Eine Grenze durch Tirol

Geschichtslose Abgrenzung Nord- Ost - Südtirol:
Gedankenlosigkeit und Werbestrategie nach 93. Jahren Unrechtsgrenzen.
Wir wollen es ändern.

In einem Gespräch mit den „Dolomiten“ im Jahre 2002 sagte der leider in der Zwischenzeit verstorbene Otto von Habsburg unter anderem zur Brennergrenze: „Es war eine wirkliche Grenze. Heute ist es keine wirkliche Grenze mehr. Sie können heute von München nach Trient fahren, ohne ein einziges mal angehalten zu werden… Was das für eine Grenze war! Wo ist sie jetzt? Weg! Weg! Ich fühle immer ein unglaubliches Glück, wenn ich von Innsbruck nach Bozen fahre – einfach nicht mehr aufgehalten zu werden. Das ist doch unglaublich, wie weit wir da gekommen sind.“

Dass der quer durch Tirol laufenden Staatsgrenze nun die trennende Wirkung etwas genommen wurde, bildet sicher eine Voraussetzung für das Wiedererwachen des Erlebens der Tiroler Landesgemeinschaft. Jedoch zeigt sich immer wieder die bedenkliche Tatsache, dass sich viele Tiroler an diese Grenze nicht nur gewöhnt haben, sondern sogar eisern an ihr festhalten. Man unterscheidet weiterhin hartnäckig zwischen Tirol und Südtirol. Es wird zwar zugegeben, dass zum „historischen Tirol“ das gesamte Alpengebiet von Jungholz, Scharnitz und Erl im Norden bis Ala im Süden gehört, versteht aber unter Tirol nur mehr das österreichische Bundesland Tirol. Gegen ein solches geographisches Raumdenken müsste doch jeder geschichtsbewusste Tiroler mit allen Kräften  ankämpfen, da den Namen Tirol nur das gesamte Land verdient, und was als Bundesland Tirol, Südtirol und Trentino (Welschtirol) bezeichnet wird, sind nur Landesteile. Wie sollte eine Europaregion Tirol zustande kommen, wenn die Tiroler sich gar nicht als Landesgemeinschaft fühlen und sich an die einst trennende Wirkung der Staatsgrenze geradezu eisern klammern.

Es drängt sich die Frage auf, ob die Landesgemeinschaft innerhalb von Gesamttirol im Laufe der Geschichte vom Volk überhaupt einmal bewusst erlebt wurde. Was hatten z.B. die Vinschgauer mit den Unterinntalern oder die Pustertaler mit den Außerfernern jemals zu tun? Das Gefühl der Zusammengehörigkeit erwachte eigentlich nur in Zeiten, in denen die Landesgrenzen verteidigt werden mussten. In Friedenszeiten fühlten sich zwar alle als Tiroler, aber ein erlebtes Gemeinschaftsbewusstsein bestand eigentlich nur innerhalb der in sich geschlossenen Siedlungsgebieten und der angrenzenden Nachbarbereichen. So war z.B. die Verbindung des Ahrntales mit dem Zillertal und dem Iseltal immer eng, ebenso die des Pustertales mit Defreggen oder die von Schnals und Passeier mit dem Ötztal und des oberen Vinschgau mit dem Bezirk Landeck. Das stärkste Zusammengehörigkeitsgefühl hatte sich im Wipptal und Pustertal entwickelt.

Alle diese Verbindungen wurden durch die im Jahre 1919 gezogene Staatsgrenze, die durch Jahrzehnte wie ein „eiserner Vorhang“ wirkte, zerrissen. Obwohl nun diese Grenze kaum mehr spürbar ist und der Pflege alter Verbindungen nichts mehr im Wege steht, fehlt fast weiterhin das Bemühen, die Auswirkungen dieser unseligen Trennlinie zu beseitigen. Leider wird zäh an diesen Auswirkungen festgehalten.

So kann man für den südlichen Teil des Wipptales immer noch die Bezeichnung „oberes Eisacktal“ hören und das Pustertal reicht für viele nicht von Mühlbach bis zur Lienzer Klause, sondern nur bis Winnebach.

Immer noch haben Staatsgrenzen eine stärkere Trennwirkung als geschichtlich gewachsene Kulturgrenzen, und die Staatszugehörigkeit bildet weiterhin die stärkste gemeinschaftsbildende Kraft, obwohl im werdenden Europa den Kulturräumen der absolute Vorrang zustehen sollte. Er trägt natürlich viel dazu bei, dass  Menschen  mit der gleichen Staatsbürgerschaft sich als zusammengehörig fühlen, dass jeder Staat in allen Bereichen eigenen Strukturen hat, nach denen sich Leben und Arbeit seiner Bürger richten müssen.

Nicht zuletzt bilden der Sport - besonders für die Jugend - eine starke gemeinschaftsbildende Kraft, da es keine überstaatlichen Sportmannschaften gibt und die Nationalmannschaften weltweit staatsgebunden sind. Unsere Sportler kämpfen folglich nicht für Tirol, sondern entweder für Österreich oder für Italien. Immer wieder bedauern Südtiroler einen „österreichischen Sieg“, der von einem Nord- oder Osttiroler Sportler errungen wird, und ebenso freut man sich im Bundesland Tirol recht wenig über einen von einem Südtiroler Kameraden errungenen „italienischen Sieg“. Warum denkt man nie an die Bildung einer Tiroler Sportmannschaft?

Eine Brückenfunktion könnte Tirol gerade deshalb in idealer Weise ausüben, obwohl  es zur Zeit leider zwei Staatsoberhohheiten untersteht. Jedenfalls muss die verschiedene Staatszugehörigkeit kein Grund sein, dass Tirol weiterhin zerrissen bleibt und das Landesbewusstsein der Tiroler weiterhin  verhindert wird. Freilich setzt das Erleben der Zusammengehörigkeit aller Tiroler eine von Geschichtsbewusstsein getragene Geisteshaltung voraus. Tirol hatte zu der Zeit, in der sich die Staaten Österreich und Italien bildeten, bereits über ein halbes Jahrtausend als eigenes politisches Territorium existiert. Obwohl der Landesherr als gefürsteter Graf seit 1363 der Herzog von Österreich (d.i. Ober- und Niederösterreich) war, behielt Tirol immer seine Selbstverwaltung und Freiheit. Der Tiroler Landtag, in dem alle sozialen Schichten der Bevölkerung – die Bauern bildeten dem Bevölkerungsproporz entsprechend die stärkste Vertretung – vertreten waren, bestand seit dem 14. Jahrhundert und ist das älteste Parlament Europas. Als im 18. Jahrhundert die Tendenz erstarkte, aus den vielen österreichischen Kronländern einen Zentralstaat zu schaffen verteidigte Tirol mit aller Kraft seine Unabhängigkeit. Bekannt ist freilich die feierliche Erklärung der Tiroler auf dem Landtag von 1770, sie seien zwar stolz, dass der gefürstete Graf auch Herr vieler Länder und sogar Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation sei, sie seien aber deshalb nicht gewillt, auch nur einen Teil ihrer alten Freiheit aufzugeben. Und diese Freiheit blieb auch weiterhin unangetastet, da der Landesfürst wusste, dass dieses Gebirgsland nur so seine Brückenfunktion zwischen Nord und Süd ausüben konnte. Im Jahre 1918 wären die Tiroler sogar zu allem bereit gewesen,  um das Land ungeteilt zu lassen und ihm die alten Rechte und Freiheiten wiederzugeben. Aber die Siegesmächte entschieden bekanntlich anders und überließen einen Teil des Landes dem Königreich Italien und zwei Teile der neu geschaffenen Republik Österreich.

Tirol ist also viel älter als die Staaten Österreich und Italien, und seine Aufteilung auf zwei Staatshoheiten, muss nicht als eine bleibender Zerreißung des Landes gesehen werden, die freilich von diktatorischen Herrschersystemen gewollt war und leider zu einer bedenklichen Verkümmerung des Erlebens der Landesgemeinschaft geführt hat. Noch bedenklicher aber ist die mangelnde Bereitschaft, etwas gegen das Absterben des Tirolbewusstseins zu unternehmen. Wie kann ein Südtiroler oder ein Nordtiroler das gesamte Land Tirol oder wenigstens dessen deutschen und ladinischen Teil als Heimatland erleben, wenn man es gar nicht kennt? Was man nicht kennt, kann man nicht lieben und als Heimat betrachten.

Im Geographieunterricht der Schulen sowohl des Bundeslandes Tirol wie auch der „Autonomen Provinz Südtirol“ wird mit wenigen Ausnahmen Tirol weiterhin zerrissen: Hier lernt der Schüler nur den als Südtirol bezeichneten Landesteil, dort nur die beiden übrigen Landesteile als Heimat kennen. In Südtirols Schulen gibt es eine schöne Reliefkarte, die nur den zum italienischen Staat gehörenden Landesteil zeigt und mit „Mein Heimatland Südtirol“ überschrieben ist. Nördlich und nordöstlich des dargestellten Landesteiles liest man nur „Österreich“! Dieses Bild prägt sich der junge Mensch ein – sein Heimatland ist also nicht Tirol sondern Südtirol, das im Norden und Nordosten an Österreich grenzt. Der restliche Teil ist genauso österreichisches Ausland wie die Steiermark oder das Burgenland.

Ebenso hört der Schüler in den Schulen des Bundeslandes Tirol so gut wie nichts oder sehr wenig über Südtirol. Dort gilt als Heimat nur das Gebiet des Bundeslandes, wobei Südtirol zumindest erwähnt werden muss, um zu erklären, warum Nord- und Osttirol nicht zusammenhängen. Es ist erschreckend, wie wenig die Südtiroler über Nord- und Osttirol und wie wenig die Nord- und Osttiroler über Südtirol wissen. (Wie immer bestätigen die Ausnahmen die Regeln)

Die „geistige und kulturelle Einheit Tirols“ wird zwar nicht selten in schönen Sonntagsreden von Tiroler Politikern genannt, aber für deren Verwirklichung wird wenig bis nichts getan. Eher geschieht das Gegenteil. So wurde z.B.  die Einführung der Sendung „Südtirol heute“ als große Errungenschaft gepriesen. Warum diese Sendung? Man könnte die Geschehnisse von Südtirol in die Nachrichten aus Tirol einbauen. Aber das darf nicht sein, weil Tirol nur das Bundesland Tirol ist und Südtirol als eigenes Land angesehen werden muss.

Man könnte viele Beispiele anführen, die zeigen, wie wenig manchen Tirolern die Einheit ihres Landes am Herzen liegt. Bei einer Schützenveranstaltung im Burggrafenamt hörte ich einen Major sagen: „Jetzt müssen wir noch auf die Tiroler warten!“ gemeint waren die Kameraden aus dem Oberinntal. Oder, wie wenige finden etwas daran, dass dort wo einst die Grenzbalken waren, Tafeln der Aufschrift „Grüß Gott in Tirol“ stehen, obwohl man gerade aus dem südlichen Tirol kommt. Aus den Köpfen mancher Leute sind die Grenzbalken noch lange nicht verschwunden. Innicher fahren nicht nach Sillian, Kartitsch, ins Villgraten usw. sondern nach Österreich, und Sillianer trinken nicht in Innichen, Sexten, Toblach usw, einen guten Wein, sondern „oben bei die Walschen“. Dabei ist man sowohl in Sillian als auch in Innichen nicht nur im selben Land Tirol, sondern auch noch im selben Tal.

Die fast gleiche Hochachtung vor dem einstigen Grenzbalken findet man auch im Wipptal: Hier Südtirol, dort Österreich. Etwas besser ist es im oberen Vinschgau, wo man noch häufiger „ouni af Nauders“ oder „aussi af Landeck“ sagt. Innerhalb des Landes sollte man die Namen der Zielorte gebrauchen. Ebenso fahren die Innsbrucker, Schwazer, Imster usw. zum Törggelen nicht nach Brixen, Feldthurns, Girlan usw. sondern nach „Südtirol“ oder gar nach „Italien“. Warum wählen Südtiroler Gemeinden fast immer wieder als Partnergemeinden Städte der Bundesrepublik Deutschland? Es müsste doch selbstverständlich sein, solche Verbindungen mit Orten ihres eigenen Vaterlandes von dem sie getrennt leben müssen, zu pflegen.

In vielen Bereichen könnte die Landeseinheit erlebbare gemacht werden, besonders im kulturellen Schaffen. Eine löbliche Zusammenarbeit finden wir im Museumswesen. Niemanden würde einfallen ein Diözesanmuseum in Innsbruck zu errichten, da in Brixen bereits eines besteht.  Aber in anderen kulturellen Bereichen herrscht eine die Zerrissenheit des Landes fördernde „Zweischienigkeit“. Neben den Nordtiroler Landesverbänden der Musikkapellen, der Sänger, der Voklsbühnen usw., muss es auch entsprechende Südtiroler Landesverbände geben. Noch dazu besteht zwischen den Landesverbänden von Nord, Ost und Süd nicht immer die gewünschte Zusammenarbeit. Selbst die Statuten der beiden Tiroler  Schützenverbände stimmen nicht genau überein, wenn auch die beiden (oder drei) ein gemeinsames Dach im Gesamttiroler Schützenverband haben. Warum gibt es nicht Schützenbataillone, die das gesamte Pustertal oder das ganze Wipptal umfassen.

Auch die Universität in Bozen gegen deren Errichtung man sich in dankenswerter Weise lange gewehrt hat, trägt zur Zerreißung Tirols bei. Sicher bietet diese Hochschule Dienste, die den besonderen Erfordernissen der Südtiroler entsprechen, aber könnten diese Dienste nicht auch die altehrwürdige Tiroler Landesuniversität vermitteln, die zudem bereits weiterhin in Zusammenarbeit mit der Universität Padua einige Lehrpläne für Studierende aus Südtirol festgelegt hat? Ein Tiroler Landesbewusstsein vermittelt jedenfalls diese Universität nicht.

Die Vorstellung, das Südtirol nicht ein Landesteil, sonder ein eigenes Land sei, ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen und zwar vor allem, weil erstens es die Landespolitik so will, und zweitens weil man auf die Werbekraft des Namens Südtirol nicht verzichten will. In Südtirol gibt es nicht nur Südtiroler Weine und Südtiroler Obst, sonder auch das Südtiroler Volk, Südtiroler Volksliede, Südtiroler Küche usw. anstatt Tiroler Küche, Tiroler Volkslieder usw. Die Bestimmungswörter Südtirol und südtirolerisch kann man an alles anfügen, was mit den Tälern an Etsch, Eisak und Rienz zu tun hat.

Im eingangs erwähnten Gespräch sagte Otto von Habsburg: Allerdings muss man dabei einheitlich bleiben, weiter die eigene Linie verfolgen, treu zum eigenen Boden, zum eigenen Land stehen. Der große Europäer hat sicher das ganze Land Tirol gemeint, da dessen Zerreißung den Grundsätzen des europäischen Denkens widersprechen würde. Bei einer anderen Gelegenheit erklärte er, Europa müsse wachsen wie ein Baum und könne nicht wie ein Turm aufgebaut werden. Das gilt auch für die Europaunion Tirol. Jede Arbeit für Tirol und dessen Landeseinheit ist letztlich ein Bemühen im Dienste Europas.

Kommentare (0)

Passwort vergessen

Bitte geben Sie Ihre Emailadresse ein. Sie erhalten dann ein Email um ein um neues Passwort zu setzen.

Möchten Sie sich neu registrieren?

Dann klicken Sie bitte hier.

Registrierung