Kapitel 6 Südtirol und seine Unterstützer im Reich und in Bayern

6.1 „Uns blieb nur eine Waffe“ – Volkstumsvereine im Reich und Südtirol

Im Deutschen Reich waren es vor allem zwei Vereine, die im Bereich Südtirol aktiv waren und die beide in Bayern ihren Hauptstützpunkt hatten: die deutsche Sektion des Andreas Hofer – Bundes (AHB) mit dem organisatorischen Mittelpunkt München und der Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) – Landesverband Bayern, der wie schon vor dem Krieg, die Betreuung Südtirols innerhalb des VDA – Reichsverbandes monopolisiert hatte. Im VDA – Bayern herrschte in jeder Hinsicht Kontinuität zur Vorkriegszeit. Die wesentlichen Kräfte, unter ihnen der Vorsitzende, der Münchner Schulrat Wilhelm Rohmeder, waren bereits im Kaiserreich federführend gewesen. Rohmeder war seit 1896 Reichsreferent für Südtirol des ADSV und der Initiator des Tiroler Volksbundes. Die Ziele, die der TVB im alten Tirol vertreten hatte, waren weiterhin gültiges Programm des VDA – Bayern. Er forderte die Rückgabe Südtirols einschließlich des Trentino und den Anschluss an das Deutsche Reich, begnügte sich also nicht wie der AHB mit dem Selbstbestimmungsrecht bis zur Sprachgrenze bei Salurn, sondern erhob weiterhin Anspruch auf das Trentino (Welschtirol), das Jahrhunderte zu Tirol gehörte und zu ca. 60 Prozent italienisch und zu ca. 40 Prozent deutsch besiedelt war. 1919 veröffentlichte Rohmeder die mehrere Male in den zwanziger und frühen dreißiger Jahre  wieder aufgelegte Schrift DAS DEUTSCHTUM IN SÜDTIROL

Beide Vereine zusammen bildeten trotz unterschiedlicher akzentuierter Zielsetzungen gemeinsam einen „radikalen“ Flügel innerhalb der Deutschtumsverbände. Sie zeigten weitgehende Einigkeit in ihrer Stellung zum Staat und gehörten dabei unter allen Deutschtumsverbänden zu den am wenigsten zur Unterordnung unter die Erfordernisse der offiziellen Außenpolitik bereiten Kräften. Ein Konzept reiner außerstaatlicher Volkstumsarbeit hatte im VDA – Bayern und im AHB eine starke Anhängerschaft. Eine ewige Garantie der Brennergrenze durch die deutsche Regierung, gegen die sich der DSVB vor Lucarno eingesetzt hatte, hielt der Vorsitzende des AHB – München Oberst Hörl ohnehin für „gegenstandslos, da der entscheidende Kampf der Zukunft nicht von Regierungen, sondern von Völkern ausgetragen wird“. Der SÜDTIROLER definierte die Zuständigkeit, wie man sie in den Südtirolvereinen sah, klar und deutlich: „Hier kann man nicht sagen: Staat mach Du es! Die Grenzlande sind Volkssache.“

Auch wenn durch pragmatische Politik kurzfristig Erfolge in Form von Erleichterungen des Lebens der Volksgruppe erzielbar waren, erteilte man ihr eine Absage. Die Intransigenz der in Bayern tätigen Südtirolvereine richtete sich auch gegen Vertreter Südtirols im Land oder im Exil, wenn sie sich nicht an Maxime hielten: „Es kann nicht angehen, dass um lokaler Vorteile willen die irredentistische Bewegung geschädigt wird!“ lautete beispielweise 1926 die Mahnung Hörls an den DV, der eine Mäßigung im Ton gegenüber Italien gefordert hatte, um die Faschisten nicht zu weiteren Verschärfungen ihrer Maßnahmen zu provozieren.

Die Frage angesichts der ablehnenden Haltung der Südtirolvereine gegenüber staatlicher Politik und Kompromissen musste demnach lauten, welche Aktivitäten geeigneter waren, Südtirol im Sinne der Vereine zur „Volkssache“ zu machen.

Denn eine Volkstumsarbeit wie sie der TVB noch im Kern verstanden hatte – nämlich Schul- und Siedlungspolitik in Südtirol selbst – war durch die Umstände nach dem Krieg nur in sehr geringem Umfang möglich. Der VDA war wie der AHB in Südtirol verboten, eine Arbeit im Untergrund aufgrund der wenig entwickelten Strukturen kaum denkbar. Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Südtiroler Szene blieben beschränkt. Der VDA – Bayern spielte zwar durchaus eine wichtige Rolle beim Aufbau der „Katakombenschulen“, er bildete dafür in Deutschland Lehrer aus, schmuggelte Unterrichtsmaterial mittels Freiwilliger über die Grenze und sammelte für diese Zwecke Geld. Doch im übrigen mussten VDA – Bayern und AHB die Propaganda als ihr wichtigstes  Aufgabengebiet betrachten. „Uns bleibt nur eine Waffe, die der Agitation!“ schrieb der SÜDTIROLER 1924. Man wollte alles tun, um das Thema Südtirol nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und die Öffentlichkeit für diesen Zweck zu mobilisieren. Dabei kam es zu einer Art Arbeitsteilung zwischen den beide Vereinen. Der VDA war zwar im Vergleich zum AHB der weitaus größere, finanzstärkere und einflussreichere Verband, (Der AHB war ein Mitgliederschwacher Verein. Er hatte in München etwa 80 aktive Mitglieder, der VDA – Landesverband dagegen 1925 39,000 Mitglieder in 25 Ortsgruppen) doch durchaus gleichzeitig exponierter und angreifbarer. Da seine Finanzen zu bedeutenden Teilen vom Außenamt abhingen, durfte er nicht allzu offen gegen die offizielle Politik agieren. Der VD – Bayern trat deshalb nach außen als reine Kulturorganisation auf und überließ die aggressive Propagandaarbeit im Reich dem AHB. Einzig über die AS in Innsbruck vertrat er seine Ziele offen. Da er Mitte der zwanziger Jahre 90 Prozent der Kosten der Arbeitstelle trug, konnte er ihre Politik weitgehend bestimmen. Rohmeder saß dem Kontrollausschuss der AS vor, der über die Verwendung der zugeteilten Gelder entschied, und nahm entscheidenden Einfluss auf die Redaktionsarbeit des SÜDTIROLER. Über die Presseagentur der AS betrieb der VDA – Bayern gemeinsam mit dem  Flügel des AHB - Tirol um Reut-Nicolussi und Mumelter eine Informationspolitik gegenüber der deutschen Presse, die darauf abzielte, die Empörung über die italienische Politik in Südtirol in der Öffentlichkeit anzufachen. Im Reich verlegte sich der VDA eher auf unverdächtigte Basisarbeit, die aber denselben Mobilisierungszweck verfolgte. Er veranstaltete Vortragsabende, Werbewochen, Volksfeste und Straßensammlungen, um Aufmerksamkeit für seine Anliegen zu erzeugen. Er warb  in Publikationen für seine Zwecke und versuchte darüber hinaus die Verbindungen des DSB auf Regierungsebene zu nutzen. Ein Schwerpunkt seiner Bemühung lag darin, Jugend- und Schulgruppen aufzubauen. Die Jugend sollte im Unterricht, in Sing-, Tanz- oder Wandergruppen zur Liebe zu Heimat und Volkstum erzogen werden.

Die Tätigkeit des AHB wandte sich direkt an die Öffentlichkeit. Die relative Ungebundenheit des AHB führte dazu, dass es gerade seine Aktionen waren, aus denen sich diplomatische Schwierigkeiten für das deutsch – italienische Verhältnis ergaben. Auf den Erfahrungen des TVB aufbauend, entwickelte der AHB eine intensive Propagandatätigkeit. Im Mai 1925 beispielweise verteilte der AHB die ZEHN GEBOTE FÜR DEN SÜDLANDFAHRER, ein Flugblatt mit einer Art Verhaltenskodex für den aufrechten nationalen Gang bei Italienreisenden, verbunden mit der Aufforderung, italienische Gesprächspartner „jederzeit offen, aber ohne Arroganz“ darauf hinzuweisen, dass der „Raub und die Knechtung Südtirols“ die Freundschaft zwischen Deutschland und Italien störe. Die Flugblätter wurden „bündelweise in München und Innsbruck in die über den Brenner fahrenden Züge geworfen“, wie sich das Auswärtige Amt in Berlin beklagte. Im Jänner 1926 veröffentlichte der AHB unter dem Motto „ein Schelm, wer heut italienisch speist / ein Hundsfott, der nach Italien reist“ einen Aufruf zum Waren- und Reiseboykott gegen Italien. Man forderte den Groß- und Einzelhandel dazu auf, keine italienischen Produkte mehr zu vertreiben. Man gab Listen an die Verbraucher aus, auf denen alternative deutsche oder zumindest nicht italienische Produkte verzeichnet waren. Der Boykott bezog sich vor allem auf Lebensmittel, Südfrüchte, Gemüse und Wein, darüber hinaus noch eine Reihe anderer Waren wie Wolle oder Parfüm. Auf Reisen nach „Altitalien“ sollte verzichtet werden, solange die Entnationalisierungspolitik anhielte.

Aktionen wie diese verfolgten konkrete Ziele: man wollte der italienischen Wirtschaft Schaden zufügen, und zugleich eine deutsch – italienische Verständigung auf der Basis der Brennergrenze torpedieren. Nicht zufällig liefen die Boykottaktionen gerade an, als Verhandlungen über den Abschluss eines Wirtschaftsabkommens zwischen den beiden Ländern aufgenommen wurden. Andererseits drückte sich in ihnen die Grundhaltung der Vereine aus, die ein Mittel suchten, um ihrer nationalistischen Empörung unmittelbar Luft zu machen. So erfüllten die Aktionen auch den Zweck, wenn sie keine messbaren Erfolge erzielten. Sie sprachen die „Gefühlswelt“ der Rechten an  und halfen diese zu mobilisieren.

6.2 „Eine Frage des Sentiments“ - Südtirol in Gefühlswelt und Sprache der Rechten

Die Weimarer Außenpolitiker gerieten gegenüber ihren italienischen Gesprächspartnern angesichts kulminierender Proteste um die Jahreswende 1925 / 26 in Erklärungsnotstand. Seit 1919 war die Trennung Tirols aus der deutschen und vor allem der bayrischen Presse scharf kritisiert worden, was von der deutschen Diplomatie aber stets mit dem Verweis darauf, es handelte sich um Einzelstimmen, abgewiegelt werden konnte. Die Beteiligung einer Öffentlichkeit an der Debatte um Südtirol machte dies nun unmöglich. Offenbar war durch die Teilung Tirols tatsächlich ein „Volksempfinden“ verletzt worden, wie es Staatssekretär von Haimhausen 1919 prophezeite hatte, als er die Ergebnisse von St. Germain kommentierte. Doch welche Art war diese verletzte Empfinden, dass sich nun so laut äußerte?

 „Der Deutsche ist der Mensch des Südwehs und Südtirol ist das deutsche Sonnenland“. So harmlos erklärte Paul Herre Sympathie, Interesse und Anteilnahme, die den Südtirolern aus dem Deutschen Reich begegneten. Er bediente sich damit desselben Erklärungsmusters, mit dessen Hilfe viele Diplomaten die antiitalienische Kampagnen zu entschuldigen suchten. Stresemann begegnete einer Beschwerde des italienischen Botschafters in Berlin 1926 mit eine ähnlichen Aussage: „Eine Frage des Sentiments“ sei die Beziehung der Deutschen zu Südtirol, schließlich kenne jeder gebildete Deutsche Südtirol als Reiseland. In erster Linie sollten solche Einschätzungen erneut beschwichtigen, ein politisch – revisionistisches Interesse der am Protest beteiligten Personen und Gruppen bestreiten und gleichzeitig der Gegenseite suggerieren, dass bei einer weniger harten Behandlung und der Achtung der kulturellen Rechte der Südtiroler die Stimmung in Deutschland schnell zugunsten Italiens drehen und selbst Annexion Südtirols Zustimmung finden könnte.

Stresemann wusste es besser, er wusste, dass bezogen auf die nationale Rechte hinter diesen „Sentiments“ ein Denken und Ansprüche standen, die mit Kulturabkommen nicht zufriedenzustellen waren. Er hatte jedoch insofern recht, als Südtirol den „Gefühlsbereich“ des deutschen Nationalismus berührte. Dies war unschwer an der emotionalisierten Sprache zu erkennen. Es war auch die selbe Sprache, mit der die Südtirolvereine in ihren Publikationen um Unterstützung warben. Innerhalb der Aktionsgemeinschaft aus Südtirolvereinen und nationaler Rechter ergab sich ein umfassender Gleichklang, in dem sich Übereinstimmung in deren wesentlichen Zielen ausdrückte.

Es herrschte weitgehend Einigkeit darüber, dass zu einem noch nicht existierenden, erträumten „Volksstaat“ aller Deutschen gehört. Wenn die Publikationen der Vereine von Südtirol als „Deutsche Wacht“, „Südmark“, oder „Deutsche Südgrenze“ sprachen, dann konnte sie sich der positiven Resonanz sicher sein. Allein die Tatsache, dass jede patriotische Veranstaltung obligatorisch mit dem Absingen der ersten Strophe des Deutschlandliedes endete, in dem die Ausdehnung des Reiches „von der Maas bis an die Memel“ und „von der Etsch bis an den Belt“ definierte war, ist ein Indiz für die tiefe Verwurzelung Tirols innerhalb der großdeutschen Idee. Das Stahlhelmliederbuch von 1923 wies allein zehn Titel auf, in denen Tirol als Teil der Heimat besungen wird: „Zu Mantua in Banden“ (Andreas Hofer–Lied damals noch nicht Tiroler Landehymne) neben neueren, die auf die Teilung bereits – in eindeutiger Weise – Bezug nehmen. „Sie sollen sie nicht haben, des Brenners Scheidewand, hieß dort beispielweise eine Strophe des Liedes „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein“.

Auch der völkische Gedanke war leicht anzusprechen. In den Schriften der Südtirolpropaganda hatte das völkische Vokabular einen festen Platz. Sie ordneten den Südtirolern häufig besondere Charakterzüge zu. Als “freies trutziges Bergvolk“, als „Wehrbauern“, die sich an der Front des „Volkstumskampfes“ bewährt hatten und nun den „deutschen Kulturboden“, die „Gemeinschaft des Blutes“ nicht zu verraten. „Mutter Germania“ möge ihren „geschundenen Söhnen“ zu Hilfe kommen, forderte man und durfte auf Gehör hoffen.

Die Südtiroler hatten für die völkische Rechte ohne Zweifel ihren Platz unter den „besten Söhnen“ des Volkes. Schließlich verkörperten sie „Traditionsbewusstsein, ausgeprägtes Volkstum und Heimatliebe“, eine einfache bäuerliche Lebensweise, unverdorben von Einflüssen der modernen Zivilisation und der Großstadt, wie Jens Petersen unterstreicht:

Für die Blut- und Boden-Jünger aus den Kreisen der Völkischen, die diese Lebensform ideologisierten, musste Südtirol geradezu das Paradigma ihrer Gesellschaftsvorstellungen sein.

Für sie war die Teilung Tirols ein Sinnbild der Verletzung, die dem „Volkskörper“ in Versailles und St. Germain zugefügt worden war, sie symbolisierten gleichermaßen die „Erniedrigung“ durch die Friedensbedingungen und die Machtlosigkeit gegenüber den Folgen. Schmerzhaft erinnerte das Schicksal Südtirols daran, dass die Siegermächte den Zusammenschluss der Deutschen verhinderte und das „Reich“ – im großdeutschen Sinn – an allen Enden „verstümmelt“ hatten. Versailles hatte dem Deutschen Reich nach der Überzeugung vieler einen „Rumpfstaat“ gemacht, dem durch die Gebietsabtrennungen, aber auch den verhinderten Anschluss, wichtige Glieder fehlten. Die Südtirolpropaganda nutzte die durch Versailles verstärkte Tendenz der deutschen Rechten, das Problem der Nation vom „Ganzen“, das heißt vom Volk her, zu betrachten. Sie griff die „Volkskörper“ – Methodik geradezu exzessiv auf. Südtirol sei als „Fleisch vom Fleisch“ „abgetrennt“, „amputiert“ oder „herausgerissen“ worden. Es sei eine “schwärende Wunde“, die dem Volk von den Feinden geschlagen worden war. Gefühle von Wehrlosigkeit und erlittener Demütigung flossen mit ein. All dies musste, “ohnmächtig“ ertragen werden. Der Feind könne Deutsche „misshandeln“, und diese seien dabei seiner „Willkür“ ausgeliefert. Sie seien durch ihn „brutaler Vergewaltigung, „Verknechtung“, und „Versklavung“ unterworfen.

Hinzu kam, dass nicht nur eine grundsätzliche positive Stimmung für Südtirol bestand, sondern auch eine gegen Italien. Auf den Ressentiments, die dem Kriegsgegner von 1915 – 1918 entgegengebracht wurden, ließ sich in der Propaganda trefflich aufbauen. Älteren Vorurteilen und eine gewisse Geringschätzung, die man dem Land im Deutschen Kaiserreich entgegenbrachte, waren durch den Krieg neue Vorbehalte zur Seite getreten. Das Bild Italiens als „Verräter“, bedingt durch den Kriegseintritt des Königreiches an der Seite der Entente 1915, wurde durch die Propagandamaschinerie der Reichwehr im Krieg bewusst aufgebaut. Das Image  des „Judas“ und „opportunistischen Verräters“ blieben auch in der Nachkriegsjahren haften und wurde durch den “Raub“ Südtirols nur noch zusätzlich verstärkt. Dagegen wurde Südtirol von seinen Unterstützern umso mehr als das „Land der deutschen Treue“ stilisiert und sein Weltkriegsbeitrag hervorgehoben. Spezifisch katholische, teilweise antisemitische Vorhaben wurden mit dem Begriff des „Freimaurer-“ beziehungsweise „Kirchenräuberstaates“ geweckt. Diese Topoi wurden seit der Zerschlagung des Kirchenstaates 1870 durch den liberalen italienischen Staat angewendet. Sie erhielten durch Mussolinis Vorgehen gegen den politischen Katholizismus der italienischen popolari Mitte der zwanziger Jahre neue Nahrung. All diese Übereinstimmungen machten es den Südtirolvereinen einfach, die Unterstützung der Rechten zu erhalten.

Theoretisch reichte der Kreis derer, die für eine Verurteilung der italienischen Minderheitenpolitik zu gewinnen waren, sogar weit über das nationale Lager hinaus.  Auch Liberale, Sozialdemokraten und Kommunisten reagierten empört auf die Behandlung  der Südtiroler Bevölkerung. In zwei  großen Reichstagsdepatten im November 1925 äußerten sich Vertreter aller Parteien von der völkischen DVFP bis zur KPD ablehnend und entrüstet über die Entnationalisierungsmaßnahmen. Einer der engagiertesten Verfechter der Minderheitenrechte der Südtiroler in der Zeit der Republik war der langjährige SPD –Reichstagspräsident Paul Löbe. Dass dieses Potential von den Südtirolern nicht ausgeschöpft wurde, lag am antifaschistischen Einschlag der Kritiker aus dieser Richtung. Die Artikel des VORWÄRTS und der ROTEN FAHNEN ebenso wie die der liberalen FRANKFURTER ZEITUNG 195 begriffen den Faschismus und die von ihm praktizierte Minderheitenpolitik als kausale Einheit. Für diese Zusammenhänge bestand in den Südtirolvereinen wenig Sensibilität. Im Gegenteil, der VDA-Bayern mahnte,(…) dass diejenigen einen Fehler machen, die sich bei den Südtirolvereinen wie zur gleichen Zeit der Deutsche Verband zu keiner Zeit „missbrauchen“ lassen. Der Antifaschismus war kein Gefühl, an das die Südtirolpropaganda appellierte. Die Südtirolvereine blieben in ihrer Gedankenwelt dem Lager der nationalen Rechten verhaftet und bildeten auf der Suche nach Unterstützung immer auf dieses fixiert. Für Paul Herre bildete zwar 1926 „(…) das deutsche Volk in der Südtirolfrage eine geschlossene Front, ein Schauspiel, wie es die Nachkriegszeit noch nicht gesehen hat.“

Allerdings, und das musste auch er einräumen „unter den verschiedenen Motiven“. Diese „Front“, im Gegensatz zu der Rechten, existierten nur in der Theorie.

Der 32. Sandwirtsbrief wird sich mit dem Thema unter Kapitel  4.3 Aufmarsch in Bayern – Südtirolpropaganda auf dem Höhepunkt bzw. Kapitel 4.4 Locarno als Katalysator.

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