Revisionismus und Volkstum –
Außenpolitische Perspektiven der deutschen Rechten nach Versailles und im Bezug zu Südtirol.

 

2.1 Revisionismus

Wenn in der Weimarer Rechten von „Revision“ gesprochen wurde, so war damit weit mehr gemeint, als nur die Beseitigung der Beschränkungen, die der Versailler Vertrag dem besiegten Deutschen Reich auferlegt hatte.

Der Erste Weltkrieg hätte der radikalen deutschen Rechten die Verwirklichung weitgehender expansionistischer Vorstellungen bringen sollen. Jetzt, 1914, so dachte die „nationale Opposition“, würde der lang geforderte Kampf um „Lebensraum“ um Kolonien, um Deutschland Weltgeltung aufgenommen werden. Je länger der Krieg dauerte, desto phantastischer wurden auch die Vorstellungen vom Siegespreis, den man gewinnen wollte, desto weitgreifender auch die Annexionswünsche. Das Kriegsende löste einen Schock aus, bedeutete es für die Rechte doch geradezu die Umkehr ihrer Vorstellungen. Kein „Platz an der Sonne“ für das Reich, wie in der Alldeutsche Verband einst vom Kaiser verlangte hatte, sondern der Verlust des gesamten deutschen Kolonialbesitzes stand am Ende des Ersten Weltkrieges. Man hatte keinen “Boden“ gewonnen, Ludendorfs „Große Ostlösung“ war passe´, im Gegenteil mussten Gebietsverluste hingenommen werden.

Die neuformierte Rechte wies ihren Anteil an der Schuld für diesen Zustand weit von sich. Man war sich hier einig: Schuld waren die Siegermächte, die Deutschland in Versailles um einen gerechten Frieden „betrogen“ hatten und jetzt es voller „Rachsucht“ demütigen und vernichten wollten. Und die, die man im Inneren dafür verantwortlich machte, dass man den Krieg verloren hatte: die Kriegsgegner und vor allen die Revolutionäre des November 1918. Man konstruierte die „Dolchstoßlegende“ und behauptete, dass das “im Feld unbesiegte Heer“ erst durch den „verräterischen“ Umsturz in der Heimat entscheidend geschwächt worden sei. Symptomatisch für diese Haltung, die die Rechte einnahm, waren die Ergebnisse, zu denen der Alldeutsche Verband auf seiner ersten Nachkriegstagung 1919 in Bamberg kam. Man interpretierte den Ausgang des Krieges dort geradezu als Bestätigung der eigenen Vorkriegsposition. Man habe lediglich versäumt, kompromisslos genug Macht- und Bodenpolitik nach außen in der Art und Weise zu betreiben, wie es die Alldeutschen gefordert haben, vor allem aber mit allen Mitteln dafür zu sorgen, die für eine machtvolle Außenpolitik notwendige Einheit im Inneren herzustellen. Die Niederlage von 1918 sei „letzten Endes eine Folge des fehlenden Nationalgefühls“ gewesen, man habe die ihm entgegenstehenden Kräfte – identifiziert wurden sie mit der Sozialdemokratie, dem Katholizismus und vor allem den Juden – nicht rechtzeitig eingedämmt. Das waren die „Lehren“ des Weltkrieges, die man in  Zukunft beherzigen wolle. Aus einer solchen Haltung ergab sich, dass die Ziele, die man vor und während des Krieges verfolgt hatte, niemals in Frage gestellt wurden. Sie besaßen nach wie vor für die Rechte volle Gültigkeit. Ihr Anspruchsdenken gab sich daher auch nicht mit dem Ziel eines „revisionistischen Konsens“ zufrieden, den alle politischen Lager der Weimarer Republik teilten. Sie wollte bedeutend mehr als den Besitzstand des Reiches von 1914, der ja als ungenügend empfunden worden war. Sie forderten, dass Deutschland Weltgeltung

haben müsste, die Revision des Versailler Vertrages war für sie lediglich als Ausgangsbasis eines erneuten „Griffes nach der Weltmacht“ akzeptabel. Die Ziele, die sich dieser „Superrevisionismus“ steckte, waren weitreichend. Der koloniale Gedanke lebte dabei ebenso fort wie verschiedene Lebensraum-Konzeptionen. Bezüglich der Tragweite der expansionistischen Ziele bestanden unterschiedliche Vorstellungen, aber die Überzeugung, nur der „ganz große Wurf“ könne die Probleme des deutschen Volkes lösen, erfasste bis Ende der Republik weite Teile des Reiches. Eher klassisch nationalistische Ziele spiegelten sich im Anschlussgedanken wieder. Mit der Zerschlagung des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn durch die Siegermächte des Ersten Weltkrieges war der „wirksame Damm gegen großdeutsche Bestrebungen und daran angeknüpft Mitteleuropapläne zerstört“.  Wenn die deutsche Rechte die Eingliederung dieses neuentstandenen „zweiten deutschen Staates“ forderte, konnte sie sich in der deutschen Gesellschaft auf einen bis in die Sozialdemokratie reichenden Konsens stützen. Mit dem Anschlussgedanken verbunden war neben seiner großdeutschen Ausrichtung auch oftmals der Anspruch, das „Habsburgische Erbe“ im Südosten Europas anzutreten.

Den „imperialistischen Tagträumen“ der Rechten stellte sich die konkrete Wirklichkeit des Versailler Vertrages entgegen. Es lag bereits im Wesen ihrer Ziele, dass sie nur über eine erneute Konfrontation mit den Siegern des Weltkrieges verwirklicht werden konnte. In der Tat sah die Rechte das grundsätzliche Mittel zur Überwindung Versailles in der Wiedererlangung einer Position – meist militärisch verstandener – Stärke und, wenn nötig, in der Wiederaufnahme des aktiven Kampfes. Anlässlich des 10.Jahrestages der Vertragsunterzeichnung schrieb der deutschnationale TAG:

Versailles, welch ein Schicksal geboren aus Hass der Welt, die über deutsche Soldaten  in  fünf  Jahren  nicht  zu  siegen  vermochten. (…) Wir trauern nicht am Tage von  Versailles.  Wir  sind  keine  Pazifisten. Wir wollen das deutsche Schicksal  überwinden.   

Diese konfrontative Grundhaltung brachte für die Rechte Probleme mit sich, zunächst in der Innenpolitik. Weite Teile der Weimarer Rechten teilten eine prinzipielle Abneigung gegen Verständigungspolitik auf der Basis des in Versailles fixierten Status quo, selbst wenn sie mittel- oder langfristig auf Revision abzielten. Das zeigt sich im Widerstand gegen die „Erfüllungspolitik“ der Weimarer Koalition, gegen den Abschluss des Sicherheitspaktes mit Frankreich in Locarno sowie gegen den damit verbundenen  Eintritt in den Völkerbund 1926. Es verdeutlichte sich weiterhin in der kategorischen Ablehnung aller Nur - Modifizierungen der Reparationsleistungen an die Siegermächte, wie sie der Dawens- und Young – Plan mit sich brachten. Aber es gab auch einen Teil der Rechten, der Interessenpolitik betreiben wollte und es daher für angeraten hielt, sich in begrenztem Maße an Regierungen zu beteiligen und der dafür auch bereit war, Konzessionen zu machen. Schwere Zerreißproben drohten immer dann, wenn der konfrontative Konsens auf diese Weise durchbrochen wurde. Als beispielweise 1924 nach monatelanger Agitation der Rechtspresse und der deutschnationalen Parteispitzen gegen den Dawes – Plan die Hälfte der DNVP Abgeordneten im Reichstag den entsprechenden Gesetzen zustimmten, führte das zum Rücktritt des Parteivorsitzenden Oskar Hergt.

Diejenigen, die von Anfang an nur auf eine erneute militärische Auseinandersetzung setzten, waren gezwungen, Konzepte zu entwickeln, wie ein

solches verwirklicht werden konnte. Die Option, aus eigener Kraft einen erneuten Waffengang zu wagen, war angesichts der Schwächung des Reiches nach dem Krieg vollkommen unrealistisch. Eine solche Art der „Verteidigung der Ehre“, beispielweise während der französischen Ruhrgebietbesetzung, hätte die endgültige Zerstörung  und Zerstückelung des Reiches mit hoher Wahrscheinlichkeit nach sich gezogen. Einem Alleingang gab man keine Chancen auf Erfolg. Es bot sich an, zunächst nach geeigneten Bündnispartnern für den Angriff auf Versailles zu suchen. Es gab verschiedene Konstellationen, die dabei zu unterschiedlichsten Zeitpunkten von Gruppen der Rechten in Erwägung gezogen wurden: Es fanden sich beispielweise Befürworter eines Bündnisses mit der Sowjetunion. Daneben existierten Projekte für eine „radikalrevisionistische“ Allianz der Weltkriegverlierer aus Deutschland, Österreich und Ungarn, und auch eine Verbindung mit dem durch die Pariser Vorortverträge unbefriedigt gebliebenen Italien wurde früh erwogen. Solche Planspiele gelangten jedoch nie zur Konkretisierung. Auch sie waren mit Grundschwächen behaftet, die eine Weiterführung behinderten und schließlich unmöglich machten. Dann nämlich, wenn die Verbindung Abstriche bei Axiomen rechter Programmatik implizierte, formierte sich immer auch Gegenkräfte, die versuchten dem Programm zum Sieg zu helfen. Gegen ein Bündnis mit der Sowjetunion stand der Antimarxismus und die Frontstellung zum „Bolschewismus“ im eigenen Land. Probleme wie sie sich im hier besprochenen Fall Italiens wegen der Südtirolfrage ergaben, hatte Ludendorff bereits zu Anfang der zwanziger Jahre kennengelernt. Als er versuchte, Bündnisse mit ungarischen rechtsradikalen Kreisen anzubahnen und sich bereit zeigte, dafür auf überwiegend deutsch besiedelte Teile des Burgenlandes zu verzichten, schlug ihm aus alldeutschen Kreisen scharfe Ablehnung entgegen. Mit „Unterdrückern des Deutschtums“ zu paktieren, konnte ebenfalls nicht auf ungeteilte Zustimmung treffen.

Bei ihrem Streben nach Revision ergab sich für die Rechte immer wieder eine „übergeordnete Problematik des Verhältnisses von Opportunität und Programm“ und sie war es, die mit bewirkte, dass die deutsche Rechte über die gesamte Dauer der Weimarer Republik keine schlüssige Strategie zur Überwindung des „Versailler Systems“ entwickelte. 

2.2 Volkstum

Eine ganz andere und vielversprechende Perspektive bot sich in der Anwendung der Begriffe des Volkstums auf die Bewertung der außenpolitischen Möglichkeiten. Die Beurteilung politischer Probleme unter Verwendung der Begriffskategorie des „Völkischen“ und des „Volkstümlichen“ war eine der Hauptwesensmerkmale im Diskurs der Weimarer Rechten. Kaum ein Sachverhalt, der sich nicht in dieses Schema einordnen ließ. Die Bezugnahme auf das „Völkische“ und „Volkstümliche“ war bereits im späten 19. Jahrhundert verbreitet, ihren großen Aufschwung erhielten Bewegung und Begriffe erst durch den Weltkrieg und seine Folgen. Bereits der „Mythos des Kriegserlebnisses“, die „Gemeinschaftserfahrung der Schützengräben“ beförderte nach Mosse die Verwendung des Begriffes „völkisch“ enorm. Nach dem Krieg diente das „Volkstum“ der antidemokratischen und demokratiekritischen Rechten als Kampfbegriff gegen den Staat und seine neuen inneren und äußeren Formen. Für viele war „Volkstum“ das Gegenkonzept zur verachteten parlamentarischen Demokratie. Volkstum bedeutete für sie Einheit und Gemeinschaft, die sich aus der Volkszugehörigkeit aller seiner Mitglieder als vereinendem Merkmal ergab. Somit war es das Gegenbild zum liberalen

Parteienstaat, wo nach gängiger Meinung „Parteienstreit“ herrschte und „Partikularinteressen“ regierten. Die Geschlossenheit des Volkstums stand gegen die Fragmentierung in der Demokratie.

Ebenso war der Rückgriff auf das Volkstum eine psychologische Stütze, mit dem sich die aktuelle Schwäche des Staates kaschieren ließ. Diese Idee einer ungebrochenen Stärke  des  Volkes  unter  der  Oberfläche  des  machtlosen  deutschen Staates war, „die Ideologie der rundum geschlagenen Deutschen“. Hinter der als trist empfundenen staatlichen Realität lag auf der Ebene des Volkes „vom Ganzen her betrachtet“ ein starkes und unberührtes Deutschland, das „Reich aller Deutschen, unabhängig ob sie innerhalb oder außerhalb des bestehenden Staates lebten. Das Volkstum in diesem gedachten Reich betrafen die äußeren Formen des Staates nicht, er konnte nicht zerstört werden und bestand über die Grenzen des „Rumpfstaates“ des Versailler Vertrages hinaus. Er war „ewig“, der Staat hingegen war vergänglich. Rechte Intellektuelle wie Autoren der „Konservativen Revolution“ setzten gegen „Pseudostaatlichkeit“ der Weimarer Republik bewusst die „Rückkehr zum Volk“, oder wie es Arthur Moeller von den Bruck ausdrückte, „die Rückkehr zum Mutterland“. Dem „geistigen Volkstumsdenken“ als ein Mittel zur Bewältigung temporärer Machtlosigkeit des Staates zum Durchbruch zu verhelfen, war auch das Ziel von Vereinigungen wie der Deutschen Akademie zur Pflege und Erforschung des Deutschtums, eines Zusammenschlusses der nationalen Professorenschaft. Ihr Mitbegründer, der Geopolitiker Karl Haushofer, definierte 1925 ihren Zweck „in erster Linie als eine scharf geschliffene Waffe zur Überwindung des Versailler Systems mit seinen Folgen“, mit dem Ziel eines „großen Deutschland, das seinen Platz an der Sonne auf den Flügeln des Geistes wiedergewinnen will“. Er beschwor die „geistigen Werte einer unsichtbaren Gemeinschaft, die nichts mit den Grenzen des Staates zu tun hat“.

Der Begriff des Volkstums wies der Rechten nach diesem Verständnis auch einen alternativen Weg in der Außenpolitik. Wenn sie, wie die Volkstumsideologien prophezeiten, zukünftige Auseinandersetzungen nicht mehr zwischen Staaten sondern zwischen Völkern abspielen würden, dann leistet die „Arbeit“ am Volkstum keinen geringeren Beitrag für die Vorbereitung machtvoller Außenpolitik als militärische Aufrüstung, und ihr waren bedeutend weniger Grenzen als dieser gesetzt. Man machte sich deshalb zur Aufgabe, das Volkstum zu schützen und zu stärken, denn für gefährdet hielt man es überall. Im Inneren sah man ja gerade in der Republik vielfältige „volksfremde“ Einflüsse am Werk, welche der „Reinheit“ von Volk und Volksgedanken entgegenstand. Von dieser „Reinheit“ und von seiner „Geschlossenheit“ hing der „Wert“ des Volkes in der Auseinandersetzung mit anderen Völkern ab. In dieser Perspektive flossen zwangsläufig – mehr oder weniger stark ausgeprägte – chauvinistische, rassistische und antisemitische Interpretationsmuster ein.

Eine mindestens ebenso große Gefahr drohte dem Deutschtum „vom Ganzen her betrachtet“ im Ausland. Das besondere Augenmerk der Volkstumsideologie fiel auf die ca. 10 Millionen Deutschen, die als Folge des Krieges vom Deutschen Reich bzw. Österreich getrennt wurden, und von denen die meisten nun auf dem Staatsgebiet Polens und der Tschechoslowakei lebten. Es galt nun der Versuch anderer Nationen, die in ihrem Herrschaftsgebiet lebenden Minderheiten zu assimilieren, wirksam abzuwehren und den „Verlust ihres Deutschtums“ zu verhindern. Hier paarten sich allerdings nur allzu oft die im Kern berechtigte Sorge um die Wahrung kultureller Minderheitenrechte mit aggressivem Nationalismus und unverhüllten Revanchegeist.

Mit dem Anspruch auf die Erhaltung des Deutschtums im Ausland waren in den allermeisten Fällen meist auch Ansprüche auf das bewohnte Gebiet verbunden. Hier war der „Volkstumskampf“ bereits im Gange, und man wollte ihn in der Rechten so gut es ging unterstützen.

Einen wichtigen Partner fand die nationale Rechte in den Gruppen und Vereinen, die sich bereits im Kaiserreich mit der „Pflege des Volkstums“ beschäftigt hatten, den sogenannten Volkstums- bzw. Deutschtumsvereinen. Der größte und bedeutendste Verband war dort der Allgemeine deutsche Schulverein für die Erhaltung des Deutschtums im Ausland (ADSV) von 1881, der 1906 zum Verein für das Deutschtum im Ausland (VDA) wurde. Unter „Volkstumsarbeit“ verstanden sie zunächst, anders als ihr Name es ausdrückte, in erster Linie die Betreuung des „Rand- bzw. Grenzdeutschtums“, das heißt derjenigen Deutschen, die in den Grenzgebieten des Reiches sowie den deutschsprachigen Gebieten Österreich-Ungarns gemeinsam mit anderen Nationalitäten lebten. Ihre Hauptaktivitäten lagen dabei auf dem Gebiet der Sprach- und damit verknüpft der Schulpolitik. Obwohl der VDA seine Tätigkeit als „Verteidiger des Deutschtums“ ausgab, beinhaltete diese von Anbeginn auch offensive Momente. Wenn der VDA die Errichtung deutscher Schulen und das Abhalten von Sprachkursen in den Grenzgebieten förderte, um die deutsche Sprache und Kultur dort zu festigen und die Einflüsse der anderen Nationalitäten „abzuwehren“, so setzte er sich gleichzeitig  dafür ein, dass die deutschen Schulen ein Monopol erhielten, dem die anderssprachigen Minderheiten unterworfen werden sollten. Seine Forderungen liefen also auf die „Verdeutschung“ der im Reichsgebiet lebenden Minderheiten hinaus. In den letzten Jahren vor dem Krieg begann der VDV auch mit Siedlungspolitik, was bedeutete, dass er die Ansiedlung von Deutschsprachigen in solchen Gebieten förderte, die Überwindung von einer anderssprachigen Mehrheit bewohnt waren. Damit bekam seine Aktivität früh auch einen raumpolitischen Akzent.

Das Ende des Krieges brachte einen radikalen Funktionswechsel für die Deutschtumsverbände mit sich. Die Betreuung der Auslandsdeutschen und die „Erhaltung ihres Deutschtums“ wurden zu ihrer Hauptaufgabe, der sie nahezu ihre ganze Bemühung widmeten.  Die Volkstumsverbände reorganisierten sich zu diesem Zweck. 1919 wurde der Deutsche Schutzbund (DSB) gegründet, der sich als Dachorganisation für alle Deutschtumsvereine in und außerhalb des Reiches verstand. Ihm traten insgesamt 120 kleinere Vereine bei. Auch der VDA gliederte sich in den DSB ein, behielt aber ansonsten seine alte Struktur bei und teilte sich mit ihm die Aufgabenbereiche: Der DSB trat als politische Vertretung der Volkstumspflege in der Öffentlichkeit und gegenüber Regierungen auf, der VDA widmete sich hingegen eher kulturellen Aufgaben und betrieb Mitgliederarbeit im Reich. Gerade zum Ende der Weimarer Republik erfreute sich der ADV dabei sehr großen Zulaufs.

Die Volkstumsverbände der Weimarer Republik und in Österreich betonten zwar stets ihre Überparteilichkeit, waren jedoch ohne Zweifel Organisationen der politischen Rechten. Sie waren Honoratiorenvereine, deren Mitglieder den national denkenden Eliten entstammten, Universitätsprofessoren, Ärzte, Lehrer oder höhere

Beamte waren. Die Wurzeln etwa des VDA lagen im Alldeutschen Verband. Den „conservativ - rightish outlook“ wie es John Hilden ausdrückte, behielten die

Deutschtumsverbände auch in der Weimarer Republik bei. Die führenden Köpfe des DSB waren in den Kreisen der „Konservativen Revolution“ zu Hause. Der DSV – Vorsitzende Carl von Loesch war eines der aktivsten Mitglieder des Juniclubs und der Ringbewegung. Dort war er ebenso wie Max Hildebert Boehm, einem Theoretiker des Volkstumsgedanken, enger Mitarbeiter Arthur Moeller van den Brucks. Die beiden saßen auch im Vorstand des VDA. Parteipolitisch waren die wenigsten der Mitglieder festgelegt, viele standen der DVP und DNVP nahe, die vorherrschende Strömung war nationalkonservativ. Gleichzeitig bestand jedoch auch Tuchfühlung zu rechtextremen Gruppierungen. Die Ideologie der Deutschtumsverbände beschreibt Steurer in den zwanziger Jahren als „Mischung aus deutsch-nationalen, völkischem  und nationalsozialistischen Gedankengut“, in das „Anti-Parlamentarismus, Anti-Liberalismus, Anti - Kommunismus, Revanchismus, Rassismus und Antisemitismus mit graduellen Unterschieden“ eingeflossen sei.  Diese These ist im Prinzip sicher zutreffend, wenn auch etwas überpointiert, denn der Nationalsozialismus fand erst später Zugang in die Vereine. Wenn sie sich auch in vielem begegneten, so waren die „ Volkstumspolitiker keineswegs identisch mit der „Völkischen Bewegung“. Eine Zusammenarbeit mit den liberalen Kräften oder gar mit Sozialdemokraten oder Kommunisten, die alle durchaus Interesse für die Belange der deutschen Minderheiten entwickelten, war von dieser Seite aus gesehen dennoch ausgeschlossen. Dafür waren die Blickwinkel, von denen aus Minderheitenprobleme betrachtet wurden, viel zu unterschiedlich. Die Perspektive der Vereine auf das „Volkstum“ war eine kampfbetonte. Der VDA verstand unter „Auslandsdeutschtum“ die „in unmittelbarem Selbstbehauptungskampf stehende, mit dem Volksblock verbundene Volksfront“.

Die Nationale Rechte und die Deutschtumsverbände ergänzten sich in ihren Aktivitäten. Die Vereine übernahmen, wo es möglich war, die Arbeit vor Ort, unterstützten beispielsweise die Schulen der Minderheiten im Ausland. Im Reich versuchten sie, auf ihr Anliegen Aufmerksamkeit zu machen und die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Die nationale Rechte bot ihnen dafür in ihrer Presse ein breites Forum, Mitglieder und Anhänger der rechten Parteien und Verbänden arbeiteten in den Volkstumsvereinen mit, brachten in nationalistischen Kundgebungen gegen die „Unterdrückung des Deutschtums“ gegen Polen, die Tschechoslowakei, gegen Frankreich oder besonders gegen Italien das Thema auf die Straße und betonten auch sonst jede Art von Unterstützung zugunsten der Auslandsdeutschen an. Im Mittelpunkt des Interesses dieser Aktionsgemeinschaft stand im Grunde genommen über die gesamte Dauer der Weimarer Zeit das Minderheitenproblem in Polen, zu dessen Gunsten das Deutsche Reich durch die Versailler Verträge die größten Gebietsverluste hatte hinnehmen müssen und dessen Staatsgebiet die größte deutsche Minderheit lebte.

Die Frage Südtirol spielte im Gegensatz dazu auf Reichsebene eine eher untergeordnete Rolle, lediglich regional, in Bayern, wurde sie gleichrangig behandelt. 1925/26 jedoch rückte eine solche Aktionsgemeinschaft auch in der Südtirolfrage ins Blickfeld der deutschen Öffentlichkeit, als ihre Tätigkeit auf diplomatischer Ebene Schwierigkeiten zwischen dem Deutschen Reich und Italien hervorrief. Um die Bedingungen ihrer Formierung genauer untersuche zu können, muss zunächst das Problem, das sich in und durch Südtirol stellte, skizziert werden. Daher befasst sich  der 28. Sandwirtsbrief mit dem Südtirolproblem in der Zeit von 1918 – 1922 - die sogenannten „liberalen Jahre“ sowie den Jahren unter dem Faschismus 1922 -1933.

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