Die faschistische Unterdrückung in Südtirol und die  Boykottbewegung von 1925/26

Ab 1921 begannen sich die Faschisten in Südtirol immer stärker bemerkbar zu machen.; am 16. Februar dieses Jahres kam es in Bozen zur Gründung der Bozner Fascio mit ca. 120 Mitgliedern, am 24. April ereignete sich der Anschlag auf einen Trachtenumzug (Blutsonntag); im August 1922 zwangen Faschisten die Meraner Gemeindeverwaltung sämtliche Gemeindekundgebungen zweisprachig herauszugeben, weiters italienisierte Straßenbezeichnungen den deutschen hinzuzufügen; am 2. September stellte man in Bozen dieselben Forderungen. Nach deren Ablehnung stürmten die Faschisten am 2.Oktober das Rathaus. Das passiver Verhalten der Sicherheitskräfte ermutigte die Faschisten am 4. / 5. Oktober zum Marsch auf Bozen, dem am 28.Oktober 1922 der Marsch auf Rom folgte.

In Nordtirol herrschte durch die zunehmende faschistische Agression Unruhe, Übergriffe auf Italiener in Innsbruck häuften sich etc., das Gerücht eines bevorstehenden italienischen Einmarsches trug nicht gerade dazu bei, die gespannte Lage zu entschärfen.

Bereits 1921 hatte der Andreas Hofer – Bund, nachdem die Faschisten der deutschen Bevölkerung Südtirols mit Vergeltungsmaßnahmen gedroht hatten, weil in Brixen das Fenster  eines italienischen Händlers eingeschlagen worden war, in einem offenen Brief  an Orlando Fiorenzo, dem Faschistenführer in Südtirol, darauf hingewiesen, dass man in Nordtirol ebenfalls zu derartigen Aktionen greifen könnte, da sich im Machtbereich unserer Organisation zahlreiche Reichsitaliener aufhalten und wir jede Verantwortung ablehnen, wenn an diesen für die unserer Brüder südlich des Brenners durch Ihre Leute zugefügten Freveltaten

Vergeltung geübt würde“; eine Drohgebärde, auf die der italienische Konsul mit einer Beschwerde an Landeshauptmann Schraffl reagierte.

Nach dem Marsch auf Bozen verschärfte sich die Situation, die Deutschvölkischen Arbeitsgemeinschaft veranstaltete am 6. Oktober 1922 auf der Maria-Theresienstraße eine Kundgebung, auf der der AHB-Obmann die Ansprache hielt, in der er die faschistischen Gewalttaten verurteilte.

In Südtirol selbst startete die neue faschistische Regierung Italiens ihr Entnationalisierungsprogramm. Mit dem königlichen Dekret vom 21. Jänner 1923 wurde die völlige Gleichschaltung der neugewonnenen Provinzen mit dem übrigen Italien bestimmt.

Zu Beginn des Jahres 1923 hatte es kurze Zeit noch nach einer Verständigung zwischen dem Deutschen Verband und den Faschisten  ausgesehen. Der Bozner Zivilkommissar Dr. Guerriero und der faschistische Provinzsekretär Barbesion hielten  mit den Vertretern des Deutschen Verbandes, den Abgeordneten  Graf Toggenburg und Dr. von Walther, mehrer Besprechungen ab, die zu einem Übereinkommen führten, in dem beide Seiten Zugeständnisse machten; nach Herre war dieses Programm „offensichtlich vom Willen der Verständigung beherrscht und seine loyale Verwirklichung hätte wohl ein friedliches Zusammenleben der beiden Völker möglich gemacht“, wenn auch der  Hintergedanke Italiens  dabei gewesen sein könnte, dass man auf  langsamen Weg eine Italienisierung erreichen hätte können. Für die Südtiroler  hätte diese Vereinbarung bedeutet, dass man ihnen zumindest die Rechte einer nationalen Minderheit zuerkannt hätte. Nachdem dieses Abkommen in der Öffentlichkeit bekannt geworden war, trat jedoch eine Wende ein. Innerhalb des faschistischen Lagers kam es zu schweren Auseinandersetzungen, insbesondere Tolomei bekämpfte diese Art der Verständigung und ihm gelang es, den Großen Rat, der das Abkommen verwarf, auf seine Seite zu bekommen.

Unterstützt  wurde Tolomeis Bestrebungen aber auch durch Kundgebungen nördlich des Brenners. Die radikalen Kräfte in Österreich und Deutschland lehnten diese Ausgleichsbemühungen der gemäßigten Südtiroler ebenfalls ab, „es kennzeichnet die ganz unpolitische und romantische Bewegung des Irredentismus (unter Irredentismus versteht man gemeinhin “eine 1866 nach der Einigung Italiens entstandenen Bewegung in den italienischsprachigen Gebieten Österreich-Ungarns, die den Anschluss erstrebten), wie er zu den Verständigungsbestrebungen in Südtirol Stellung nahm. Und hier war es vor allem der Andreas Hofer – Bund, der eine scharf ablehnende Stellung bezog; auf einer Kundgebung der bayrischen Landesgruppe des Vereins drückte man die Besorgnis aus,

dass um lokaler Vorteile willens die irredentistische Bewegung geschädigt werde. Die Südtiroler Frage sei eine Angelegenheit des ganzen Deutschtums. Man müsse hoffen, dass ein deutsch-italienischer Ausgleich nicht zustande käme, denn während die Südtiroler loyal sich daran hielten, würden die Italiener wie stets ihr Wort brechen. Der Andreas Hofer – Bund werde an seiner Aufgabe fortarbeiten: „Tirol frei und ungeteilt von Kufstein bis Salurn“.

Damit spielte man aber Männern wie Tolomei nur in die Hände, die derartige Aktionen geschickt für sich auszunützen verstanden. Die Angst der Italiener vor einem deutschen Irredentismus wurde dadurch nur geschürt und verhindere ein Entgegenkommen in der Frage von Erleichterungen für Südtirol bzw. konnte als Grund dafür vorgeschoben werden. Der sogenannte 1. Bozner Burgfrieden war damit gescheitert (1924/25 scheiterte ein 2. Bozner Burgfriede, den gemäßigte  Faschisten einzuleiten versuchten, nachdem die Lage in Italien etwas unruhiger geworden war, da nach der Ermordung Matteottis im Juni 1924 sich viele konservative Symphatisanten vom Faschismus distanzierten).

Am 15. Juli verkündigte Senator Tolomei bei einer Kundgebung im Stadttheater von Bozen sein 32 Punkte umfassendes Iitalienisierungsprogramm, das im Prinzip von der italienischen Regierung übernommen wurde.

Guadagnini, der Präfekt der Venizia Tridentina, trieb die Italienisierung des Südtiroler Schulwesens gegen den Willen von Unterrichtsminister Gentile voran, das Präfekturdekret vom 24. Dezember 1922 gestattete für einige Gemeinden südlich Bozens, die angeblich mehrheitlich von Italiener bewohnt worden waren, nur mehr italienische Elementarschulen. Mit weiteren Dekreten wurden andere Gemeinden Südtirols schrittweise in ihrem Schulwesen italienisiert. Gentile, der sich dem widersetzte, musste dem Druck von oben letztlich nachgeben, da sich Mussolini selbst für die Italienisierung der Elementarschulen ausgesprochen hatte. Die vollständige Beseitigung der deutschen  Volksschulen durch die Lex Gentile folgte am 1. Oktober 1923. Gentile ließ jedoch deutsche Anhangstunden zu (wenn auch diese Prinzip nie richtig funktionierte), diese wurden aber mit einem königlichen Dekret vom 22. November 1925 ebenfalls abgeschafft. Ein Ansuchen der Südtiroler auf deutschen Privatunterricht lehnte der Präfekt ab, da ein derartiger Unterricht gegen die Lex Gentalis verstoßen würde. Daraufhin organisierten mehrere Südtiroler, Kanonikus Gamper, Dr. Eduart Reut-Nikolussi, Karl Tinzl und der Rechtsanwalt Dr. Josef Noldin einen planmäßigen  deutschen Hausunterricht. Ein geheimes Dekret vom November 1925 hielt die italienischen Behörden dann an, gegen diesen Unterricht mit aller Härte vorzugehen.

Neben diesen Maßnahmen gegen das deutsche Schulwesen sollten noch die Südtiroler Wirtschaftorganisationen ausgeschalten werden. Der Versuch  eine Umwandlung des Südtiroler Bauernbundes in ein faschistisches Syndikat vom 3. April 1926 blieb allerdings praktisch einflusslos; mehrere Erfolge hatte man bei der landwirtschaftlichen Zentralkasse, die die 150 Südtiroler Raiffeisenkassen vereinigte, und die man an den faschistisch kontrollierten Sparkassenverband der Venezia Tridentina anschließen wollte, der „Kreditverbandanstalt für den Aufschwung der drei Venezien“. Diese gewährte Ende 1925 der Bozner Zentralkasse einen Kredit, den man unter Bruch der Vertragsbestimmungen kündigte; mit Hilfe der zentralen Finanzierungsstelle des Auslandsdeutschtums im Auswärtigen Amt in Berlin konnte diese Situation kurzzeitig überwunden werden, aber nach weiteren Problemen kam es am 31. Mai 1926 zum Zusammenbruch der Bank.

Weiters wurde die Handelskammer in Südtirol faschistisiert, die deutsche Presse am 8. Jänner  mit einer Vorzensur belegt, die zur Einstellung der Zeitungen führte, und schließlich auch die politischen Vertretungen der Deutschen in Südtirol, die Volkspartei, die Deutschfreiheitliche Partei und der Deutsche Verband per Dekret vom 9. November aufgelöst.

Bereits am 29. November 1923 hatte man durch ein Gesetz die Italienisierung der Ortsnamen angeordnet, worüber in Tirol größte Empörung ausbrach. Der Tiroler Landtag forderte das Einschreiten der Bundesregierung, Seipel wollte aber unter allen Umständen verhindern, dass es zu Problemen in den bilateralen Beziehungen kommt. Hinter seiner gegenüber Tirol ablehnenden Haltung standen handfeste gesamtstaatliche Interessen: Italien gehörte der Entente an, war einer der wichtigsten Handelspartner Österreichs und war sogar Gläubiger; dazu besaß Österreich keine rechtliche Grundlage, weil Italien nie bindende Verpflichtungen in Bezug auf den Minderheitenschutz eingegangen  war. Die Beseitigung des deutschsprachigen Unterrichts wurde von der österreichischen Regierung daher auch nicht verurteilt, aber in der österreichischen Presse war die Entrüstung umso größer. Die heftige Gegenreaktion in der italienischen Presse hat aber ihrerseits zur Folge, dass man  in Österreich seitens der Behörden eingriff, da man negative Folgen befürchtete.

Es entwickelte sich eine Art Teufelskreis, auf die italienische Unterdrückung in Südtirol antwortete der Tiroler Landtag am 12. November 1923 mit einem Protest, einem Appell an den Völkerbund und mit einer Kundgebung in Innsbruck.Tags darauf, woraufhin Italien bei Bundeskanzler Seipl  intervenierte, der in einer Rede im Nationalrad vom 21. November 1923 Italien zu beschwichtigen  suchte., was wiederum eine Verärgerung Tirols zur Folge hatte. Der Innsbrucker Gemeinderat beschloss Plätze, Straßen nach Südtiroler Städten zu benennen, (Boznerplatz, Meranerstraße usw. eigene ovale Tafeln mit Straßennamen, Tiroler Adler und einem Trauerflor) Italien protestierte wieder bei Seipl usw.

Die Situation spitzte sich so zu, dass im Herbst 1925 erneut Gerüchte aufkamen, eine Besetzung Nordtirols stünde bevor; die miteinander verfeindeten Wehrverbände Republikanischer Schutzverband (SPÖ) und Heimatwehr (Christlich Soziale) schlossen eine Vereinbarung, nach der sie im Falle eines Überfalles das Bundesheer unterstützen würden.

Nach dem Auslaufen der einseitigen Handelsbegünstigungen der Siegermächte in Deutschland 1925 waren Verhandlungen zwischen Rom und Berlin über die Verstärkung der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen angelaufen; Deutschland klammerte dabei die Südtirolfrage aus, da auch Italien keine Garantie für die Brennergrenze verlangte. Als die Schutzvereine, an ihrer Spitze der AHB München, von der deutschen Delegation die Berücksichtigung Südtirols im Vertrag forderte, lehnte Berlin dies entschieden ab, um die große wirtschaftliche Bedeutung des Abkommens nicht auf das Spiel zu setzen.

Bei den Verhandlungen in Locorno über einen neuen Sicherheitspakt in Europa versuchte Italien allerdings sehr wohl, die Brennergrenze mithineinzubringen; ursprünglich machte man den eigenen Beitritt zum geplanten Fünferpakt (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Belgien) von der Garantie der Grenze abhängig; Italien wollte die Methode der Unterdrückung von Minderheiten als Druckmittel auch in der Politik mit Deutschland anwenden.

Als im Februar 1925 diese Bedingung Italiens bekannt geworden war, stellten sich zahlreiche Kreise in Tirol und Bayern gegen diese Forderung. Sehr stark engagiert in dieser Diskussion war der AHB München , der gegenüber Reichskanzler Luther betonte, dass die einzig akzeptable Grenze für Deutschland bei Salurn läge und man niemals die Brennergrenze garantieren dürfte, da dies „als Preisgabe bayrischer Interessen an der Veränderung der Brennergrenze empfunden werde. In Österreich würde es einen schweren Schlag für den Anschuss desselben bedeuten und die Bestrebungen jener Kreise mächtig fördern, welche ihr Heil in einer Donaukonföderation erblicke.“

Ebenso protestierte der VDA gegen solche Garantien, das Auswärtige Amt hatte aber so und so nie vorgehabt, dem Druck Italiens nachzugeben. Bereits im Mai 1925 versicherte man gegenüber Carl von Loesch, den Vertreter des VDA, und Dr. Reut-Nicolussi von der Südtiroler Emigration anlässlich der Besprechung über die geplante Arbeitsstelle für Südtirol (deren Errichtung man auf die Zeit nach dem Abschluss Locoro-Vertrages verschob, um nicht italienische Bedenken zu erwecken), dass die Brennergrenze von deutscher Seite niemals garantiert würde.

Während der laufenden Verhandlungen über den Pakt verstärkten die Schutzverbände ihre Südtirolpropaganda, vom 29. Mai bis 4. Juni 1925 fand in Kufstein eine Tagung des VDA Berlin und des DSS Wien statt. Die Agitation  des AHB München führte zur Klage des italienischen Botschafters in Berlin bzw. des Generalkonsuls in München, hauptsächlich wegen der Teilnahme hochrangiger bayrischer Persönlichkeiten an der Veranstaltung des Andreas Hofer – Bundes. Man gab den Italienern zwar nur zu verstehen, diese wären in „privater“ Eigenschaft anwesend gewesen, aber man nahm die Sache doch ernst und bat die bayrische Staatsregierung, diese Veranstaltung entweder zu verbieten oder die Teilnahme amtlicher Würdenträger, die dem ganzen einen offiziellen Anstrich geben würden, zu verhindern (der deutsche Botschafter Neurath befürchtete eine italienisch-französische Annäherung); beides aber wurde von Bayern abgelehnt, die Südtirolpropaganda ging unvermindert weiter, die Initiatoren der Aktion waren Prof. K. Haushofer das Münchner AHB - Vorstandsmitglied Obermaier, der Vorsitzende des  AHB München Oberst Hörl und der Sekretär des VDA München Oberstleutnant Brückner.

Es gelang Italien nicht, seine Forderungen durchzusetzen, und als am 16. Oktober 1925 der Vertrag von Locorno unterzeichnet wurde, war Italien der eigentliche Verlierer, da die erwünschte Sicherung am Brenner und damit auch im Donauraum für die Expansionsbestrebungen im Mittelmeer und an der Adria ausblieb, für Deutschland dagegen bedeutete der Vertrag den Eintritt in den Völkerbund und den Beginn der Forcierung der Revisionspolitik gegen Polen, die Tschechaslowakei sowie in Bezug auf den Anschluss und Südtirol, da man durch das taktische Zurückhalten im Westen Frankreich beruhigt hatte.

Bis zum Herbst 1925 war die offizielle Politik der Weimarer Republik und das Verhalten der deutschen Presse gegenüber dem Südtirolproblem eher als schweigsam zu bezeichnen gewesen, nach dem Locarnovertrag beschäftigte sich auch die Presse in Deutschland verstärkt damit; schließlich wurde im Reichstag die Südtirolfrage mit den immer drückender werdenden Entnationalisierungsmaßnahmen behandelt; die Anschluss- und Revisionsabsichten Berlins nahmen in Folge des Locarno-Vertrages zu und gingen bald Hand in Hand mit der Verschärfung der Entnationalisierung in Südtirol, kurzfristig schienen auch die deutsch – italienischen Wirtschaftsbeziehungen bedroht; als eine weitere Gegenmaßnahme versuchte Italien seinen Einfluss in Österreich auszubauen (Einkauf in österreichische Gesellschaften, Niederlassung italienischer

Handels- und Speditionsfirmen, Aufbau einer Auslandsfascio in Nordtirol, Salzburg und Bayern, sowie der Versuch, den Innsbrucker Bahnhof und die Strecke Brenner- Kufstein in die Hand zu bekommen).

Die Berliner und Münchner Presse griffen Italien scharf an, der italienische Botschafter de Bosdari protestierte im Auswärtigen Amt in Berlin gegen diese Pressekampagne.

Anfang Jänner 1926 wurde in mehreren deutschen Städten zum Boykott des Reiseverkehrs nach Italien aufgerufen (u.a. wurden in Zügen nach Italien Flugzettel mit dem Titel „Zehn Gebote für den Südtirolfahrer“ verteilt), in München gründete ein Kreis süddeutscher Interlektueller, die dem Andreas Hofer – Bund nahestanden, am 14. Jänner 1926 ein Komitee zum Boykott italienischer Waren; in großen Teilen der Bevölkerung herrschte gegenüber diesen Maßnahmen weitgehende Zustimmung.

Mussolini antwortete auf diese antiitalienische Propaganda am 10. Jänner mit zwei Dekreten. Das erste sah die Wiederherstellung der Nachnamen mit scheinbaren italienischen und ladinischen Ursprung vor, das andere, ein Ausübungsdekret, ermöglichte den Behörden, Fremdstämmige, die die italienische Staatsbürgerschaft durch Option erworben hatten und sich dieser unwürdig erwiesen hätten, auszuweisen.

Die antiitalienische Stimmung wurde durch diese Maßnahme noch weiter angeheizt; die Boykottbewegung weitete sich in Deutschland und Österreich aus, das Zentrum dieser radikalen Kampagne war München. Die Träger des Boykotts waren in erster Linie der VDA und der Andreas Hofer – Bund, in Wien waren es der  Hoferbund und der DSS. Am 3. Februar 1926 hielt der Hoferbund  eine Versammlung ab, auf der der Chefredakteur des Südtiroler „Landsmann“ Dr. Klotz in einer Rede den Reise- und Warnboykott als Möglichkeit propagierte, Italien zum Einlenken zu zwingen; es schlossen sich ungefähr 160 Vereine zu einem Boykottkomitee zusammen.

Die ganze Bewegung war dem Auswärtigen Amt in Berlin längst entglitten. Nach einer Intervention des Generalsekretärs im italienischen Außenministerium Contarini, der mit Gegenboykott drohte, unternahm man alles, um weiter Eskalationen zu stoppen; wie ernst die Lage von Italien und Deutschland eingeschätzt wurde, zeigt die Reaktion des faschistischen Rates auf antideutsche Demonstrationen in Italien, wenn er den Parteimitgliedern die Teilnahme daran verbot, um die Entwicklung nicht ausarten zu lassen.

Das offizielle Deutschland seinerseits bemühte sich nun auch, die Boykottbewegung zu beenden. Als die Bundesgruppe München des Andreas Hofer – Bundes versuchte, die Bewegung mit der Behauptung, man hätte die Unterstützung der bayrischen Regierung, nach Innsbruck zu tragen, schritt Landeshauptmann Stumpf nach Vorsprache des deutschen Konsuls Radowitz dagegen ein. Ebenso unterband er die Attacke der Innsbrucker Presse gegen das Auswärtige Amt in Berlin; das die Boykottbewegung ja abgelehnt hatte.

Wieder einmal hatten sich die obersten Staatsstellen eingeschalten, um ein Eskalieren des Konfliktes zu verhindern. So versicherte der deutsche Außenminister Stresemann Mussolini, nachdem der bayrische Ministerpräsident Held sich für Südtirol stark gemacht hatte, das Deutsche Reich würde niemals die Loslösung Südtirols von Italien verlangen und verurteilte auch die Boykottbewegung. Die deutsche Presse stellte ihre Kampagne gegen Italien ein.

Ebenso reagierte der österreichische Bundeskanzler Ramek, nachdem Mussolini erklärt hatte, niemals den Brenner überqueren zu wollen; in einer Rede bedauert er zwar die Südtirolpolitik Italiens, lehnte aber die Boykottmaßnahmen ab und forderte die Presse auch auf, sie sollte Zurückhaltung in dieser Angelegenheit üben, um die Freundschaft zu Italien nicht zu gefährden. Seine Bezeichnung „Oberetsch“ für Südtirol löste aber nur einen weiteren Sturm der Entrüstung in Tirol aus.

Trotz der unnachgiebigen Haltung der deutschen und österreichischen Regierungen registrierte der Andreas Hofer – Bund  aber mit einer gewissen Befriedigung, dass die Boykottmaßnahmen in Italien durchaus eine Nervosität hervorgerufen hatten; sein Hauptanliegen, das Interesse der Welt an diesem Problem geweckt zu haben, hatte er auf jeden Fall erreicht; immerhin hatte sich der Reiseverkehr erheblich vermindert, und der italienische Export nach Deutschland war im Vergleich zum Vorjahr um 25 % geringer geworden.

Ing.Winfried Matuella
Schriftführer des Andreas Hofer–Bundes für Tirol.

Kommentare (0)

Passwort vergessen

Bitte geben Sie Ihre Emailadresse ein. Sie erhalten dann ein Email um ein um neues Passwort zu setzen.

Möchten Sie sich neu registrieren?

Dann klicken Sie bitte hier.

Registrierung