines Bündnisses Willen auf die „Besprechung des Themas“ zu verzichten. Ähnliche Stellungnahmen waren bald überall zu hören. Franz Seldte wies in einem Rundschreiben an die Stahlhelm – Landesverbände darauf hin,

(…) dass die erwünschte Annäherung an den Faschismus ohnehin ein so mühseliges diplomatischen Unterfangen sei, dass man sich dadurch erleichtere, indem man die Südtirolfrage einstweilen auf sich beruhen lässt.

Hugenberg wies seine Zeitung an, ab sofort dezenter und ohne aggressive Kritik an der italienischen Politik über Südtirol zu berichten. Im April 1928 bekam Mussolini im TAG die Gelegenheit, sich in der deutschen Öffentlichkeit in einem positiven Licht zu präsentieren. In einem über die Grenzen des deutschnationalen Lagers hinaus weit beachteten Interview stellte er indirekte Konzessionsbereitschaft für den Fall in Aussicht, dass in Zukunft in Deutschland und in Österreich auf Pressekampagnen und Propagandatätigkeit gegen Italien verzichtet werde. Er forderte dafür die Aufgabe der „Gefühlspolitik“ der Rechten und verzichtete vollkommen auf die zuvor üblichen Drohgebärden. Der Zweck des Interviews bestand offensichtlich auch darin, die Leserschaft auf den Stop der Südtirolpropaganda vorzubereiten, denn von diesem Zeitpunkt an breitet sich ein Mantel des Schweigens über das Thema aus.

Über faschistische Entnationalisierungsmaßnahmen, die ungemindert fortgesetzt wurden, wurde nur noch in Ausnahmefällen berichtet, anklagende Töne fielen vollkommen weg. Als im Sommer 1928 das Bozner Siegesdenkmal feierlich enthüllt wurde – ein Anlass, bei dem zweifellos noch kurze Zeit zuvor an derselben Stelle die nationalen Emotionen übergeschäumt wären – erhob sich auffälligerweise keine deutschnationale Pressestimme mehr. Hugenberg vermerkte 1929 gegenüber seinem Italienischen Gesprächspartner, dem ehemaligen Finanzminister De Stefani, es herrsche innen- wie außenpolitisch vollkommene Übereinstimmung zwischen Deutschnationalen und Mussolini, und bekräftigte, dass in der Südtirolfrage jede Art von „Sentimentalität“ aufgegeben und das Problem „ans Ende gestellt“ worden sei statt an den Anfang. Damit war das wesentliche Hindernis engerer Kontakte beseitigt, die Beziehungen wurden nun merklich freundschaftlicher. Die neue Haltung drückte sich unter anderem darin aus, dass sich Ende der zwanziger Jahre ein regelrechter Reiseverkehr deutschnationaler Delegationen nach Italien entwickelte. Vor allem Stahlhelmgruppen waren es, die nach Süden fuhren, die faschistischen Einrichtungen besichtigten und sogar in Audienzen beim „Duce“ empfangen wurden. Im Deutschen Reich liefen die Kontakte von italienischer Seite nunmehr ausschließlich  über Oberts Renzetti, einem „Salonlöwen im Dienste des Faschismus“. Obwohl er außer kleinen Konsulatsposten nie ein bedeutendes offizielles Amt innehatte, war er „der große Unbekannte“ bei allen deutsch-italienischen Veranstaltungen und führte selbst einen Salon, in dem er maßgebliche Persönlichkeiten der nationalen Rechten wie Hugenberg, Oskar von Preußen, Reichbankpräsident Hjalmar Schach, den Chefredakteur des deutschnationalen TAG Eberhart von Medem. Reichwehrgeneräle wie Schleicher und von Mackenstein, die Stahlhelm – Führer Seldte und Duesterberg, und mit der Zeit auch immer häufiger Nationalsozialisten wie Goebbels, Rosenberg, Frik und Göring empfing. Ab 1931 war auch Hitler häufig dort zu Gast. Renzettis Funktion war nicht klar definiert. Er versuchte wohl zunächst aus eigenem Antrieb, mit Billigung und später auf Weisung Mussolinis, nach potentiellen Bündnispartnern für den Faschismus im rechten Lager zu suchen. Aus der Korrespondenz zwischen Renzetti und Mussolini erschließt sich, dass beide bis etwa 1931 den Stahlhelm  für die zukunftsträchtigste Kraft der deutschen Rechten und daher für den geeigneten Bündnispartner hielten und erst relativ spät, seit dem großen Wahlerfolg der NSDAP im September 1930, zu Hitler tendierten. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die Südtirolfrage im Renzettikreis ein häufiger Gesprächsstoff war. Die Tatsache, das Hitler der einzige war, der einen verzicht auf Südtirol offen aussprach, gab also nicht unbedingt den Ausschlag führ ihn. Die Haltung der DNVP und des Stahlhelms  zur Frage wurden offenbar als ausreichend empfunden.  

1930 stellte Hitler gegenüber dem italienischen Konsul in München, Capasso Torre, befriedigend fest, dass die nationale Rechte ihre Haltung in der Südtirolfrage der seinen angeglichen hatte. Nachdem zur selben Zeit, in der vollkommene Ruhe in der Südtirolfrage in die deutschnationale Presse eingekehrt war, auch die Angriffe auf die nationalsozialistische Verzichtpolitik endete, konnte der Eindruck von außen betrachtet leicht entstehen. Dennoch konnte von einer wirklichen Adaption der Haltung Hitlers zur Südtirolfrage wohl kaum gesprochen werden. Ein offener Verzicht nach Art der NSDAP war von dieser Seite nicht getätigt worden. Es war ausschließlich von „Zurückstellung“, „Ruhen lassen“ oder „Schweigen“ die Rede, niemals aber von „Aufgeben“ oder „Verzichten“. Auf  eine solche Linie wäre die Anhängerschaft der nationalen Rechten wohl auch nur schwer zu bringen gewesen. Bereits den weniger radikalen neuen Kurs billigten nicht längst alle. Während Abordnungen des Stahlhelms in Italien Ortsgruppen gründeten, von der „Internationale der Frontkämpfer“ schwärmte, und Mussolini mit Ehrennadeln dekorierten, lehnte die Bundesleitung DER STAHLHELM eine solche „Anbiederung“ ab. Man könne bei aller Vorbildlichkeit des „Duce“ wohl kaum Ehrenzeichen an den „Unterdrücker des Deutschtums“ verleihen – an den Mann, der dabei sei, ein „zweites Elsaß“ zu schaffen. Auch Hindenburg als Ehrenvorsitzender des Bundes der Frontkämpfer verwahrte sich gegen allzu offene Sympathiekundgebungen. Besonders schwierig war es natürlich in Bayern, die neue Haltung  zu erklären. Der bayrische Landesverband des Stahlhelm geriet 1932 noch in Bedrängnis, als er den Kurs des Schweigens umzusetzen versuchte. Der bayrische Stahlhelmführer Ilsemann war, wie er sich bei Seldte beklagte, dem „(…) nicht unwesendlichen Widerstand gewisser bayrischer Kreise ausgesetzt, die sich in der Südtirolfrage päpstlicher als der Papst aufführen.“

Die „nüchterne Überlegung“ setzte sich zuerst in den Führungsgruppen mehr und mehr durch, „für die Masse der bürgerlich – konservativen Parteigänger stellte sich die Südtirolfrage aber immer noch als unübersteigbares Hindernis dar“.

Das alte Dilemma bestand weiterhin fort, es hatte sich lediglich verlagert und bestand nun schwerpunktmäßig gegenüber der eigenen Anhängerschaft: Aus Glaubwürdigkeitsgründen gegenüber Mussolini mussten offene Kundgebungen für Südtirol unterbleiben, ebenso wenig durfte aber der Eindruck gegenüber den Anhängern entstehen, man habe reale Abstriche bei der nationalistischen Programmatik vorgenommen. Schlaglichtartig verdeutlichte es der Ablauf des „Stahlhelmtages“ in Breslau am 30. Mai 1931, wie schwierig dieser neue Spagat zwischen „Opportunität und Programm“ zu bewältigen war: Die Veranstaltung mit geschätzten 150.000 Teilnehmern war eine einzige Heerschar des aggressiven Nationalismus. Die Reden der beiden Bundesführer Franz Seldte und Theodor Duesterberg beinhalteten massive Drohungen an die Adresse Polens und der Tschechaslowakai, sowie aller anderer Staaten in Europa, unter deren Dach deutsche Minderheiten lebten. In Duesterbergs ansonsten um Vollständigkeit bemühter Aufzähler „der Unterdrücker  des Deutschtums“ fehlte Italien als einziges Land. Als der Redetext an darauffolgenden Tag in gedruckter Form unter den Teilnehmern verteilt wurde, war Italien jedoch in den Kanon zwischen der Tschechaslowakei und Frankreich eingefügt. Unklar ist, ob Duesterberg mit der nachträglichen Einfügung auf Kritik aus den eigenen Reihen reagierte, die Südtiroler in der Aufzählung der Unterdrückten vermisst hatten und die Einfügung anmahnten, oder ob er selbst in der Rede eine geplante Passage mit Rücksicht auf die anwesenden  italienischen Gäste weggelassen hatte. In jedem Fall wurde deutlich, dass es zwei Bedürfnisse waren, die innerhalb der nationalen Rechten bestanden und nach wie vor befriedigt werden mussten, wenn es um Südtirol ging. Wie lange sich allerdings unter dem Eindruck des offiziellen Schweigens Interesse und Anteilnahme unter den Parteigängern wachhielten, ist ansonsten schwer messbar. Der italienische Senatspräsident Federzoni schätzte das Interesse nach einem Deutschlandaufenthalt im Juli 1930 immer noch als „latent, aber nicht zu unterschätzende Belastung des deutsch – italienischen Verhältnisses“  an, mit der Begründung, es würden Gefühle verletzt, „die dem gesamten Deutschtum heilig sind. Ein Beispiel illustriert, dass nationalistische Stimmungen für Südtirol immer dann durchbrechen konnten, wenn sie aktiv geweckt wurden. Bei der letzten Auseinandersetzung um Südtirol auf diplomatischer Ebene stand ein Theaterstück mit dem Titel „Flieg, roter Adler von Tirol“ im Mittelpunkt, das scharfe Kritik am italienischen Regime in Südtirol transportierte und offensichtlich einige, in Italien als beleidigend empfundene, Szenen und Sprechpassagen enthielt. Mussolini forderte von der deutschen Regierung, sie solle dafür sorgen, dass „dieses italienfeindliche Tendenzstück“ abgesetzt werde, und wurde vom AA unter Hinweis auf die in Deutschland herrschenden Gesetze abschlägig beschieden. Interessant an  dieser Episode, die ansonsten schnell wieder in Vergessenheit geriet, war  etwas anderes: Aus dem Briefwechsel zwischen dem Botschafter in Rom, Neurath, und Außenminister Curtius ergibt sich, dass das Stück nicht nur in „verschiedenen Städten Deutschlands“ lief, sondern dass nach einer ersten Besprechung des Stückes in der Presse dessen Aufführungen gar mit „zigfach“ fortgesetzt wurden. Zudem kam es dabei „vielfach zu italienfeindlichen Kundgebungen der Theaterbesucher.

Doch solche diffusen Stimmungen wurden nicht mehr aktiv geweckt, und niemand in den nationalen Parteien und Verbänden zeigte Willen, sie zu kanalisieren. Die starken Gegensätze, die sich bisher immer dann im rechten Lager formiert hatten, wenn Konzessionen um eines Bündnisses willen erwogen wurden und die im Kampf zwischen „Opportunität und Programm“ letzterem meist zum Siege verhalf, waren in der Südtirolfrage außer Kraft gesetzt. Folgenlos konnte das langandauernde Schweigen der nationalen Presse nicht bleiben. Der SÜDTIROLER klagte 1932:

(…) in der deutschen Öffentlichkeit besteht vielfach die Meinung, die Verhältnisse in Südtirol seine in den letzten Monaten besser und erträglicher geworden, die Beziehungen werden immer freundlicher. Dabei besteht von italienischer Seite ein unveränderter Vernichtungswille.

In einer Rede Eduard Reut - Nikcolussi vor dem Andreas Hofer – Bund Tirol in Innsbruck 1932 wird der Schock deutlich, denn der Schwenk bei manchen Südtirolaktivisten auslöste. Ein „Verbrechen an der nationalen Einigung“ nannte er das Verhalten „dieser verkommenen Söhne Germaniens“, eine „schimpfliche Würdelosigkeit des deutschen Volkes“ das Südtirol vergessen habe. Er, der noch vier Jahre zuvor im Nachwort von „Tirol unterm Beil“ unter dem Eindruck einer Südtirolkundgebung der nationalen Rechten hoffnungsfroh geschrieben hatte, er habe dort „das deutsche Volk, das ganze deutsche Volk gesehen“, sah dieses nun von „drei Parteien“ zerrissen: der „französischen“, die sich der Illusion der Verständigung verschrieben  habe, der „russischen“, die den Sowjetstern anbete, und einer dritten, mit der wir Tiroler es hier zu tun haben“, der“ italienischen Partei. Für Reut - Nicolussi, einem der erbittersten Gegner Hitlers von Anfang an, stand  fest, dass sich die „italienische Partei“ unterschiedslos aus der NSDAP und der gesamten  übrigen Rechten zusammensetze, so dass mit ihrem Engagement nicht mehr zu rechnen war und die Südtirolpropaganda im Reich bereits auf verlorenen Posten stand.

Der 43. Sandwirtsbrief  wird unter 7.4 „Es ist still geworden“ – Südtirolvereine auf dem Weg in den Nationalsozialismus 1930 -33, sowie unter 8 Schlussbetrachtung, erscheinen.

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