Kapitel 4  den Blick nach Norden –
Das Südtirolproblem zwischen Bozen, Innsbruck und Wien

Der aktive Widerstand der Südtiroler Bevölkerung blieb angesichts derartiger Angriffe auf ihre kulturellen und politischen Rechte verhältnismäßig gering. Verschiedene Autoren haben eine besondere mentale Disposition der Südtiroler nach 1918 vorausgesetzt und sie für eine weitgehende Passivität gegenüber den faschistischen Unterdrückern verantwortlich gemacht. Der Wechsel der Verhältnisse sei für die meisten zu schnell gekommen, als dass sie sich auf die neuen Umstände sofort einzustellen vermocht hätten. Die Tiroler seien abrupt aus ihrer doppelten Rolle als politisch – ökonomisch dominierende Volksgruppe – als Deutsche in der Habsburgermonarchie und als Mehrheit gegenüber den Italienern im Land Tirol – gerissen worden. Als Folge habe eine Art „Schutzstarre“ eingesetzt, „ein Zustand nationaler Depression und kollektiver Frustration“ eine Haltung des Sich - nicht einstellen - könnens und – wollens auf geänderte Verhältnisse. Der feste Glaube der Mehrheit, dass der neue Zustand nicht von Dauer sein würde, bedingte den Realitätsverlust, mit dem die politischen Vertreter in Verhandlungen über den Status Südtirol mit den liberalen Regierungen Italiens 1919 -1922 eintraten und der eventuell mit dafür verantwortlich war, dass bei Machtantritt des Faschismus trotz Konzessionsbereitschaft der Vorgängerregierung noch kein Ergebnis erzielt worden war. Als Mussolini an die Regierung gelangte, war die Chance vertan. Nur drei Jahre später wunderte sich der deutsche Generalkonsul in Mailand über das Verhalten der Südtiroler Bevölkerung angesichts der einsetzenden Unterdrückung:

Der weitaus größte Teil der Südtiroler ist indolent. Er bewahrt zwar seine alte Verachtung für die Italiener und macht sich heimlich über sie lustig, aber er sagt sich, dass es am besten sei, sich den Verhältnissen zu fügen und den Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Er behält sein Deutschtum daheim, im Wirtshaus und auf den Bergen, doch ist er für die Zukunft hoffnungslos und weiß, dass er zu einer aussterbenden Generation gehört.

Dieses Urteil traf den Kern, fiel aber insofern etwas zu hart aus, als es den hartnäckigen passiven Widerstand der Südtiroler übersah, den diese der Entnationalisierungspolitik des Faschismus entgegenbrachten. Sinnbild und höchster Ausdruck dieses Widerstandes wurden die „Katakombenschulen“, in denen Freiwillige den Kindern Privatunterricht in deutscher Sprache erteilten und so die Schulgesetze unterliefen. Die katholische Kirche, welcher der Faschismus gewisse Freiräume erlaubte, bot diesen Notschulen ein Dach, aus dem Deutschen Reich und Österreich wurden sie mit Unterrichtsmaterial ausgestattet. Verfolgt und bedroht von den italienischen Behörden, hielten die „Katakombenschulen“ angesichts der breiten Unterstützung aus der Bevölkerung dem Druck stand. Andere Bereiche widersetzten sich genauso gegen die Politik der Italienisierungspolitik, etwa in der Landwirtschaft, wie der Widerstand gegen die Politik der E.R.A. veranschaulichte.

Zu kaum nennenswertem Widerstand zeigte sich hingegen die politische Szene des Landes in der Lage. 1919 hatten sich die beider größten Parteien der Vorkriegszeit, die katholische- - konservative Tiroler Volkspartei und die großdeutsche Freiheitliche Partei zum Deutschen Verband (DV) zusammengeschlossen, um unter den neuen Umständen ihre Kräfte zu bündeln. Die führenden Persönlichkeiten des DV waren der Bozner Rechtsanwalt Eduard Reut-Nicolussi und der ehemalige Landeshauptmann Tirols Eduard Mumelter. Bei den italienischen Parlamentswahlen von 1921 konnte der DV  über 90 Prozent  der Stimmen auf sich vereinen und alle vier Südtiroler Mandate für sich gewinnen, er verfügte also über eine sehr breite politische Basis. Weniger bedeutend, wenn auch mit am aktivsten auf der Suche nach einer Verhandlungslösung, waren die Südtiroler Sozialdemokraten. Sie bildeten im römischen Parlament eine Fraktionsgemeinschaft mit den italienischen Sozialisten, die einzige Partei, die strikt gegen eine Angliederung Südtirols war. Die Südtiroler Sozialisten waren 1923 die ersten, die unter den Faschisten ihre Aktivitäten einstellen mussten und deren Presse zerschlagen wurde. Der DV konnte sich noch bis 1926 halten, dann wurde auch er verboten, die ihm nahestehende katholische Presse wurde, unter der Auflage regimefreundlich zu berichten, ab 1927 wieder zugelassen. Da das Verbot der politischen Betätigung nicht allein die Parteien im engeren Sinn erfasste, sondern auch auf andere Vereinigungen wie Sport, Schützen-, Trachten- und Alpenvereine ausgedehnt wurde, waren eventuellen aktiven Widerstandsbestrebungen sehr enge Grenzen gesetzt. Noch in den Anfängen begriffen waren in den zwanziger Jahren diejenigen völkisch-deutschnationalen Kräfte im DV, die sich als sogenannte Jugendgruppen und ab 1927 als Gaujugendring (GJR) im Untergrund organisierten. Sie waren die „Keimzellen“ der nationalsozialistischen Bewegung Südtirols, die 1934 im Völkischen Kampfring (VKS) aufgingen.

Keiner der politischen Gruppen gelang es, politische Initiative im Land selbst zu entwickeln. In erster Linie waren die Restriktionen, die das gesamte politische Leben erfuhr, verantwortlich, doch darüber hinaus verhinderte wiederum die passive Haltung, die im DV vorherrschte eine aktive Politik. So zeigte sich der DV unfähig, den Faschismus und die von ihm betriebene Minderheitenpolitik als kausale Einheit zu sehen. Es war die italienische Herrschaft über Südtirol an sich, die abgelehnt wurde. Der Antifaschismus des DV war ein „hilfloser Antifaschismus“. Die Halbmonatszeitung DER SÜDTIROLER, das Sprachrohr des DV –Exils in Innsbruck, verkündigte bezeichnenderweise im November 1931:

Der Faschismus ist sicherlich die dem italienischen Wesen gemäße Lebensform. Eben deswegen können wir seine Herrschaft nur auf italienischem Boden anerkennen. Wir kämpfen also für Südtirol nicht weil Italien faschistisch ist, sondern weil Südtirol deutsch ist.  

In der praktischen Konsequenz verhinderte diese Einstellung eine Kooperation mit antifaschistischen Kräften, die häufiger an den DV herangetragen wurde. Zunächst lehnte man ein Bündnis mit den Tiroler Sozialdemokraten ab und reagierte später verhalten auf Kooperationsangebote der antifaschistischen italienischen Opposition. An Hilfe von dieser Seite waren die maßgeblich politischen Führer nicht interessiert.

Sie erwarteten Unterstützung von außen, aus dem abgetrennten nördlichen Landesteil, aus Österreich und nicht zuletzt aus dem Deutschen Reich.

In Nordtirol drehte sich nach 1918 nahezu das gesamte politische Leben um die Frage der Wiedergewinnung der verlorenen Landeseinheit. Das Land nahm die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge auf und integrierte von der  Entnationalisierungskampagne betroffene Lehrer, öffentliche Angestellte oder die hohe Zahl von Eisenbahnarbeitern, die in Südtirol ihre Stellung verloren hatten und durch Italiener ersetzt worden waren. Innsbruck war das Zentrum der politischen Exilanten und dadurch gleichzeitig Mittelpunkt der Aktivitäten der Südtirolpropaganda, geprägt von einer ausgesprochenen „Frontstadtmentalität“. In großen „Trauerveranstaltungen“ zum Jahrtag der Anexion Südtirols (10. Oktober 1920) versammelten sich alljährlich Menschenmengen im ganzen Land, um den Finger auf die „schwärende Wunde“ Südtirol zu legen.

Von der österreichischen Zentralregierung in Wien erwartete man sich dabei trotz des ständigen Drängens auf ein offensives Eintreten für die „Südtiroler Brüder“ nur wenig, wofür mehrere Faktoren ausschlaggebend waren. Die Südtirolpolitik der Ersten Republik steckte von Anbeginn in einem „Dilemma“. Die Rolle des Anwaltes der Südtiroler, die ihr als Rechtsnachfolger Österreich – Ungarns zufiel, konnte die Wiener Regierung zu keinem Zeitpunkt ausfüllen. Es gab keinen Rechtstitel, auf den sich eine Klage, etwa vor dem Völkerbund, hätte berufen können, denn Italien war als Siegermacht nicht dazu verpflichtet worden, den Schutz seiner Minderheiten zu garantieren. Zudem war die Erste Republik in hohem Maße wirtschaftlich abhängig vom südlichen Nachbarn. Offene Kritik an der Südtirolpolitik der italienischen Regierung aus diesem Grund mit erheblichen Risiken für Wien verbunden, machte die italienische Regierung ihre Unterstützung doch unmissverständlich vom Stillhalten in dieser Frage abhängig. Die österreichische Regierung versuchte in dieser Situation zwar durchaus „über Südtirol im Gespräch zu bleiben“, doch ihrem Engagement waren sehr enge Grenzen gesetzt. Von Tiroler Seite wurde der Pragmatismus Wiens jedoch stets als  „Verrat“ angegriffen. Ohnehin bestand kaum eine Vertrauensbasis zwischen Tirol und der Zentrale. Man teilte in Innsbruck, wie im übrigen auch in Bozen, die antimarxistischen und oft antisemitischen  Vorbehalte, wie sie in vielen Regionen Österreichs, vor allem den konservativ – katholisch geprägten, gegen die Zentralregierung, gegen das „rote“ und „verjudete“ Wien bestanden. Die Tiroler Landesregierung reagierte mit einer eigenwilligen und separatistischen Politik. Man versuchte sich mit Wien zu arrangieren, doch rechtes Vertrauen in eine „österreichische Lösung“ des Südtirolproblems wollte sich angesichts der Dauerkrise der Ersten Republik nie einstellen. So war es folgerichtig, dass viele frühzeitig die Anlehnung an den mächtigeren „Bruderstaat im Norden“, das Deutsche Reich, propagierten. Dies bot natürlich eine ungleich machtvollere Perspektive und der „Blick nach Norden“ hatte  von Anbeginn seine Anhänger.

Die Anhänger einer großdeutschen Lösung der Südtiroler Frage mussten weder in Tirol noch in Österreich besonders für ihre Überzeugung werben. Denn nach dem Ende des Vielvölkerreiches und die Reduzierung Österreichs auf einen „zweiten deutschen Staat“ erstreckte sich der Anschlusskonsens auf nahezu das gesamte

Spektrum der Republik. Im ursprünglich ausgesprochen katholisch – kaisertreuen Tirol war dieser Konsens zwar nicht so breit, wenn auch hier wie überall unter den Deutschen der Habsburgermonarchie bereits vorhandene Großdeutsche Gedankengut durch den Weltkrieg einen gehörigen Schub erhalten hatte. Das Denken in den Kategorien des Volkstums erlebte durch die Niederlage im Krieg wie im Deutschen Reich so auch in Österreich einen Boom, bot es doch einen vermeintlichen Ausweg aus der Ohnmacht. Doch war es vor allem die Schwäche des österreichischen Nachkriegsstaates, seine Unfähigkeit, die Versorgungskrisen der Nachkriegszeit zu lösen und natürlich seine Machtlosigkeit gegenüber der Trennung Tirol, die eine anschlussfreundliche Atmosphäre in Tirol förderte. Aber erst, als alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft schienen, wurde der Separatanschluss an das Deutsche Reich auch für ansonsten legitimistisch gestimmte Kreise zur meistversprechenden Option. Für ihn votierten am 24. April 1921 in einer Volksabstimmung 98.5 Prozent der Tiroler Bevölkerung. Der Separatanschluss scheiterte am erwartungsgemäßen Einspruch der Siegermächte. Von einer ideologisch bedingten, grundsätzlich großdeutschen Haltung konnte jedoch in den zwanziger Jahren weder in der politiischen Szene Nordtirols noch bei den maßgeblichen Teilen der Südtiroler Vertreter gesprochen werden. Für diese war es überwiegend eine Frage der Machtverhältnisse und des vermeintlich schnellen Weges zur Überwindung der Teilung. Reut – Nicolussi, der nach dem Verbot des DV 1927 nach Innsbruck emigrierte, fasste somit 1930 eine weit verbreitete Ansicht zusammen:

Die Haltung des AA (Außenamtes) in Berlin und der reichsdeutschen Öffentlichkeit ist natürlich und bleibt weiter in steigendem Maße für die Südtiroler Frage von ausschlaggebender Bedeutung (…) Unsere gesamten Bemühungen müssen darauf gerichtet sein, dass der von den Vertretern des Reiches eingenommenen Standpunkt nationale Solidarität unverrückt aufrechterhalten wird. Das Deutsche Reich ist gegen Italien freier und selbstverständlich als Partner wichtiger.

Einen auch ideologisch starken Rückhalt hatte die großdeutsche Perspektive in den Tiroler Deutschtumsvereinen. Ihrer Haltung kam insofern besondere Bedeutung zu, als sie – obwohl zahlenmäßig nur eine kleine Gruppe – im Mittelpunkt der Aktivitäten und der Propaganda für Südtirol standen, und ihre Mitglieder Einfluss auf die Tiroler Landesregierung besaßen. Sie, und mit ihnen wichtige Teile des DV, standen in der großdeutschen Tradition der, im alten Tirol tätigen „Schutzvereine“, wie die Deutschtumsvereine unter der Doppelmonarchie hießen. Ihre Wurzeln sollten an dieser Stelle ausführlicher besprochen werden, da sie für die deutsche Diskussion der Zwanzigerjahre wichtig wurden. Seit dem späten 19. jahrhundert standen die „Schutzvereine“ unter dem Einfluss der großdeutschen, antidemokratischen und gegen den Vielvölkerstaat Österreich – Ungarn gerichteten Bewegung Georg von Schönerer und waren organisatorisch eng mit dem Deutschen Reich verbunden. So war der Deutsche Schulverein Wien beispielsweise ein Schwesterverein des ADSV / VDA. Die Gründung des ersten, ausschließlich in Tirol tätigen Vereins, des Tiroler Volksbundes (TVB) folgte auf Initiative des ADSV  -  Landesverbandes Bayern. Sie alle vertraten eine völkische Ideologie und trugen stark ausgeprägte Züge von völkischem Rassismus und Chauvinismus.

Der TVB betrieb im alten Tirol eine zum „Abwehrkampf“ aggressiv nationalistische Politik gegen die nach Emanzipation strebenden Italiener (ca. 60%) im Trentino. Er begründete sein Verhalten durch die Forderungen der Tentiner Abgeordneten im Tiroler Landtag 1860, dass das Trentino vom übrigen Tirol zu trennen sei, und eine selbstständige österreichische Provinz mit einer eigenen Verfassung werden sollte. Der Weltkrieg wirkte sich als Katalysator ihrer nationalistischen Position aus. Im „Ausschuss für völkische Belangen und deutscher Besiedelung des Trentino“ diskutierten TVB-Vertreter  Pläne zur Evakuierung der italienischen Bevölkerung und forderten die unerbittliche Verfolgung aller Äußerungen der italienischen Irredenta im Trentino. In dieser Zeit erreichte der TVB seine größte Breitenwirkung. Am „Sterzinger Volkstag“ im Mai 1918, einer vom Volksbund organisierten Veranstaltung kurz vor Kriegsende, nahmen offizielle Vertreter alle Parteien außer den Sozialdemokraten teil. Der TVB löste sich zwar nach Kriegsende auf, ging jedoch in nahezu vollständiger personeller und organisatorischer Kontinuität in den Bund Heimat (BH) ein, aus dem wiederum am 27. September 1919 der Andreas Hofer – Bund Tirol (AHB) hervorging, der seine Zentrale in Innsbruck hatte. Von dort aus nahm er Teile des politischen Exils wie Reut-Nicolussi oder den ehemaligen Landeshauptmann Mumelter auf, die dem TVB nicht angehört hatten. Der AHB verbreitete im Vergleich zu den Vorgängern seine Basis und passte auch seine Grundposition den neuen Gegebenheiten an. In seinem Gründungsmanifest, dem KATECHISMUS ZUR SÜDTIROLFRAGE, wurden die Ansprüche auf das Trentino aufgegeben und nur mehr das freie Selbstbestimmungsrecht der Südtiroler bis zur Salurner Klause gefordert. Alle Siedlungs- und Germanisierungsprojekte waren aus dem Programm gestrichen. Der AHB beschränkte sich auf reine Propagandaarbeit und sah seine Aufgabe darin, die Südtirolfrage in der Öffentlichkeit wach zu halten. Er unterhielt Zweigstellen in vielen österreichischen Städten und im Ausland, vor allem in Deutschland. Die organisatorische Anbindung an das Deutsche Reich trat nur noch deutlicher hervor. Alle österreichischen Deutschtumsvereine waren im DSV organisiert, der Verein Südmark und der DSV konstituierten sich bei ihrem Zusammenschluss 1925 zum DSV Südmark gleichzeitig als Landesverband Österreich des VDA. Gegenüber dem Deutschen Reich trat man nicht als Bittsteller auf. Zur Forderung nach Unterstützung fühlte man sich in diesen Kreisen vielmehr voll berechtigt. Durch den hohen Kriegsbeitrag habe man die „Deutsche Treue“ bewiesen, so hieß es immer wieder aus ihren Reihen. Nun solle das Deutsche Reich, das „Binnendeutschtum“, dem „Grenzdeutschtum“, das zum „Auslandsdeutschtum“ geworden war, helfen: „Der tiefrote Rand (Blut) der Alpen belegt unser Recht“ rief Reut-Nicolussi den Reichsdeutschen zu.

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