Stand- Kaiserschützen an der Front
vor  und  im 1. Weltkrieg.

Vorwort: Eine bereit 3.Teilnahme des Andreas Hofer - Bundes für Tirol bei  Gedenkfeiern in Martinsbühel für Kaiser Karl der die Tiroler Standschützen 1917 zu Tiroler Kaiserschützen erhob, hat mich beflügelt, mehr über das Stand- bzw. Kaiserschützenwesen  zu erfahren und es niederzuschreiben..

Als Österreich nach 1867 die allgemeine Wehrpflicht einführte, kam manches von dem, was Tirol schon seit früheren Zeiten auf dem Gebiet des Wehrwesens geprägt hatte, für die ganze österreichisch-ungarische Monarchie, natürlich in entsprechend größerem Rahmen, zur Geltung. Nach 356 Jahren wirkte also die im Landlibell Kaiser Maximilians (1511) niedergelegte Wehrverfassung nach.

Aber auch noch in dieser Zeit bewahrte sich Tirol gewisse Besonderheiten, die an frühere Leistungen anknüpften, so auch als einziges aller anderer österreichischen Länder in seiner Landesverfassung die Bestimmung, dass die Landesverteidigung seitens der Staatsgewalt mit der autonomen Landesvertretung zu vereinbaren sei. Danach bestand die Landesverteidigung Tirols aus drei Teilen: den Truppen des Heeres (Kaiserjäger usw.), der Landwehr (Landesschützen im neuen Sinn) und dem Landsturm.

Interessant  in diesem Zusammenhang ist auch die oberste Befehlsgewalt jener Jahrzehnte. Von 1815 bis 1850 waren Tirol und Vorarlberg dem „k.u.k. illyrischen und innerösterreichischen General-Militärkommando“ in Graz unterstellt, dessen Inhaber zugleich das 3. Armeekorps befehligte. Doch bereits in dieser Zeit war in Innsbruck ein eigener „Militärkommandant“ eingesetzt, der die in Tirol und Vorarlberg stehenden Truppen in der Stärke einer Division befehligte, die als die 8. Infanterie -Truppen Division der gesamten k.k. Armee bezeichnet wurde. 1883 wurde ein neues Armeekorps, das 14. errichtet, dessen Bereich außer Tirol und Vorarlberg auch Salzburg und Oberösterreich umfasste. Dieses Armeekorps bestand aus zwei Truppendivisionen der Infanterie, die 3. und 8. mit dem Kommandositz  in Linz und Innsbruck, nach 1908 in Bozen. Zu diesem 14. Korps gehörte auch die Landesdivision Nr. 44. Der Korpskommandant war gleichzeitig Kommandant des entsprechenden Militär-Territorialbereichs und speziell für Tirol und Vorarlberg „Landesverteidigungskommandant“.

Die Tiroler Landesschützen, nunmehr ein Teil der österreichischen k. k. Landwehr, bestanden nach der Ordnung von 1871 aus zehn Bataillonen, die noch nach Landesteilen bezeichnet wurden, aber nur als Kader mit acht – bis zehnwöchiger Ausbildung und zweiwöchigen Waffenübungen der Mannschaft. 1893 wurden sie in eine Truppe zu zwei und dann drei Regimentern zu je drei Bataillonen, mit kleineren Mannschaftsständen, als das Heer sie hatte, umgewandelt und erhielten seit 1906 eine besondere Ausrüstung und eine spezielle Ausbildung für den Dienst im Hochgebirge. Man kann diese Truppe daher, wenn man will die ersten „Gebirgsjäger“ der Welt nennen.

Zum Landsturm waren alle Tauglichen zwischen dem 18. und 42. Lebensjahr, die nicht dem Heer oder der  Landwehr angehörten, verpflichtet; er sollte aber nur im Kriegsfall gegen einen das Land bedrohenden Feind eingesetzt werden. Auch der Landsturm war in Bataillone, seit 1893 in Tirol in zwei Regimenter und in eine Reihe selbstständiger Abteilungen zur Sicherung der Eisenbahnlinien und zum Schutz der Grenzen gegliedert. Die Bekleidung und Ausrüstung war die gleiche wie die der Landwehr, die Bewaffnung das ältere Militärgewehr (ein Mannlicher -Repetiergewehr). 1914, beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges, verfügte der Landsturm auch noch über keine Maschinengewehre; die kamen erst 1915.

So wie früher bestanden auch nach 1870 in den einzelnen Gemeinden die k. k. Schießstände als freiwillige, aber von den Behörden im Sinne der Landesverteidigung geförderte Körperschaften zur Pflege des Scheibenschießens. Sie wurden sogar vermehrt und wieder ausgebaut. Die bei den Schießständen „einrollierten“ Schützen hieß man „Standschützen“. In der Landesverteidigungsordnung von 1871 und 1887, besonders aber in der Schießstandordnung von 1874 wurden die Schießstände ausdrücklich als eine Stütze der Landesverteidigung bezeichnet. 1896 wurde sogar verfügt, dass jene Männer, die bei einem Schießstand als eingeschriebene Standschützen ein bestimmtes Schießprogramm erledigt hatten, von der letzten Waffenübung  bei den Landeschützen befreit sein sollten.

Das Landesverteidigungsgesetz von 1871 glich Tirol der seit 1868  bestehenden allgemeinen Dienstpflicht in Österreich-Ungarn an. Die Tiroler Landesschützen wurden Teil der neuen österreichischen Landwehr, behielten aber ihre Namen bei. Sie rekrutierten sich, wie erwähnt, aus den beim Heer nicht benötigten  Dienstpflichtigen und aus Reservisten. Die Offiziere wurden allerdings nicht mehr gewählt, sondern vom Kaiser ernannt. Die zehn Bataillone Landeschützen mit je 9000 Mann wurden nach Bezirken benannt: 1. Unterinntal, 2. Innsbruck - Wipptal, 3. Oberinntal, 4. Oberetsch, 5. Etsch und Fleimstal, 6. Pustertal, 7. Nonsberg – Aviso, 8. Trient - Valsugana, 9. Rovereto – Sarcatal, 10. Vorarlberg. Dazu kamen zwei  Eskadronen. berittene Landeschützen für den Meldedienst. Das Wehrgesetz von 1871 erlaubte dem Kaiser zum erstenmal, „wenn es die örtlichen Grenzverhältnisse und die strategische Verteidigung des Landes erlaubte“, die Landesschützen und den Landsturm auch außerhalb der Grenzen Tirols einzusetzen.

Nach dem Wehrgesetz von 1874 stellte Tirol für das gemeinsame Heer 11.500 Kaiserjäger, für die Landwehr 14.000 Landesschützen und für den Landsturm 50.000 Mann. Damit wurde Tirol von allen österreichischen Ländern am stärksten zur Wehrpflicht herangezogen. Die Dienstzeit betrug seit 1887 für die Landesschützen zwei Jahre.

Am 1. Mai 1906 wurde das Landesschützenregiment mit entsprechender Uniform und Ausrüstung zur Gebirgstruppe umgebildet und übernahm die Grenzabschnitte im Süden Tirols: Regiment I – Stilfser Joch bis Gardasee, Regiment II – Gardasee bis Valsugana, Regiment III – Fleimstal bis Osttirol. Klettern und Skifahren gehörten zum festen Bestandteil der Ausbildung. Damit erhielt Österreich lange vor anderen Alpenländern eine Gebirgstruppe, die sich auch im Zweiten Weltkrieg bewährt und auch im heutigen österreichischen Bundesheer nicht nur aus Traditionsgründen gepflegt und so etwas wie eine Elitetruppe darstellt.

Die Uniform der Tiroler Landeschützen, die ab 1917 den Ehrentitel „Tiroler Kaiserschützen“ trugen, bestand 1866 aus einem grauen Lodenrock und ebensolcher Hose, Tiroler Filzhut mit Geierfeder oder Spielhahnstoß; 1872 braune Bluse mit grünen Aufschlägen, Feldkappe mit oder ohne Schirm, Geierfeder oder Spielhahnstoß; 1878 bis 1906 hechtgraue Bluse, schwarze Hose, kein Federschmuck auf der Feldkappe, aber bei Paraden Kaiserjägerhut mit Hahnenfederbusch, 1906 Umbildung zur Gebirgstruppe – Bergschuhe, Wollstrümpfe, feldgraue Kniehose und Bluse, Schirmmütze, kurzer Mantel; 1907 wurde der Spielhahnstoß auf der Feldkappe und das Edelweiß auf grauem Kragenspiegel eingeführt.

Das waren die wehverfassungs- und kriegsrechtlichen und militärisch – organisatorischen Voraussetzungen in Tirol, als 1914 nach der Ermordung von Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo der Erste Weltkrieg ausbrach. Bei Ausbruch des Krieges Ende Juli wurden sofort die Kaiserjäger, Landesschützen und der Landsturm mobilisiert. Die Heeres- und  Landwehrtruppen sowie das Landsturmregiment II gingen sofort nach Galizien ab, das Landsturmregiment I blieb mit den Landsturmsicherungsabteilungen noch einige Zeit in Tirol, aber das erstere wurde bereits im Oktober nach Serbien verlegt. Von den Standschützen und Schützenkompanien wurden alle Männer, die einem dieser Truppenkörper angehörten, sofort eingezogen und mit ihren Einheiten an die Front im Osten geschickt. Die übrigen Standschützen wurden zuerst nur für Wachzwecke in der Heimat herangezogen.

Als jedoch Anfang 1915 die Haltung Italiens immer bedrohlicher wurde und fast alle anderen Truppenkörper auf dem östlichen Kriegsschauplatz zusammengezogen waren, betrieben Tirols Militärkommandanten Generalmajor v. Können - Horak und die Leiter der Standschützen die Vorbereitung zu ihrem Ausmarsch an die südlichen Landesgrenze. Die offizielle Mobilisierung erfolgte jedoch erste auf Befehl des Kaisers am 18. Mai 1915.

Dazu muss folgendes erwähnt werden: Die Schießstände und Standschützenverbände hatten bekanntlich gewählte Vorstände, die Unter- und Oberschützenmeister. Bei der Mobilisierung wurden sie als Kommandanten und Führer der Bataillone, Kompanien und Züge von der Mannschaft wieder gewählt und von den Militärbehörden bestätigt. Sie erhielten dafür die beim Heer üblichen Bezeichnungen wie Major, Hauptmann und Leutnant. Dabei wurde nicht einmal verlangt, dass die Betreffenden in der Armee die allgemeine Dienstzeit und Ausbildung als Offizieranwärter oder Unteroffizier mitgemacht hatten. Es genügte eben ihre ausschließlich in Tirol und Vorarlberg geübte Praxis als Mitglied und gewählter Leiter eines Schießstandes und das Vertrauen ihrer Schützenkameraden.

Jedem Standschützenbataillon, das an die Front abrückte, wurde ein Berufsoffizier als taktischer Berater des Kommandanten beigestellt. Sonst aber waren diese Standschützenbataillone meist einem Abschnittskommandanten der Front unterstellt, ihr Dienst war nach den allgemeinen Heeresvorschriften geregelt.

ei der Kriegserklärung Italiens an Österreich am 23. Mai 1915 waren dessen Streitkräfte in Tirol im Verhältnis zu den Italienern äußerst gering, weil Österreich durch den Krieg gegen Serbien und Russland auf das schwerste in Anspruch genommen war. Zum Schutze Tirols standen in diesem Jahr an wirklichen Streitkräften, deren Mannschaften aus Tirol und Vorarlberg stammten, nur einige Marschbataillone von Kaiserjägern und Kaiserschützen sowie die von den Kaiserschützen beigestellten Werkbesatzungen und die Artillerieabteilung in den Festungen und Sperren bereit, neun Landsturmbataillone und die 36 Bataillone Standschützen. Insgesamt standen 39.000 Gewehre zur Verfügung, von denen die meisten die Tiroler Standschützen stellten, sowie 539 leichte Geschütze.

Als Aushilfe in höchster Not sandte das Oberkommando des Deutschen Reiches das sogenannte „Alpenkorps“ mit 15 Bataillonen und 48 Geschützen an die Tiroler Südfront. Tiroler und Bayern, Österreicher und Reichsdeutsche standen gemeinsam im Gebirge, um einen mächtigen Feind mit dem man noch vor kurzer Zeit verbündet war (Dreierbund)  abzuwehren der die Grenzen Tirols bedrohte.

Die Tiroler und Vorarlberger Standschützen bestanden, wie bereits erwähnt, aus den Mitgliedern der freiwilligen Schützengilden und Schützenkompanien auf den Schießständen des Landes und bildeten seit 1874 keine militärische Organisation mehr. Ihre Mitglieder waren nur landsturmpflichtig und sie konnten ihre Offiziere selbst wählen. 1913 gab es in Tirol und Vorarlberg 44 Schießstände mit 65.500 eingeschriebenen Standschützen.

Als Italien 1915 in den Krieg eintrat, standen alle aktiven Truppen in Galizien. Die Südgrenze Tirols war nur mit sieben slavischen und zwei tschechischen Landsturmbaone, vier ungarischen Resevebaone und einem Marschbaon  der Kaiserjäger, Standschützen und der Infanterieregimenter 14 und 59, zusammen 17.000 Mann, an einer 350 km langen Gebirgsfront besetzt. Am 18. Mai 1915 wurden die Standschützen als letztes Aufgebot mobilisiert. Nachdem auch viele ihrer Mitglieder in den aktiven Regimentern in Galizien standen, verblieben nur Schützen, die zu jung, zu alt oder für den Militärdienst untauglich waren. Am 19. Mai 1915 zogen 24.000 Standschützen, gegliedert nach Talschaften, in 45 schwachen Baonen an die Südfront. Bis zum Oktober dieses Jahres trugen die Standschützen mit den Marschbaonen, dem Landsturm und dem deutschen Alpenkorps die Hauptlast aller Kämpfe im Süden Tirols. Dazu kamen allerdings auch freiwillige Schützenbaone und Regimenter aus Oberösterreicher, Salzburger, Kärntner und der Steiermark, errichtet nach Tiroler Vorbild, die ebenfalls an der Front eingesetzt waren. Die Bezirke Innsbruck und Meran stellten drei, Kaltern und Reutte zwei und Vorarlberg sechs Baone Standschützen. Sie trugen nicht wie die Landesschützen das Edelweiß, sondern den Tiroler Adler (mit der Aufschrift „Hände weg von Tirol“) auf ihrem Kragenspiegel.

Bei der Mobilisierung 1914 umfasste die k. k. Armee 18 Armeekorps mit 50 Infanteriedivisionen (129 Brigaden) und 1094 Infanteriebataillonen. Insgesamt standen 2761 Maschinengewehre zur Verfügung. Es gab weiters 12 Kavalleriedivisionen mit 425 Schwadronen, 155 Pionierkompanien, 15 Fliegerkompanien, mit 42 Flugzeugen (!) sowie 12 Ballonkompanien. Die Rüstung in Österreich war gegenüber der des Auslandes zurückgeblieben. Die Wehrausgaben pro Kopf der Bevölkerung betrugen 1913/14 in Deutschland 43.7 Kronen, in Frankreich 39, in Italien 16.9, in Österreich-Ungarn jedoch lediglich 14 Kronen. Reservedivisionen besaß  Deutschland 40, Russland 38, Frankreich 24, Italien 10, Österreich – Ungarn keine einzige! Pro Division hatten die Reichsdeutschen 80 Geschütze, Russland 58, Österreich – Ungarn 44. An gut ausgebildeten Soldaten standen in einer reichsdeutschen Kompanie 80 %, in Österreich – Ungarn nur 32 %.

Der Friedensstand der k. u. k. Armee betrug 1866 240.000 Mann, der Kriegsstand rund 600.00 Mann. 1914 aber hatte man es bereits mit Massen zu tun, wie man sie vorher nie gekannt hatte: 450.000 Mann im Frieden, und 2,000.000 bei der Mobilisierung, davon 1,3 Millionen an der Front. Gegen Ende des Krieges, am 1. Oktober 1918, verpflegte die Armee im Felde 2,586.000 Mann, davon jedoch nur noch 896.000, die direkt an der Front standen. Insgesamt wurden von 1914 bis 1918 über 8 Millionen Menschen der Monarchie zu den Fahnen gerufen; das waren 17 % der Bevölkerung.

1914 stellten Österreich – Ungarn und Deutschland zusammen rund 3,8 Millionen Mann gegen 5.8 Millionen Russlands, Frankreichs, Belgiens, Serbiens und Montenegros ins Feld.  Die Einwohnerzahl Deutschlands und Österreich – Ungarns betrug bei Kriegsbeginn zusammen 116 Millionen, die der Feinde über 318 Millionen. Als Gesamtaufgebot zwischen 1914 und 1918 wurden bei den Zentrumsmächten 21,2 Millionen Mann gegen 40.8 Millionen der Gegner eingezogen.

Bei näherer Betrachtung aller dieser Zahlen nimmt es nicht Wunder, dass Österreich – Ungarn von allen Anfang an das letzte Aufgebot des Landesturmes in Tirol zu Offensivkämpfen heranzog. Bei Kriegsausbruch 1914 wurde in Tirol der gesamte Landsturm, also bereits im Oktober nach Bosnien verladen, wo die Serben bis in die Nähe von Sarajevo vorgedrungen waren. Im Rahmen der 50. Infanterietruppendivision nahm das Regiment an der österreichischen Großoffensive teil, die an die Drina und bis Valjevo in Serbien führte, aber dann im Dezember 1914 in einem katastrophalen Rückzug bis zur Save endete. Das Tiroler Regiment war mit 2877 Mann ausgerückt, verlor 1667 Mann und wurde 1915 als Landsturmbataillon I an der Tiroler Front eingesetzt.

Das Tiroler Landesinfanterieregiment Imst II kam 1914 mit der 108. Landsturminfanteriebrigade nach Galizien, nahm an den Schlachten von Przemyslani und Grodek teil, lag seit 20. September 1914 als Besatzung  in der belagerten Festung Przemysl und ging bei der Kapitulation der Festung am 23. Mai 1915 in russische Gefangenschaft. Es hatte 50 Prozent seine Mannschaft verloren.

Das grauenvolle fürchterliche Verheizen der besagten Tiroler Truppen an der Ostfront inspirierte keinen geringeren als Georg Trakl zum letzten Gedicht seines Lebens vor seinem – selbstgewählten? – Tod. Er gab ihm den bezeichneten Titel „Grodek“

  „ Am Abend tönen die herbstlichen Wälder

Von tödlichen Waffen, die goldenen Ebenen

Und blaue See, darüber die Sonne

Düster hinrollt; umfängt die Nacht

Sterbende Krieger, die wilde Klage

Ihrer zerbrochenen Münder…

Und mitten drinn noch der Satz:

 „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung“

Es reizt mich ungeheuer, diesem schmerzenden, klagenden, tödlichen Gedicht Trakls ein „Gedicht“ Bruder Willrams, des Prälaten und Religionserzieher aus Tirol, gegenüberzustellen, das von einem Priester, Msgr. Propst Mitterer aus Brixen, vertont wurde. Es heißt „Bajonett aufs Gewehr und lautet:

 

„ Bajonette aufs Gewehr! Trompeter blas´!

 Und los wie Hochgewitter!

Wo Jäger stürmen, da wächst kein Gras,

Da krachen die Schädel wie klirrendes Gras

Unter Kolbenhiebe in Splitter!

 

Und lachend mit hellem Jodelschrei –

Als ging es zum Kirmestanze,

So werfen wir Jäger uns frank und frei

Ins Feuer des Feindes, ins zischende Blei –

Und stürmen und nehmen die Schanz!...

 

Hier geht es „lachend mit hellem Jodelschrei“ in den Tod, dort hören wir „die wilde Klage ihrer zerbrochenen Münder“.  

Als am 23. Mai 1915 Italien Österreich-Ungarn den Krieg erklärte, begann ein Dreifrontenkrieg, dessen Gefahren nur dadurch eine leichte Milderung erfuhren, dass Österreich-Ungarn auf der inneren Linie dieser Front kämpfte. Man konnte also acht Divisionen vom Balkan an die Südwestfront verlegen, wo General von Rohr zur Hauptsache mit Standschützen die erste Abwehr des Feindes eingerichtet hatte. Aber wie sah das Kräfteverhältnis an der Front aus, die immerhin von der Schweizer Grenze bis zur Adria  460 km  maß: den 875.000 Gewehren der frischen italienischen Truppen standen knapp mehr als 100.000 österreichische gegenüber, es stand 8:1.

Aber die Schwierigkeiten begannen nicht erst beim Fronteinsatz, sie hatten schon bei der Mobilisierung der Standschützen am 18. Mai begonnen. Jeder einzelne Mann musste durch Briefe, Boten oder Radfahrer verständigt werden, da aus Spionagegründen die Alarmierung der Standschützen nicht durch öffentliche Plakate erfolgen konnte. Dazu kam, dass die Standschützen ja keine Kasernen hatten, wo sie sich sammeln konnten. Beim Standschützenbaon Innsbruck I waren die Ausrüstungsgegenstände im ganzen Stadtbereich verstreut: die Mäntel lagen in Wilten, die Gewehre in Hötting, die Bajonette in Pradl und die Zelte wieder anderswo. Die Bataillonsstäbe arbeiteten in diesen Tagen buchstäblich von 6.00 Uhr früh bis 3.00 Uhr nachts, um für die Tausende und Zehntausende Männer Quartiere, Uniformen, Menage und Ausrüstung zu beschaffen. Hilfe von Militärbehörden war nicht zu erwarten, hatten sie doch selber alle Hände voll mit der Aufstellung neuer Landsturmbataillone zu tun.

Leutnant Dr. v. Mörl beschrieb diese Schwierigkeiten sehr anschaulich: „Am 23. Mai abends sollte nach dem Alarmierungsbefehl das Bataillon Innsbruck I marschbereit sein. Aber es kamen immer neue Schwierigkeiten. Am 22. Mai frühmorgens waren die Leute zum Prügelbau (am Innrain bei der heutigen Universitätsbrücke) befohlen. Wo die endgültige Einteilung der Mannschaften in die Kompanien und die Uniformierung der Leute erfolgen sollte. Da erfuhren wir aus einem Telegramm des Landesverteidigungskommandos, das Baon habe bereits am 22. Mai, also um einen Tag früher als angenommen, abzugehen. Ich erklärte, das sei unmöglich; wir hatten noch keine Wagen, keine Pferde, keine Patronen, die Leute hatten großteils noch keine Uniformen… Der ruhende Pol war die nur einen Zug starke 5. Kompanie aus Hötting unter Hauptmann Hatzl, welcher ja schon im Frieden immer als Schützenkompanie gut einexerziert war. Auch die akademische Legion war ruhig. Die Akademiker standen unwillkürlich nach Weltanschauungsgruppen getrennt. Auf der einen Seite die katholischen Verbindungsstudenten und Finken, auf der anderen Seite Korpsiers, Burschenschaftler und freiheitliche Finken. Sie mussten noch ihre Offiziere wählen…“ 

Aber trotz alldem konnte das Bataillon bis zum Abend des 22. Mai fertig ausgerüstet und eingekleidet werden. Es kam zur Vereidigung. Das Bataillon stand, wie Mörl schreibt, „tadellos ausgerichtet, habt acht´!“ Feldkurat Hosp hielt eine kurze Ansprache, dann erfolgte der Eid. Laut und klar sprach das Bataillon die Eidesformel nach. Ein Gewitter zog der Nordkette entlang, und gerade am Ende der Eidesformel, die rund 600 Hände waren noch zum Schwur erhoben, fuhr ein Blitz nieder und ein gewaltiger Donner erfüllte das Inntal als grandioser Schlusspunkt des Eides. Dann ging es mit Kaiserjägermusik voraus durch die Stadt zum, Bahnhof. 563 Mann hatte Major An der Lahn dem Feldmarschalleutnant v. Koennen gemeldet. Eine lange Kolonne marschierte strammen Schrittes, singend und blumengeschmückt durch Innsbrucks Gassen und Straßen, selbst die große Maria-Theresien-Straße war gedrängt voll, noch mehr der riesige Bahnhofsplatz. Weithin hallte das Schützenlied:

„ und will der Feind ins Land herein,

und solls der Teufel selber sein,

dann ruhen unsere Stutzen nicht,

 bis dass das Auge bricht ….

 

Es dürfte in der allgemeinen Begeisterung keiner die Vision von den „zerbrochenen Mündern“ und der „schwarzen Verwesung“ gehabt haben, denn als sie endlich im Zug saßen, der sie zum Brenner bringen sollte, da sangen sie das leicht abgewandelte Höttinger Voglfacherlied:

  „hallo, buabn, packt´s enk z´samm 

 und außer aus die Bötter,

Walsche foch´n´müaßn mir gian

Es ischt  ja´ schinschte Wötter!“

 

So wie dieses Innsbrucker Baon rollten auch andere über Schiene und Straße der Südgrenze Tirols zu, aus allen Teilen Tirols und Vorarlbergs. Die Pustertaler standen zum Teil bereits an der Grenze.

Die Aufstellung der einzelnen Standschützenabteilungen kann man dem offiziellen Generalstabswerk „Österreich – Ungarns letzter Krieg“ entnehmen.      

I.

Rayon Ortler: Baon Schlanders und die Kompanien von Prad, Stilfes und Taufers.

Ihre Stellungen am Ortler und Zebru lagen zum Teil in über 3.500 m Seehöhe.

II.

Rayon Tonale: Baon Bludenz, Cles, Innsbruck III, Male und Ulten. Auch die  

Stellungen dieses Bataillons lagen meist im Gletschergebieten.

III.

Rayon Südtirol:

A.) Abschnitt Judikarien: die Bataillone Bezau und Klausen, die Kompanien Kaltern I und Welschtiroler Standschützen.

B.) Abschnitt Riva: Die Bataillone Bozen, Lana, Sarntal  und Welschtiroler Standschützen.

C.) Abschnitt Etschtal: Die Bataillone Brixen, Landeck, Meran III und Welschtiroler Standschützen.

D.) Abschnitt Folgeria: Die Bataillone Glurns, Gries, Kitzbühel, Kufstein, Reutte I und Welschtirole Standschützen.

E.) Abschnitt Alvarone: Die Bataillone Meran I, Schwaz, Sterzing und Welschtiroler Standschützen.

F.) Abschnitt Valsugana: Die Bataillone Meran II, Zillertal, Ratenberg, . und Welschtiroler Standschützen.

IV.

Rayon Fleimstal: Die Bataillone Enneberg (mit Bruneck), Passeier, Lienz, Innsbruck I  und II, Sillian, Silz, Imst und Welsberg.

Aber warum hatte der österreichische Generalstab schon Monate vor der Kriegserklärung  Italiens alle strategischen Maßnahmen getroffen, um im Falle eines Krieges sofort die Grenzen besetzen zu können? Gehen wir einen Schritt in der Geschichte zurück.

Als eine der letzten Nationen Europas hatte Italien durch das Bündnis mit Preußen nach dem Krieg von 1866 die Einheit und auch seine Selbstständigkeit erreicht, obwohl es den Feldzug gegen Österreich verloren hatte. 1882 geriet das geeinte Italien in Gegensatz mit Frankreich, das Tunis besetzt hatte, auf das Italien Anspruch erhob. Dieser Vorfall führte zu politischen Annäherungen an Österreich–Ungarn und damit auch an Deutschland, aus der dann der „Dreierbund“ entstand.

Je selbstständiger jedoch Italien wurde, desto mehr war alles Streben nach nationalen Zielen wichtiger als jedes Bündnis. Italien strebte nach „Befreiung der unerlösten Gebiete“ in Tirol und nach der Vorherrschaft in der Adria, die es als „Mare nostro“ („Unser Meer“) betrachtete. Da diese außenpolitischen Bestrebungen jedoch Gebiete der österreichisch–ungarischen Monarchie betrafen, musste es über kurz oder lang zu einem Gegensatz mit den Bundesgenossen kommen. Generalstabschef Conrad von Hötzendorf machte sich berechtigte Sorgen um die Zukunft des Reiches und wäre bereit gewesen, einen Vorbeugungskrieg gegen Italien zu führen, hätte Kaiser Franz Josef I. nicht die Bündnistreue über jede andere Staatsräson gestellt.  

Da war Italien anders, das ja den Gedanken des „sarcro Egoismo“, des „heiligen Egoismus“, weit über jedes Bündnis stellte. Seine Neutralitätserklärung im August 1914 veranlasste Hötzendorf mit berechtigtem Verdacht zu vorbeugenden militärischen Maßnahmen. Das Gruppenkommando des Generals Rohr wurde mit der Aufgabe betraut, alles zu tun, um im Kriegsfall ein Vordringen der Italiener nach Tirol und vom Taglimento nach Wien so lange zu vereiteln, bis von anderen Kriegsschauplätzen entsprechende Verstärkung herangeholt waren. 

Im April 1915 wurden diplomatische Verhandlungen zwischen Österreich-Ungarn und Italien geführt, nicht zuletzt auf Drängen der Reichsdeutschen, die die Neutralität Italiens dadurch gewährleistet haben wollten, dass man das Trentino an Italien abtreten sollte. Aber Rom gab sich damit nicht zufrieden – es forderte ganz Südtirol bis zum Brenner, und daneben die Gebiete von Görz, Gradiskla und die wichtigsten Adriainseln entlang der dalmatischen Küsten. Triest sollte mit seinem erweiterten Gebiet ein unabhängiger Freistaat werden und Italien freie Hand in Albanien bekommen. Österreich – Ungarn konnte solchen Forderungen unmöglich nachgeben; lieber verzichtete Kaiser Franz Josef I auf einen Bundesgenossen. Als am 23. April dann auch tatsächlich die Kriegserklärung Italiens verlautbart wurde, sprach der Kaiser nicht nur seinen Abscheu aus über soviel Treulosigkeit, sondern er sagte auch:

 „Die großen Erinnerungen an Novara, Mortara, Custozza und Lissa, die den Stolz meiner Jugend bildeten, und der Geist Radetzkys, Erzherzog Albrecht und Tegethoffs, der in Meiner Land- und Seemacht fortlebt, bürgt Mir dafür, dass Wir auch gegen Süden hin die Grenzen der  Monarchie erfolgreich verteidigen werden…..“ 

Diese Hoffnung erfüllte sich mit einer Vollständigkeit, getragen von der Einmütigkeit der Bevölkerung des damals 50 Millionen Menschen zählenden Vielvölkerstaates, die das In- und Ausland verblüffte. Wie sich sofort zeigte, kämpften nicht nur Deutschösterreicher und die Magyaren, sondern auch Südslaven wie die Löwen gegen den neuen Feind. So kam in jenen Pfingsttagen des Jahres 1915 am Isonzo und auf den Bergen Tirols und Kärntens noch ein

letztes mal Grillparzers Ruf an die Armee Radetzkys  zu seinem Recht: „In diesem Lager ist Österreich!“

Jene Soldaten, Landstürmer und Standschützen, die im Mai 1915 die Südfront besetzten und gegen einen zahlen- und ausrüstungsmäßig weit überlegenen Gegner ankämpften mussten, hatten außer ihre glühende Vaterlandsliebe nicht viel mitgebracht. Es fehlte ihnen an guter Winter und Hochgebirgsausrüstung, aber auch an Waffen und Munition. Doch auch die regulären Truppen, die herangezogen wurden (die 59. Gebirgsbrigade ins Obere Drautal, das XV. und XVI. Korps an den Isonzo, das VII Korps nach Villach), hatten keine richtige Winterausrüstung und waren einem Krieg im Hochgebirge allein schon wegen der Ausrüstung her nicht gewachsen. Die alles eher als rosige Lage auf den russischen Kriegschauplatz erlaubte es außerdem nicht, von dort sofort kriegsgewohnte Heeresteile abzuziehen und an die Italienfront zu schicken.

Die Italiener dagegen hatten außer ihren bergerfahrenen Alpinibataillonen 14 Korpskommandos mit 25 Infantrie- und vier Kavalleriedivisionen, zehn Mobilmilizdivisionen und beträchtliche Heeresreserven zur Verfügung. Es war also tatsächlich vom ersten Augenblick an ein äußerst ungleicher Kampf. Der einzige Vorteil für Österreich war, dass sich seine Truppen von vornherein nicht auf einen Angriffs-, sondern ausschließlich auf einen Verteidigungskrieg eingerichtet hatten und dass die Tiroler berggewohnter waren als die Italiener, obwohl es auch dort hervorragende Alpinisten gab.

Die Befehlshaber der Südwestfront unter dem Kommando von Erzherzog Eugen waren folgendermaßen gegliedert:

Landesverteidigungskommando  Tirol ab 25.Mai unter dem Kommando von General Viktor  Graf Dankl, der bisher die 1. Armee geführt hatte;  Armeegruppenkommando General Rohr, Kärnten, früher hatte er die gesamte Südfront unter sich; ab 27 Mai das 5. Armeekommando unter General Boroevic an der Isonzofront; er hatte früher die 3. Armee kommandiert.

Der erste Zusammenprall zwischen den feindlichen Streitkräften fand jedoch nicht zu Lande statt, sondern zur See. Die k.u.k. Flotte unternahm ungestört von der weit stärkeren der Italiener, einen kühnen Vorstoß gegen die adriatische Küste und verzögerte durch Zerrstörung wichtiger Bahnobjekte den Aufmarsch der italienischen Truppenverbände. Zu Lande verhielt sich das Oberkommando der Italiener äußerst unklug. Es schien, als wollten sie zuerst die Widerstandsfähigkeit ihrer Soldaten ausprobieren, bevor sie sie an die Front schickten. Durch ihr zögerndes und unschlüssigen Hin- und Hermanövrieren gelang es den Österreichern, ihre Hochgebirgsstellungen gut auszubauen. Als der Wintereinbruch 1915 großräumig geplante Operationen in Tirol und Kärnten ausschloss, standen die italienischen Truppen einer bereits festgefügten Abwehrfront  der Tiroler gegenüber. Auch in den Julischen Alpen und am Isonzo war es nicht anders.  In vier heftigen Schlachten, in denen die Italiener oft mit vielfacher Überlegenheit angriffen, gelangen ihnen nur geringfügige Geländegewinne auf den Karsthochflächen.

Zu diesem Abwehrerfolg trugen wesentlich die Tiroler Kaiserjäger und  Landeschützen bei, die, anstatt in Tirol, bei der 5. Armee eingesetzt worden waren.

In Tirol waren es ausschließlich die Standschützen, die in Fels und Eis Wache hielten. Immer wieder versuchten die Feinde, diesen starken Grenzriegel zu durchbrechen, aber die Tiroler Mauer hielt. Sie wurde gehalten von 17 jährigen und 65 jährigen, trotz schwerer Verluste, trotz Nachschubprobleme, trotz grauenhafter Naturkatastrophen. In vielen Fällen hatten die Italiener bewusst die Stellungen der Standschützen – die „Front der Kinder und Greise“ – als anscheinend schwächste ausgesucht, um dort ihre Hauptstoßkeile in die österreichische Front zutreiben. In mehr als 90 Prozent aller dieser Angriffe wurden sie aber von den „Kindern und Greisen“ mit schweren Verlusten zurückgeschlagen.

Hervorragend verhielten sich auch die von manchen Berufsoffizieren über die Achsel angesehenen Standschützenoffiziere, die man nicht selten geringschätzig „Bauernoffiziere“ nannte.

Aber dies wurde im Laufe der Kämpfe anders. Der Name „Standschütze“ (später Kaiserschütze) erhielt einen neuen Sinn: sie wurden berühmt dadurch, dass sie standhielten,  unter widrigen Umständen, gegen Naturkatastrophen (im Winter 1916/17 z.B. wurden an der Tiroler Front allein 10.000 Österreicher und Italiener durch Lawinen getötet), und gegen einen weit zahlenmäßig überlegenen Feind. Viele von ihnen erhielten hohe und höchste Auszeichnungen und General Dankl würdigte ihre Verdienste in ehrenden Dankschreiben.

Ein  Beispiel: Vinzens Goller, der bekannte Komponist aus Sillian, rückte 1915 als Standschütze ein und macht dank seiner Tapferkeit und seines taktischen Könnens eine unglaubliche  Karriere:   im  Juni 1915 wurde  er  Unterjäger,  im  Juli  Zugführer,  im  August Oberjäger, im Dezember Leutnant, im Mai 1916 Oberleutnant und im Juni Hauptmann. Im September 1916 erhielt er den Kronenorden, den übrigen Sillianern wurden zwei Goldene und fast 40 große Silberne Tapferkeitsmedaillen verliehen.  

Dreieinhalb Jahre dauerte dieser Verteidigungskrieg in und auf den Tiroler Bergen, der mit unvorstellbarer Härte geführt wurde. Man lese Skorpils „Pasubio“, Bossi-Federigottis „Col die Lana“ oder Hemingways (der auf der Seite der Italiener stand) „In einem andern Land“ und man sieht, welcher Heroismus dazu gehörte, diesen Verteidigungskrieg zu führen und durchzustehen, und bei ein wenig Phantasie kann man das „Hurra“ der Österreicher und das „Avanti“ Savoya“ der Italiener  hören, die einen verbissen ihre Heimat schützend, die anderen ebenso hartnäckig angetrieben vom Wunsch  den verteufelten „Tedesci“ und „Tirolesi“ ihre Berge und ihr Land wegzunehmen.  

Namen wurden Begriffe für Heldentum und Blut: Pasubio, Col di Lana, den die Italiener Col di Sangue („Blutberg“) nannten, Paterkofel, Monte Piano, Monte Sief, Col Rosa, Tofana, Ortigara, Travenanzes, Lagazuoi, Rauchkofl …Ganze Berge wurden in die Luft gesprengt, zehntausende Menschen lebten in Eiskavernen, Gletscherstollen, primitiven Unterkünften, die wie Vogelnester an den Felswänden hingen, nur über Holzleitern erreichbar, alle Nachschubwege eingesehen vom Feind. Aber sie hielten stand, auch dann, als die italienische Artillerie sogar die Heimat beschoss: Sexten, das fast zur Gänze zerstört wurde, Innichen, Obertilliach, Moos und Sillian. Der Krieg kam durch die Luft bis in die Heimat.

In einem ausführlichen Ausstellungskatalog schrieb Erich Egg über das heroische Ende des Tiroler Einsatzes im Ersten Weltkrieg u. a.:

„Der Tod Kaiser Franz Josephs I. am 21. Oktober 1916 hatte dem großen Reich eines seiner letzten Bänder geraubt. Der junge Kaiser Karl, bisher von jeder Mitarbeit ferngehalten, trat ein Erbe an, das auch der tatkräftigste und begabteste Monarch nicht mehr hätte erhalten können. Die Sünden der Außen-, Nationalitäten- und Militärpolitik der letzten hundert Jahre (genau seit 1815), die Halbheit der Maßnahmen, die rückständige Konservativität gegenüber den nationalen und parlamentarischen Ideen, die doch ganz Europa beherrschten, und das Beharren auf absolutistischen Regierungsmethoden hatte im Laufe der langen Kriegsdauer eine Situation geschaffen, die der vom besten Willen zu neuen Formen beseelte Kaiser nicht mehr ändern konnte.  Der Krieg war ohne Befragung des Reichsrates und der Landtage erklärt worden, sie wurden auch bis zum Tode Franz Josephs nicht einberufen.

Erst die Ermordung des Ministerpräsidenten Stürghk 1916 machte klar, dass man den Krieg, der von allen große Opfer forderte, nicht ohne Zustimmung der Volkvertreter führen konnte, schon gar nicht, wenn die Kriegslage alles andere als rosig war. Kaiser Karl, der durch häufige Frontbesuche die schwierige Lage der Armee kannte, versuchte durch Friedensangebote und Strukturänderung der Monarchie zu retten, was zu retten war. Aber Anfang 1918 war Österreich am Ende seiner Kräfte. Die Ernährung der Bevölkerung in der österreichischen Reichshälfte, besonders in den kriegswichtigen Industriegebieten, war katastrophal. Die Ausrüstung wurde immer minderwertiger, die Munitionserzeugung immer geringer. Die Überlegenheit der Italiener und der ihnen zu Hilfe gesandten Briten und Franzosen wurde von Tag zu Tag drückender. Die letzte Kraftanstrengung, die Piaveoffensive und der Vorstoß in die sieben Gemeinden am 15. Juni 1918 scheiterte schon am ersten Tag. Die österreichische Armee der Südfront (Ortler bis Piavemündung) verloren vom 14. bis 25. Juni 142.000 Mann. Während im Hinterland sich 1.500.000 vom Militärdienst Enthobene herumdrückten, nahm durch die schweren Kämpfe die Zahl der Fronttruppen dauern ab. An der Italienfront standen am 1. Juli 1918 noch 659.00 Mann, am 1. Oktober nur noch 385.000.

Das Ende war nicht mehr aufzuhalten. Am 15. September brach die bulgarische Front zusammen, die österreichischen und deutschen Truppen fluteten nach Serbien zurück. Am 26. September musste das deutsche Heer in Frankreich in die Siegfriedstellungen zurückweichen. Nur die Italienfront hielt immer noch stand. Das Manifest Kaiser Karls vom 17. Oktober wollte den Slawen größere Mitbestimmung geben und Österreich in einen Dreivölkerstaat (Deutsche, Ungarn, Slawen) umwandeln, es scheiterte am Widerstand der Magyaren.

Nachdem schon am 14. Juli in Prag der tschechische Nationalrat zusammengetreten war, konstituierte sich am 6. Oktober der Nationalrat der Serben, Kroaten und Slowenen in Agram.  Kaiser Karl tat das einzig Mögliche und ersuchte am gleichen Tag die Alliierten um Waffenstillstand.  Und immer noch hielt die Südwestfront, besonders im Raum Assa-Brenta-Piave. Seit 20. Oktober meuterten ungarische und slavische Regimenter, aber trotzdem errang  die sterbende Armee noch vom 24. bis 28. Oktober einen letzten Abwehrsieg im Monte – Grappa - Gebiet. Am 24. Oktober meuterten  ungarische Truppen auch an der Front der 11. Armee. Heeresgruppenkommandant Erzherzog Josef ließ sich ablösen und fuhr nach Ungarn, die Tiroler Front war ohne Führung. Ende Oktober führten die Alliierten  an der Piave den vernichteten Schlag gegen die österreichische Armee. Sie stießen in die 30 km breite Lücke der abziehenden Ungarn. Der „Sieg von Vittorio Veneto“ war perfekt. Am 27. Oktober bat Österreich erneut um Waffenstillstand, einen Tag später wurde in Prag der selbstständige tschechoslowakische Staat ausgerufen, wieder eine Tag später in Agram der südslawische, am 31 Oktober erklärte sich Ungarn für selbstständig.

Am Allerseelentag 1918 zerbrach die Front endgültig. Die Alliierten durchstießen die Front der Sieben Gemeinden, am 2. November brachen die Italiener im Etschtal durch, eine englische Division rückte gegen Trient vor.

Für 3. November, 2 Uhr, befahl die österreichische Heeresleitung die Einstellung aller Kampfhandlungen, aber der Zeitpunkt war mit den Alliierten noch nicht festgelegt. So konnte es geschehen, dass zwischen 3. und 4. November 300.000 Mann in Gefangenschaft geraten konnten. Ihr Schicksal war grauenhaft: rund 30.000 Mann von ihnen, mehr als zehn Prozent, starben in den Gefangenenlagern.“

Am 11. November verzichtete Kaiser Karl auf die Regierung und stellte die Wahl der Regierungsform dem österreichischen Nationalrat frei, der am 12. November die Erste Republik ausrief.

Österreich hatte 540.000 Tote und mehr als 1.9 Millionen Verwundete zu beklagen.  

Tirol – und das ist unbestritten – trug während dieser vier Jahre wohl die schwerste Last des Krieges. Trotz opfervoller Einsätze, trotz heroischen Widerstandes musste es am Ende des an der Tiroler Front nicht verlorenen Krieges sein Herzstück, Südtirol, abtreten.

Aber auch der „ sogenannte Sieger“ zollte diesen Tirolern seinen Respekt. In einem Werk des italienischen Generalstabes kann man folgende Worte lesen, die, da sie vom Feind stammen, vielleicht am objektivsten den Wert der Tiroler Standschützen ausdrücken:

„Die Standschützen setzten sich aus Tiroler und Vorarlberger Freiwilligen zusammen. Lange nicht alle waren militärisch ausgebildet, doch sie erwiesen sich zur Verteidigung ihres Landes als sehr wertvoll. Diese rauhen Jäger und unermüdlichen Gebirgler hingen mit seltener Liebe an ihren Bergen, mit denen sie, wie mit ihrem Kaiser, von Jugend auf verwachsen waren. Sie wurden von allen Anfang an unsere erbittertsten Gegner“. 

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