Der Konflikt zwischen der NSDAP und dem ANDREAS HOFER – BUND in den Jahren 1931/32

Die NSDAP existierte in Tirol seit 1919/20, seit der Gründung einer Ortsgruppe in Innsbruck, war sie aber für lange Jahre bedeutungslos; meist agierte sie im Schlepptau der Heimatwehr.

Im Jahre 1926 erfolgte die Eingliederung der österreichischen Organisation als „Landesverband Österreich“ in die deutsche „NSDAP – Hitlerbewegung“, konnte aber trotzdem kaum Erfolge verzeichnen (Nationalratswahlen 1927).

Mit dem Erfolg in Deutschland begann auch der Aufstieg der NSDAP (National Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei) in Österreich und Tirol, die aus dem Schatten der Heimwehr heraustrat. Mit diesem Bedeutungszuwachs verschärfte sich der Streit seit dem Beginn der 30er Jahre zwischen dem Andreas Hofer – Bund und der NSDAP.

Dazu kam noch, dass Innsbruck, der Standort des Hoferbundes, das Zentrum der Südtirolpolitik war, der Ort, wie Mersi schreibt, „wo alle Fäden (…) aus Deutschland, Österreich und Südtirol selbst zusammenliefen, und es war auch der Ort, in dem unter dem Eindruck des Nationalsozialismus die heftigsten Gefechte über die Haltung zu Südtirol entbrannten“.

Dabei muss aber eines hervorgehoben werden, nämlich, dass diese Auseinandersetzung  vor allem von der Bundesleitung des Andreas Hofer – Bundes getragen wurden, während viele Mitglieder dieses Vereins der NSDAP angehörten und ein allzuscharfes Vorgehen gegen die Nationalsozialisten deshalb ablehnten, wodurch es innerhalb des  Andreas Hofer – Bundes  ebenfalls zu Konflikten kam.

Einige Bundesgruppen, die mit der Haltung, die die Bundesleitung gegenüber der NSDAP einnahm, nicht einverstanden waren, erhoben sogar den Vorwurf, dass sie sich einer parteipolitischen Einstellung schuldig machen würden, was diese aber entschieden bestritt.

In Bezug auf die Kritik an ihrer Haltung zur NSDAP erklärte man, “daß die Bundesleitung nicht etwa aus eigensüchtigen Beweggründen einzelner ihrer Mitglieder geleitet wurde, sondern einzig und allein vom Bestreben, den Gedanken an unsere verlorene Heimat nicht durch politische, besser gesagt parteipolitische Einstellungen verblassen zu lassen“.

Für die meisten Vorstandsmitglieder des Andreas Hofer – Bundes war die Südtirolfrage eine tirolische Angelegenheit, für die die Gründung des Bundes vorgenommen worden war und in dessen Satzung der Kampf für diese Sache in erster Linie verlangt wurde.

Daher mussten nach dem Verständnis der Bundesleitung auch die Nationalsozialisten, solange diese auf ihrer Südtirolpolitik beharren, konsequent als Gegner angesehen und bekämpft werden, nie aber darf der allenfalls persönliche Standpunkt in der Einstellung zur NSDAP die sachliche Erwägung beeinflussen.

Dabei hatte die NSDAP wegen der Einstellung Hitlers zur Südtirolfrage in Tirol einen schweren Stand, da man auf den Widerstand der Bevölkerung stieß; die propagandistische organisatorische Führung der Gegenbewegung oblag dem Andreas Hofer – Bund, den Ostmärkischen Sturmscharen und den Kaiserjägern. Dennoch gelang es der NSDAP, im Laufe der Jahre durch geschicktes Taktieren weite Teile der Bevölkerung auf ihre Seite zu bringen; so betrieb die westösterreichische NSDAP eine antiitalienische Propaganda, die sich gegen den Status Italiens als Garant der österreichischen Unabhängigkeit richtete, setzte man sich doch für den Anschluss ein; weiters vermochte man den Eindruck zu erwecken, der wahre Verräter an Südtirol wäre die österreichische Regierung, die sich Italien verkauft hätte; eine Argument, auf das die Bevölkerung Tirols einging, fühlte man sich doch tatsächlich von Wien im Stich gelassen. Im Jänner 1931 wollte der Hoferbund bereits eine Kampagne gegen die Nationalsozialisten starten, blies sie aber ab, da ihm  Landeshauptmann Stumpf seine Unterstützung versagte.

Erstmals wirklich akut wurde das Problem für den Andreas Hofer – Bund mit der Reaktion der NS-Reichsparteileitung bzw. von Hitler selbst auf die Rede des NS-Abgeordneten Dr. Frank aus München im Innsbrucker Stadtsaal 1931, die vor allem in der italienischen Presse großen Widerhall fanden. Dr. Reut – Nicolussi und Ernst Mumelter vom Vorstand des Andreas Hofer – Bundes versuchten daraufhin, in München mit der nationalsozialistischen Partei in Verbindung zu treten, was ihnen insofern gelang, dass sie mit General Epp und Oberst Haselmayr von der NSDAP eine Besprechung hatten, die aber zu keinem befriedigenden Ergebnis  führte.

Im Herbst 1931 unternahm man von Seiten des Andreas Hofer – Bundes einen neuerlichen Versuch, die Angelegenheit auf friedlichem Wege zu bereinigen, indem man eine Aussprache mit Hitler selbst herbeiführen wollte. Zu diesem Zweck ersuchte eine Delegation, bei der man bewusst auf die beiden Angehörigen des Vorstandes Dr. Pembaur von der Großdeutschen Volkspartei und Hohenbruck von der Christlichsozialen Partei verzichtete, um jeden parteimäßigen Anschein zu vermeiden, am 16. Oktober  den NS-Gauleiter von Tirol Ing. Rudolf Riedl ein Gespräch mit Hitler zu vermitteln, wozu sich Riedl auch bereit erklärte. Nachdem der Andreas Hofer – Bund längere Zeit vergeblich auf eine Antwort gewartet hatte, fragte man erneut bei Riedl an, der aber nur erklärte, er hätte die Bitte weitergeleitet.

Währen die Verhandlungen mit der NSDAP noch im Gange waren, kam es am 30. November bei einer Versammlung der christlichsozialen Partei im Innsbrucker Stadtsaal, an der auch Anhänger der NS Partei und der Ostmärkischen Sturmscharen teilnahmen, zu einem Eklat, als bei der Rede des Abgeordneten Kolb über die Südtirolfrage Tumulte ausbrachen, so dass dieser nicht mehr in der Lage war, seine Rede fortzusetzen.

Das veranlasste den Andreas Hofer – Bund zu folgender Stellungnahme in der Tiroler Presse, die sich hauptsächlich gegen die Nationalsozialisten richtete, aber auch Christlichsozialen betraf, denen er vorwarf, das Südtirolproblem mit der Parteipolitik verknüpft zu haben. Damit zeigte die Bundesleitung durchaus, dass sie ihrem Anspruch, eine überparteiliche Einstellung zu besitzen, gerecht wurde, und sich gegen jeden wandte, der der Südtirolsache, bewusst  oder unbewusst, schadet. Der Andreas Hofer – Bund für Tirol bedauert auf das Lebhafteste, dass durch den Verlauf der montägigen Versammlung im Stadtsaal zu Innsbruck die Südtiroler Frage zum Mittelpunkt eines öffentlichen Skandals gemacht wurde. Das traurige Schicksal unserer Südtiroler Brüder sollte jedem Tiroler und überhaupt jedem Deutschen viel zu nahe gehen, als dass es in den Kampf der Parteien und in den Streit um die Staatsform hineingezogen werden dürfte. Jedes Wort über das Leid der Südtiroler sollte achtungsvollst angehört werden, gleichviel welcher Gruppe oder welcher Partei der Redner angehört. Der Andreas Hofer – Bund steht als Vertreter der Südtiroler Belange über den Parteien und muß die unglückliche Verquickung der Südtiroler Frage mit Staats- und politischen Zielsetzungen auf das entschiedenste ablehnen. Er muß aber auch schärfstens verurteilen, dass eine Darstellung der Südtiroler Frage durch einen Tiroler Redner von vornherein durch wüste Lärmszenen unmöglich gemacht wurde. Der Andreas Hofer – Bund für Tirol wird deshalb alle ihm notwendig erscheinenden Schritte unternehmen, um eine Wiederholung derartiger, für das Ansehen unseres Landes höchst schädliche Vorkommnisse in Hinkunft zu verhindern.

Als von der Gauleitung Tirol weiterhin nichts zu hören war, nahm Dr. Reut – Nicolussi schließlich neuerlich Kontakt mit der NSDAP – München  auf und vereinbarte mit Oberst Haslmayr für den 4. Dezember 1931 eine weitere Aussprache, die aber von den Nationalsozialisten abgesagt wurden. Daraufhin erklärte der Andreas Hofer – Bund in einem Schreiben vom 3. Dezember an den Gauleiter Riedl die Vermittlungsversuche für gescheitert. Dieser Schritt war für die Bundesleitung nach eigenen Aussagen notwendig geworden, um in seiner Tätigkeit freie Hand zu haben, denn solange Verhandlungen mit den Nationalsozialisten im Gange waren, wäre ein offenes Auftreten gegen die NSDAP, ein Akt der Unhöflichkeit gewesen“.

Am nächsten Tag ließ der Andreas Hofer – Bund in der Innsbrucker Tagespresse eine Erklärung folgen, in der die Bevölkerung über die Versuche des Andreas Hofer – Bundes, die Südtirolfrage aus dem Parteienstreit herauszuhalten sowie in dieser Frage zumindest auf Tiroler Boden eine einheitliche Auffassung  mit den Nationalsozialisten zu erreichen, informiert wurde. Man wies darauf hin, dass trotz Zusage des Gauleiters Riedl, seine Partei werde eine klare Stellungsnahme abgeben, kein Gespräch mit Hitler zustande gekommen war. Diese Erklärung endete mit der Feststellung des Andreas Hofer – Bundes, nachdem er alles getan hätte, „was er mit seiner nationalen Pflichten vereinbaren kann, um auch von der Hitlerbewegung eine der Tiroler Auffassung entsprechende Haltung in der Südtiroler  Frage zu erzielen, muß er hiermit die eingeleiteten Verhandlungen als von der nationalsozialistischen Seite abgebrochen betrachten, dies umsomehr, als die Vorkommnisse in der Stadtsaalversammlung am 30. November und die Errichtung nationalsozialistische Ortsgruppen in Südtirol leider neuerdings die gegenseitige Einstellung in der Südtiroler Frage eindeutig bewiesen haben“.

Am 19. Dezember 1931 trat die Bundesversammlung in einem größeren Umfang zusammen, um über die weiteren Maßnahmen zu beraten, die man gegen die NSDAP unternehmen sollte. Darüber, dass der „Kampf“ gegen die Nationalsozialisten weitergeführt werden musste, herrschte im Vorstand Einstimmigkeit, der Beschluss lautete schließlich, dass „alle Mittel zu versuchen seien, die geeignet erscheinen, diesen Kampf mit Erfolg durchzuführen.“

Zu diesem Zweck wurde dann noch ein spezieller Aktionsausschuss eingesetzt, dem das Vorgehen in dieser Sache überantwortet wurde.

Letztlich machte der Andreas Hofer – Bund aber doch einen Rückzieher, indem er diese Entscheidung vom 19. Dezember zurückzog bzw. abmilderte, da es nicht zu leugnen wäre, „dass unsere Südtiroler eine allzuscharfe Stellungnahme gegen die NSDAP nicht wünschen“. Trotz dieser Zurückhaltung, die man sich auferlegen wollte, um den Wünschen der Südtiroler gerecht zu werden, blieb grundsätzlich die Ansicht im Bundesvorstand bestehen, dass die Bekämpfung der Nationalsozialisten weitergehen musste, da die Verhandlungen im Herbst / Winter 1931 ergebnislos geblieben waren.

Neben dem Einsatz des Hoferbundes in dieser Angelegenheit bemühten sich auch die beiden großen deutschen Verbände DSB und VDA um ein Übereinkommen mit der NSDAP. Zu diesem Zweck hatten am 9. November  1931 und am 24. Jänner 1932 zwei Gesprächsrunden (an letzterer hatte Graf Bossi-Fedrigotti, Rumpf und Badenik vom VDA Berlin bzw. die Nationalsozialisten Rosenberg, Hinkel und Schickedanz teilgenommen) stattgefunden, mit deren Ergebnissen beide Seiten eigentlich unzufrieden waren (Rosenberg anerkannte Südtirol als ein deutsches „Volksgebiet“, aber aus Rücksicht auf eine zukünftige Annäherung Italiens an Deutschland sollte vorerst auf ein Aufrollen dieser Frage verzichtet werden; die Äußerungen Hitlers hielt Rosenberg für „wenig glücklich“.

Der Andreas Hofer – Bund allerdings fühlte sich, wie es sich noch zeigen sollte, daran nicht gebunden.

Durch die Einschaltung der Arbeitsstelle war es auch weitgehend gelungen, die Südtirolfrage im Jänner 1932 aus dem deutschen Wahlkampf herauszuhalten; die deutschen Sozialdemokraten hatten in Berlin Kundgebungen mit Pater Innerkofler als Redner geplant, woraufhin die NSDAP  eine Gegenveranstaltung ankündigte.

Mumelter von der Arbeitsstelle nahm Kontakt zum nationalsozialistischen Abgeordneten Hans Hinkel auf, der die Kundgebung organisierte sollte. Es gelang dem Leiter der Arbeitsstelle für Südtirol, Hinkel zu überzeugen, dass Innerkofler nicht als Vertreter der Südtirolvereine auftreten würde; Innerkofler verzichtete dann auch selbst auf Angriffe gegen die NSDAP, um die von Mumelter erreichte Entschärfung der Lage nicht zu gefährden.

Ein Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen dem Andreas Hofer – Bund und der NSDAP war sicherlich die Schrift „Tirol und Hitler“, die der Bund im Jahre 1932 gemeinsam mit der Arbeitsstelle, dem die publizistische Tätigkeit für Südtirol unterstand, herausgab, und in der er gegen die nationalsozialistische Bewegung unter dem Untertitel „Gemeinsames und Trennendes“ Stellung bezog.

In dieser Schrift, die man durchaus als eine Kampfschrift  bezeichnen kann, wenn auch der Andreas Hofer – Bund die Behauptung aufstellte es wäre „kein parteipolitisch eingestelltes Blatt, es stehe allen deutschen freundlich gegenüber, die es mit Südtirol ehrlich meinen“, wurden die meisten der angeführten Aussagen der NSDAP bzw. ihres Führers aufgelistet und auch kommentiert.

Laut Andreas Hofer – Bund sollte diese Schrift „den Schlusspunkt der augenblicklichen Auseinandersetzunge mit der NSDAP bedeuten“. Dass der Inhalt genau das Gegenteil zur Folge haben würde, musste den Verantwortlichen aber von Anfang an klar gewesen sein. Mit dieser Informationsschrift erregte man aber nicht nur den Unwillen der NS Anhänger, sondern sie führte auch zu einem Konflikt mit dem VDA, der sich unter seinem Vorsitzenden Dr. Gessler zugunsten der Nationalsozialisten aussprach. Dieser befürchtete, dass das eigene Abkommen mit der NSDAP durch den Alleingang des Andreas Hofer – Bundes zum Scheitern verurteilt sein könnte.

Laut Beschluss der Vorstandssitzung des Andreas Hofer – Bundes in Innsbruck vom 8. Februar erschien diese Kampfschrift als Leitartikel in der Folge 3 der Zeitung „Der Südtiroler“ und sollte in einer Auflage von 10.000 Stück in ganz Tirol verbreitet werden. Die Verteilung erfolgte auch sofort nach der Drucklegung, außer in Innsbruck, wo sie sich wegen der Erkrankung des Geschäftsführers verzögert hatte.  Zu diesem Zeitpunkt ersuchte  Reichsminister Dr. Gessler in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des VDA den Andreas Hofer – Bund dringendst, mit Rücksicht auf den „Burgfrieden“, den man gemeinsam mit dem DSB und der NSDAP ausgehandelt hatte, diese Schrift unter allen Umständen zurückzuhalten.

Der Andreas Hofer –Bund lehnte dieses Ansinnen, das sowieso nur mehr die für Innsbruck bestimmten Exemplare betroffen hätte, da die anderen bereits ausgesendet worden waren, mit der Begründung, „der AHB ist als politischer Kampfbund für die Rechte Deutsch - Tirols gegründet worden und hat  bisher im Gegensatz zum VDA vorwiegend mit der politischen Seite der Tirolerfrage befasst, die kulturelle Betreuung hingegen dem VDA überlassen. So wird die Aufgabe des AHB in Tirol aufgefasst, und wir halten uns verpflichtet, der politischen Seite unserer Heimatfrage nach wie vor das größte Augenmerk zuzuwenden “, kategorisch ab.

Auch die Darstellung Dr. Gesslers, es hätte ein „Burgfrieden“ bestanden, wurde entschieden zurückgewiesen, da die Gespräche, die zwischen den Nationalsozialisten unter der Führung von Adolf Rosenberg, dem Schriftleiter des NS-Organs „Völkischer Beobachter“, und dem Abgeordneten Hinkl auf der einen Seite und dem Grafen Bossi  - Fedrigotti, als Vertreter für Südtirol, sowie einem Mitglied  der Hauptleitung des VDA, Herr Badenik, auf der anderen Seite in Berlin geführt worden waren, und die einen gewissen Abschluss gebracht hatten, rein privater Natur gewesen wären, weil der Andreas Hofer -  Bund, ebenso die Arbeitsstelle, weder vorher noch nachher offiziell davon unterrichtet worden waren.

Zwar gestand man diesen „privaten“ Bemühungen zu, dass sie dankenswert wären, „indessen wird man dem AHB nicht verargen können, wenn er derartige ohne Fühlungnahme mit Tirol getroffene Vereinbarungen als für sich vorerst einmal formell gewiss nicht verpflichtend  annehmen kann

Gegenüber dem VDA betonte man aber nicht nur, dass dessen Aufgaben bezüglich Südtirol nur die kulturellen Seiten zu betreffen hätten, sondern vor allem, dass sie Südtirolfrage in Tirol „hinsichtlich der Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten ihre  besondere Färbung besitzt, daß hier auf die lokalen Strömungen,  Gegensätze und Empfindlichkeiten anderer Rücksicht genommen werden muß als im Reich.

Indirekt kritisierte man auch den VDA wegen seiner Haltung zu den Nationalsozialisten mit der  Feststellung, „wenn es also für reichsdeutsche Verhältnisse belanglos sein mag, ob sich die Nationalsozialisten untereinander des Faschistengrußes bedienen, so ist hingegen in Tirol darin ein Akt der Herausforderung zu erblicken, der die besten Kreise der Bevölkerung ständig reizen und erbittern wird, auch wenn im übrigen die schönsten Erklärungen der Partei vorliegen würden“.

Aber man beabsichtigte, wie man Gessler erklärte, dadurch eine Bereinigung des Konfliktes mit der NSDAP, wollte aber im Interesse einer wahren Verständigung auch zu solchen Verhandlungen zugezogen werden, das Recht dazu hätte man sich ja durch eine 14-jährige Arbeit für Südtirol erworben.

Andererseits hielt der Andreas Hofer – Bund die stattgefundenen Verhandlungen durch Graf Bossi-Fedrigotti und den VDA bereits für gescheitert, da nach seine Auffassung der Gegner durch seine Unzuverlässigkeit den angeblichen Burgfrieden noch am Tage der Besprechung gebrochen hätte, weil die nationalsozialistische Parteikorrespondenz über diese Unterredung  eine „Falschmeldung“ mit dem Titel „Die Südtiroler treu zu Adolf Hitler“, der Zentrumshetzer Pater Innerkofler bloßgestellt“ verbreitet hatte, der am 15. Februar im Presseorgan der NSDAP, dem „Völkischen Beobachter“, noch ein entsprechender Artikel folgte. Gegen diese Verunglimpfung Innerkoflers, des Obmannes der Wiener AHB-Bundesgruppe, verwahrte man sich entschieden.

Darüberhinaus warf man den Nationalsozialisten noch ein südtirolverhöhnendes Verhalten vor, da diese nach dem Vortrag von Graf Bossi-Fedrigotti in Chemnitz einen faschistischen Gegenredner in Uniform zum Rednerpult geleitet hatten.

Wegen dieses Streites mit den Nationalsozialisten waren die Südtirolvereine angeblich an den VDA herangetreten, damit er in der Person seines Vorsitzenden Dr. Gessler vermitteln würde, womit jener grundsätzlich einverstanden war, weil man ja auf das gleiche Ziel hinarbeiten würde, „die Deutschen Südtiroler dem deutschen Volkstum erhalten bis zu dem Tag, wo dieses schöne Land auch staatlich zur deutschen Volksgemeinschaft zurückkehren kann“. Aber solche Vermittlungsversuche Gesslers erschienen der AHB-Bundesleitung in Innsbruck schon deshalb als sinnlos, da Gessler sich  im Grunde auf die Seite der Nationalsozialisten  gestellt hatte, als er nach einem Vortrag am 17. März 1932 in Köln den AHB-Vertretern Dr. Reut-Nikolussi und Ernst Mumelter erneut  den Vorwurf machte, den Burgfrieden nicht eingehalten zu haben, sowie ihnen überhaupt unterstellte, die Auffassung der in Südtirol lebenden Deutschen nicht mehr zu repräsentieren. Schließlich verweigerte Gessler dem Hoferbund seine Unterstützung, damit der VDA nicht in diesen Streit hineingezogen würde; und zwar mit der Ausrede, dass die Mitglieder des VDA sich  aus praktisch allen Parteien des Reiches rekrutierten, also auch aus den Reihen der Nationalsozialisten, auf die man Rücksicht zu nehmen hätte. Ein Eingriff zugunsten des Andreas Hofer – Bundes würde die Arbeit des VDA für Südtirol auf das ernsteste gefährden. Als eine weitere Begründung seiner abweisenden Haltung gab er noch an, „ an deutschem Bruderkampf wolle und könne wir uns nicht beteiligen. 

Im Klartext hieß das, dass er sich weigerte, für den Andreas Hofer Bund in dieser Situation die Partei zu ergreifen, weil er sich bereits für die NSDAP entschieden hatte.

An und für sich erklärte der Andreas Hofer – Bund  zu einer Verständigung mit der NSDAP bereit, nahm durch die Vorstandmitglieder Dr. Reut – Nikolussi und Ernst Mumelter auch wieder Kontakt auf, die zu Gesprächen mit der NS-Gauleitung Tirol sowie Vertreten der Hitlerbewegung in München führten, aber man stellte von Anfang an klar, dass wir uns für die Südtirolsache nur dann einen Erfolg versprechen, wenn es gelingt, Herrn Hitler von seiner bisherigen verhängnisvollen Linie in der Südtirolfrage abzubringen.

Tatsächlich  gelang es den  beiden Vertretern  des Andreas Hofer – Bundes durch Vermittlung von Münchner Freunden endlich eine Unterredung mit Adolf Hitler herbeizuführen, die dann am 30. März 1932 im „Braunen Haus“ in der Briennstraße in München stattfand. (siehe Artikel „ Die Südtiroler bei Hitler. Die Begegnung Dr. Eduart  Reut – Nicolussi mit Adolf Hitler Ostern 1932 in München“ als Beilage zur Monatsmitteilung des AHBT vom 01. September 2008).

Nach dem ergebnislosen Verlauf dieses Gespräches mit dem Führer der NSDAP selbst (wenn man auch feststellen konnte, dass Hitlers Weg in der Südtirolfrage in seiner Partei nicht ganz unumstritten war) blieb dem Andreas Hofer – Bund nichts anderes übrig, als weiterhin seine bisherige Taktik zu verfolgen, d.h. „der

Andreas Hofer Bund unternimmt gegen die NSDAP, solange diese die Südtiroler Frage nicht wieder anschneidet, nichts, sondern wartet wachsam den Verlauf der Dinge ab“. Weiter Konflikte waren damit vorprogrammiert, im Sommer folgte der nächste Zusammenstoß.

Diesmal griff der Andreas Hofer – Bund auch in den politischen Kampf zwischen der Christlichsozialen Partei und der NSDAP ein. Diese beiden Parteien werfen einander gegenseitig vor, Südtirol verraten zu haben. Dr. Gamper von der Christlichsozialen Partei und Dr. Lantschner von den Nationalsozialisten lieferten sich in ihren Blättern, dem den Christlichsozialen  nahe stehendem „Tiroler Anzeiger“ bzw. dem nationalsozialistisch gefärbten „Innsbrucker Nachrichten“, regelrechte Artikelduelle. Dr. Gamper gab im „Tiroler Anzeiger“ vom 26. Juli 1932 in einer Erklärung für seine Person ein offenes Bekenntnis zu Südtirol ab, von der der Andreas Hofer – Bund „mit Freuden“ Kenntnis nahm., stand es doch im Gegensatz zum üblichen Schweigen der Christlichsozialen, die ja die staatstragende Partei in Österreich bildeten, in der Südtirolproblematik; außerdem wertete der Bund diese Aussage überhaupt als Bekenntnis der Partei Dr. Gampers (zumindest als das der Tiroler Christlichsozialen).

Für diese Stellungnahme drückte der Andreas Hofer – Bund Dr. Gamper offiziell seinen Dank aus und richtete an die Obmänner der anderen Parteien in Tirol, des Bürgerlichen Städtebundes, der Großdeutschen Volkspartei, der Sozialdemokratischen Partei in Tirol und ebenso der NSDAP, die Bitte, eine gleichlautende Erklärung abzugeben.

Währen unter anderem selbst die Sozialdemokratische Partei, der „rote Erzfeind“ der Christlichsozialen, dieser Aufforderung nachkam und mitteilen ließ, sie hätte „seit dem Tag, als Südtirol auf Grund der „Friedensverträge“ Italien zugesprochen wurde, gegen die Vergewaltigung Deutschsüdtirols in Wort und Schrift Protest erhoben und wird dies fernerhin zu jedem geeigneten Zeitpunkt tun“, reagierte die NSDAP auf dieses Ansinnen völlig konträr. Sie erklärte dem Andreas Hofer – Bund, dass sie die Äußerungen Dr. Gampers, dem sie noch einen „unqualifizierten und gehässigen Angriff gegen eine angesehene Tiroler Persönlichkeit, wie es unser Dr. Lantschner ist“, zur Last legten, als Auslassung ansähen die sie aber nicht als amtliche Auslassung der Christlichsozialen Partei (obwohl diese ihr politischer Gegner währe)  einstufen würde; des weiteren würde sie sich weigern, „mit der bekannt vaterlandfeindlichen Partei der Sozialdemokraten eine gemeinsame Erklärung abzugeben.

Aus diesem Schreiben ist deutlich ersichtlich, wie die NSDAP-Leitung in Tirol es vermeiden wollte, zur Südtirolfrage auf offizielle Weise Stellung zu beziehen; anstatt einer, wie auch immer gearteten, klaren Aussage zu diesem Thema beschränkte sie sich darauf andere Parteien anzugreifen.

Nach einer längeren Unterbrechung der Verhandlungen mit den Nationalsozialisten nahm schließlich das AHB- Mitglied Dr. Pembaur als Privatperson Verhandlungen mit den Nationalsozialisten auf, um sie für eine Mitarbeit in der Südtirolsache zu gewinnen. Er schlug ihnen eine Art Burgfrieden  vor, demzufolge der Andreas Hofer – Bund sich verpflichten sollte, unter das Vergangene einen Strich zu ziehen und weitere Angriffe auf die NSDAP zu unterlassen (wobei er sich aber vorbehielt, bei Vorkommnissen, die das Ansehen Tirols und Südtirols schädigen, dies in der Öffentlichkeit aufzuzeigen). Die Nationalsozialisten sollten ihrerseits zwei ihrer Vertreter in den mit dem AHB verknüpften Deutschen Schulverein Südmark entsenden, deren Aufgabe es sein sollte, in der NSDAP eine positive Einstellung zu erreichen. 

In der Vorstandssitzung des AHB vom 17. Oktober 1932 wurde dieser Schritt Pembaurs gut geheißen, man schlug sogar vor, dass man Nationalsozialisten anbieten sollte, auch im AHB mitzuarbeiten. An 26. Oktober wurden dann zwei Nationalsozialisten, der Gendarmerie-Oberinspektor Albert und der Major d.R. Lap, in den Bundesvorstand gewählt.   

Damit schien der Weg für eine Zusammenarbeit geebnet, aber drei Tage später kam es wieder zu einem Bruch, nachdem bekannt geworden war, dass an der Feier der Faschistischen  am „Siegesdenkmal“ in Bozen 30 Nationalsozialisten in Uniform teilgenommen haben. (siehe Beilage „Tirol. Gegen Faschismus und Nazismus“ in der Mitteilung unseres Bundes vom 01. Juli 2008.)

Der Andreas Hofer – Bund verurteilte das Auftreten der Nationalsozialisten mit scharfen Worten. „Wenn heutzutage Mitglieder einer großen deutschen Partei auf der Treppe dieses Siegesdenkmals inmitten italienischer Frontkämpfer jeder Waffengattung sich huldigend aufstellen, so reihen sie sich damit von selber unter die Feind  tirolerischen Lebens und Erlebens ein und haben das Rech verloren, sich fortan Sachwalter des deutschen Volkes zu nennen. Der Andreas Hoferbund spricht seine tiefste Empörung über ein solches Verhalten aus, für das er keine geeignete deutsche Bezeichnung findet. 

 Diese Vorkommnisse schienen selbst der Führung der NSDAP zu weit gegangen zu sein, denn auf eine Anfrage des VDA gab die Reichsparteileitung eine Pressesendung heraus, in der man versicherte, dass es sich bei dieser Gruppe um keine offizielle Abordnung  der NSDAP handelte, …dass ihnen nicht bewusst wurde, sich an die Stufen des Siegesdenkmal zu stellen, als sie der als Ehrung gedachten Einladung der Faschisten Folge leisteten, den Vorbeimarsch mitabzunehmen. Sie würden eine bewusste Handlung dieser Art selbst ebenso scharf missbilligen, wie die Reichsleitung“.

Nachdem dieser Vorfall tatsächlich von den Nationalsozialisten, noch dazu von der Parteileitung selbst, bedauert worden war (so fadenscheinig die Entschuldigung auch klingen mochte), konnte der Versuch einer gemeinsamen Zusammenarbeit im AHBT fortgesetzt werden.

Viele wollten damit erreichen, dass Rücksicht auf die Nationalsozialisten innerhalb des Hoferbundes genommen werde, da man satzungsgemäß dazu gezwungen wäre, sich streng unpolitisch zu verhalten und jede politische Frage vom Bund fernzuhalten, „um im Mitgliederstand nicht Verluste zu erleiden und so der Schutzarbeit für Südtirol zu schaden.

Dr. Pembaur, der maßgeblich die Gespräche mit der NSDAP  initiiert hatte, bestand nichtsdestotrotz auf den Forderungen des Hoferbundes, „dass die Ortsgruppen der NSDAP in Südtirol verschwinden. Es gehe nicht an, dass in Südtirol Mitglieder dieser Partei mit den Faschisten in Freundschaft verkehren, während Italien darangehe, die letzten Reste deutschen Volkstums auszurotten“. Aber um in dieser Hinsicht wirkliche Ergebnisse erreichen zu können, musste man nach Meinung zahlreicher AHB-Anhänger mit der NSDAP zu eine Übereinkunft kommen, die von beiden Seiten akzeptiert werden könnte. Mehrere Mitglieder glaubten aber, dass ein Abkommen nur dann zustande kommen würde, wenn man mit den Nationalsozialisten zurückhaltender umginge als bisher, d.h. dass vor allem Reut - Nicolussi wegen seiner betont unnachgiebigen Haltung unter vereinsinternen Beschuss geriet. Außerdem gaben viele der gemäßigteren  Mitglieder des Schutzvereines, wie Dr. Hohenbruck, Dr. Hauptpolter und Degische ihrer Sorge Ausdruck, dass die Arbeit des Bundes durch diese ewigen Angriffe auf die NSDAP nur leiden konnte, da man einerseits von den eigentlichen Zielen abgelenkt würde, und andererseits Gefahr laufen würde, in  politische Fahrwasser zu geraten, weshalb ein Burgfrieden zu empfehlen wäre.

Ganz im Gegensatz dazu Dr. Reut – Nicolussi, der derartigen Bestrebungen entgegenhielt.  „der AHB ist ein Kampfbund und als solcher geschaffen. Er muß wie ein wildes Pferd ausschlagen, ohne Rücksicht nach rechts und links. Jede Durchbrechung der Solidarität des deutschen Volkes in der Südtirolfrage ist so lange zu bekämpfen, bis diese Solidarität wieder hergestellt ist“.

Aber Dr. Reut – Nicolussi setzte sich mit seiner Auffassung vorerst nicht mehr durch, denn am außerordentlichen Vertretertag vom 3. und 4. Dezember 1932, auf dem die neue Linie beraten wurden, stellte Dr. Pembaur den Antrag, erneut zwei Nationalsozialisten, Oberinspektor Alber und Oberstleutnand a.D. Ferdinand Lützow, in den Bundesvorstand zu wählen. Trotz des heftigen Widerstandes Reut – Nicolussis der sich gegen eine Aufnahme zum damaligen Zeitpunkt aussprach, wie er die Auffassung vertrat, „erst wenn die Nat. Soz. Partei die natürliche und einzige mögliche Haltung zur Südtirolfrage einnehme, könne mit ihr gearbeitet werden“, wurde dieser Antrag von der Mehrheit angenommen.

Da  sich aber die Haltung der verantwortlichen Stellen der NSDAP, in erster Linie diejenige ihres Parteiführers Hitler, auch weiterhin nicht änderte, mussten dieses zaghaften Versuche, die genau genommen auch zu einer Verschärfung der Situation in den Reihen des Andreas Hofer – Bundes selbst geführt hatten, scheitern.   

Ing.Winfried Matuella
Schriftführer des Andreas Hofer–Bundes für Tirol.

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