Der „Partito Popolare“ im Trentino 1914

War er irrententistisch oder austriacante. Versuch einer Antwort

Die Geschichte der politischen Parteien im Trentino vor 1914 ist bisher wenig von italienischer Seite und fast gar nicht von deutscher Seite behandelt worden. Zumindest mir ist darüber wenig bekannt. Über die seinerzeit sehr erfolgreiche Partei der Christlich-Sozialen im trientinischen Land, also über den „Patrio Popolare“ (=P.P.) findet man so wenig an deutschen Darstellung, weil sich die ziemlich reiche Literatur, die auch ein Funktionäre der ÖVP studieren sollte, nur mit dem Aufstieg der Christlich-Sozialen in deutsch-österrichischen Gebieten befasst. Im Königreich Italien hinderte die Bulle „Non expedit“ des Papstes Pius IX. bis in die ersten Jahre der Regierung Pius X, die Bildung einer großen christlichen eingestellten Partei, die an den Wahlen für die römische Kammer teilgenommen hätte. Erst im Jahre 1909 zogen 24 ausgesprochen nach der katholischen Weltanschauung ausgerichtete Abgeordnete am Monte Citorio in Rom ein. Der P.P. wurde im Regio gar erst im Jahre 1919 gegründet. Soweit ich Einblick habe, beschäftigt sich die reichsitalienische Literatur trotz aller sonstigen Betonungen der nationalen Gemeinsamkeit mit dem Trentino nicht mit der Geschichte des P.P. in Welschtirol.

Dieser verdankt es nur seiner Existenz innerhalb eines österreichischen Kronlandes, in dem alle Auswirkungen der Bulle „Non expidit“ nie gegolten hatten, und manchen Anregungen von den deutschösterreichischen Christlichsozialen, dass er der Entwicklung der christlichen Parteien im Regno (Italien) weit voraus war und so früh große Erfolge errungen hat. Es war kein Zufall, dass Dr. Alcide Degasperi mit seiner P.P.des Trentino und im österreichischen Abgeordnetenhaus gewonnenen Erfahrungen schon nach Don Sturzo der wichtigste Mann im neuen P.P. des Regno geworden ist.

Es fehlt hier der Raum, um über die wirtschaftliche Lage der Bauern des Trentino ausführlicher zu berichten. Es gab in einem Teil des Gebietes Bauern mit eigenem Besitz, die besser standen, im anderen Teil Pächter, Bauern ohne Grundeigentum, die größtenteils recht schlecht daran waren. Im Allgemeinen war aber das Bauerntum im Trentino relativ in einer günstigeren Lage als im Regno. Während ein sehr beträchtlicher Teil der armen Bauern, Pächter und Landarbeiter im Regno sozialistischen Parteien beitraten, verstand es der Klerus Welschtirols, den größten Teil der Bauern seines Landes in einer christlich eingestellten Partei, eben im P.P. festzuhalten. Die Geistlichkeit im Trentino stand aber auch sozial, nach der Höhe ihrer Bildung und zum Teil wirtschaftlich höher und besser als die im Regno, was sie wieder ihrer Zugehörigkeit zu einem Kronland der Monarchie verdankten. So genossen sie beim Volk größeres Ansehen und hatten auch größerer Führungsfähigkeiten. Heben wir also schon hier folgendes hervor: Ein guter Teil der Führer des P.P. bestanden aus Geistlichen des italienischen Anteils der Diözese Trient. Es war der Partei deswegen so leicht möglich, das offenen Land des Trentino fast lückenlos zu erfassen, weil sich viele Kleriker der Seelsorge, Pfarrer Kooperatoren, ihr durch verwaltungsmäßige Mithilfe und durch Einfluss auf die Bauern ihrer Gemeinden zur Verfügung stellten. Nicht wenige Angeordnete der Partei im Tiroler Landtag und im Wiener Abgeordnetenhaus waren Geistliche.

Von den Volksvertretern in Wien nenne ich an Klerikern den sehr bedeutenden Guido von Gentil, Baldassare Delugan und Giovanni Battisti Panizza. Daneben gab es als Parteiführer und -redakteuer auch katholisch eingestellte Akademiker, die Laien waren, wie vor allen Degasperi, Dr. Enrico Conci, Dr. Angelo Pinalli, Emanuele Lanzerotti, Bonfiglio Paolazzi und Albino Tonelli. Ein guter Teil der Volksschullehrer am Lande die in einer katholischen Lehrerverein zusammengeschlossen waren, arbeiteten für die P.P. Die Wähler der Partei waren vornehmlich die kleineren Güterbesitzer und die Bauern des Trentino, daneben auch Teile der Beamten und Angestellten und des Kleinbürgertums in den Städten und Märkten. In den Gemeinderäten dieser größeren Ortschaften Welschtirols hatten aber meistens noch die Nationalliberalen die Mehrheit.

Die Führer des P.P. hatten also eine unverbrauchte, nicht vom manchmal schädlichen Geist des Individualismus erfasste Wählermassen. Die Partei war in den breiten Schichten des Volkes verwurzelt und es war für sie ein Vorteil, dass im Wiener Abgeordnetenhaus im Jahre 1896 die 5. allgemeine Wählerkurie eingerichtet und dass im Jahre 1907 für dieses Haus das allgemeine Wahlrecht wenigstens für Männer eingeführt wurde. Dies war eine wesentliche Voraussetzung für den Aufstieg der Partei. Das Wahlrecht für die Landtage der Kronländer, also auch für den in Innsbruck blieb noch länger in seiner alten Form stecken. So wie in Deutschtirol die Christlichsozialen den Altkonservativen den größten Teil ihrer Wähler wegnahmen, so tat der P.P. im Trentino dasselbe, nur um etliche Jahre früher. Die Erfolge dieser Partei zogen aber auch einen Teil der Nationalisten des Trentino, hingegen nicht die dortigen Sozialisten zu ihr hinüber.

Der Volksverbundene Klerus nahm also im P.P. eine beherrschende Stellung ein. Dadurch wurde die Wählermasse, also vornehmlich die Bauern, in der Unterordnung unter die Kirche und ihrer Lehre und in der christlichen Weltanschauung festgehalten. In Äußerlichkeiten, etwa in der Ausstattung der Kirchen, unterscheidet sich der deutsche Katholizismus etwas vom italienischen. Wanderte man durch das Trentino so mögen einem ja die dortigen Kirchen und Geistlichen hier und da recht italienisch vorkommen. Es sei aber hervorgehoben, dass Klerus und Kirche des Trentino es weit besser hatten als dieselben in manchen Provinzen Italiens in ihrer geradezu ärmlichen Lage. Der Kampf des P.P. galt vornehmlich dem Liberalismus und dem marxistischen Sozialismus und dem diese Ideen tragenden Parteien. Von seiner Haltung zum italienischen Nationalismus und Irredentismus soll später kurz die Rede sein. Die Sozialisten im Trentino waren eine kleine Schar und sie waren noch dazu in eine internationale und eine irredentistische gesinnte Gruppe gespalten. Die Nationalliberalen waren mit allen Vorzügen und Schwächen des Bürgertums versehen. Sie hatte privat immerhin ihr Auskommen und sie waren zu idealistisch, zu intellektuell, zu individualistisch, zu kulturell eingestellt. Sie stellten den Nationalismus und Irredentismus über alles und sahen nicht die Nöte des Volkes und wenig die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Landesteiles, Sie hatten in der Organisation und Propaganda schon ihre große Zeit hinter sich.

Dies beides waren besondere Vorzüge des P.P. Die straffe Organisation und Disziplin des katholischen Klerus wirkte sich sowohl auf die geistlichen Führer der Partei als auch auf deren Wähler aus. Der P.P. gründete im Jahr 1903 die „Unione politica democratica christiana del Trentino“ (ab 1904 „ Unione politica popolare“ genannt) , die binnen kurzem 5000 Mitglieder zählte, womit aber nicht alle Wähler des P.P. erfasst waren. Der Jahresbeitrag war sehr gering (20 Heller).

Vor 1914 zählte die Partei 359 Ortsgruppen mit 45.000 eingeschriebenen Mitgliedern womit aber wieder nicht alle Wähler einbezogen waren. Es gab in der Partei überdies genaue Wählerlisten. Die Konservativen und später der P.P. standen dem Pressewesen keineswegs hinter den anderen Parteien zurück. Über kleine Blätter, die zum Teil nur wenige Jahre hindurch erschienen und eine kleine Auflage hatten, möchte ich nur kurz erwähnen. Es waren dies Fede e lavoro“, „L´Elettore“, La Squilla“ (Das Glöckchen) „L`Amico“, La famiglia cristiana“ und „Popolo Trentino; die beiden letzten wollten katholisch und italienisch-national zugleich sein. Die Hauptzeitungen waren „ La Voce Cattolica“ (1866 bis 1905) und deren Nachfolgerin „Il Trento“ (1906 bis 1915) Die „Voce Cattolica“ wollte vor allem in den Jahrgängen bis ungefähr 1900, mehr katholisch als italienisch-national sein. Über und neben dem Titelbuchstaben standen Aussprüche des heiligen Paulus, des heiligen Ambrosius und aus einer päpstlichen Enzyklika von 1890. Die Änderung des Namens der Zeitung war ein Programm für sich.

Denn mit dem Namen „Trentino“ wollten die Nationalisten im alten Welschtirol seit jeher zeigen, dass sie nicht zu Tirol gehören wollten.

Die gerade genannten religiösen Aussprüche fielen am Titelkopf der Zeitung weg. Beide Zeitungen waren sonst gut geleitet. „Il Trentino“ wurde allerdings seit 1906 immer irredentistischer und gegen Innsbruck und Wien hin immer polemischer; die Nachrichten aus Österreich-Ungarn wurden immer geringer, die aus dem Regio (Italien) wurden immer zahlreicher. Man wollte offensichtlich auch die irredentistisch gesinnten Leserkreise festhalten oder gewinnen und sich kaum von der ganzen irredentistischen Zeitung „L´Alto Adige“ der Nationalliberalen übertreffen lassen. In der Redaktion des „Trentino“ saß als Redakteur Degasperi; der hochstehende Trentiner Politiker De Gentili schrieb zahlreiche Artikel.

Der P.P. tat sich aber besonders in der sozialen Fürsorge für die unteren Massen des Volkes und in den Bemühungen um die wirtschaftliche Besserung der Lage vornehmlich der Landbevölkerung hervor. Die Grundlage der christlichen Weltanschauung und der sozialen Bestrebungen gaben der Partei den idealen Zug; gleichzeitig erzielte diese aber auch sehr bedeutende materielle Erfolge für ihre Wähler. Ideales und Materielles waren also in guter Weise vereint. In der Sorge um das materielle Wohl ihrer Wähler konnte die Partei ihre ganze Initiative und Organisationsaufgabe entfalten. Im sozialen Wirken und in den wirtschaftlichen Erfolgen übertraf der P. P. die alten Nationalliberalen bei weitem, die sich allerdings, ihren Wählern entsprechend, fast ausschließlich für den Aufstieg der Städte eingesetzt hatten. Die soziale Fürsorge der Partei erwuchs aus den Lehren der Enzyklika des Papstes Leo XIII. Rerum Novarum“ von 1891. Der Trienter Fürstbischof Dr. Cölestin Endrici, eine Hauptstütze der Partei, war ein besonderer Fachmann für Soziologie auf katholischer Grundlage. Die soziale und wirtschaftliche Tätigkeit der Partei war äußerst rege, erfasste viele Gebiete und war für die damalige Zeit sehr modern, ja, sie eilte zum Teil ihrer Ära weit voraus. Kurz zusammengefasst war das wichtigste das „sindacato agricolo-industiale“ in Trient, das vor allem landwirtschaftliche Maschinen verkaufte und Lebensmittel sowohl an die Bauern abgab als auch von ihnen übernahm, die „cooperativa madre centale“ in Trient und

die irgendwie von ihr abhängigen „consorci cooperativi di consumo e credito“ sowie „famigli kooperative“ (letztere um 1912 mit 245 Ortsgruppen und 31.200 Mitgliedern, mit 15,485.000 Kronen Einlauf und 15,299.000 Kronen Auslauf). Es waren diese Genossenschaften sowohl für den billigen Konsum von Gütern als auch für die Auftreibung von Darlehen. Im Zusammenhang damit standen um 1912 169 Kassen, die eine Art Raiffeisenkassen waren und Darlehen gaben (um 1912 22,200 Mitglieder, Darlehen in der Höhe von 15,165.000 Kronen). Die Zentralkassa, die „Banca di S. Virgilo“ hieß, war in Trient. Es gab überdies eigene Konsumgenossenschaften und viele Konsumgeschäfte, Mühlen, Bäckereien, Molkerei und Kellergenossenschaften sowie genossenschaftliche Elektrizitätswerke. Dazu zählen sind die Versicherungsgesellschaften der Partei, und zwar eine Krankenkasse (um 1912 3500 Mitglieder) und eine Aussteuerkasse (185 Mitglieder) sowie eine Versicherung für Bauern gegen Viehschäden. Sehr wichtig waren die zwei katholischen Banken, und zwar die „banca cattolika“ sowie die „banca industriale“. Sie hatten gute Einnahmen und deckten die Propaganda-Auslagen und das Passivum der Tageszeitungen der Partei, die wegen sehr vieler Freiexemplare an die Wähler große Kosten hatte. Es gab von der Partei aus über dies eigene Kindergärten, Lesezirkel und einen Ansatz von dem, was man später in Deutschland „Kraft durch Freude“ und im faschistischen Italien „Dopolavoro“ genannt hat. Sehr wichtig war das von Priestern der bischöflichen Kurie in Trient geleitete und besetzte „Comitato diocesano“, sozusagen die Generalstabszentrale der Partei, das eine eigene Buchhandlung und eine viel beschäftigte Druckerei besaß.

Der P.P. war ein Feind der Auswanderungen von Einwohnern des Trentino in andere Gebiete, von höheren Gesichtspunkten aus, wegen der Kultivierung des Landesteiles und des seelischen Wohl seiner Bürger, aber auch, weil bei ständiger Auswanderung der Partei Wähler verloren gingen. Der P.P. wollte eben den Landesteil wirtschaftlich so heben, dass der Anreiz oder gar der Zwang zur Auswanderung wegfalle und dass jeder Einwohner des Trentino sein Brot in seiner Heimat finden könne.

Ich möchte besonders hervorheben, dass der P.P. sehr früh den Wert des Genossenschaftswesens und der Versicherung erkannt hat. Durch die Konsumgenossenschaft sollten die Preise der Waren auf dem Lande niedrig gehalten, sollten unreelle Agenten und andere Geschäftsleute fern gehalten werden. Der Versteigerung seiner Habe geschützt werden. Sogenannte „Güterschlächter“ sollten nicht auf ihre Kosten kommen. Allerdings wurde auch der Einfluss deutscher wirtschaftlicher Einrichtungen besonders von Banken und Konsumvereinen ausgeschaltet. Dies geschah vor allem in einzelnen deutschen Sprachinseln. Es war klar, dass diese vielen Maßnahmen das Wirtschaftsleben auf dem offenen Lande des Trentino nicht nur gelenkt, sondern auch angekurbelt wurde. Wenn das Trentino vor 1914 einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung nahm, hatte es dies zuletzt dem P.P. zu danken. Es war ferner offensichtlich, dass durch die angeführten sozialen und wirtschaftlichen Taten der Partei immer mehr Wähler wirksam angezogen wurden, denn der Bauer fand so in seiner wirtschaftlichen Existenz Förderung und Schutz. Dem Bauer war dies unvergleichlich wertvoller als die Aufdrängung von zu viel Ideologie und zu vielen nationalistischen oder irredentistischen Schlagworten, womit die Nationalliberalen immer wieder gesündigt hatten. Gewiss hat der P.P. im

Tiroler Landtag und im Wiener Abgeordnetenhaus manchen unpopulären neuen Gesetzen und Verordnungen z.B. in Steuersachen und militärischen Angelegenheiten, zugestimmt. Es ist aber nicht richtig, wenn der Sozialist Cesare Battisti und der damalige radikale Sozialist Benito Mussolini, der im Jahre 1909 selbst durch Monate in Trient geweilte hatte (siehe später 73.Sandwirtsbrief „Mussolin schreibt über das südliche Tirol), in ihren Publikationen dem P.P. unsoziales Haltung vorwerfen. Die vor angeführten Werke des P.P. beweisen das Gegenteil.

Wir kommen nun zur wichtigsten, aber schwer zu beantwortenden Frage: War der P.P. irrendentistisch oder austricante? Es wäre nun ganz falsch, dem P.P. einfach als vollkommen irrendentistisch oder austriacante zu bezeichnen, wie es manchmal geschieht. Manche deutschtiroler Feinde des P.P. haben ihm Irredentismus vorgeworfen. Die sozialistischen Zeitgenossen des P.P., wie besonders Dr. Cesare Battisti und Benito Mussolini, sowie viel später der faschistische italianissimo Cino Cuccetti (1939) nannten ihn kurzerhand austriacante. Das sollte eine Beleidigung und eine Kompromittierung sein und mit so etwas war der politische Gegner im alten Trentino bald bei der Hand. Der Klerus des Trentno, der fast ganz im P.P. als Führer oder als Wähler vertreten war, war in italienisch-nationaler Hinsicht nie vollkommen einig. Es war eine offene Frage, ob die Geistlichkeit einem österreichfreundlichen oder später einem irredentistischen Fürstbischof von Trient in politischer Beziehung zu Gehorsam verpflichtet war. Manche waren schon unter Bischof Dr. Eugen Valussi irredentistisch, andere blieben unter Bischof Dr. Cölestin Endrici austriacante. Was nun das Übergewicht des italienischen Nationalismus oder noch mehr, des Irredentismus in den kirchlich gesinnten Kreisen des Trentino betrifft, so vollzog sich hierin nach und nach eine Umwandlung. Der Fürstbischof Dr. Eugen Karl Valussi, der kein Landeskind des Trentino war (1886-1903) war im allgemeinen regierungstreu; man kann ihn fast austriacante nennen. Er war konservativ und bekämpfte die Nationalliberalen. Unter seiner Regierung gab es aber um 1890 herum eine katholische und zugleich italienisch-national gesinnte Gruppe unter dem Reichtagsabgeordneten Don Emanuele Bazzanella, die für kurze Zeit die kleine Zeitung „Popolo Trentino herausgaben, sich fallweise den Nationalliberalen anschlossen, scharf für die Autonomie des Trentino kämpften und übertrieben über die angebliche wirtschaftliche Vernachlässigung Welschtirols unter Österreich klagten.

Wenn man die Entwicklung im Trentino von ungefähr 1885 bis 1914 überblickt, so kann man vielleicht so sagen: Wie war jeweils die Mehrheit des trientinischen Klerus gesinnt? Sie waren zuerst ausgesprochen austriacante. Der Abscheu vor dem liberalen und freimaurischen Königreich Italien, dem „Räuber des Kirchenstaates“, dem „Kerkermeiste des Papstes“ überwog. Die mittlere Generation war in ihrer Mehrheit indifferent. Die dritte Generation wurde immer irrendentistischer. Sie kämpfte um die volle Geltung des Italientums im Trentino und stellte sich größtenteils für den Kampf gegen die deutschen Sprachinsel zur Verfügung. Es wird gesagt, dass es der römischen Kurie nicht einmal so unlieb war, dass der Klerus des Trentino im Lager der Austriacanti und der Irrendentisten seine Vertreter hatte. So konnten die Gläubigen aus beiden Lagern festgehalten oder gewonnen werden.

Ein wichtiges Jahr war 1904, in dem der Seminarprofessor Dr. Cölestin Endrici ein Landeskind des Trentino, Fürtbischof von Trient wurde. Endrici war zu Beginn ziemlich regierungstreu; er war aber sehr stramm italienisch – national gesinnt, war ein Feind jeder letzten Spur des Deutschtums im Trentino, glaubte immer weniger an einen Fortbestand der Habsburgermonarchie und wurde also eigentlich immer irredentistischer. Der irredentistisch gesinnte Teil seines Klerus wurde jedenfalls von Anfang an von ihm energisch gedeckt. Es war offensichtlich, dass dies eine Ermutigung für ein Teil des Klerus, der sich bisher zurückgehalten hatte, war, nun irredentistisch zu werden. Es wurde geklagt, dass im Priesterseminar von Trient den Studenten keine größeren Kenntnisse über die Monarchie vermittelt und schon gar nicht ein österreichisch-patriotischer Geist eingeflößt werde, dass von der altererbten Frömmigkeit der Habsburger, von ihren großen Verdiensten für die katholische Kirche kaum die Rede sei. Immer größere Kreise des Klerus des Trentino, darunter auch Kapuziner, förderten die Tätigkeiten der nationalen Schutz- und Kampforganisationen der Italiener der Monarchie, der „Lega Nationale“, die von den Nationalliberalen beherrscht wurde. Ein Teil der Geistlichen forderten in den Jahren 1911/12 die Bevölkerung auf, nach Italien Spenden für verschiedene Zwecke in der Fortführung des Tripoliskriegs zu senden. Nach 1915 musste eine größere Anzahl von Klerikern des Trentino von den österreichischen Militärgerichten wegen Hochverrates und Spionage für Italien verhaftet und bestraft werden. Bei der engen Verquickung des P.P. mit dem Klerus des Trentino musste dessen Haltung in politischer Hinsicht etwas ausführlicher dargestellt werden.

Es wurde schon erwähnt, dass der P.P. sich vor 1914 im allgemeinen im Tiroler Landtag und im Wiener Abgeordnetenhaus von Obstruktionen fernhielt und dadurch manchen wirtschaftlichen Vorteil für das Trentino herausschlug. Man kann den P.P. weder als ganz austriacante noch als ganz irredentistisch bezeichnen. Er war, wie erwähnt, ein geschickter Real-, ja manchmal Oppositionspolitiker von Fall zu Fall. Er musste vorsichtig sein, um weder österreichisch gesinnte noch irredentistisch eingestellte Wähler zu verschrecken. Degasperi hat schon vor 1914 von den Anhängern des P.P. eine „coscienca nationale positiva“ gefordert, was sehr diplomatisch (oder italienisch) ausgedrückt war. Dieser an und für sich kluge Mann riet in der so heiklen Frage der Errichtung einer italienischen Universität auf dem Boden der Monarchie zu einer Etappenpolitik. Zuerst eine italienische Rechtsfakultät, vielleicht in Trient, hierauf die Gründung einer Gesamtuniversität. Die katholischen Studenten aus dem Trentino protestierten im Oktober 1902 geradeso wie die italienischen Studenten anderer Parteien gegen das ausschließlich deutsche Gepräge der Innsbrucker Universität. Degasperi wurde im Verlauf der Universitätskrawalle in Innsbruck im November 1904 verhaftet. Als im August1909, nach hundert Jahren, in Innsbruck das Jubiläum der berühmten Erhebung Tirols von 1809 gefeiert wurde, machten die ländlichen Schützenkompanien und Musikkapellen des Trentino, die doch zum aller größten Teil aus Wählen des P.P. bestanden, sehr brav mit. Diese Teilnahme wurde ihnen besonders von der sozialistischen Parteiführung Welchtirols als arger Austriacantismo vorgeworfen. Die Tageszeitung des P.P., der „Trentino“ hielt sich allerdings in der Berichterstattung über die Innsbrucker Festtage bewusst sehr zurück. In Innsbruck konnte die Partei offener Auftreten als in Trient.

Der Kampf um die Autonomie des Trentino war im wesentlichen im Jahre 1902 beendet. Es war eben nicht zur Autonomie gekommen. Der P.P. hob immer hervor, dass die Individualität des Trentino verteidigt werden müsse. Im April 1908 und im Mai 1914 forderten die Führer des P.P. (im Jahre 1914 Don de Gentile) im Tiroler Landtag nochmals die administrative Autonomie des Trentino. Sie erwarteten sich selbst keinen Erfolg. Es war ein platonisches Kampfspiel um die Autonomie um bei einem Teil der Wähler populär zu werden. Einsichtige Kreise sagten, dass die Führer des P.P. innerlich schon längst nicht mehr die Autonomie wünschten. Sonst hätte nämlich die Politik, in Innsbruck und in Wien wirtschaftliche Vorteile und Investierungen für das Trentino herausgeschlagen und fremde Steuergelder in dieses Land fließen zu lassen, beendet werden müssen. Man muss allerdings nebenbei erwähnen, dass die Frage der Autonomie im Trentino eine ganz andere war als die im heutigen Deutschtirol. Nach dem österreichischen Staatsgrundgesetz genoss die Bevölkerung des Trentino alle nur möglichen sprachlichen, nationalen und kulturellen sowie verwaltungsrechtlichen Freiheiten, so dass die Autonomie praktisch eigentlich schon im wesentlichen Ausmaß gegeben war.

Nun wer waren die Führer des P.P. vor 1914. Da war Dr. Aleide Degasperi aus dem Val Sugana (geb. 1881 gest. 1954) klug, zurückhaltend, diplomatisch, konziliant, sehr fleißig, persönlich durch und durch ehrenhaft und tief gläubig. Bei aller Frömmigkeit doch durchaus rational handelnd. Er stach von den Italienern anderer Provinzen vollständig ab. Ihm fehlte jeder Pathos, jeder Theatralik, jeder Wunsch nach Applaus. Er wurde auch nicht populär, aber er flößte Achtung ein. Öffentlich kompromittierte er sich vor den österreichischen Politikern nicht. Ob es für eine Heiligsprechung gelangt hätte sei dahingestellt.

Er hatte auch die Vorteile des Trentino, das es durch die Verbindung mit der Monarchie hatte erkannt. Gleichzeitig erkannte er deutlich die Nachteile, die Welschtirol von dem Anschluss an das Regno haben würde. Er hob die schwierige Lage hervor, in die ein Trentiner Abgeordneter in einer solchen Krisenzeit geraten sei. Andererseits könne das Trentino ja auch nicht ganz seine Haut für Österreich zu Markte tragen. Es ist bekannt, dass Degasperi in dem neu gegründeten Patrio Popolare des Regno nach 1919 neben Don Sturzo eine bedeutende Rolle spielte, dass er von den Faschisten hart verfolgt worden ist und dass sein Wirken als Ministerpräsident Italiens nach 1945 schon der Geschichte angehört. Die „Popolari“ des Trentino hatten auch sonst gute Köpfe. Man braucht kaum erwähnen, dass sie alle, von einem gewissen Akzent abgesehen, sehr gut die deutsche Sprache beherrschten. Es sind weiter zu nennen unter den Wiener Reichsrats- und zum Teil Tiroler Landtagsabgeordneten z.B. Don Guido de Gentile (geb. 1879 zu Civezzano, gest 1945 zu Trient), eine seht intelligente, kultivierte Persönlichkeit mit einem festen und geradlinigen, oft überzeugenden Auftreten. Er war in kleinern Dinge nachgiebig, in großen und wichtigen unnachgiebig. De Gentili war in Österreich ab 1915 durch ein Monat konfiniert. Es war wohl daher abzuleiten, dass er im Jahre 1920 auf einmal in einer Schrift sehr antiösterreichisch tat, was er vor 1914 gar nicht gewesen war. Auch de Gentili ist von den Faschisten verfolgt worden. Ferner Don Baldassare Delunga (geb. 1862 zu Panciá vei Cavalese, gest. 1934 zu Trient), der als sehr umgänglich,fleißig,besonders gütig und unermüdlich karikativ wirkte, geschildert wird.

Schließlich dem Advokaten Dr. Enrico Coni (geb.1866 in Trient), einem klugen und maßvollen Mann. Er ist während der Ersten Weltkrieges durch einige Zeit in Österreich konfiniert gewesen. Später ist er Senator des Regno geworden. Er war 1919/20 dafür, dass Deutschtirol entweder gar nicht an Italien angeschlossen werde, oder dass es mindestens sofort eine weitgehende Autonomie erhalte. Er war in diesen Belangen ein ausgesprochener Gegner von Ettore Tolomei. Erst später hatte er nachgegeben und auch von der angeblich Notwendigkeit der Brennergrenze gesprochen. Der reichstagsabgeordnete Bonfiglio Paolazzi, Direktor des „Sindacato agricoloindustriale“ in Trienet (geb. 1875 in Cembra), führ in den Jahren 1914 und 1915 vor dem Kriegseintritt Italien oft nach Verona, Mailand und Genua. Er hatte auch Kontakte mit römischen Zentralen. Er suchte Lieferungen von Lebensmitteln aus den Regno in das Trentino zu erreichen. Er dürfte wohl auch auf Anfragen über die politische und militärische Lage im Trenino berichtet haben. Paolazzi ist vom Jänner bis Juli 1918 wegen des Verdachtes der Spionage in Innsbruck im Gefängnis gesessen, wurde aber wieder frei gelassen. Italienische Quellen hätten es nach 1918 wie bei anderen Persönlichkeiten als ausgesprochenes Verdienst hervorgehoben wenn er wirklich ein Spion gewesen wäre. Sie behaupten es aber von Paolazzi nicht ausdrücklich. Also dürfte dieser Mann wirklich ziemlich unschuldig gewesen sein.

Zu Schluss. Mussolini wirft dem P.P. vor, dass er u.a. in seiner Hymne folgende Worte gebraucht habe:

„……… la gialla
E nera bandiera
Le fotze di tutti
Congiunga ed i cuor.“

„Die gelb und schwarze Fahne (schwarz-gelb die Fahne des alten Kaiserreiches) vereinigt die Kräfte aller und die Herzen.“

Es klingt wie ein ganz leiser doch stets stärker werdender, wehender Laut aus der Ferne zu uns nach Norden, wenn man an die heutige Zusammenarbeit mit dem Trentino - oder wie wir lieber hören Welschtirol - denken. Welschtioler Mitglieder beim Andreas Hofer – Bund Tirol, Welschtiroler Schützenbund und nicht zuletzt die noch ausbaufähige Europaregion Tirol mit allen leider getrennten Landesteilen.

f.d.R.d. W. Ing. Winfried Maturella Obmann des Andreas-Hofer-Bundes Tyrol September 2014

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