3. Teil: Die Südtirolpolitik aus der Sicht des Andreas Hofer – Bundes Tirol bzw. dessen Geschäftsführer Ing. Winfried Matuella Visionen und Gedanken  

Selbstbestimmung ist möglich

Ohne Zweifel ist das Tiroler Volk, als vorstaatliche ethnische und politische Einheit ganz Tirol, wie in der Präambel der Tiroler Landesverfassung festgeschrieben, Träger des Selbstbestimmungsrechtes der Völker. Seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Gewaltsystems sind in Europa 23 neue Staaten auf der Grundlage sprachlich – kultureller Gemeinsamkeiten oder historischer Besonderheiten entstanden oder haben sich durch Wiedervereinigung neu formiert. Eine Reihe dieser neuen Staaten sind territorial kleiner und wirtschaftlich schwächer als Tirol. Ihre große Zahl belegt die ungeheure Dynamik, die 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer eingeleitet wurde und verdeutlicht die außerordentliche Chance für die Wiedervereinigung Tirols.

Es mag sein, dass der heilsame Umbruch nach dem Kalten Krieg vor allem das östliche Mitteleuropa, Ost- und Südosteuropa betraf, während der alte Westen mit Ausnahme der Bundesrepublik Deutschland davon unberührt blieb. Es mag ebenso sein, dass die gesamten Grenzänderungen weitgehend außerhalb der Europäischen Union erfolgten.

Diese EU würde in ihrer derzeitigen Ausrichtung eine Grenzverschiebung kaum unterstützen, weil die behauptete „Unantastbarkeit der Grenzen“ vor allem auf einer Bequemlichkeit der Politik beruht. Die EU schützt aber vor der Gewaltoption, die sicher nicht von Tiroler Seite droht. Die von interessierter Seite seit den 80er Jahren an die Wand gemalten Schreckensszenarien eines „zweiten Belfast“, zweiten Beirut“, oder „zweiten Sarajevo“ waren zu jenem Zeitpunkt ebenso falsch wie intellektuell unredlich. Die Tiroler wollten zu allen Zeiten nur in Frieden ihre Felder bestellen. Lediglich in der äußersten Not, wenn ihre Grenzen in Gefahr waren, schmiedeten sie ihre Pflugscharen zu Schwertern. Hat Italien aber keine Gewaltoption, fällt der derzeitig gefährliche und unwägbare Faktor der Tiroler Einigungsbestrebungen fort.

In der heutigen europapolitischen Konstellation liegt es an den Tirolern und ihrer politischen Kreativität, Vorreiter eines neuen Modells der „sanften“ Grenzveränderung innerhalb der Europäischen Union zu sein. Das festgefügte europäische Einigungswerk bietet den in der Geschichte Europas wohl einmaligen, weil sicheren rechtlichen und politischen Rahmen zur Umsetzung einer sanften Grenzberichtigung und Unrechtbeseitigung ohne Diskriminierung und Traumatisierung. Die bestehende Europaregion mit ihren gemeinsamen Vertretern Nord-Ost- und Südtirol (ohne Trentino da es  sich bei einer Wiedervereinigung nicht beteiligen würde) in Brüssel sowie der gemeinsame Landtag stellen bereits grenzüberschreitende regionale Rechtsbeziehungen dar, die die Grundlage des wiedervereinten Tirol als neuer staats- und völkerrechtlich anerkannte Einheit bilden können. Eine erstaunliche Dynamik in Spanien (Baskenland, Katalonien), Großbritannien (Schottland) und Belgien (Flandern) schließt jedoch nicht aus, dass die Tiroler von anderen ethnische- historischen Gebieten in diesem Vorhaben überrundet werden.

Und tatsächlich war die Zeit nie günstiger als heute, eine neue, zukunftsfähige Tiroler Landespolitik zu betreiben, die in die Wiedervereinigung des Landes mündet. 

Der Druck des italienischen Staates auf die Südtiroler hat seit dem österreichischen EU-Beitrittes etwas nachgelassen. Die Kraft der italienischen Sprachgruppe, sich gegen einen natürlichen historischen Prozess zu stemmen, schwindet, wenngleich sie noch nicht gebrochen ist. Gleichzeitig wächst die Chance zur Einbindung der italienischen Sprachgruppe in einen Zukunftsdialog über Tirol. Ganz Tirol ist durch eine blühende Volkswirtschaft mit weitgehender Vollbeschäftigung ökonomisch bestens bestellt. Aufgrund der Passlage und der Sprachkenntnisse kann das wiedervereinte Tirol gemeinsam die traditionelle Rolle als Dreh- und Angelpunkt des Nord-Süd-Handels verstärken.  Wiedervereint wird auch Südtirol vom internationalen Tirol-Tourismus profitieren können, und Nord- Osttirol von den landschaftlichen Besonderheiten des „deutschen Südbalkons in den Alpen“. Die argumentative Überlegenheit in der Tirol-Frage liegt in der Hand der Tiroler. Man muss sich nur der notwendigen Diskussion stellen. Nicht mehr der italienische Nationalismus stellt die erste Hürde dar, sondern geistige Erlahmung und volkstumspolitisches Eunuchentum, das nur mehr bei geringem italienischen Widerstand handlungsbereit scheint. Seit sich die Autonomiegeneration in farbloser Gleichgültigkeit verliert, baut sich allerdings eine neue Wiedervereinigungsgeneration auf, die bereit ist zu dieser Auseinandersetzung und sich personell wie argumentativ dafür rüstet. Eine landespolitische Neuausrichtung, die nicht mehr defensiv das Heute, sondern aktiv das Morgen gestalten will, kann allerdings nur unter Einschluss aller Kräfte des Landes stattfinden. Die Möglichkeiten dafür sind gegeben. Es ist nur eine Frage des Willens. Die historisch und kulturpolitisch für die Identität und das Erscheinungsbild des Landes vorrangige Ortsnamensfrage wird zum Lackmustest für die Gesamttiroler Weichenstellung und die italienischen Bereitschaft, vom faschistischen Erbe abzurücken.

Ein wesendliches Merkmal für die günstige Entwicklung ist das Ende des verbitterten Volkstumskampfes. In den Köpfen vor allem derjenigen, die die Selbstbestimmung ängstlich meiden, sind einige angestaubte Denkmuster zu entsorgen. Dazu gehört das überholte Stereotyp des angeblichen „italienerfressenden“ Selbstbestimmungsbefürworter. Unter den verdientesten volkstumspolitischen Persönlichkeiten ragen exzellente Kenner der italienischen Sprache und Kultur hervor. Gerade die Liebe zum eigenen Volkstum befähigt auch zur Offenheit gegenüber der italienischen Kultur und zum Dialog. Die Kenntnis des italienischen Wesens und der italienischen Politik bewahrt jedoch vor falschen Illusionen, wie sie Multikulturalisten einflüstern. Heimat- und Vaterlandsliebe definieren sich nicht negativ aus der Ablehnung anderer, selbst dann nicht, wenn es sich um eine historische „Erbfeindschaft“ handelt. Sie definiert sich ihrer Natur entsprechend positiv aus Sprache, Kultur, Tradition, emotionaler Verbundenheit und Selbstachtung.

Letztere überwindet ein zweites angestaubtes Denkmuster, den Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Italienischen. Die harte, vom faschistischen Staat ausgeübte Repression ist mental bis heute nicht ausreichend überwunden. Als Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem italienischen Staat wie auch gegenüber Italienern insgesamt wurde sie im Unterbewusstsein, in weniger leicht erkennbarer Form als sich auch politisch artikulierende Hemmung an die jüngeren Generationen weitergegeben.

Manche meinen ängstlich, man könne den Italienern ein Leben in einem wiedervereinten Tirol und unter österreichischer Verwaltung nicht „zumuten“. Italien hingegen mutet seit über 90 Jahren ohne Not seine Fremdbestimmung zu, die bis an den Rand der Auslöschung Südtirols führte. Die Überwindung dieses Unrechts wird objektiv immer ein Akt der Befreiung und der Versöhnung sein, wenn Teile der italienischen Bevölkerung es subjektiv auch  anders empfinden mag.

Außer von faschistischen Ideologen und skrupellosen nationalistischen Traumtänzern wie Ettore Tolomei und jenseits der heute geltenden EU-Freizügigkeit, wurde nie jemand von südlich der Berner Klause eingeladen, sich in Tirol niederzulassen. Auch solche Fakten müssen klar ausgesprochen werden, um die Dinge in den richtigen historischen und politischen Kontext zu stellen. Mit gleicher Überzeugung ist jedoch auch festzuhalten, dass niemand je aufgefordert wird, das Land freiwillig zu verlassen. Dumme Parolen gegen Italiener: „Kehrt zurück unter Salurn, wo ihr hergekommen seid“ oder gegen Deutsche und Ladiner: „geht über den Brenner, wenn es euch nicht passt“ als dreiste italophiles Revival faschistisch-nationalistischer Zielsetzung, bleibt bestenfalls dem „intellektuellen Prekariat“ (Roland Tichy) überlassen. Kein Italiener wird in Tirol und Österreich je erdulden, was ganze Generationen von Tirolern unter Italien erdulden mussten. Seit dem Hochmittelalter gehörten Italiener zum Tiroler Staatsverband und wurden in jeder Hinsicht bis 1918 gleichbehandelt. Einzig der italienische Staat hat diese alte Tiroler Tradition zertrümmert und durch seine ungebremste nationalistische Politik das Verhältnis der Volksgruppen vergiftet. Die Zukunft Tirols liegt jedoch im gedeihlichen und respektvollen Miteinander aller im Land lebenden Menschen.

Dennoch wird sich ein beträchtlicher Teil der italienischen Sprachgruppe in Südtirol kaum für die Einheit Tirols begeistern.  Das ist auch nicht der entscheidende Punkt. Der italienische Staat wäre ohnehin bereit, für den Erhalt Südtirols bei Italien die italienische Sprachgruppe im Land aufzuheben.

Jede Seite hat für eine umfassende und zukunftsträchtige Versöhnung eine Vorleistung zu bringen. Die Tiroler haben die Existenz einer italienischen Sprachgruppe  im Land zu akzeptieren (was großteils bereits der Fall ist). Die Italiener die Wiedervereinigung Tirols. Für die Mentalitätserweiterung kann den Italienern das Wort des liberalen Ministerpräsidenten Luigi Luzzatti behilflich sein. Luzzatti erklärte 1920 den Tirolern. „Ich bin voll und ganz für die Autonomie Südtirols. Was sollen eure Abgeordneten hier im römischen Parlament? Sie mögen ruhig daheim bleiben. Ihr sollt eure Angelegenheiten selber verwalten, so wie die Schweizer in ihren Kantonen ihr eigenes Leben führen. Wenn die Menschheit nicht ganz vertiert ist, wenn der Geist friedlicher Eintracht bei den europäischen Völkern einzieht, dann wird der Tag kommen, wo ihr zu eurer Nation zurückkehren könnt.“

Einer neuen, vielversprechenden in Volksgruppenorganisationen heranwachsenden Südtiroler Politikergeneration, die sich die Sprachfähigkeit in der Tirol-Frage erhalten oder neu gewonnen hat, kommt die entscheidende Aufgabe zu, einen Paradigmenwechsel in der Südtirol-Politik einzuleiten. Ihr kommt es zu, eine neue, direkte Kommunikation mit Nord-Osttirol und Wien, mit der italienischen Sprachgruppe in Südtirol, mit Trient, Rom und mit Brüssel aufzubauen.

Politik definiert sich häufig am wirkmächtigsten durch Bilder und Symbole. Auch für das wiederzuvereinende Tirol ist eine neue „politische Identität durch Bilder zu erzeugen“ (Götz Kubischek). Einen geeigneten und vielversprechenden Ansatz stellt die aussagekräftige, einst auf der Brenner- Unrechtsgrenze aufgestellte Tafel „Südtirol ist nicht Italien“ dar. Allein die rabiaten Reaktionen  (Überwachung durch italienische Polizeiorgane, giftige Berichte italienischer Medien, hitzige Internetkampagnen, Beschmierung- und Zerstörungsaktionen durch italienische Rechts- und deutsche Linksextemisten, antipatriotische und antiösterreichische Pöbelei usw.). aber auch das aufgeschreckte Geflatter behäbiger Status-quo Politiker auf Süd – wie auf Nord-Osttiroler Seite belegen, wie gekonnt die Aktion den eigentlichen Nerv der Sache getroffen hat.

Vor dem Hintergrund der eigenen italienischen Einigungsgeschichte erwartete man in Rom illusionslos von den Tirolern, dass sie (früher oder später) die Lostrennung von Italien anstreben werden, wobei man das „später“ natürlich nach Kräften zu fördern versucht.

Einige aktuelle Zahlen sollen genügen, um den befreienden Akt der Landeseinheit und die Rückgewinnung bürgerlicher Freiheiten zu verdeutlichen: Die Polizeipräsenz in Südtirol ist drei Mal so hoch wie im freien Teil Tirols.  In Südtirol finden drei Mal so viele Finanzkontrollen statt wie in Italien. In der Lombardei, der wirtschaftlich bedeutendsten Region Italiens, findet jährlich auf je 3362 Einwohner eine Finanzkontrolle statt, in Südtirol auf je 737 Einwohnern.

Wirtschaftlich schließen sich zwei gleichwertige Landesteile zusammen, die sich durch soziale Sicherheit, Wohlstand, Rechtssicherheit und eine funktionierende Verwaltung auszeichnen. Südtirol hat durch die Befreiung von der Fußfessel eines notorisch maroden Staates (Staatsbankrot) mit hoher Korruptionsrate, Kriminalität (Mafia) und Rechtsunsicherheit zu profitieren. Jeder Landesteil kann beachtliche Leistungen in die neue Einheit mitbringen. Das fehlende Sozialgefüge, wie es zwischen Westdeutschland und der sowjetischen Besatzungszone (DDR) bestand oder die Startschwierigkeiten für die wirtschaftlich schwächere Slowakei nach ihrer Trennung von Tschechien (1994) oder Ungarns von Österreich (1867), wird das Zusammenwachsen erheblich erleichtern.

Bis zu Verwirklichung der Landeseinheit können in beiden Landeteilen bereits in gemeinsamer, einvernehmlicher Absprache eine Reihe von Schritten als Vorstufe dazu gesetzt werden. Daher wird sich der 4. 5. Teil  (37. 38. Sandwirtsbrief) mit dem Zukunftsmodell Tirol  wie es sich der Andras Hofer – Bund Tirol vorstellt, befassen.

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