Kapitel 5  Das Deutsche Reich und Südtirol

Der Ruf nach Hilfe wurde in Berlin nicht mit ungeteilter Freude aufgenommen. Einen Revisionsanspruch zu formulieren oder auch nur öffentlich aktiv Partei für Südtirol zu ergreifen, wie es von verschiedenen Seiten von der deutschen Diplomatie gefordert wurde, verbot sich mit Blick auf die deutsch – italienischen Beziehungen. Deren Entwicklung ordnete sich das Südtirolproblem wie in Österreich unter. Dabei ist für die gesamte Weimarer Zeit Reiner Pimmerin (deutscher Historiker) Recht zu geben, der die „Bedeutungslosigkeit, ja Marginalität“ des Problems in der offiziellen deutschen Außenpolitik konstatierte.

Zwar gab es anfänglich Stimmen, wie die des Unterstaatssekretärs im Auswärtigen Amt, Haniel von Haimhausen, der im Februar 1919 eine „Trennung der Tiroler Lande“ noch als „kaum überwindbares Hindernis für die Wiederherstellung normaler Beziehungen“ mit Italien bezeichnete. Diese Position, die sicherlich zur gleichen Zeit viele Deutsche teilten, wurde aber bald von der Diplomatie des Reiches als zu schwerer Ballast abgeworfen. Schließlich war Italien in der Phase der Schwäche nach dem Ersten Weltkrieg ein interessanter Partner für das Deutsche Reich. Innerhalb der Allianz der Weltkrieggewinner nahm das Königreich eine Sonderstellung ein. Als einzige Siegermacht“ war es weitgehend unzufrieden mit den Ergebnissen des Weltkrieges. Für den „verstümmelten Sieg“ (vitorio mutilata) machte man in Rom in erster Linie Frankreich verantwortlich, das weitgehende Gebietsansprüche der Italiener, etwa im adriatischen Raum und in der Frage der Kolonien, auf der Pariser Konferenz entgegengetreten war. Die italienische Außenpolitik folgte deshalb – nicht erst unter dem Faschismus – der Maxime „subversion in preference to revision“ und hatte von Anfang an einen starken antifranzösischen Einschlag. Bezüglich der Tragweite der Beziehungen, die aus der Konstellation erwachsen konnte, gab man sich in Berlin zu Anfang „recht weitreichenden Illusionen“ hin. Man glaubte beispielsweise, Italien würde sich dem Anschluss Österreichs nicht entgegenstellen und unterschätzte dabei den Wert, den die italienische Seite einem „Pufferstaat“ gerade gegen eventuelle Ansprüche auf Südtirol beimaß. Andererseits gelang es vergleichweise schnell, die wirtschaftlichen Beziehungen wieder aufzunehmen. Auch in den interalliierten Kontrollgremien durfte das Reich in der Regel mit dem Entgegenkommen der italienischen Delegierten rechnen. Um dies nicht zu gefährden, bemühte man sich in der Willhelmstraße, das Thema Südtirol nicht aufzugreifen. Die Frage blieb in diesen Jahren für die bilateralen Beziehungen von „untergeordneter bis sehr geringer Bedeutung“.

Der Amtsantritt Gustav Stresemanns als Reichsausenminister 1923 brachte einen gewissen Wechsel mit sich, stellte er doch für das Verhältnis zu Italien eine „Zäsur“ dar. Die Verständigungspolitik der „Ära Stresemann“, vor allem die friedliche Annäherung an Frankreich wie sie in der Unterzeichnung des Sicherheitspaktes von Locarno ihren deutlichen Ausdruck fand, verringerte die Bedeutung Italiens im Konzept der deutschen Außenpolitik. Es wurde vom „Nothelfer“ zum Störfaktor des deutsch – französischen Ausgleichs“. Locarno wurde von der italienischen Diplomatie auch mit Blick auf Südtirol als schwere Niederlage empfunden, denn es war ihn nicht gelungen, im  Vorfeld  der Verhandlungen eine Garantie der Brennergrenze nach der Art der Westgrenzengarantie an Frankreich von Deutschland zu erhalten. Man befürchtete in Rom, ein erstarktes Deutschland werde nach geglücktem Anschluss Österreichs den Zugriff auf Südtirol wagen. Diese Angst steigerte sich nach Locarno zur „Obsession“. So war es sicher kein Zufall, dass sich gerade in der Zeit, um die Jahreswende 1925 / 26 eine schwere diplomatische Krise an dieser Frage entzünden konnte – obwohl die deutsche Seite unvermindert ihr totales Desinteresse an Südtirol beteuerte. Gereizt durch Angriffe aus der deutschen Presse auf die faschistische Minderheitenpolitik und eine Rede des bayrischen Ministerpräsidenten Held vor dem Landtag im Februar 1926, in der dieser die „ Vergewaltigung des Deutschtums“ in Südtirol gegeißelt hatte, fuhr Mussolini im italienischen Senat scharfe Attacken gegen Deutschland, die in kaum verhüllte Kriegsdrohungen gipfelten. Daraufhin sah sich Stresemann genötigt, seinerseits vor dem Reichstag zur Südtirolfrage Position zu beziehen. Es war das erste Mal nach 1919, dass ein hoher Repräsentant der Republik offen gegen die Südtirolpolitik Italiens Stellung genommen und damit die Zuständigkeit der deutschen Regierung indirekt angemeldet hatte. Doch die Kritik des Außenministers an der italienischen Entnationalisierungspolitik hielt sich in allgemein – moralischen Termini, die grundsätzliche Linie der deutschen Außenpolitik wurde nicht verlassen.

Die „offensive Phase“ der deutschen Außenpolitik nach dem Tode Stresemanns 1929 brachte die Verbesserung des deutsch – italienischen Verhältnisses mit sich, denn Brünnings „Primat der Außenpolitik“ bedeutete gleichzeitig einen Bruch mit der deutsch-französischen Verständigungspolitik Stresemanns. Deutschland kehrte nach Ansicht Mussolinis als „entscheidendes Gewicht“ in die internationale Politik zurück. Allerdings konnte die Entspannung, die sich auch im Besuch Brünnings und des Außenministers Curtius in Rom im Jahr 1931 zeigte, nicht über neue Irritationen im Verhältnis hinwegtäuschen, die sich aus dem offensiven Kurs der deutschen Regierung ergaben. Das gescheiterte Projekt einer Zollunion zwischen dem Reich und Österreich 1931 interpretierte Rom, wie die meisten Regierungen in Europa, als Versuch eines „kalten Anschlusses“. Die alten Ängste vor dem Heranrücken Deutschlands über den Brenner wurden dadurch neu belebt. Vielleicht auch deshalb wirkte sich der offensive Kurs nicht auf die Behandlung der Südtirolfrage durch die offizielle  deutsche Politik aus. Beim Rombesuch der Weimarer Regierenden im Sommer 1931 kam das Thema beispielweise überhaupt nicht zur Sprache. 

Im wesentlichen änderte sich die Grundhaltung der offiziellen deutschen Außenpolitik zur Südtirolfrage zwischen 1919 und 1933 also kaum. So beharrlich das Interesse an Südtirol auf diplomatischer Ebene aber bestritten wurde, an anderer Stelle, im inoffiziellen Bereich quasi auf der „Rückseite“ der deutschen Außenpolitik, zeigte es sich durchaus – auf dem Gebiet der Volkstumspolitik. Alle Weimarer Regierungen betrieben Volkstumspolitik, das heißt sie unterstützten aktiv die deutschen Minderheitengruppen außerhalb des Reiches, und vor allem in den im Krieg verlorenen Gebieten. In der „Ära Stresemann“ begann die systematische finanziell Ausstattung dieser Minderheiten durch Regierungsstellen. Offen durfte dies nicht geschehen, um die Beziehungen zu den Ländern, in denen es deutsche Minderheiten gab, nicht zu gefährden. Daher kooperierte das Außenamt einerseits mit den Deutschtumsverbänden und unterstützte deren Aktivitäten, schuf sich daneben aber auch ein eigenes Instrumentarium aus „Tarnorganisationen“ wie der Hollandsche Buitenbank (HBB) von 1925, oder der Ossa Vermittlungs und Handelsgesellschaft von 1926, über die Reichsmittel auf diskrete Weise an die Minderheiten verteilt werden. Während sich staatliche Volkstumspolitik bis 1925 allerdings nur auf die Minderheiten Westpolens bezog, wurden in den Folgejahren auch solche Minderheitengruppen in die Unterstützung aufgenommen, die vor dem Krieg nicht im Reichsgebiet, sondern unter der Herrschaft eines andern Staates, vor allem Österreich – Ungarns gelebt hatten. Auch in Südtirol wurden die Volkstumspolitiker der Weimarer Republik in dieser Weise aktiv. Berlin beteiligte sich an der Gründung einer zentralen Propagandastelle der Südtiroler Emigration, der „Arbeitsstelle Innsbruck“ (AS). Die AS setzte sich aus Vertretern des DSB, des AHB -Tirol, und des DSV Südmark zusammen und wurde indirekt über das Auswärtige Amt finanziert. Sie enthielt eine Pressestelle, über die Nachrichten aus Südtirol an die deutsche Presse weitergeleitet wurden und übernahm die Herausgabe des SÜDTIROLER.

Diese Art der Unterstützung verließ nicht den Rahmen der allgemeinen Außenpolitik des Deutschen Reiches, die in Nordtirol wie im übrigen Österreich genauso wie in Südtirol, über den gesamten Zeitraum von 1919 bis 1933 betrachtet, immer die anschlussfreundlichen und insbesondere großdeutschen Kräfte gegen legitimistische Kreise förderten. Dennoch kann man, von dieser Tatsache ausgehend keinen bestehenden territorialen Revisionsanspruch der Weimarer Außenpolitik auf die Brennergrenze ableiten. Andere Funktionen, die Volkstumspolitik im allgemeinen Konzept der deutschen Außenpolitik ausfüllte, spielten eine mindestens ebenso wichtige Rolle. Der Weimarer Volkstumspolitik werden in der Regel von der Forschung drei solche, von einander abgrenzende Funktionen zugerechnet: Zweifelsfrei war Volkstumspolitik in den allgemeinen Fällen ein Instrument zur Überwindung der Bestimmungen Versailles (St. Germain), teilweise verbunden mit konkreten territorialen Revisionsvorstellungen, teilweise im Sinne eines „informellen Imperialismus“, wie Stresemanns Konzept apostrophiert wurde, der auf ein ökonomisch – großräumlich gedachtes Mitteleuropa unter deutscher Vorherrschaft abzielte. Den deutschen Minderheiten kam dabei die Rolle der „Speerspitze“ des wirtschaftlichen Vorherrschungsanspruches zu. Unter diesem Aspekt betrachtet, spielte Südtirol eine absolut untergeordnete Rolle. Von einer systematischen Aufrüstung der Südtiroler Volksgruppe konnte keine Rede sein. Der Anteil der für Südtiroler aufgewendeten Gelder belief sich 1926 lediglich 1.6 Prozent des Gesamtvolumens, ein Anteil der bis 1933 nicht überschritten wurde. Volkstumspolitisch konnte zweitens zur Abschirmung der offiziellen Außenpolitik dienlich sein, denn die Zusammenarbeit des Staates mit den Deutschtumsvereine eröffnete ihnen gegenüber Kontrollmöglichkeit. Offener Irredentismus konnte langfristigen Strategien der Außenpolitik nur hinderlich sein und das Vertrauen in den Verständigungswillen der Reichsregierung im Ausland erschüttern.  Das Außenamt konnte vom DSB und den Minderheitengruppen im Ausland als Gegenleistung für die Unterstützung verlangen, eine gemäßigte Forderungspolitik zu betreiben und sich auf rein kulturelle Betätigungsfelder zu beschränken. Das war im Südtiroler Fall angesichts der hohen Brisanz der Frage besonders wichtig. So war die Einrichtung der Arbeitsstelle auch ein Mittel, um die besonderer laute Propaganda der Tiroler Südtirolvereine (AHB) einzudämmen. Um deren Aktivitäten in diesem Sinne zu lenken, entsandte das Außenministerium mit dem DSB – Vorstandsmitglied Felix Kraus 1926 einen inoffiziellen Vertreter in die AS und ließ sich von dem mit Kraus in Kontakt stehenden deutschen Konsul in Innsbruck, Saller, regelmäßig Bericht erstatten. Schließlich erfüllte die Volkstumspolitik eine in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzende dritte, innenpolitische Funktion vor dem Hintergrund der Debatten um Locarno und den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund in den Jahren 1925 und

1926. Gerade gegenüber den zahlreichen Kritikern der Verständigungspolitik aus dem deutschnationalen Lager war der Verweis auf die Chancen, die diese für die Volkstumspolitik bot, geeignet um den „eigentlich“ revisionistischen Kern von Locarno freizulegen und den Vorwurf, es handle sich um den Ausverkauf deutscher Interessen,  zu entkräften.  Stresemann  wurde  nicht  müde, gegenüber der Rechten seine Sorge um das Wohl der Auslandsdeutschen zu betonen. Im oft zitierten „Kronprinzenbrief“ des deutschen Außenministers vom 7. September 1925 rangierte der „Schutz der Auslandsdeutschen, jene 10 – 12 Millionen Stammesgenossen, die jetzt unter fremden Joch in fremden Ländern leben“, unter den Zielen deutscher Außenpolitik an zweiter Stelle, gleich hinter dem Abbau der Reparationen, und noch vor der Korrektur der Ostgrenzen. In einer Denkschrift bezeichnete er den „Volksstaat“ als das „ferne Ziel deutschen Hoffens“. Auch Reichskanzler Luther hatte im November 1925 den Sinn des Völkerbundseintritts mit dem „festen Willen“ der Reichsregierung begründet, „die deutsche Kultur und die deutsche Volkskraft auf den Wegen des Friedens mit allem Nachdruck zu Geltung zu bringen“ und sprach damit direkt die zum Austritt aus der Regierung entschlossenen Deutschnationalen an. Der Verweis auf umfassend praktizierte Volkstumspolitik konnte somit eine gute Argumentationshilfe bieten.  

Die Erfolge dieser Politik waren freilich auf allen  Ebenen bescheiden. Die geringsten Probleme ergaben sich im Südtirolbereich noch aus der Zusammenarbeit mit dem DSB. Skepsis gegenüber der Verständigungspolitik war hier weit verbreitet, aber vom Eintritt in den Völkerbund versprach man sich durchaus eine wirksame Vertretung der deutschen Minderheitenrechte. Den Forderungen der Außenpolitik konnte man sich dabei beugen bedeuteten sie schließlich nicht die Aufgabe von Revisionsansprüchen, brachten statt dessen aber die Ausstattung der Volkstumsarbeit insgesamt mit Reichsmitteln mit sich. Für Südtirol ließ man sich vom Außenministerium zusichern, dass weder in Locarno noch in weiterer Zukunft seitens der Reichsregierung eine Garantie der Brennergrenze geleistet werde. In den neuen Grundsätzen des DSB von 1927 lauteten die Ziele für den Bereich des ehemaligen

Österreich –Ungarn auch ganz eindeutig:

1. Anschluss Deutschösterreichs ohne Garantie der Brennergrenze

2. Wiedergewinnung Südtirols bis zur Salurner Klause.

Dieses Ziel verschob der DSB jedoch auf eine langfristige Perspektive. In der Praxis verzeichnete er nicht nur selbst auf aggressive Äußerungen gegenüber Italien, sondern versuchte auch der Südtirolpropaganda der einzelnen unter seinem Dach organisierten Vereine Zügel anzulegen: „Es verbietet sich von selbst, große öffentliche in Erscheinung tretende Bewegungen einzuleiten“, hieß es in einem Rundschreiben an die Mitglieder. Während hier also Kooperationsbereitschaft vorhanden war, entstanden Probleme in der Zusammenarbeit mit der AS, weil hier Kräfte am Werk waren, die in aller erster Linie ein Tiroler Interesse vertraten, die auf eine Revision der Brennergrenze hinarbeiten wollten und das Engagement der deutschen Politik nicht für ausreichend zur Umsetzung ihrer Ziele hielten. Im Reich entstanden dagegen Probleme mit denjenigen, schwerpunktmäßig mit Südtirol befassten Deutschtumsvereinen, die sich – obwohl sie im DSB organisiert waren – dessen kooperativer Linie verweigerten und mit den nationalen Kräften, die sie unterstützten und deren Gewinnung für die außenpolitische Strategie des AA insgesamt misslang.

Der 31. Sandwirtsbrief befasst sich mit dem Thema: Südtirol und seine Unterstützer im Reich und in Bayern.

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