4. Teil: Die Südtirolpolitik aus der Sicht des Andreas Hofer – Bundes Tirol bzw. dessen Geschäftsführer Ing. Winfried Matuella Visionen und Gedanken  

Zukunftsmodell Tirol

Wie kann die Lösung der Tirol-Frage aussehen? Selbst die Befürworter des Selbstbestimmungsrechtes haben sich klugerweise noch nicht auf eine bestimmte Variante zu dessen Umsetzung festgelegt. Diskutiert wird vor allem die Wiedervereinigung Tirols unter Österreich oder ein „Freistaat“ mit einem souveränen Südtirol.

In der Tirol-Frage wird realpolitisch letztlich jener natürliche Weg beschritten werden, der bereits 1990 in der Deutschen Frage genommen wurde. Dort diskutierte man auch verschiedene Varianten abgestufter Wiedervereinigungspläne, die von der Aufrechterhaltung der Zweistaatlichkeit über einen Staatenbund bis zum Bundesstaat reichten. Die deutsche Wiedervereinigung erfolgte schließlich sogar ohne direkte Volksabstimmung, da der Volkswille („Wir sind das Volk“) so offensichtlich war. Ähnliches ist auch in Tirol denkbar. Zwischenstufen der Souveränitätsverschiebung werden sich als akademische Gedankenspiele erweisen, denn letztlich ist die Wiedervereinigung des südlichen Landesteils in das Bundesland Tirol  und damit die Rückkehr zu Österreich der natürlichste und logische Weg.

Die Frage gilt also weniger dem Weg, als vielmehr dem Modell, das für das wiedervereinigte Tirol tragend sein könnte. In der nahen Schweiz, mit der gleichen alpinen Landschaft und einem vergleichbaren Menschenschlag findet sich das noch immer zu wenig beachtete Model, das modifiziert zur Grundlage eines zukunftsträchtigen Tiroler Volksgruppenausgleich werden kann. Die selbstbewussten Schweizer haben auf föderalistischer Basis ein Modell für ein historisch plurinationales Staatswesen geschaffen, das seit 160 Jahren erprobten Bestand hat. Für Tirol besonders interessant ist der benachbarte Kanton Graubünden, der von denselben drei Volks- und Sprachgruppen bewohnt wird.

Österreich gründet wie die Schweiz als Bundesstaat auf dem Föderalismus, einer spezifisch deutschen Form politischer und staatsrechtlicher Organisation nach dem Subsidiaritätsprinzip. Italien bildet dagegen nach wie vor einen typischen romanischen Zentralstaat, in dem neuerdings zwar ausgiebig über eine Föderalisierung debattiert wird, über dessen Bedeutung und Inhalt man aber recht nebulöse Vorstellungen hegt. Und selbst bei seinen Befürwortern sollte eine Föderalisierung Italiens abseits aller historischen Länder zur Zusammenfassung Norditaliens in nur mehr ein oder höchstens zwei Großregionen führen (von denen Südtirol geschluckt würde).

Im Gegensatz zur Schweiz von 1848 hat Tirol heute nur einen ethnischen Ausgleich sicherzustellen, der auf der Grundlage von Sprachgebieten nach dem erfolgreichen Schweizer Modell realisiert werden kann. Tirol wäre auf ethnisch historischer Grundlage in Sprachgebiete zu unterteilen. Die fünf Dolomitenländer rund um den Sellastock bilden das ladinische Sprachgebiet, Nord- und Osttirol sowie das übrige Südtirol bilden das deutsche Sprachgebiet.

Gemeinden, in denen zumindest zwei der anerkannten Ethnien mehr als 17 Prozent (wie in Kärnten) der Ortsbevölkerung stellen, gelten als mehrsprachig. Über die Höhe des Anteils kann man trefflich streiten. Allgemein ist man sich einig, dass sie jedenfalls so hoch sein muss, um ein funktionierendes Gemeinschaftsleben einer Ethnie gewährleisten zu können. In der Schweiz wird daher in der Regel eine Mindeststärke von 30 Prozent verlangt. Die mehrsprachigen Gemeinden sind im Gegensatz zu den Sprachgebieten variabel, sofern eine Volkszählung eine deutliche Veränderung der Bevölkerungszusammensetzung ergeben sollte.

Die nicht veränderbaren Sprachgebiete und  die veränderbaren mehrsprachigen Sprachzonen bieten den jeweiligen Sprachgruppen Schutz und Sicherheit vor eventuellen Assimilierungsbestrebungen und sichern damit den ethnischen Frieden.

Auf Landesebene hätten Angehörige aller drei Ethnien, unabhängig von ihrer zahlenmäßigen Stärke und ihrem Wohnort, das Recht mit allen Behörden in ihrer Muttersprache zu verkehren.

Auf Gemeindeebene verkehren die Kommunen mit den Bürgern in der jeweils ortsüblichen Sprache. Die 371 einsprachigen Gemeinden verkehren mit ihren Bürgern in deutscher Sprache, die 17 einsprachig ladinischen Gemeinden in ladinischer Sprache. Von den 17 zweisprachigen Gemeinden im südlichen Tirol würden laut Volkszählung 2001 16 Gemeinden, in deutscher und italienischer Sprache verkehren. (u.a. Bozen, Meran, Leifers). Die ladinische Olympiagemeinde Hayden (Ampezo) in ladinischer und italienischer Sprache. Wobei die Reihung der Sprache nach der stärke erfolgt: in Bozen also das Italienische Vorrang vor dem Deutschen hätte, in Meran des Deutsche vor dem Italienischen

Dieses Prinzip der Ein- oder Mehrsprachigkeit würde nach Schweizer Modell konsequent in allen Bereichen des öffentlichen Lebens finden, von der Schule bis zu den Ortsnamen.

In der Ortsnamensfrage fordert Tirol, was Italien seiner französischen Region  Aostatal längst gewährt hat: die Tilgung aller erfundenen und während der Faschistenzeit eingeführten pseudoitalienischen Ortsnamen und die Wiedereinsetzung der historischen Ortsnamen. Alle historisch fassbaren deutschen, ladinischen und italienischen Ortsnamen werden als landesüblich in ein Verzeichnis eingetragen. Einziges Kriterium für den Gebrauch (Ortstafeln, Amtspapiere, Amt – und  Poststempel usw.) ist die durch eine Volkszählung ermittelte Bevölkerung. Wo eine Sprachgruppe mehr als 17 Prozent der Ortsbevölkerung stellt und ein historischer Ortsname in ihrer Sprache überliefert ist, erhält dieser amtliche Gültigkeit. In deutschen Gemeinden finden sich die deutschen Namen auf den  Gemeinde- und Ortstafeln: Glurns, Telfs, Sand in Taufers, Schwaz, Eppan usw. In den ladinischen Gemeinden die ladinischen Namen: Urtijei, San Martin de Tor, Fonom, Vich usw. In zweisprachigen Gemeinden werden nach Stärkeverhältnis gereiht, die jeweils historischen Ortsnamen Verwendung finden: Bolzano –Bozen, Meran – Merano, Neumarkt  - Egna, Salorno – Salurn.

Im gesamten privaten Bereich, einschließlich der Wirtschaft und dem Fremdenverkehr, ist jeder frei, die Sprache und die Namen zu verwenden, die ihm belieben. Die Deutschtiroler werden weiterhin von St. Ulrich und Wolkenstein für das ladinische Gebiet sprechen, die Ladiner von Perseno und Bulsan für Brixen und Bozen und die Italiener werden weiterhin, was zu verurteilen wäre, einen Teil der erfundenen Namen des Ettore Tolomei gebrauchen.

Das geeinte Tirol als historisch–geographische Einheit, mit seinen 1.2 Millionen Einwohnern kann besser auf die Herausforderungen unserer Zeit reagieren. Angefangen mit einer einheitlichen Verkehrs-, Umwelt-, und Wirtschaftspolitik für den wichtigsten Alpenübergangsraum, ohne die heute so schwerfällige Doppelgleisigkeit zweier Staaten und zweier Länder, die unterschiedliche Maßstäbe für zwei identische Teile desselben Ganzen diesseits wie jenseits einer künstlichen Grenze anlegt (Transit, Brennerbasistunnel, öffentlicher Verkehr, erneuerbare Energie, Lebenshaltungskosten, Betriebsansiedlung, Wasserwesen). Ein geeintes Tirol ermöglicht ein kraftvolles Auftreten und eine einheitliche Interessensvertretung gegenüber Wien und Brüssel. Mit Italien, das dem Alpenraum immer fern war, gilt es gut nachbarliche Beziehungen zu pflegen, ohne jedoch länger den Entscheidungen Roms und damit dem landesfremden Fensterprinzip unterworfen zu sein.

In einem geeinten Tirol können eine Reihe von Initiatoren und Infrastrukturen (als Prestigeprojekte heute von teils zweifelhaften Nutzen aber überproportionalen Kosten) einen neuen Rahmen finden, der ihnen – wenn schon – mehr entspricht. Dazu zählt zum Beispiel die freie Universität Bozen. Das historische Tirol verfügt mit der Tiroler Landesuniversität in Innsbruck und der italienischen Universität von Trient über zwei voll ausgebaute Universitäten. Die Errichtung einer eigenen Universität in Südtirol war zu keinem Zeitpunkt von mehr als einer Handvoll Politikern und eigennützigen Interessen betrieben worden. Daran haben weder die Zeit noch die selbstbezahlte Eigenwerbung in den Medien etwas ändern können. Der finanziell untragbare Luxus doppelter Rektorate, doppelter Fakultäten, doppelten Verwaltungsaufwandes kann in einem geeinten Tirol durch sinnvolle Zusammenlegung mit der Landesuniversität Innsbruck unter ein Rektorat und einer entsprechenden Optimierung durch Neuordnung von Fakultäten, Studiengängen, Lehrstühlen und Forschungsprojekten reorganisiert und gestärkt werden. Die Neuorganisation durch Qualitätsmanagement hilft dem Steuerzahler und entlastet die Landeskassen, setzt aber auch durch Beseitigung von Doppelungen bei gleichzeitiger Beibehaltung und Förderung von Innovativem und der Nutzung dezentraler Infrastrukturen, die neben Innsbruck auch Bozen, Brixen und andere Orte einbindet, starke Synergien frei. Überlegungen, in die auch die Europäische Akademie Bozen (Eurac) mit einzubeziehen ist.

Als weiter Beispiele können im südlichen Landesteil das Museum für moderne Kunst, das Südtiroler Fahrsicherungszentrum und der Flughafen genannt werden. 

Vorstufe zur Landeseinheit

Bis zur Verwirklichung der Landeseinheit können in beiden Landesteilen bereits in gemeinsamer, einvernehmlicher Absprachen eine Reihe von Schritten als Vorstufe dazu gesetzt werden. Einige Stichworte sollen hier genannt werden.

Namen machen Orte erst benennbar und wirken identitätsstiftend für ein Gebiet, das sie einem Sprach- und Kulturraum zuordenbar machen.

Tirol / Südtirol

Im Sprachgebrauch ist die passive Abgrenzung gegenüber Italien durch eine aktive, zukunftsgewandte Zusammengehörigkeit zu ersetzen. Doppelgleisigkeiten und Auflistungen wie Tirol – Südtirol, als handle es sich um zwei verschiedene Länder und nicht nur um zwei unterschiedliche, durch Druck aufgezwungne Realitäten ein und das selben Landes, gebären sprachliche Unregelmäßigkeiten (wie „Wir Südtiroler – Ihr Tiroler“ und Umgekehrt), die das „Wir“ – Gefühl modifizieren. Die Verbotspolitik Italiens zwingt bis heute zu sprachakropatischen Doppelungen Tirols beginnend bei getrennten amtlichen Landesnamen (aber auch verschiedene Landeswappen). Seit Inkrafttreten der Autonomie entwickelte sich daraus manch überflüssiger Selbstläufer, der statt Nutzen zu bringen, neue Barrieren in den Köpfen zwischen Nord und Süd errichtet hat. Statt der penetranten Betonung von Südtirol und Südtirolern als einschränkender Partikulardefinition, die letztlich bloß einer geographischen Angabe entspricht, sollte vielmehr konsequent und zutreffend von Tirol und Tirolern gesprochen werden, um das Gemeinsame zu fördern.

Südtirol / Osttirol

Die Bezeichnung Osttirol sollte aufgegeben werden. Sie entstand aus der Notsituation heraus, dass die Teilung den bei Österreich verbliebenen Teil Tirol in zwei unzusammenhängende Teile zerriss. Wegen der schwerfälligen Doppelbezeichnung Nord-Osttirol, werden die Osttiroler ohnehin häufig „vergessen“, so wie ihre Isolation sie lange wirtschaftlich benachteiligte. Bis zur Teilung wurde geographisch nur von Nordtirol und Südtirol gesprochen. Nordtirol umfasste das gesamte nördlich des Alpenhauptkammes gelegene Gebiet, Südtirol das gesamte südlich davon gelegene, einschließlich der an Kärnten und Salzburg grenzenden Bezirkshaupmannschaft Lienz und der Gemeinde südliche Tiroler (Süd-Tiroler). Die namentliche Wiedervereinigung erneuert jene historische Einheit des Gebietes, die auf wirtschaftlicher Ebene durch Südtiroler Investoren zum allgemeinen Nutzen bereits erfreulich fortgeschritten ist.

Tirol – ladinisches Tirol

Wiedervereinigung des seit 1923 geteilten ladinischen Tirol durch die Rückkehr der ladinischen Täler Buchenstein (Fodom - Reba, Pieve) und Hayden (Ampezo) von der italienischen Provinz Belluno und des Fassertales (Vall die Fassa) von der italienischen Provinz Trient zu Südtirol. Ausdehnung der geltenden Schutzbestimmungen für die Ladiner auf das gesamte ladinische Tirol und Ausbau derselben im Zuge des Tiroler Volksgruppenausgleiches nach dem Zukunftsmodell Tirol.

Tirolo del Sud / Sudtirolo

Die geschichtsfälschliche Erfindung „Alto Adige“ (1810-1830 als napoleonischer Kunstbegriff für das heutige Trentino in Gebrauch), die untrennbar mit dem üblen imperialistischen Geist Ettore Tolomeis verbunden bleibt, der ihn 1906 einfach auf das deutsche und ladinische Südtirol übertrug, sollte auch im italienischen Gebrauch schrittweise aber konsequent durch den wohlklingenden, historischen Landesnamen Tirol ersetzt werden. Nur so kannte man das Land im Gebirge bis 1918 auch in Italien. Dafür eignen sich die konkreten Bezeichnungen Tirolo del Sud oder auch der Germanismus Sudtirolo. Amtliche Gültigkeit hat die Hässlichkeit „Alto Adige“ ohnehin nur als italienische Bezeichnung der Region Trentino-Südtirol. Das Land Südtirol heißt amtlich auf Italienisch „Provinza Autonoma die Bolzano“ und einzig so wird sie von allen Organen des italienischen Staates (Ministerien, Regierungskommisariate, Quästur usw.) bezeichnet. Die durchgehende Hinzufügung von „Alto Adige“ ist lediglich eine überflüssige Dienstbeflissenheit irgendwelcher Beamten der Südtiroler Landesverwaltung, weshalb sie auch jederzeit abgestellt werden und auch abgestellt werden sollte.

Wer durch Italien reist, kann feststellen, dass dort kaum jemand mehr dessen Verwendung verlangt. Umso naheliegender wäre es, dass Südtirols Wirtschaft gleiches täte und Südtiroler Speck und Milchprodukte auf den italienischen Markt nicht mehr unter dem faschistischen Signet „Alto Adige“ vertreiben würde

Ortsnamen

Ortsnamen wurden von vielen Nationalismen und Diktaturen politisch instrumentalisiert. So betrieb auch der italienische Faschismus eine Entnationalisierungspolitik gegen Deutsche, Ladiner, Franzosen, Slovenen und Kroaten mit erfundenen Ortsnamen. Im französischen Aostatal wurden 1945 / 46 ausnahmslos alle faschistischen Ortsnamen gestrichen und wieder durch die amtliche historische französische Einnamigkeit ersetz. Im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes fordert auch Südtirol gleiches Recht. Die faschistischen Ortsnamendekrete sind durch den Südtiroler Landtag ohne Wenn und Aber abzuschaffen. Viel Handlungsbedarf gibt es bei den kartographischen Instituten und Verlagen, bei den Verkehrsnavigationsanbietern, bei der Bahn oder Google Earth, damit sie die pseudoitalienischen Ortsnamen ersatzlos streichen.

Nur wer eingebunden ist und mitentscheiden kann, entwickelt Verantwortungsbewusstsein für die gemeinsame Heimat und das gemeinsame Vaterland.

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