2. Teil: Die Süd-Tirol Politik aus der Sicht des Andreas Hofer – Bundes Tirol bzw. dessen Geschäftsführer Ing. Winfried Matuella

Das Vaterland Österreich

Österreich hat weder auf Südtirol noch auf eine Wiedervereinigung Tirols verzichtet. Das geteilte Tirol ist in Österreich weiterhin ein „Herzensanliegen“. Eine Formulierung, die vor allem den damit verbundenen emotionalen Aspekt zum Ausdruck bringt. Ohne Zustimmung Österreichs als internationale Schutzmacht Südtirols, kann Italien die Landesautonomie nicht verändern. Mit Ausnahme der Grünen bekennen sich alle Nationalratsparteien ausdrücklich zur österreichischen Schutzfunktion für das südliche Tirol.

2006 beschloss der österreichische Nationalrat mit großer Mehrheit die Verankerung einer Schutzklausel in der künftigen österreichischen Bundesverfassung. Ein wichtiger wenn auch noch nicht verwirklichter Schritt, der in Südtirol durch eine Petition des traditionsreichen Schützenbundes angeregt und von allen Bürgermeistern (bzw. deutschen Vizebürgermeistern in den fünf mehrheitlich italienischen Gemeinden) unterstützt wurde.

Die Macht des Faktischen von Grenzen, seien sie auch noch so durchlässig wie jene des Schengen-Raumes, belegt ein zuweilen schlampiger Umgang mit Begriffen („bei uns in Italien“ und bei euch in Österreich“), die gewisse Akzentverschiebung im Wir-Gefühl hörbar machen und leicht vermeidbare Irritationen auf beiden Seiten der Unrechtsgrenze zur Folge haben. So kann man in Österreich hören: „wir fahren nach Italien“, obwohl man einen Ausflug in die Tiroler Städte Brixen oder Meran unternimmt. Die Südtiroler werden dabei wegen ihrer Staatszugehörigkeit einfach zu „Italienern“. Ein umgekehrtes Indiz ist die „Pauschalbezeichnung, Österreicher für alles, was jenseits vom Brenner, Reschen und Winnebach wohnt“ (Robert Gismann), die keinen Unterschied zwischen (Nord) Tiroler Landsleuten, Burgenländer oder Steirern macht.

Italien und die italienische Sprachgruppe in Südtirol

Während heute das Zusammenleben der Volksgruppen halbwegs harmonisch verläuft, ist die Geschichte der italienischen Staatspräsenz in Südtirol – entgegen aller Sprachakrobatik und schleichender Gewöhnung – eine Beziehungsgeschichte im klassischen Sinn des Wortes. Die Tiroler wurden gegen ihren Willen dem Mittelmeerland einverleibt und ihnen bis heute eine freie Entscheidung über ihr Schicksal verweigert. Das wichtigste Tabu Südtirols – nach dem Zentraltabu Selbstbestimmung – sind nicht die besatzungsgeschichtlichen Ursprünge, sondern die psychologischen und tagesaktuellen Auswirkungen dieser Besatzung und deren Hintergründe für die Gegenwart des Landes. Die auf volkspädagogische Umerziehung ausgerichtet neomarxistische Linke erweist sich dabei übrigens als zuverlässiger Verbündeter italienischer Interessen im Land.

Die italienische Sprachgruppe (laut Volkszählung 2001:26.3 Prozent in Südtirol 9.6 Prozent auf ganz Tirol bezogen) ist in Südtirol zwischen 1920 und 1960 durch zwei staatlich geförderte Einwanderungswellen unter faschistischen und nationalistischen Vorzeichen entstanden. Das erklärte Ziel war zunächst die koloniale Inbesitznahme der neuen „Provinz“ und dann die Majorisierung der alteingesessenen deutschen und ladinischen Bevölkerung. Seit dem Inkrafttreten der Autonomie 1972 erfolgte eine dritte Einwanderungswelle. Da die italienische Sprachgruppe dennoch leicht schrumpft, findet sie kaum Beachtung. Sie geschieht ohne nationalistisch aufgeladen zu sein und ist vor allem durch die Anziehungskraft von Wohlstand, Vollbeschäftigung und funktionstüchtigen (deutschen) öffentlichen Verwaltung bedingt. Die beachtliche Dimension dieser „übersehenen“ (nicht von allen) Zuwanderung wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass ohne sie der italienische Bevölkerungsanteil heute bei rund 17 Prozent läge. Zum Vergleich hatte er 1961 mit 34.3 Prozent seinen Höhepunkt erreicht. (51 % waren geplant). Da die römische Regierung für diese Zuwanderer (keine Italiener) keine Deutschprüfung für die Aufenthaltsgenehmigung in Südtirol zulassen will, ist zu befürchten, dass diese Einwanderer alle zu Italiener werden. Das Landesstatistikamt hat vorgerechnet, dass in 10 Jahren mehr als 75.000 Ausländer (ohne Deutschkenntnisse und keine Italiener) in Südtirol leben werden. Wenn dies so eintrifft, werden die Südtiroler langfristig zur Minderheit im eigenen Land.

Die Zahlen belegen auch, und geben somit Hoffnung, dass es auch nach 90 Jahren eine nur geringe italienische Verwurzelung im Land gibt. Die italienische Sprachgruppe ist „heimatlos aus eigener Verschuldung“. Sie ist durch eine hohe Fluktuation gekennzeichnet und konzentriert sich in wenigen Gemeinden.  Mehr als ein Fünftel der italienischen Präsenz stellen allein aktive oder ehemalige Polizei- und Militärangehörige mit ihren Familien. Von den 2004 in Südtirol lebenden Italiener, verbrachten fast die Hälfte zumindest die ersten sechs Lebensjahre in einer italienischen Provinz, von wo sie dann irgendwann nach Südtirol zugewandert sind. Dass ganze italienische Parteibündnisse ihre Kandidatenlisten, wie bei den Landtagswahlen 2008 von „Rom beschließen“ lassen, ist ein weiterer Beleg für die geringe Bodenständigkeit. So wird es nicht verwundern, dass sich nur zehn Prozent der Italiener in Südtirol richtig wohl fühlen 63 Prozent ein „ziemliches oder starkes Missbehagen“ empfinden.

Während nach Südtirol zugewanderte Italiener als „Inländer“ nach vierjähriger Ansässigkeit bei Landtags- und Kommunalwahlen das Schicksal des Landes mitbestimmen können, besitzen die rund 5.000 in Südtirol lebenden Nord- Osttiroler, und Österreicher als „Ausländer“ kein Wahlrecht. Das ist nur ein Beispiel für die realitätsverzerrende Wirkung der Landesteilung. Nord- Osttiroler und Österreicher  sind somit in Südtirol „Ausländer“.

Dennoch lassen sich auch positive Veränderungen feststellen. Trotz aller Widrigkeiten hat die deutsche Volksgruppe die Fähigkeit zur teilweisen Assimilierung der Neuzuwanderer bewahrt. Dies gilt vor allem in den Landgemeinden, wo die meist geringe italienische Präsenz in der zweiten Generation integriert werden kann.

Jahrzehntelang betrachtete sich die italienische Sprachgruppe als „Herrenschicht“, die das Erlernen der deutschen Sprache als entwürdigend ablehnte. Heute ist die vorherrschende Stellung der deutschen Sprache in Südtirol auch von italienischer Seite teilweise anerkannt. An Nachholbedarf bei den Deutschkenntnissen besteht freilich kein Mangel: 2004 gaben 52 Prozent der Italiener an, die deutsche Hochsprache und fast drei Viertel die Tiroler Mundart überhaupt nicht oder kaum zu verstehen. Um das berufliche Fortkommen ihrer Kinder zu sichern, legen auch italienische Familien zunehmend Wert darauf, dass diese guten Deutschkenntnisse erwerben, und schicken sie an deutsche Schulen. Die deutschen Schulen genießen

einen wesentlich besseren Ruf, während die italienischen Schulen durch einige Taschenspielertricks zur Umgehung wesentlicher Autonomiebestimmungen (wie Sprachunterricht durch muttersprachliche Lehrkräfte) außerstande scheinen, ein ausreichendes Erlernen der deutschen Sprache zu gewährleisten. So kann es immer noch sein, dass ein zugewanderter slowakischer Kellner sich in einem Jahr bessere Deutschkenntnisse angelernt hat, als ein italienischer Schulabgänger nach zehnjähriger Schulpflicht. Gleichzeitig ist der Andrang italienischer Kinder an deutschen Kindergärten und Schulen nicht unproblematisch. Jeder Forderung nach einer „gemischtsprachigen“ Schule, mit der die deutsche Volksgruppe der 1943 zurückerhaltenen deutschen Schule und damit ihres wichtigsten Schutzinstrumentes beraubt werden soll, ist eine klare Absage zu erteilen.                                                             

Die langsam zunehmenden Deutschkenntnisse jüngere, in Südtirol lebender Italiener vor allem der jüngsten Einwanderungswelle, können als geeigneter Diskussionszugang genützt werden. Lange Zeit konnte man sich mangels Sprachkenntnissen auf italienischer Seite einer Diskussion der Tirol-Frage verweigern, während sich umgekehrt volkstumspolitische Kreise Südtirols, trotz vorhandener Sprachkenntnisse, weigerten, diese Diskussion auch auf italienisch zu führen. Die italienische Sprachgruppe scheint derzeit politisch in zwei etwa gleich große Teile zu zerfallen. Einer davon hält an der italienischnationalen Position mit ihrer imperialistischen Prämisse fest, während der andere Teil zumindest die Autonomie positiv bewertet. Jeder fünfte Italiener soll bereit sein, eine Loslösung Südtirols von Italien zu unterstützen.

Der Kontakt jüngerer Italiener mit der deutschen Sprache und Kultur, besonders mit der Tiroler Kultur kann sie ein neues Heimatgefühl entdecken lassen. Das rührt schon daher, dass im Deutschen Heimat und die damit verbundenen Emotionen sprachlich fassbar sind und jenen Ausdruck finden, der in der  italienischen Sprache fehlt. Über den Zugang zur Heimat, kann auch die tiefe, jahrtausend alte Verbundenheit der deutschen und ladinischen Tiroler zu ihren Bergen und Tälern, der von ihnen geschaffenen Kulturlandschaft, zu ihrem keineswegs beliebigen, sondern historisch und Territorial festumrissenen Land, zu eben diesem Tirol verständlich werden.

Aber auch wer durch Italien reist, kann einen gewissen Wandel feststellen. Entgegen früher allgegenwärtigen nationalistischen Reflexen, bemühen sich heute nicht wenige Italiener ihr Wissen  über das südliche Tirol hervorzukehren (die Ladiner werden allerdings weiterhin meist als Italiener „mit einer besonderen italienischen Mundart“ vereinnahmt).

Das hörbarste Indiz des Wandels ist, wenn Italiener von „Tirolo del Sud“ oder „Sudtirolo“ sprechen und nicht mehr jenen bürokratisch - hässlichen Kunstbegriff „Alto Adige“ aus der nationalen Giftküche des frühen 20.Jahrhunderts gebrauchen. Allerdings folgt auch heute noch unweigerlich die Frage nach dem Selbstverständnis eines Südtiroler Gesprächspartners. Und natürlich würde es dem italienischen Ohr schmeicheln, wenn er sich unterwürfig als „deutschsprechender Italiener“ zu erkennen gäbe. Antwortet er zutreffend mit einem Bekenntnis zum Deutschtum und zu Österreich wird dieser – anders als noch vor 15 Jahren – in den meisten Fällen anstandslos akzeptieren. Nach Jahrzehnten der nationalistischen Selbsttäuschung leugnet man nicht mehr Evidentes. Dieser italienische Läuterungsprozess ist von Seiten Tirols und Österreichs klug, aber zielstrebig zu  fördern.

Die seit 2003 von der Südtiroler Landesregierung geförderte Dachmarke „Südtirol“ ist ein gekonnter Schritt in diese Richtung. Werbeeinschaltungen in italienischen Medien korrigiert in den Köpfen die begriffliche Identifikation des Territoriums und  ersetzt „Alto Adige“ mit Südtirol. Italiener sprechen übrigens auch nicht von „Südtiroler Brauchtum“ oder „Südtiroler Essen“ sondern korrekterweise von Tiroler Küche und Tiroler Musik. Nebenbei sei erwähnt, dass ein Italiener auch  kaum fragen würde, ob sich ein Südtiroler als Italiener oder Österreicher fühlt, sondern ob er sich als Italiener oder Deutscher (wobei hier nicht ein Bundesdeutscher  gemeint ist) fühlt.

An Argumenten, mit denen die Wiedervereinigung Tirols gegenüber italienischen Gesprächspartnern meisterhaft vertreten werden kann, fehlt es naturgemäß nicht. Wer solche Diskussionen geführt hat, weiß in welchem Begründungsnotstand sich die italienische Seite befindet. Ein allgemeiner Konsens verbietet es ihr, am Beginn des 21. Jahrhunderts jene nationalistischen und imperialistischen Gewaltstandpunkte hervorzukehren, die am Ursprung der Südtirolfrage standen. So bleiben nur zwei Alternativen: Öffnung zum Dialog oder Rückzug in die Dialogverweigerung, mit dem (noch) effizienten Hinweis auf den Status quo, den man nicht begründen müsse, mit dem man gleichzeitig aber auch die immanente Argumentationsschwäche offenbart.

Das italienische Geschichts- und Staatsverständnis beruht auf dem Risorgimento, jener italienischen Einigungsbewegung, mit der in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts (vor 150 Jahren) die Schmach der  Teilung Italiens überwunden werden konnte. Nichts anderes fordern die Tiroler für sich. Italiens Landwirtschaftsminister Luca Zaia, der als Lega Nord – Vertreter allerdings einer anderen Tradition angehört, erklärte bei einem Besuch im Südtiroler Unterland, dass die Südtiroler „natürlich ein Recht auf Selbstbestimmung haben“. Francesco Cossiga, ehemaliger Staatspräsident Italiens, brachte am 29. April 2008 im italienischen Parlament den Entwurf eines Verfassungsgesetzes ein, das den Südtirolern die freie Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes zugestehen soll.

Die Zeit scheint reif, auch in Italien dafür Verständnis und Unterstützung zu suchen, um auf neuer Grundlage eine gute nachbarschaftliche Zukunft zu gestalten.

Der 36. Sandwirtsbrief befasst sich mit der Frage: Ist Selbstbestimmung möglich?

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