Das Steiner – Josele

Meine Begegnung  mit einem Kampfgefährten Andreas Hofers von
Heinrich  Natter.

 Vorwort: Am 28. September 1893 wurde das Standbild Andreas Hofers auf dem Bergisel feierlich enthüllt. Ein Jahr vorher, am 13. April  1892, war sein Schöpfer der in Wien lebende Tiroler ( geb. in Graun) Bildhauer Heinrich Natter aus dem Leben geschieden, ehe die Hülle von seinem letzten großen Werk, dem Denkmal des Tiroler Oberkommandanten im Freiheitskampf von 1809, fiel. Natter hatte während seiner Arbeit am Hofer – Denkmal zwecks Naturstudien eine Fahrt ins Passeiertal unternommen und schildert in folgender Skizze vom Jahre 1891 seine Begegnung mit dem Steiner-Josele einem Mitkämpfer des Sandwirtes.

Unter dem Namen Steiner – Josele war der kürzlich erst verstorbene älteste Mann im Passeier bekannt. In Wirklichkeit hieß er Josef Schwarz und ist im Jahre 1792 am 19. März in Walten, einem ganz kleinen Ort im Hinterpasseier geboren. Er war der letzte noch übrige von den wetterfesten Kerln aus diesem Tale, die an der Seite Hofers mitgefochten.

Vor drei Jahren im Herbst, als mir kurz vorher die Ausführung des Hofer – Denkmales für den Berg Isel übertragen wurde, wanderte ich  eines schönen Tages mit zwei Freunden, die sich in Meran angeschlossen hatten, ins Passeier. Es befinden sich dort im Gasthaus „Zum Sand“ dem Geburtshaus Hofers, noch verschiedene Kleidungsstücke und Reliquien des Tiroler Helden, die zu sehen und zu studieren ich für notwendig hielt. Nachdem wir bei strömenden Regen und fast ungangbaren Wegen das Sandwirtshaus erreicht hatten, besichtigten wir nur ganz oberflächlich diese Gegenstände, die unter einem Glaskasten verwahrt werden, und wanderten eine halbe Stunde weiter nach dem größeren Dorfe St. Leonhard, wo wir im Gasthaus „Zum Strobl“ recht gute Unterkunft fanden.

Meine Freunde, mit denen ich einen fröhlichen Abend verlebte, kehrten am nächsten Morgen nach Meran zurück; ich begleitete sie bis zum Sandwirt, wo wir uns verabschiedeten. Der jetzige Wirt am Sand, ein entfernter Verwandter Hofers, konnte mir auf Befragen über die Statur Hofers keine sichere Auskunft geben.

„Wenn Sie aber was Gewisses über´n Andreas hören wollen“, meinte der freundliche Mann, „müssen Sie nach Walten zum Steiner – Josele, der noch selbst dabei gewesen und davon zu erzählen weiß“.

Diese Auskunft genügte, mich in gute Stimmung zu bringen. Beim roten „Tiroler“ waren der Wirt und ich bald gute Freunde, und früh am nächsten Morgen waren wir auf dem Weg nach Walten. Der gute Mann begleitete mich. Hinter dem schön gelegenen Dorf St. Leonhard führt der Weg oft senkrecht empor, und da es mehrere Tage vorher stark geregnet hatte, waren es mühselige zweieinhalb Stunden, bis wir Walten erreichten. Leider war die ganze Gegend ringsum in Nebel gehüllt. Die Fenster der einfach gebauten oder gezimmerten Häuser blickten recht düster aus  den Holzstößen heraus.

In einem dieser niedrigen Häuser führte mich mein Begleiter. Ich war überrascht, als wir in  eine getäfelte Stube traten. An den zwei Tischen saßen einige Bauern bei einem Gläschen Wein. Ein guter Schluck Enzian, der in dieser

Gegend ganz vorzüglich gebrannt wird, und ein Stück geräucherten Speck ließen uns bald die Mühseligkeiten des Steigens vergessen. Ich wünschte nur das Josele zu sehen, um dessentwillen wir ja gekommen waren. Der war aber nicht im Wirtshaus. Eine Magd wurde geschickt, ihn von den nächsten Häusern herüberzuholen. Bald kam sie mit der Nachricht zurück, das Josele werde gleich kommen, er wäre beim Dreschen im Stadel. Beim Dreschen im Stadel dachte ich, mit 96 Jahren, was muß das für eine Natur sein.

Langsam ging die Tür auf, eine breitschultrige, etwas gebeugte Gestalt trat ein, in Hemdärmel. Einen mächtigen Hut in der Hand. Mitten in der Stube blieb er stehen, bald erblickte er mich, als einzigen herrisch gekleideten, und sprach, zu mir gewandet: „Was will der Herr von mir?“ – Diese Worte in so festem Ton machten mich ganz befangen. Entschuldigen erwiderte ich, ich wäre gekommen, den ältesten Mann von Passeier zu  sehen, er möchte sich zu uns setzen und ein Glas Wein trinken. Ich bot ihm einen Stuhl zum Sitzen.

Er schaute mich eine Zeitlang an und entgegnete: „ Zu Ihnen setzen will i mi´ schon, aber Wein trink i koan.“

Nun half mein Begleiter, der ihn schon länger kannte, und erklärte ihm mein Anliegen. Vorerst  versicherte er ihm, dass ich keiner vom Gericht wäre, auch mit den Steuerleuten nicht zu tun hätte. Nachdem das Misstrauen verschwunden war, wurde er mitteilsam.

Unser Gespräch ging bald zurück in die Zeit von 1809. Lebendig wusste der alte Mann zu erzählen: von der Aufregung, vom Zusammenhalten in ganzen Tale, dann von

den Kämpfen und dem darauffolgenden Elend. Es war ergreifend, wenn er mit seiner großen, knöchernen, zitternden Hand hinauszeigte und sie wieder auf den Tisch sinken  ließ.

Mir war aber hauptsächlich darum zu tun, über die Person Hofers Wahres zu erfahren, und ich lenkte das Gespräch auf diesen.

„War der Hofer ein großer Mann?“ fragte ich.

„Ja, sell woll, dös war a starker Mann; solche san im Tal wenige gwachsen.“

„ Habt ihr oft mit ihm verkehrt?“ fragte ich  weiter.

 „O ja, wie oft han i die Stafetten übern Jaufn nach Sterzig tragen. I war a flinker Bua, wie i noch jung g´wesen bin, und hon  sov´l guat lafen ´kennt!“ Da haben sie alleweil mi g´schickt“, erzählte er weiter. „Seppele, geh`nu g´schwind und laß ´di nit derwischen“, hat der Hofer g´sagt.

„Gib dös Papier beim Wirt in Sterzing (der Name ist mir entfallen) ab, und wenn sie dir was mitgeb`n kimmst wieder bald z ´ruck. Einmal hat er mir an Silberzwanziger g ´schenkt, den hon i heunt no.“

Ich erfuhr weiter beim Josele Auskunft über die Kleidung Hofers und Farbe derselben; am liebsten ist er in Hemdärmel gewesen, der Hofer, meint er. Das Gedächtnis vom Josele war ausgezeichnet. Auf viele Kleinigkeiten und Eigentümlichkeiten erinnerte er sich und ich habe manches von ihm erfahren, wofür ich heute noch dankbar bin.

Plötzlich erhob er sich. „ Jetzt muß i zur Arbeit“, sagte er. Ich merkte wohl, dass es sein Ernst war, und fragte noch schnell: „ Es muß wohl ein trauriger Tag gewesen sein, an dem man Hofer gefesselt aus dem Tal schleppte?“

 „Jo Herr, entgegnete Josele, „ des war wohl der loadeste Tag in meinem Leben.“

Ich drückte ihm ein paar Silbergulden in die Hand, die er nicht annehmen wollte. „Für was gebt Ihr mir Geld? Sagte er.

Ich erwiderte, dass er Zeit verloren habe, und die möchte ich ihm vergüten. So nahm er das Geld und behielt es in der Hand.

Diese Unterredung war mir wertvoller als alles, was ich bis dahin über Hofer in Büchern gelesen hatte. Der alte Mann machte mit seinem einfachen, bestimmten Wesen einen großen Eindruck, und die Worte, die er sprach, verwandelten sich in klare Bilder.

Bevor ich Walten verließ, nahm ich mir vor, künftiges Jahr wiederzukommen und versprach dies auch meinen freundlichen Begleiter, als ich am nächsten Tage von ihm, seiner Familie und dem Sandwirtshaus Abschied nahm.

Oft dachte ich an den alten Mann, wenn ich zuhause in meiner Werkstatt saß und am Modell Hofers arbeitete. Gewiß war das Gespräch mit Josele Ursache, daß  mir Hofer oft wie lebendig vor der Seele stand. Bevor ich mit dem Modell  fertig war, entschloß ich mich zu einem zweiten Besuch im Passeier.

Diesmal war es anfangs April, als ich bei herrlichem Wetter durch das Tal wanderte. Außer einige Botenleute mit schwer beladenen Kraxen begegneten mir kaum jemand. Die hohen Berge waren fast  bis ins Tal herunter in Schnee gehüllt und man hörte das Tosen und Brausen der schäumenden Passer. Das Grün der Wiesen war noch nirgends sichtbar, kein Zwitschern eines Vögeleins war zu erlauschen, und die Natur lag noch in den Träumen des Vorfrühlings.

Kurz bevor ich das Dorf St. Martin erreichte, sah ich knapp am Wege drei Leute. Eine alte Frau und einen Mann  in den besten Jahren waren damit beschäftigt, eine von der Mure überschüttete Wiese zu räumen. In mehreren Haufen waren größere Steine zusammengetan und werden in einen Schubkarren gelegt. Daneben auf einem Stein saß ein kräftiges junges Mädchen in Hemdärmel. Zwei Arme voll Saft und Kraft ruhten in ihrem Schoß. Auf dem Kopf hatte sie einen Strohhut, auf diesem eine weiße Hui-Feder, die keck hinauflüftete. Das Gesicht war halb im Schatten, trotzdem aber leuchteten  ein Paar große, dunkle Augen hervor. Schön waren das braune Gesicht und die gezogenen Haare.

Ich sprach mit den Leuten einige Wort über die harte Arbeit. Sie meinten, man möchte sich wohl gerne plagen, wenn man wüsste, dass es nicht umsonst wäre und die Mur nicht wiederkommen würde. Das Mädchen nahm an dem Gespräch nur mit ihren schönen Augen teil. Bevor ich weiterzog, bemerkte ich zu ihr im Scherz: „ Dirndl, du könntest wohl  auch etwas arbeiten und den anderen helfen.“ Sie sah mich etwas überrascht lächeln an, sagte aber kein Wort. Als ich einen Flintenschuß entfernt war, hörte ich einen hellen Juchzer, ich drehte mich um und sah die Schöne, wie sie mit dem mit Steinen gefüllten Karren rasch einer Böschung  zulief und mit einem Ruck ihn umstürzte, wie wenn es Hobelspäne wären. Das war nun die Antwort auf meine anzügliche Frage.

Es war gerade Essenszeit, als ich beim Sandwirt in die Stube trat. Die Familie mit Knechten und Mägden saßen um eine Pfanne voll Milchmus. Nach freundlicher gegenseitiger Begrüßung musste ich mich zu den guten Leuten setzen und mit ihnen essen, was ich, da ich hungrig war, ohne weiteres annahm. Während des Essens fielen mir zwei prächtige Knechte auf. Der eine, schon etwas älter, mit einem bärtigen, ausdruckvollen Gesicht, der andere groß, breitschulterig, mit noch jugendlichen Zügen und glattrasiert. 

Plötzlich kam mir in den Sinn, an einem von diesen Mannsbildern das Hofer – Kostüm zu probieren. Der Wirt erlaubte dies. Im Nu war der ältere in den Kleidern Hofers, aber sie waren ihm zu groß, zu lang und zu weit, obgleich er kräftig gestaltet war.

Nun versuchte der Jüngere. Ihm paßten die Kleider wie angegossen. Der grüne Janker, die Lederhose umschlossen voll und rund den mächtigen Körper. Es fehlte nur der Bauch; mit Hilfe eines Polsters war auch diesem Rechnung getragen, und so stand er da, der Mann vom Sand, nur jugendlicher,  denn den Kopf für die Hofergestallt hatte der andere Knecht. Beide zusammen ergaben ein ideales Hoferbild.

Nun wusste ich, wie groß Hofer war (5 Schuh u. 8. Zoll = ca. 1,50 cm 8 Zoll ca. 20 cm – 1.70 -1.75 m)   Ich zeichnete Detail, notierte mir die Maße und ließ von St. Leonhard einen alten Schneider kommen. Ich ersuchte ihn, mir einige Kleidungsstücke vom Hofer – Kostüm nachzumachen, was er auch später gewissenhaft ausführte. Dieser alte Mann wusste auch Aufschluss zu geben, warum beim Hofer – Kostüm einige Abweichungen von anderen gewöhnlichen aus der Zeit vorkommen. Wirte und Handwerker hatten damals einen anderen Schnitt, auch waren ihre Kleider viel sorgfältiger und fleißiger gearbeitet. Ich glaube auch nicht, dass heutzutage im Passeier ein Bauer so viel dafür spendieren würde. An den Knöpfen der Kostüme des Andreas Hofer sind springende Rösslein eingraviert, vielleicht weil er auch Pferdehändler war.

Nach dieser Arbeit saßen wir wieder fröhlich bei einem Glas Wein. „Wie geht`s dem Steiner Josele, lebt er noch?“ war meine Frage.

„O ja, war die Antwort, „dem geht`s recht gut.“

„Und arbeitet er immer noch?“ fragte ich weiter.

„Der kann die Arbeit nimmer lassen. Wenn man den Haufen Arbeit sehen könnt´,  was der all´s g`macht hat in sein Leb`n, do tat man derschrecken. Der Josele ist der älteste und fleißigste Mensch im Passeier“, erwiderte der Wirt.

„Wird er mich noch erkennen, wenn ich ihn besuche?“ meinte ich.

„O sicher, er soll öfter von dem Herrn aus Wien gsprochen haben“ entgegnete der Wirt.

Früh am Morgen des nächsten Tages saß ich zu Pferde. Es war der Rat des dortigen Arztes, den Weg bei so viel Schnee nicht zu Fuß zu machen. Das Pferd war sein eigenes, und ich ritt allein den steilen Pfad hinauf. Mein Fuchs, ein prächtiger Pinzgauer, arbeitete sich wie eine Dampfmaschine durch den Schnee durch. Ohne Führung fand er den Weg und brachte mich bald nach Walten.

Wie anders war diesmal der Anblick dieses Ortes! Alles glänzte im Schnee. Scharf trennten sich die Konturen der prächtigen schönen Berge vom Horizont; Täler, wo zart rötliche oder bläuliche Wolken sich spielend weiterschoben, waren in weiter Entfernung sichtbar. Der Ort selbst war lieblich anzusehen; von den Dachrinnen, an denen glitzernde Eiszapfen hingen, tropfte das Wasser.

Ich übergab das brave Pferd einem Burschen und ließ mir das Häuschen zeigen, wo das Steiner - Josele wohnte. Ich kam in eine helle kleine Stube. Am Eingang links neben dem Fenster saß ein etwa dreißigjähriger, hübscher schwarzhaariger Mann, der Holzschuhe schnitzte. Neben diesem war eine Wiege, blau mit Blümlein bemalt, darin lag und schlief ein kleiner Weltbürger.

„Wo ist das Josele?“ fragte ich

„Ah, Sie sind gewiß der Herr aus Wien“, meinte der Angeredete.

„Ja, der bin ich, erwiderte ich. „es ist hoffentlich zu Hause?“

„Jawohl, dort oben auf der Dörr liegt es.“

Dabei zeigte der Mann auf einen offenen Verschlag, der über dem Ofen angebracht war.

Ich stieg auf die Bank und sah das Josele in tiefem Schlaf, das faltige Gesicht mir zugewendet. In groben Leinwandhemd, braunen Lederhosen und dicke, schafwollenen Socken lag es da. Langsam hob und senkte sich die Brust, über die sich ein breiter, lederner Hosenträger kreuzte.

Durch längere Zeit betrachtete ich den müden Schläfer und bat den jungen Mann in der Stube, der ruhig an seinen Holzschuhen schnitzte, ihn nicht zu wecken, nahm Bleistift und ein Stück Papier aus der Tasche und fing an, einige Striche darauf zu zeichnen. Obwohl ich in dieser Kunst weder Geschick noch Übung besitze, gelang es mir doch in kurzer Zeit, diese so bestimmten Linien ähnlich aufs Papier zu bringen und mir so den letzten Veteranen von 1809 vom Passeier festzuhalten.

Als Josele endlich erwachte, war ich froh, denn ich war mit meiner flüchtigen Skizze längst fertig. Langsam erhob er sich,  drehte sich auf den eigenen Ellbogen und sah mit den kleinen, noch verträumten Augen unbestimmt in der Stube umher. Auf einmal gab er sich einen Ruck, drehte sich, dass die Füße über die Dörre herab auf eine Querstange, die den Ofen umgab, zu stehen kamen und kletterte behebt von seiner Lagerstätte. Ich staunte über die Beweglichkeit.

Es stand nun, ein Jahrhundert, vor uns.

„Grüß dich Gott Josele“, sagte ich, „Ihr kennt mich wohl nicht mehr?“

 „A, a, so! Grüß Gott“, erwiderte er, schaute mich nahe an und sagte: „ Ja, bald hätt´ ich Enk nimmer derkennt“ und bot mir seine braune, schwulstige Hand.

„Wie geht’s Euch, Josele?“ fragte ich weiter.

In die Füß geht mir´schon gut, aber alt wear i halt, und mit Hearn und Sehen will´s a nimmer recht gehen“, gab er zur Antwort.

„Ja, nun das will ich gerne glauben“, und fragte weiter: „Habt Ihr nie eine größer Krankheit gehabt“

„Sell just nie, so was Extras hat mir nie g`fahlt“, meiner er.

Der junge Mann im Zimmer wendete sich um und bestätigte die Aussage des Josele. „s´Josele ist alleweil g´sund gewesen“, sprach er, „nur tut er in letzter Zeit viel schlafen, besonders am Sunntag, an die Werktage gönnt er sich ka Ruh`“.

Wir setzten uns zu Tische und plauderten von verschiedenen gleichgültigen Dingen. Ich wollte Wein vom Wirtshaus herüberbringen lassen, da hörte ich aber wieder, Josele trinkt keinen Tropfen und habe nie welchen getrunken. Er lebe von Milch- und Mehlspeisen; je gröber, dieselben bereitet werden, desto lieber esse er sie.  

Ich wollte nun das Gespräch auf Hofer und seine Zeit wieder lenken – aber damit war es aus. Josele hatte nicht mehr das Gedächtnis und brachte nichts recht Zusammenhängendes mehr hervor. Er lächelte, bewegte fortwährend seine Zunge und fühlte sich, wie es schien, behaglich. Von der Donaustadt musste ich ihm noch Einiges erzählen, dann von der Eisenbahn, die er nie gesehen hatte, und so verging die Zeit rasch und ich musste auf den Rückweg bedacht sein.

Ich nahm herzlich Abschied, dem Josele noch viele schmerzlose Tage wünschend.

Konnte ich vom Josele nichts Wesendliches mehr erfahren, so bereue ich es doch nicht, den Gang auch diesmal in Passeier gemacht zu haben. In der Erinnerung taucht manch schöne Gestallt auf, auch das Wesen dieser Leute und der Verkehr mit ihnen machte mir viel Freude.

Wieder ist ein Jahr vergangen seit meinem letzten Besuch im Passeier. Auch heuer ist die Sehnsucht im mir erwacht, dorthin zu reisen. Aber Zeit und andere Umstände machten dies unmöglich. Wie mag es ihm wohl gehen, wird er noch leben, der Josele im Passeier? Dachte ich vor Monaten. Josele war mir zu tief ans Herz gewachsen, als dass ich ihn je vergessen konnte. Ich schrieb daher an den Strobel-Wirt nach St. Leonhart und erkundigte mich.

Lange ließ die Antwort auf sich warten, aber sie kam und lautete: „Kann ihnen nur schreiben, dass Joseph Schwarz, vulgo Steiner - Josele, am 5. Dezember 1890 gestorben ist. Er lebte in Walten bei seinen Verwandten, war ledig und arbeitete bis in seine letzten Tage.

Text dem Original von Heinrich Natter übernommen, daher noch alte Schreibweise. Ing. Winfried Matuella Geschäftsführer des Andreas Hofer – Bundes Tirol

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