1. Teil: Die Landeseinheit durch Selbstbestimmung als konkretes Ziel Tirols und damit auch die Vorstellung der Mitglieder des AHBT.
Wie sollte der AHBT  die politische Entwicklung in Süd-Tirol sehen. Einige Gedanken dazu.

Im Tiroler Gedenkjahr 500 Jahre Landlibell und 50 Jahre Feuernacht jährt sich auch zum 92. Mal die Zweiteilung Tirols. Damit stellt sich auch die Frage nach der Zukunftsperspektive dieses Tiroler  Landesteil. Vor über 2 Jahrhunderten erhoben sich die Tiroler wie eine Naturgewalt gegen Fremdbestimmung. Die Teilung von 1810 - 1814 war nur von kurzer Dauer. Die Zweiteilung von 1919 hingegen ist in die Jahre gekommen und manchen scheint sie unumkehrbar. Ist sie das aber wirklich?

Unter Tirol wird im folgenden die Einheit des historischen deutschen und ladinischen Tirol und damit der gesamte heutige Lebensraum der Tiroler verstanden: in Österreich das Bundesland Tirol und in Italien die Autonome Provinz Bozen-Südtirol sowie die beiden ladinischen Täler Hayden und Buchenstein in der Provinz Belluno und das ladinische Fassertal in der Autonomen Provinz Trient. Als Tiroler verstehen sich die Deutschen und Ladiner gleichermaßen.

Bis 1918 gehörte auch Welschtirol dazu, das vor allem aus dem ehemaligen Fürstbistum Trient bestand und heute in Italien die gleichnamige autonome Provinz bildet. Dieser italienische Landesteil erklärte 1918 den Austritt aus Tirol, nachdem das einigende Band des gemeinsamen habsburgischen Landesfürsten zerschnitten war. Die danach folgende Zwangsvereinigung Südtirols mit dem Trentino und die damit  verbundene italienische Majorisierung belastete Jahrzehnte das Verhältnis nachhaltig. Die politische Einheit mit dem Trentino gehört seither illusionistisch der Vergangenheit an. Eine geistige und kulturelle Zusammenarbeit ist jedoch möglich und wird auch praktiziert.

Die Südtiroler konnten unter den deutschen Volksgruppen und Minderheiten, die durch Siegerdiktat entstanden sind, ihren organischen Bestand und ihre Vitalität gegen Entnationalisierungs- und Assimilierungsversuchen gut behaupten. Ein Phänomen, das vor allem mit dem Beharrungsvermögen eines kräftigen Bergvolkes erklärbar scheint.

Entgegen allem blauäugigen Internationalismus, den Teile der politischen Linken aber auch des liberalen Bürgertums durch die Globalisierung zu verwirklichen hofften, zeigen nationale Faktoren eine erstaunliche Beharrungskraft. Das belegt auch die Suche nach geeigneten Konzepten für eine gerechte und tragfähige Nationalitätenpolitik, wie ein wachsendes Interesses an der Südtirol Autonomie zeigt. So ist es durchaus berechtigt, dass Südtiroler Politiker und Fachleute in Sachen Minderheitenschutz und Selbstverwaltung das Erreichte international vermitteln. Daraus darf jedoch keine Schieflage in der Perspektive entstehen, die in Selbsttäuschung einen Zwang plötzlich als bestaunte Nische erscheinen lässt. Vor allem entbindet das Erreichte niemanden vom Auftrag, das Unrecht der Teilung zu überwinden.

Ist die Wiedervereinigung Tirols also noch ein Thema? Wird sie noch angestrebt? Soll sie überhaupt noch angestrebt werden? Um die Beantwortung abzukürzen und auf den Punkt zu bringen, sei auf die deutsch - deutsche Teilung nach dem zweiten Weltkrieg verwiesen. Wer sich den Weg vom entschlossenen wie dramatischen Wiedervereinigungstreben nach Kriegsende zwischen Westdeutschland und der sowjetischen Besatzungszone (DDR) über den Mauerbau in Berlin bis zur völligen Gleichgültigkeit vergegenwärtigt, wird in diesen Fragen und allen heute nördlich wie südlich des Brenners darauf gegebenen Antworten ein De´ja´-vu  erleben. Es scheint heute Lichtjahre entfernt, doch das sich Abfinden mit einem aufgenötigten Status quo war in den 80er Jahren in Westdeutschland so weit fortgeschritten, dass Befürworter der Deutschen Einheit weitgehend isoliert waren. Zunächst verengte sich der Horizont auf das eigene Teilgebiet, dann begann der äußeren Abgrenzung von den eigenen Volksangehörigen jenseits der Mauer und Zonengrenze auch eine innere Abgrenzung zu folgen, die in der Herausbildung von Teilidentitäten mündete.

Die deutsch–deutsche Frage liefert aber auch die großartige und glückliche Antwort auf die oben gestellte Frage. Die deutsche Wiedervereinigung ist Realität geworden und dies mit einer völlig überraschenden Geschwindigkeit. Aus diesem welthistorischen Ereignis, das durch die Zugehörigkeit zur selben Sprach- und Kulturnation von ganz herausragender und geradezu intimer Bedeutung für Tirol ist, lässt sich auch für das Gebiet zwischen Kufstein und Salurn ein ebenso logischer wie zwingender Schluss ziehen: Keine Staatsgrenze, die auf Unrecht gegründet, ist unumstößlich! Die Frage nach der Wiedervereinigung Tirols ist damit gestellt und die doppelte Antwort darauf lautet ohne Zweifel: Ja! Tirol soll wiedervereint werden und kann wiedervereint werden. 

Die Diktatur des Faschismus hat bereits 1943 abgedankt. Der gefährlichere, weniger leicht fassbare italienische Nationalismus hat sich in den 90er Jahren etwas abgeschwächt. Sowohl Italien als auch Österreich gehören der Europäischen Union an. Warum aber ist Tirol noch nicht geeint?

Südtirol – Versuch einer aktuellen Bestandsaufnahme aus der Sicht des AHBT .

Nachdem die Südtiroler während der Diktatur des Faschismus nur knapp der völligen Auslöschung entgangen sind, scheiterten nach dem Kriegsende wie schon 1919 ihre Forderungen nach Selbstbestimmung und Rückkehr nach Österreich an der Willkür der Siegermächte. Mit der Wiederherstellung der italienischen Staatshoheit über das südliche Tirol war die Grenzfrage auf Jahrzehnte hinaus tabuisiert und mit der Verfolgung wegen Hochverrats durch das italienische Strafgesetz belegt. Dabei sollte es bis 1979 bleiben, als der Innsbrucker Völkerrechtler Prof. Felix Ermacora in einem denkwürdigen Vortrag in der alten Tiroler Bischofstadt Brixen den Tabubruch praktizierte und die Südtiroler  aufforderte, das Selbstbestimmungsrecht einzufordern und damit eine rein defensive und langfristig wenig zukunftsträchtige Haltung durch eine aktive Position zu ersetzen. Nachdem Italien die Schlussakte von Helsinki unterzeichnet (1. August 1975) hatte, war eine Hochverratsanklage nicht mehr möglich. Die anfänglich beachtete Aufmerksamkeit und teils spontane Begeisterung wurde jedoch schnell wieder in einer anfänglich bemerkenswerten Zwangsbewegung erstickt und in die Tabuisierung zurückgestoßen. Die politische Führung der damals noch fast monolithisch (einheitlich) organisierten Volksgruppe betonte zwar den grundsätzlichen Anspruch auf Selbstbestimmung, erteilte jedoch deren Anrufung „zum derzeitigen Zeitpunkt“ eine strikte Absage. Gleichzeitig übte sie gegen die dissidente (nicht übereinstimmend) Meinung einen enormen Konformitätsdruck aus. Parallel reagierte der italienische Staat mit hektischen Ativitäten, empörter politischer Verurteilung und polizeistaatlichen Methoden im demokratischen Kleid. Aufgerieben zwischen politischer und sozialer Ächtung innerhalb der Volksgruppe und gezielten Kriminalisierungsversuchen durch italienische Staatsorgane wurden Selbstbestimmungsbefürworter bald isoliert. Dennoch kandidierte bei den Landtagswahlen 1983 erstmals, wenn auch nur mit bescheidenem Erfolg, eine Liste mit der Forderung nach „Selbstbestimmung jetzt“.

Die Selbstbestimmung ist seither mit dem doppelten Verdikt des italienischen Staates und der politischen Führung der Südtiroler belegt. Funktionierende politisch-mediale Netzwerke sorgen für eine permanente Ächtung der Sezessionsforderung.

Anfang der 80er Jahre konnte die Selbstbestimmung in einer im Kalten Krieg erstarrten Welt als abenteuerliche Illusion gesehen werden. Seit 1972 stand Südtirol mitten in der Verwirklichung einer hart erkämpften Autonomie. Zudem blockierten Italien mit seinem Veto jede Annäherung Österreichs an EWG und EG. Die politische Zweigleisigkeit Autonomie – Selbstbestimmung konnte das Erreichte gefährden. Die Gelegenheit, parallel Autonomie in der politischen Diskussion zumindest den Boden für den nächsten Schritt zu bereiten, ließ man aus Sorge vor der möglichen Eigendynamik ungenützt.

Seit dem haben sich die politischen Voraussetzungen jedoch grundlegend geändert. Seit dem epochalen Fall des Eisernen Vorhanges 1989, dem Abschluss der Autonomieverwirklichung 1992 und dem EU-Beitritt Österreichs 1994 ist das Beharren auf der bisherigen Ablehnung des Selbstbestimmungsrechtes zum Anachronismus geworden. Durch die einseitige Fixierung auf die Autonomie (auch mit restriktiver Auswahl des politischen Nachwuchses) verfiel die Autonomiegeneration mit dem Paketabschluss in eine bedenkliche landes- und volkstumspolitische Sprachlosigkeit. Sie wirkt seither kraftlos, ausgelaugt und seit 1992 unfähig, einen neuen politischen Kurs zu definieren, der das entstandene Vakuum füllen könnte. Frühere Generationen, die mit Leidenschaft die Einheit Tirols ersehnten, aber mit Bajonetten daran gehindert wurden, konnten von derart günstigen Voraussetzungen, wie sie heute herrschen, nur träumen. Die Idee einer „dynamischen Weiterentwicklung der Autonomie“ ist zwar durchaus positiv zu bewerten, konnte aber zu keinem Zeitpunkt eine emotionale Wirkung entfalten und erwies sich als untauglich, für die Einheit der Volksgruppen als Kitt zu fungieren. Zudem ist sie mit der Unwägbarkeit belastet, dass alle von Italien nach 1992 gewährten Zuständigkeiten nicht Teil der international abgesicherten Autonomie sind und damit jederzeit einseitig zurückgenommen werden können. Die derzeitige Delegierungspraxis von Zuständigkeit ohne Ausgleichszahlungen dient Rom vor allen zur Entlastung der leeren Staatskassen, während man gleichzeitig recht unverhohlen einen Kontext zwischen Zugeständnissen und dem Verbleib Südtirols bei Italien erkennen lässt.

Die 1991 einsetzende Wiedervereinigungsdiskussion verfolgte mit dem Stichwort „europäische Region Tirol“ die richtige Idee zur richtigen Zeit. 8000 Tiroler aus allen Landesteilen hatten unabhängig von den Regierungsparteien am Brenner bei einer Großkundgebung „Nachdenken über Tirol“ gefordert. In Tirol hoffte man mit großem Optimismus die europäische Regionalpolitik und die politische Bewegung des europäischen Regionalismus für die politische Einheit des Landes nützen zu können. Rom schwang umgehend die „Pangermanismus“ – Keule, den es hinter den zahlreichen, vor allem an den Rändern des deutschsprachigen Raums entstandenen Plänen für Europaregionen witterte.

Von den eher halbherzig agierenden Regierungsparteien in Bozen und Innsbruck wurde das Trentino in das offizielle Projekt miteinbezogen, um den „deutschen“ Charakter der Europaregionsbestrebungen   abzuschwächen. Damit war man jedoch frühzeitig vom eigentlichen Ziel abgewichen. Der Optimismus erwies sich zudem bald als bloßer „Tranquillizer  (Beruhigungspille) für die Unfreiheit im EU-Supernationalstaat“ (Richard Piok)

Die Autonomiegeneration kontrollierte im südlichen Tirol alle Schalthebel. Mit einem durch die Autonomie prall gefüllten Landeshaushalt ausgestattet, baute sie ein engmaschiges Klientensysthem auf, begann sich der mächtigen Position eines quasifeudalen Gefüges zu gefallen und erstarrte zusehends in dieser „Arroganz der Macht“ (Karl Zeller). Anstatt sie zu fördern und zu gestalten, blockiert sie eine aktive Tirol-Politik. Vielmehr konzentriert sie sich in den zurückliegenden ca.15 Jahren mehr auf teure Prestigeprojekte von zweifelhafter Nützlichkeit (Flugplatz, Universität, Kfz-Teststrecke usw.), die zudem eine gemeinsame Tiroler Handschrift vermissen lassen. Diese „Phase eines Neureichtums“ (Viktoria Stadlmayer) führte dazu, dass die Volkstumspolitik „sträflich vernachlässigt“ wurde.(Hans Benedikter) Die inflationäre (wenn ein Begriff  übertrieben oft gebraucht wird und daher immer weniger in seiner Bedeutung ist)  und partikularistische (innerhalb eines Ganzen der kleineren Einheit den Vorzug geben) Begriffsverwendung von Südtirol statt Tirol und Südtiroler statt Tiroler begleitete diese Entwicklung.

Jede Überbetonung einer „multiethnischen“ Südtiroler Separatidentität, die sich unausgesprochen auch durch Abgrenzung Richtung Norden definiert, erfolgt zu Lasten des gemeinsamen Tirol. Auch sie entspricht letztlich der Status-quo-Erhaltung, die der italienische Staat seit 1945 fördert, nachdem die Gewaltmethoden des Faschismus gescheitert waren. Realitätsfremd ist, wer meint, dass die Zugehörigkeit zu einem fremden Staat auf die Dauer keine Auswirkungen auf die Identität einer Volksgruppe habe. Ein bedenklicher Indikator der jüngsten Zeit sind die häufigen Leserbriefe, in denen Südtiroler sich selbst als „deutsch sprechende Italiener“ bezeichnen. Wenn sich Südtiroler heute die Diktion des italienischen Nationalismus zu eigen machen, kommt dies einem späten Sieg von Südtirols Totengräber Ettore Tolomai und Benito Mussolini gleich. Im Säuseln des modernen Zeitgeistes scheinen längst nicht alle Südtiroler die eigen Rückgratlosigkeit zu bemerken.

Das Verstummen einer saturierten politischen Führung in der Tirol - Politik führte aber schrittweise auch zum Ausbau der volkstumspolitischen Opposition, die trotz Ausgrenzung am Ziel der Wiedervereinigung festhält. Gestärkt wird sie vor allem durch die jüngere Generation. Was sich im Land verändert, zeigen die Landtagswahlen: Stimmten 1983 erst wenig mehr als drei Prozent für die erste Selbstbestimmungsliste, konnten die Selbstbestimmungsparteien 2008 nicht ganz 25 Prozent der Südtiroler Stimmen erzielen. In der Altersgruppe der 18 bis 29 – Jährigen wurden die Selbstbestimmungsbefürworter sogar zur stärksten Kraft.

Es sind stets die Entschlossenen, die Geschichte schreiben. Sie können die Unentschlossenen mitreißen und herausführen aus einer angepassten, unterwürfigen Trägheit. Das war zu Andreas Hofers Zeiten nicht anders.

Die nächsten Sandwirtsbriefe befassen sich weiterführend mit den Themen, immer aus der Sicht des Andreas Hofer – Bundes Tirol, bzw. dessen Geschäftsführer: Das Vaterland Österreich, Italien und die italienische Sprachgruppe in Südtirol, Tirol ladina – ladinisches Tirol, Tirolo del Sud/sudtirolo, Ortsnamen Staatsbürgerschaft, Tiroler Heimatrecht, Wissenschaft, Sport, Medien, Kulturelle Initiativen, Hoheitszeichen, Vereine und Parteien, Verwaltungsangleichung, Post / Dienstleistung, Gesundheitsregion Tirol, Tiroler Landessozialplan, Landeswasserplan .

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