5  Die nationalsozialistische Herausforderung – Adolf Hitlers
Südtirolverzicht und die NSDAP  

5.1 Der Südtirolverzicht in der Programmatik Hitler

Gerade als die Debatte um Südtirol im Februar 1926 auf ihren Höhepunkt zustrebte und der Grad der Mobilisierung innerhalb der Rechten am größten war, veröffentlichte Adolf Hitler im Münchner Eher-Verlag eine Broschüre unter dem Titel DIE SÜDTIROLFRAGE UND DAS DEUTSCHE BÜNDNISPROBLEM. Darin entwickelte er Thesen, die nicht nur vom nationalistischen Konsens abwichen, sondern diesem geradezu diametral entgegengesetzt war. Hitler forderte das Bündnis mit Italien und lehnte eine weitere Konfrontation ab, beschimpfte diejenigen, die sich einem Ausgleich verweigerten und propagierte die sofortige Aufgabe des Kampfes um Südtirol. Für sich und seine Partei verkündigte er einen eindeutigen und endgültigen Verzicht.

Die Aufgabe Südtirols war aber kein taktisches Manöver Hitlers. Es gibt kaum einen Grund anzunehmen, dass Hitlers ideologische Herleitung des Verzichts, wie er sie unverändert im zweiten Band von MEIN KAMPF, im unveröffentlichten sogenannten ZWEITEN BUCH von 1928 sowie in zahlreichen Reden bis 1933 präsentierte, nicht seinen tatsächlichen Ansichten entsprach. Nachdem der Verzicht einmal in die Programmatik Hitlers aufgenommen war, wurde er auch unter sich verändernden Bedingungen stets aufrechterhalten. Das Prinzip der Geschichte bestand für Hitler im Kampf  der Völker um Lebensraum. Diese Prämisse seiner zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Südtirol-Broschüre bereits verfestigte „Weltanschauung“ war auch der Hintergrund seine Haltung zu Südtirol. Für ihn bestand die grundsätzliche Aufgabe des Politikers darin, das Überleben des Volkes mittels einer „großzügigen Raumpolitik“ zu sichern, dafür war es seiner Auffassung gemäß notwendig, zwei Vorbereitungen zu treffen: „Schädliche Einflüsse“ auf das Volk, die sich nach seiner Ansicht alle unter dem Begriff des „Weltjudentums“ subsumieren ließen, galt es auszuschalten. Nach außen dagegen mussten geeignete Bündnispartner gefunden werden, mit denen die Schwäche und die Isolation Deutschland überwunden werden konnten. Die Auswahl solcher Bündnispartner musste nach den, von ihm selbst als objektiv gegeben betrachteten „Interessenlagen“ im internationalen System erfolgen. Die „Erkenntnis“ dieser Interessenlage leitete sich dabei wie alle anderen Interpretationen von Geschichte und Gegenwart aus einem Denken ab, das in der Tradition völkischer Ideologie des späten 19. Jahrhunderts stand und dessen wesentliche Eckpfeiler expansionistisches, geopolitisches Raumdenken, ein auf das Völkerleben projizierter Sozialdarwinismus und rassisch begründeter Antisemitismus waren. Danach gab es zunächst zwei „ideale“ Bündnispartner für Hitler: England und Italien. Frankreich war für ihn der „Todfeind“, den es niederzuwerfen galt, bevor der Kampf um Lebensraum im Osten, auf den sich Hitler festlegt hatte, beginnen konnte. Die Sowjetunion schied als Partner aus, denn abgesehen von der dortigen Herrschaft des „jüdischen Bolschewismus“ hatte sich Hitler auf ihr Territorium als Expansionsraum des deutschen Volkes  frühzeitig festgelegt.

Mit England und Italien würde Deutschland dagegen seiner Meinung nach nicht um Expansionsräume konkurrieren, Englands Seemacht und seine kolonialen Interessen wären ebenso wenig vom deutschen Lebensraumstreben in Frage gestellt wie Italien Ambitionen im Mittelmeerbereich. Beiden träte zusätzlich bei ihren Ansprüchen  - wie dem Deutschen Reich mit Frankreich derselbe Gegner entgegen. Es entspräche demnach der „natürlichen Interessenslage“ Englands und Italiens, sich mit Deutschland zu verbünden. Italien besaß dabei für Hitler einen entscheidenden Vorzug: In England sah er das „Weltjudentum“ im Kampf mit den dortigen „nationalen Kräften“. Würde das erstere siegen, was Hitler für nicht unwahrscheinlich hielt, so konnte England daran gehindert werden, sein „nationales Interesse“, sprich: das Zusammengehen mit  Deutschland, wahrzunehmen. Als „der einzige sichere Bündnispartner“ blieb also Italien.  Denn dort habe der Faschismus den „nationalen Kräften“ zum Durchbruch verholfen und den Einfluss des „Weltjudentums“ zurückgedrängt. Daraus ergab sich, dass ein Bündnis mit Italien um jeden Preis anzustreben ist.

Die Rolle, die der italienische Faschismus bei diesen Überlegungen spielte, ist schwer zu bestimmen. Prinzipiell ist der These Hans Wollers zuzustimmen, Hitlers Interesse an Italien sei zunächst mehr von macht- und bündnispolitischer als von ideologischer Affinität bedingt gewesen. Dafür spricht, dass bereits vor Mussolinis Machtantritt, wahrscheinlich sogar vor der Kenntnisnahme Hitlers von einer faschistischen Bewegung in Italien, in seinen Reden Passagen finden, in denen er den Bündnisgedanken entwickelt. Hitlers Ansichten über Italien waren auch keineswegs originell. Einige seiner wichtigsten „Lehrer“ wie H.S.Chamberlain oder Karl Haushofer, schätzten den Wert Italiens als Bündnispartner aus geostrategischen Überlegungen gleich hoch ein.

Dennoch verstärkte sich die Affinität zu Italien durch die Machtübernahme Mussolinis zweifelsohne enorm. Hitler verehrte Mussolini: Im Faschismus sah er vieles, was ihm nachahmenswert für die eigene Bewegung schien. Ihn beeindruckte das Führertum, der strikte Antimarxismus, der konsequente Einsatz der Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele und vor allem der „Marsch auf Rom“ als vorbildliche Tat der europäischen Gegenrevolution. Einen Einfluss hatte die Machtübernahme der Faschisten ohne Zweifel auf Hitlers Haltung zur Südtirolfrage. Vor 1922 hinderte ihn seine Bündnisüberlegung nicht daran, in die nationalistische Agitation gegen Italien einzustimmen. Eine Aufzeichnung des AA aus dem Oktober 1922 vermerkte, wie sehr die „Kritik der bayrischen Presse an der chauvinistischen Bedrückung Südtirols, insbesondere Hitlers Propaganda die deutsch-italienischen Beziehungen belaste“. Erst danach wurde das Interesse so stark, dass sich der Bündnisgedanke konkretisierten konnte und erst dann konnten etwaige Konsequenzen für die Haltung zur Südtirolfrage überdacht werden.

5.2 Die Praxis des Verzichtes

Für Hitler war schon früh klar geworden, dass Italien sein „nationales Interesse“ nicht ohne Gegenleistung wahrnehmen würde und Südtirol der Preis eines Bündnisses sein würde. Die Erkenntnis rührte bereits aus dem Herbst 1922. Im November, einen Monat nach dem „Marsch auf Rom“, hatte Kurt Lüdecke, ein der NSDAP nahestehender Geschäftsmann, der sich im Ambiente der nationalen  und völkischen Gruppierungen Münchens bewegte, Hitler und Ludendorf angeboten, als ihr Emissär nach Rom zu reisen und seine dortigen Kontakte zur Fühlungsnahme mit der neuen italienischen Regierung zu nutzen. Er wollte Mussolini um Unterstützung für die nationale Bewegung in Deutschland bitten. Lüddecke  bekam den Auftrag und ein Empfehlungsschreiben Ludendorfs mit auf den Weg. Konkrete Ergebnisse brachte die Reise kaum, aber als Lüdecke zurückkehrte, musste er berichten, dass Mussolini ihn in der Audienz, als er die Sprache auf Südtirol bringen wollte, sofort unterbrochen und erklärt habe: „Darüber kann es keine Diskussion geben! Niemals!“ Als er dies Hitler berichtet habe, sei dieser, so der Bericht Lüdeckes, sofort zum Verzicht  bereit gewesen. Von da an propagierte ihn Hitler offen, wenn auch zunächst mit deutlich geringerer Eindringlichkeit vor der deutschen als  auch vor der italienischen Öffentlichkeit. Gegenüber Mussolini kam es ihm darauf an, diesen von seiner Haltung in Kenntnis zu setzen, um den Faschistenführer erst einmal auf sich aufmerksam zu machen. Der Bekanntheitsgrad der NSDAP  und ihres Führers war in Italien zu dieser Zeit noch verschwindend gering, Mussolini hatte den Namen Hitlers im Gespräch mit Lüdecke zum ersten Mal gehört. Um dies zu ändern, war es nützlicher für Hitler, sich aus der zu dieser Zeit geschlossenen Front der Südtirolpropaganda von rechts zu lösen. Er bediente sich dabei verschiedener Kanäle: Schon im November 1922 gab er dem CORRIERE ITALIANO  ein Interview; in dem er die Brennergrenze für seine Partei erstmals als endgültig betrachtete. Er wiederholte diese Aussage gegenüber verschiedenen italienischen Zeitungen, trat mit italienischen Verbindungsleuten wie dem Konsul in München oder mit in Deutschland weilenden faschistischen Fraktionen in Kontakt und schickte wiederholt selbst Sendeboten nach Rom. Dabei war die Verzichtsmitteilung, die Hitler Mussolini übermitteln ließ, zu keinem Zeitpunkt an Bedingungen geknüpft. Für das absolute Desinteresse an Südtirol verlangte man keine Gegenleistung, welcher Art auch immer, weder die bessere Behandlung der Südtiroler, noch Geld oder andere materielle Unterstützungen für die Partei  (hat sich 1925/26 geändert – eigener „Sandwirtsbrief“). Es war tatsächlich nichts anderes als ein Wechsel auf die Zukunft, den Hitler unterschrieb und den er mit einer künftigen Freundschaft und Waffenbrüderschaft ausgezahlt zu bekommen hoffte. Um sie glaubwürdig zu machen, war er zu vielem bereit. 1928 beispielweise traf er sich  in München auf eigenen Wunsch zu einem längeren Gespräch mit Ettore Tolomei, in dem er diesem versicherte, dass das Thema Südtirol auch in Zukunft seitens der NSDAP niemals  aufgegriffen werden würde und äußerte sich abfällig über jene „drei, vier Älpler in Bozen und Meran“ die einer deutsch-italienischen Freundschaft nicht hinderlich sein dürfte.

In Deutschland hatte sich Hitler bis zur Veröffentlichung der Südtirol-Broschüre zunächst nicht in gleichem Maße bemüht, den Verzicht im großen Stil publik zu machen. Sicherlich erkannte er sehr genau, in welche Schwierigkeiten er sich damit im nationalen Milieu, in dem er sich bewegte und aus dem er seine Anhänger rekrutierte, bringen konnte. Denn als die Haltung  Hitlers vor dem November – Putsch 1923 bekannt geworden war, hatte sie sofort Anlass zu Irritationen geboten, etwa als die DSB- Leitung in der Berliner Mozartstraße im November 1923 ihre Zweigstelle in Bayern bat, das Augenmerk verstärkt auf dessen Aktivitäten zu lenken:

Die Leiden der Südtiroler sind unvergessen. Deshalb müssen wir uns dagegen verwahren, dass reichsdeutsche Kreise, wie Hitler und der Völkische Beobachter, aus verfehlten staatspolitischen Allüren dem faschistischen Italien gegenüber die Deutschen Südtiroler abbucht. Wir bitten unsere Freunde solchen Entgleisungen, die nicht lange zurückliegen, auf das schärfste entgegen zu treten.

Hitler hatte sich zu dieser Zeit noch jeder Polemik gegen die Gegner seines Verzichtes enthalten, und nach seiner Rückkehr aus der Landsberger Haft ließ er das Thema erst einmal ruhen. Um so erstaunlicher war, dass er seine Thesen gerade auf dem Höhepunkt der Südtiroldebatten 1925/1926 einer breiten Öffentlichkeit präsentierte, als um so mehr mit scharfen Gegenreaktionen zu rechnen war. Einerseits lag das wohl daran, dass die Gelegenheit günstig war, den Verzicht gegenüber Mussolini glaubwürdig zu machen, bildete er doch gerade zu diesem Zeitpunkt einen besonderen scharfen Kontrast zur Agitation der übrigen Rechten und hatte somit erhöhte Chancen, Aufmerksamkeit in Italien hervorzurufen. Auch das betont Öffentliche konnte hier von Vorteil sein, zeigte es doch an, dass sich die Partei keine Hintertüre offen ließ. Daneben waren aber wohl in erster Linie innerparteiliche Überlegungen für diese Entscheidung ausschlaggebend: Hitler wollte und vor allem konnte den Verzicht in der NSDAP jetzt durchsetzen. Seine Stellung in der Partei hatte sich verändert. 1925/26 waren die Jahre, in denen sich sein Übergang vom “Trommler“ der Bewegung zu ihrem unangefochtenen „Führer“ vollzog. Er legte zu diesem Zeitpunkt mehr als zuvor die programmatische Richtung fest und entschied in seinem Sinn. Gegenüber der Partei sah er sich als Erzieher. Ihr wollte er als „Führer“ sein „außenpolitisches Wissen“ vermitteln, um sie zu einer Avantgarde zu machen:

Gerade aus dem Mangel an außenpolitischer Schulung erwuchs die Verpflichtung für die jungen Bewegung, (…) durch großzügige Richtlinien eine Form des außenpolitischen Denkens zu vermitteln, die die Voraussetzung ist für jede einst stattfindende praktische Durchführung der außenpolitischen Vorbereitung zur Wiedergewinnungsarbeit der Freiheit unseres Volkes.

Als Avantgarde in diesem Sinn konnte die Partei jedoch nur fungieren, wenn sie als Werkzeug ihrem Führer bedingungslos Folge leistete und unter Umständen bestehende Zweifel in Einzelfragen durch blinden Gehorsam ersetzte. Jens Petersen verweist in diesem Zusammenhang auf den Zweck, den Offenheit und der generelle Verzicht auf Taktik in der Südtirolfrage parteiintern erfüllten. Gerade in der massiven Konfrontation mit den politischen Gegnern und gerade in einer Frage, in der in den eigenen Reihen Zweifel bestehen mussten, konnten Mechanismen der Führerpartei eingeübt werden.

5.3 Der Südtirolverzicht und die Partei

In der Tat konnte kaum ein Zweifel daran bestehen, dass der Verzicht auf Südtirol starke innere Widerstände bei den Anhängern der NSDAP zu überwinden haben würde. „Zynischer Opportunismus“, wie ihn Jacobsen bei der Aufnahme des Südtirolverzichts in die Programmatik am Werk sieht, konnte Hitler wohl bei seinen Bündnisüberlegungen vorgeworfen werden, kaum aber gegenüber der eigenen Anhängerschaft. Diese Sache entsprach so gar nicht dem Muster eines „konformistischen Synkretismus“, mit dem Hitler sonst in seiner Programmatik bereits vorhandene Meinungen der völkisch - nationalistischen Szene aufgriff und gelegentlich zuspitzte. Während rassistischer Antisemitismus, Lebensraumvorstellungen oder biologistisches Denken, tiefe Wurzeln in der völkischen Bewegung hatten und auf eine breite Basis rechnen konnte, brach Hitler in diesem Fall mit allen Deutungsmustern der Rechten. „Eine im Ursprung zutiefst nationalistische Partei wie die NSDAP konnte nach Wolfgang Schieder  Italien und der Annexion Südtirols nicht anderes gegenübertreten als mit empörter Ablehnung. Es war eine reine Selbstverständlichkeit, dass sich Nationalsozialisten in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre an den Aktionen der Südtirolpropaganda rege beteiligten. Zum VDV   bestanden vielfach gute Verbindungen, wenn in diesem eher bürgerlich-nationalen Verein auch anfänglich Abneigung gegen die „plebejischen“ Nationalsozialisten bestanden.

Südtirol war ein Thema, das die Partei beschäftigte. Aus der Zeit vor 1922 bietet der VÖLKISCHE BEOBAVHTER dabei eine gute Quelle für antisemitische Stimmungen in der NSDAP und deren Hintergründe. Das Parteiorgan zeichnete in diesen Jahren ein durchgehend schlechtes Bild von Italien, Aufhänger war dabei meist die Südtirolfrage. Hermann Esser veröffentlichte 1921 einen Artikel, in dem er Italien als „welschen  Erbfeind“ bezeichnete, gegen den nur erbitterter Kampf zum Ziele führen würde. Auch die Faschisten erschienen hier nicht als potentielle Bündnispartner, sondern im Kontext des „Bozner Blutsonntags“ im Gegenteil als der deutschfeindlichste Teil der gesamten politischen Szene Italiens und als eigentlich treibende Kraft bei der Unterdrückung der Südtiroler. Als solche erfuhren sie deutliche Ablehnung, die an  Klarheit nichts zu wünschen übrig ließ. Esser bezeichnete sie als „Fazistenrüpel“, „Mob“ und “widerlistiges, aus dem Zuchthaus herbeigeholtes Lumpengesindel“. Zweifellos traf die Einschätzung des AA zu, dass die aggressiven Töne gegen Italien und gegen die faschistische Bewegung in dieser Zeit aus der nationalen Presse kamen. Die Haltung den Faschisten gegenüber änderte sich zwar, als diese zur Macht gelangten, doch nicht zu unterschätzende Vorbehalte standen für viele Anhänger der NSDAP einem Bündnis mit Mussolini von Anfang an neben der Südtirolfrage entgegen. Überzeugte Antisemiten wie Hermann Esser oder Julius Streicher fehlte am Faschismus und seinem „Duce“ das „antisemitische Bewusstsein“. Sie sahen in der Bewegung selbst nichts weiter als einen jüdisch inspirierten und finanzierten Betrug und hielten Mussolini für einen „Judenknecht“. Ein Artikel im VÖLKISCHEN BEOBACHTER aus dem Jahr 1922 ließ sich beispielsweise bereits über das „Judengeld Mussolinis“ aus.

Für die Parteigänger des „linken“ Flügels der NSDAP war der Faschismus hingegen keine revolutionäre Bewegung in ihrem Sinn, sondern vielmehr reaktionär. Sie verurteilten die Kompromisse, die Mussolini in mit den alten Eliten des liberalen Staates, mit der Krone und vor allem mit der „Börse“ geschlossen hatte und warfen ihm mangelnden gesellschaftlichen Veränderungswillen vor. In der Arbeitergemeinschaft nord- und westdeutscher Gaue der Partei unter der Führung von Gregor Strasser und anfänglicher Mitarbeit von Goebbels, hatten solche Ansichten Gewicht. Im allgemeinen favorisierte man hier ein Bündnis mit der Sowjetunion, deren ideologischem Fundament man sich näher wähnte.

Die beiden Kritiklinien, die einer Verbindung mit dem faschistischen Italien skeptisch gegenüberstanden, trafen sich in der Ablehnung des Südtirol-Verzichts. Wo kein Interesse an der Allianz bestand, war natürlich auch das Opfer sinnlos. Im außenpolitischen Teil des „Strasser – Programms“, dem Gegenentwurf der Partei-„Linken“ von 1925/26 zu den offiziellen Parteirichtlinien, wurde dies deutlich. Er setzte sich die Vereinigung aller Deutschen in Mitteleuropa in einem Großdeutschen Reich zum Ziel, und zwar „einschließlich Österreichs, Sudetenland und Südtirol.

Fraglos bestand ein Potential für Widerstand gegen den Verzicht in der Partei. Hans Frank stand nicht allein, als er 1926 kurzzeitig aus der Partei austrat, nachdem er „tief erschüttert aus unserem Südtirol“ zurückgekehrt war. Nicht wenige Parteigenossen konnten sicherlich seine Beweggründe nachvollziehen, so wie er sie der Parteileitung in seinem Austrittsschreiben darlegte:

Es ist mir eine Unmöglichkeit fernerhin (…) der NSDAP anzugehören, da diese ihre ideelle Verbindung mit dem fascio entgegen ihrer ursprünglichen völkischen Tendenz neuerdings energisch betreibt. Ich kenne den Faschismus vom Brenner bis Parlermo und muß daher leider betonen, dass die Ausführungen Hitlers über Südtirol (Die Südtirolbroschüre) welche mir erst kürzlich zugingen – in wesentlichen Punkten unrichtig sind. Der Faschismus Italiens ist eine „romantsch-völkische Gewalttat, der sich unserem Germanismus nie anders als mit der Schranke der Waffen berühren wird. Es ist ferner das Südtiroler Leid wirklich da, nicht wie Hitler meinte, nur eine Kulisse jüdischer Pressestreiche:

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