Mussolini schreibt über Südtirol

Darunter war damals hauptsächlich Welschtirol zu verstehen

Benito Mussolini, geboren am 29. Juli 1883 in Doria di Predappio (Provinz Forli) als Sohn eines „sozialrevolutionären“ Schmiedes, ließ sich in Forlimpopoli als Volksschullehrer ausbilden. Trotzdem wanderte er aus unbekannten Gründen schon im Jahre 1902 in die Schweiz aus, wo er sich in den Jahren 1902 bis 1904 als Maurer und Handlanger das Brot verdiente. Im Jahre 1904 wies ihn die Schweiz aus. Mussolini fand nun in Tolmezzo, dem alten deutschen Schönfeld, und in Oneglia Stellen als Mittelschullehrer. Im Jahre 1909 zog er nach Trient, wo er die Redaktion des sozialistischen „Avvenire del Trentino“ übernahm, und auch an, ebenfalls sozialdemokratischen, jedoch weniger radikalen „Popolo die Trento“ des Cesare Battisti mitarbeitete. Im Jahre 1910 wurde er aus dem damals noch österreichischen Trentio ausgewiesen. Während seines zweijährigen Trentiner Aufenthaltes gewann er einen umfassenden Einblick in die damaligen politischen und nationalen Verhältnisse des Trentino, deren Kenntnisse auch die damalige tendenziöse Verarbeitung in seiner Studie, die ich nun besprechen möchte, überall klar durchblicken lässt. Das Ergebnis dieser Studie hat Mussolini in zwei Arbeiten niedergelegt, die im Jahre 1911 unter dem Titel „Il Trentino veduto da un socialista, note e noticie“ in der Verlagsanstalt A. Quasttrini in Florenz erschienen sind. Im Anhang zur titelgebenden Studie wurde eine im vorangegangenen Jahre im „Voce“ veröffentlichte, kurze Abhandlung über den Sprachenkampf im Trentino abgedruckt.

Wenn auch nur mehr wenige Zeitgenossen Mussolinis leben, dafür aber in Italien und leider auch in Südtirol noch zahlreiche Anhänger diesem Mussolini nachtrauern und daher diesem Ungeist noch nahestehen, um ein vollkommenes objektives, in die richtige Perspektive gerücktes Urteil abgeben können, so möge es doch erlaubt sein, die jetzige Generation auf einige Schlagzeilen aufmerksam zu machen, die aus den leidenschaftlichen Klagen, Anklagen, Verhöhnungen und Siegesprahlerei dieser Schrift auf mich selbst, meiner Umgebung und meinen Kameraden beim Andreas Hofer – Bund Tirol fallen.

I. Mussolinis politische Entwicklung

Mussolinis Jugend stand unter dem Einfluss seines „sozialrevolutionären“ Vaters, eines kleinen Dorfschmiedes in Doria. Man tut sich nicht leicht, sich eine genaue Vorstellung von dem zu machen, was man unter „sozialrevolutionär“ denken soll. Das soziale Ideal stand jedenfalls ganz weit zurück hinter dem „Revolutionären“, der Freude an krachenden Bomben, Pulverrauch und orgastischen Massenszenen. In seinem Buch tadelt Mussolini den hohen Lebensstandart der Trentiner Bevölkerung und den Mangel an wirklichem Proletariat. „ Nelle vene della borghesia trentina che dovrebbe dare gli irredentisti come la borghesia italiana diede i patrioti, corre un sangue che non ha la febbre delle grandi battaglie“ (In den Adern des Trentiner Bürgertums, aus welchem doch die „Unerlösten“ erstehen sollten, so wie das italienische Bürgertum die „Patrioten“ beistellte, wohnt nicht das Fieber der großen Schlachten) schreibt Mussolini auf Seite 40 seines Buches. Er bedauert den Misserfolg der aus dem Regno (Italien) kommenden Aufieglern, welche „turbano la quasi funerea transquillità del paese“ (welche die geradezu traurige Friedlichkeit des Landes stören sollten) (Seite 45). Mussolini verwünscht die Zufriedenheit des unter einer milden (österreichischen) Herrschaft lebenden Volkes. Ihm ist es nicht um den gehobenen Lebensstandart einer befriedeten Bevölkerung sondern um „das Fieber der großen Schlachten“ zu tun. Man schaue sich nur die Augen des jungen Mannes an: es sind die Augen eines Burschen, den irgendwo ein stürmisches Verlangen nach gewalttätigen Großtaten ohne deutlich erkannte Aufgabe bedrängt.

In ihm steckte etwas vom Pyromanen (Brandstifter), dem das schöne Haus nur dann gefällt, wenn es in Flammen steht. Nur so ist sein unbegreiflicher Wechsel vom internationalen „Sozialrevolutionär“ zum supernationalen Sozialisten und weiter zum Kriegshetzer und totalitären Gewaltmenschen zu erklären.

Er war eben kein Idealist, sondern ein ehrgeiziger Ideologe, der von sich reden machen wollte. Ob er nach dem Mateottimorde*, der ihn anscheinend tief erschütterte hat, wieder seine Richtung wechseln wollte, wird andere Geschichtsschreibung festzustellen haben. Jedenfalls war Mussolini damals schon im Begriff, die Flinte ins Korn zu werfen; und er hätte es auch getan, wenn er nicht der Gefangene seiner bisherigen Mitstreiter gewesen wäre, die ihm an der Waffenstreckung hinderten.

So wird man auch sein späteres Verhältnis als Duc und Machthaber zu Südtirol mit einiger Vorsicht beurteilen müssen, da nicht immer klar festzustellen sein wird, wie weit er persönlich mit diesen Brutalitäten zu belasten sein wird und wie weit er durch Verbrechen an seine ehemaligen Gefolgsleuten und Bewunderer, wie den berüchtigten Ettore Tolomei, den großsprecherischen Halbnarren Gabriel D´Anunzi, den macht- und beutehungrigen Starace und andere mehr in seinen Beschlüssen gebunden war. Er hat ja selbst einmal gestanden, dass er mit den Ereignissen in Südtirol nicht einverstanden sei. Er habe diesem Land jedoch in der Person des Tolomei einen „patrigno“ (Stiefvater) gegeben, in dessen Tätigkeit er nicht dreinreden wolle. Das unheimliche Feuer seiner Augen war jedenfalls schon lange vor dem Ende des letzten Weltkrieges erloschen. Am Ende seines Lebens war er ein hoffnungsloser, ja verzweifelter Mann, der nichts mehr von einem Helden an sich hatte. (* Giacomo Matteotti was sozialistischer Politiker, Seinee Ermordung durch italienische Faschisten im Jahre 1924 gilt als Beginn der Diktatur Mussolinis)

II. Mussolini bekämpft den „Pangermanismus“

Den Beginn seines Buches eröffnet Mussolini mit einer geradezu dramatisch geschriebenen Abhandlung über den „Pangermanismus“ wie er sich in den Augen der italienischen Intelligenz dargestellt haben mag. Er geht bis auf die Väter dieses „ismus“ zurück, die seltsamerweise waschechte Franzosen waren: Renan, Seiliére Gobineau. Gobinau trug mit seinem „Essai sur l´inegalité des races“ den sofort mit größter Leidenschaftlichkeit aufgenommenen Streit über die Minderwertigkeit der „chaotischen Rassen“, zu denen auch die Mittelmeerrasse gehörten sollte, in die Hörsälen, Salons und politischen Zirkel. Der große Sieg von 1871 über Frankreich beraubte jedoch Deutschland seiner französischen Sympathien für die nordische Rasse, so dass die deutschen intellektuellen Kreise jetzt die Ausgestaltung dieser Lehre selbst in die Hand nehmen mussten, was sie mit ihrer unbestreitbaren Begabung für beleidigende Schulmeisterei gründlich besorgten. Der Mittelpunkt dieser auf künstlerischen, religiösen und sozialen Gebieten entwickelten Ideen, soll im Kreis Richard Wagners gelegen sein. Dessen Schwiegersohn Houston Steward Chamberlin schrieb sein großes Werk „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhundert“, das bis vor nicht zu langer Zeit noch in allen Büchereien der deutschen intellektuellen Welt zu finden war. Wenn man heute wieder einmal in diesem Werke blättert, überkommt einem ein gelinder Schauer. Wie viel Idealismus, wie viel Ungereimtheiten und wie viel alle Welt beleidigende Taktlosigkeiten geben sich darin ein Stelldichein! Der Glaube an die alleinige Reinheit der nordischen – arischen Rasse - auch Christus und alle großen Männer der Vorzeit sollen dieser Rasse abgehört haben – verlangte eine Herausschälung aller Idealismen, also der Religion der Kunst und der sozialen Bewegungen, aus dem Universalismus und die Befreiung von allen Berührungen mit den „chaotischen Rassen“, da diese unsauberen Chaotiker überall verwirrend und trübend einwirken. Ein großer Bund der wirklich nordisch–arisch eingestellten Geister sollte eine vollkommenen Synthese aus arisch gereinigtem Christentum, arisch gehobener Kunst, Brudertum und gegenseitiger Sorge zu einer Gemeinsamkeit sakralen Charakteren verwirklichen. Richard Wagner schuf zu diesem Gottesdienste das Weihespiel Parzival. (Uraufführung 1882) Mussolini schrieb in seiner Studie: „Der Marxschen Losung: „Proletarier aller Länder vereinigt euch! Setzten diese Phantasten den Wahlspruch entgegen Germanische Proletarier aller Länder vereinigt euch!´(„ Al motto marxista: ,Proletari die tutti paesi unitevi!´ é necessario sostituire questo: ,Proletari germani di tutti i paesi unitevi !“ (Seite 18). Das ist wohl das beste Dementi für den behaupteten pangermanistischen Expansionismus.

Die boshaften Witzblätter – nicht nur in Deutschland selbst („Jugend“ und „Simplizissimus), sondern vor allem auch in Frankreich, das die Niederlage von 1871 nicht verschmerzen konnte – verstanden diese selbstüberheblichen und alle Welt beleidigenden Unklugheiten mit Bildern aus dem „Wagnerischen Götterhimmel“, mit der messianischen Erscheinung des vollbärtigen, mit Jägerkleidung und Alpenstange ausgerüsteten Oberlehrer sowie dessen walkürenhafter Frau zu garnieren. Wenn Mussolini genügend Humor gehabt hätte, da es sich ja nur um weltfremde Idealisten handelte, die keine territorialen Eroberungen anstrebten, sondern nur von einem Reich des Geistes träumten, in dem ja nicht einmal die Deutschösterreicher als Gesamtvolk Platz hatten, das sie nicht genügend rassenrein waren. Ländergierige Imperialisten waren sie bestimmt nicht. Sie waren im Gegenteil von der Notwendigkeit überzeugt, ihren Geistesbereich auf die waren Arier zu beschränken, wenn sie später auch den Kreis auf alle gesinnungsmäßigen Arier, ohne Rücksicht auf ihre Abstammung und Herkunft ausdehnten.

Mussolini irrt sich daher, wenn es diese intellektuell – geistige Strömung „pangermanisch“ nennt und von ihr alle späteren deutschen Schutzorganisationen Tirols, die auch nicht „pangermanisch“ sondern reine Verteidigungsorganisationen waren, ableiten will. Der aggressive Nationalismus, der auf Landerwerb und Unterwerfung fremde Völker ausgeht, war dem ehemaligen Sozialdemokraten Mussolini – siehe Paolo Drigos Buch „Claustra Provinciae“! – und seinem Bewunderer und Nachahmer Adolf Hitler vorbehalten. Selbst der rein geistig - sprachliche Imperialismus, der mit Mitteln aller Art fremden Völkerschaften entnationalisieren und für die eigene Sprache gewinnen will, ist wohl eine ausschließliche Eigenart der romanischen Völker, da auch die Tiroler Schutzorganisationen nur die Unterstützung der von Italienisierungsbestrebungen der italienischen Vereine bedrohten Siedlungsreste deutscher Urbevölkerung im Auge hatte. Mussolini wusste auch ganz genau, was einzelne deutschfeindliche Staaten und Interessensgruppen mit diesem vollständig verfehlten Worte „Pangermanismus“ meinte und was sie mit diesem Schlagwort dem allgemeinen Unwillen preisgeben wollten: Die Engländer scheuten und hasten die wirtschaftliche Expansion Deutschlands, die ihnen in der ganzen Welt und auf allen Märkten Konkurrenz machte, mit nicht gerade gesellschaftsfähigen Mittel und scheuten sich auch nicht den Mitbewerber auf die Füße zu treten, wo sie diese fanden. An Länderhunger dachte man dabei aber nicht.

Die Franzosen waren wie bereits betont wegen der Niederlage von 1871 und wegen der Wegnahme von Elsaß-Lothringen – alten deutschen Reichslandes, das allerdings dem deutschen Volksbewusstsein schon ziemlich entfremdet war (wie manchmal leider auch bereits in Süd-Tirol) – von glühendem, unversöhnlichen Hasse gegen alles Deutsche erfüllt und suchte mit dem Schlagwort „Pangermanismus“ die Deutschen aus allen kulturellen Positionen in Ost, West und Süd hinauszuwerfen, sie zu verdächtigen und verdächtig zu machen. Von „Pangermanismus“ als Länderoberungstrieb dachte dabei niemand. Die „Erwerbung“ neuer Länder in Afrika behielten sich ja die Engländer und Franzosen und später die Italiener (Abessinien, Libyen, Tripolis, Albanien usw.) vor. Das Wort „Pangermanismus“ war für die Franzosen nur ein Ausdruck ihrer Rachebedürfnisse, der „revanche“ für 1871, des Wunsches, Deutschland in der ganzen Welt unbeliebt zu machen. Dies ist ihnen ja nicht schlecht gelungen – nicht zuletzt dank der ungeschickten deutschen kaiserlichen Diplolmatie, die, statt in dieser Bedrängnis neue Freunde zu suchen und alte Freundschaften (Russland, England, Mission Haldane*!) wieder anzuknüpfen, sich stolz gegen alle Welt abschloss und mit einer „Schimmernden Wehr“ von furchteinflößender Pracht umgab, die erst recht dem Worte „Pangermanismus“ den Klang einer Kriegsposaune gab.

III. Mussolini mustert die feindlichen Streitkräfte

Nun Mussolini und seine Trientiner Umgebung, damals wirklich keine Figuren im großen, welterschütternden Schicksalsgeschehen, glaubten zur Erreichung ihrer Ziele an diesem Schlagwort vom Pangermanismus anknüpfen zu dürfen, um ein bisschen Irredentismus betreiben zu können. Er lässt folgende Heerscharen im Gefolge der Pangermanisten gegen das Trentino aufmarschieren.

1. Deutscher Schulverein. Dieser Verein hatte – nach Mussolini – die Aufgabe, die Waffe des Pangermanismus zu schärfen gegen „die aggressive Bewegung der Slowenen die sich von Russland bis nach Österreich ausbreiteten, um sich dann mit dem italienischen Irredentismus und mit der Alliace francaise zu verbinden“. (Seite 21) Dieser Schulverein unterhielt deutsche Schulen nur in gefährdeten deutschen Gebieten. Im Trentino unterhielten er nur eine Schule in Roveré della Luna, dem ehemals rein deutschen Aichholz, dessen Bewohner noch heute, trotz ihrer vollkommenen Italianisierung, als „Vandalen“, also als Fremdstämmige angesprochen werde. Hier ist es also nichts mit dem „Pangermanismus“!

2. Südmark. Nach Mussolini eine unbedeutende und wenig erfolgreiche Vereinigung. Sie wollte an den Sprachgrenzen deutsche Bauern ansiedeln. Um die Aufsaugung durch italienische Umwohner zu verhindern, wollte sie vorzüglich protestantische Bauern ansiedeln. Diese groteske Dummheit alarmierte die ganze katholische Welt, auch die deutsche, und machte ihrer Tätigkeit ein rasches Ende. Mussolini sagte am Schluss: Quando si tratta della solidarietà professionale i cattolici delle due lingue ne parlano una sola“ (Wenn es sich um die konfessionelle Solidarität handle, sprechen beide Sprachgruppen nur eine einzige Sprache). Zeitzeugen werden sich noch erinnern an die niederschmetternde Wirkung dieser an geradezu schicksalhafte Verblendung grenzender Torheit einer kleinen Gruppe von Stierköpfen, die sich in unserem Volk immer wieder vorzudrängen verstehen. Das Interesse für die mehr als gerechtfertigte Sorge um die unbetreuten, einer systematischen Italienisierung ausgesetzten Grenzdeutschen sank auf einen besorgniserregenden Tiefstand. Die streng katholisch-gläubige Bevölkerung Südtirols war geradezu wie gelähmt. Die Südmark war jedenfalls jeder Unterstützung der weiteren Kreise beraubt, wenn sie auch durchaus nur defensiv und nicht aggressive Ziele verfolgte.

3. Tiroler Volksbund (aus ihm ging 1919 der Andreas Hofer –Bund Tirol hervor) Dieser Verein hatte nur nebenbei die Aufgabe, eine Verschiebung der sprachlichen Grenze zu verhindern (also rein defensive Ziele). Die Hauptaufgabe war von patriotischer Zielsetzung: die Erhaltung der politischen Einheit von Tirol (wie auch heute noch). Aus diesem Grunde gehörten dem Volksbunde auch Italiener (Welschtiroler) an, welche nach Mussolini „violenti, aggressivi“ waren. Mussolini irrt, wenn er Edgar Mayr, der sich wahrlich keiner Sympathien in der deutschen Tiroler Bevölkerung erfreute, als Bannerträger – natürlich mit der deutschen Reichsflagge – den Volksbundes anführte. Der Volksbund war auch, wie Mussolini später selbst mit Grimm und Verachtung ausführte, in der breiten Bevölkerung des Trentino durchaus nicht verhasst.

4. Der allgemeine deutsche Schulverein. Nach Mussolini ist dieser Verein, der in anderen Gebieten zu arbeiten hatte, im Trentino überhaupt nicht in Erscheinung getreten.

Dies wären also die bösen „Pangermanisten“ in Südtirol! Wenn Mussolini ein ähnlicher gearteter Panitaliener gewesen wäre, könnte man zufrieden sein.

Doch halt! Mussolini weiß einen „misfatto aggressivo“ dieser Imperialisten, ein Verbrechen, das unsere italienischen Gegner uns immer wieder vorhalten.

Dies ist der Ausflug den Edgar Mayr mit einer Handvoll begeisterten „Deutschtümmlern“ nach Persen, heute Pergine, mitten in – seit mehr als tausend Jahren deutsches und bis in die letzte Zeit noch großteils deutsches Gebiet machte. Junge, von den Irrendentistenführern herbeigerufene Trientiner Burschen bewarfen ihn unter wohlwollender Neutralität der österreichischen Regierungsvertreter mit Steinen und schlugen diese pangermanischen „Aggressoren“ zurück. Wie Mussolini auf Seite 98/99 des Anhanges zu seiner Studie mit triumphierenden Hohn sagte, lag Persen oder Pergine mitten im ehemals geschlossenen deutschen Gebiet („sono rimassugli del cosidetto germanesino cimbro che ancora nel secolo passato sie estendeva, in una continuità quasi non interrotta, dalle valli die Fiemme (Fleims) e Cembra (Zimmersi) per quelle di Pinè (Paneid) e del Fersina, nella Valsugana superiore, nel verdeggiante altipiano di Lavarone (Lafraun) e Folgeria (Folgareit), nella Valle Lagarina (Lagertal) nel veronese (XIII comuni) e nel vicentino (VII Comuni) auf deutsch: „Es sind Überbleibsel der sogenannten deutschen Zimbern, welche sich noch im vergangenen Jahrhundert in einer fast ununterbrochenen Geschlossenheit von Fleimstal und Cembra über die Täler von Paneid und Oberfersina in das obere Valsugana, auf das grüne Hochland von Lafraun, in das Lagertal, das Verinesische (XIII Gemeinden) und das Vizentinische (VII Gemeinden) ausdehnten Höhnend fügte Mussolini dazu: Die „Pangermanisten“ haben in der letzten Zeit große Anstrengungen gemacht um die deutsche Sprache in diesen Gemeinden zu bewahren. Aber trotzdem schreitet das italienische Element als unwiderstehlicher Eroberer fort, (wie leider auch heute noch in Südtirol.) („Malgrado tutto l´elemento italiano avanza irresistibilmente conquistatore“). Und weiter: „Come il ladino, anche le oasi tedesche non resiteranno al processo d´italianizzazione,“

Da muss man sagen, dass man besser von einem Panitalianismus statt von einem Pangermanismus, von einem Allitalienertum statt von einem Alldeutschen sprechen sollte. Aber seinen bedrängten Volksgenossen geistige und kulturelle Unterstützung gewähren, wird Pangermanismus genannt, währen die Vernichtung fremden nicht italienischen Volkstum verdienstvoll und den verehrungswürdigen “patrioti italianissimi“ wie Tolomei und Genossen (und auch heute noch so manchen Zeitgenossen) geziemend ist. Übrigens ist auch die kulturelle und geistige Unterstützung der Ladiner pangermanisiert, so wie es dem Tiroler Volksbund vorgeworfen wird, der „si occupò con instancabile attività anche del secondo suo compito: la conservazione dei due antichi popoli tirolesi, il ladino e il tedesco“ (pag. 191) „ Ma tutte le disinteressate premure non imperiranno l´itallianizzaziono del element ladino“ (Er widmet sich mit unermüdlicher Tätigkeit seiner zweiten Aufgabe: der Erhaltung der beiden alten Tiroler Völkerschaften, der Ladiner und der Deutschen. Aber alle selbstlosen Bemühungen werden die Italienisierung des ladinischen Elementes nicht verhindern.)

Als Duce wusste Mussolini später noch ein zweites Verbrechen der „Volksbundisten“; den Sterzinger Bauerntag vom Sommer 1918. Unter dem Eindruck der furchtbaren Kriegsleiden, deren Schuld man nicht zuletzt dem Abfall des früheren Bundesgenossen Italien (Dreibund) zuschob, wurde eine wutschnaubende Entschließung gefasst, die sich in nichts von den in allen kriegsführenden Ländern üblichen Kraftausdrücken unterschied. Hat doch der amerikanische Präsident selbst im Jahre 1944 den Morgenthauplan als Kriegsziel ausgesprochen: Vernichtung des deutschen Volkes durch Verhungern und Kastrieren. Mit der Auffrischung solcher Erinnerungen ist doch niemanden gedient als den Berufshetzen, die damit ihre dunklen Geschäfte machen wollen.

IV. Mussolini musterte seine eigene Heerschar im Trentino

Das Ergebnis dieser Heerschau war wenig befriedigend. Den Bauern und Bürgern auch den Liberalen, ging es zu gut. Von einer aufrührerischen oder gar antideutschen Stimmung war nichts zu spüren. Sogar der „Patrio liberale-nazionale“ hütete sich irredentistische Neigungen allzu sehr zu unterstreichen. Bemerkenswert ist die Ansprache, die der Vicesindaco von Trient, ein alter Garibaldiner, im Jahre 1894 an den Kaiser Franz Josef richtete. Da musste im Jahr 1920 der Bürgermeister von Bozen Dr. Pernathoner dem nationalistischen voreingenommenen König Viktorio Emmanuel II. gegenüber eine ganz andere Sprache gebrauchen. Wer den Wortlaut dieser Ansprache des Vicesindaco von Trient kennt will, möge die betreffende Stelle im Buche Mussolinis auf Seite 43 nachlesen.

Auch der „Patrico clericale“ versprach wenig. Die Geistlichkeit war loyal und erzog die Jugend in diesem Sinne. Ob die schönen Lieder, die Mussolini gehört haben will, wirklich von den katholischen Jugendverbänden in den Straßen Trients gesungen wurden, kann keiner bestätigen der sie nicht selbst gehört hat.

I

Colla pell de Garibaldi
ne faremm tanti tamburi,
Tirolesi sté sicuri
Garibaldi no ven pu.

(Aus der Haut des Garibaldi machen wir gar viele Trommeln. Tiroler seid sicher: Garibaldi kommt nicht mehr.)

II

Col bianco e col giallo
Vessillo die Roma
Anela alla pace
Che il Santo invocò.
Ma anche la gialla
E nera bandiera
Le forze di tutti
Congiunge ed il cuor
E se odi suonare
Lo squillo di guerra
Del prode Passirio
Invita il valor.

(Mit der weiß-gelben Fahne Roms (Kirchenfahne) verbindet dich (d.h.Trient), mit dem Frieden, welchen der Heilige (S.Virgilus) anrief. Aber auch die gelb-schwarze Fahne einigen die Kräfte und die Herzen aller. Und wenn du die Kriegstrompete erschallen hörst, ruf den Mut des gewaltigen Passeirers an. (Andreas Hofer )

Doch lassern wir es bei diesen Proben sein. Der wütende Mussolini, nicht mehr Nihilist, sondern Sozialist im Übergange und noch nicht Faschist, aber glühender Nationalist wie alle Romanen, weiß noch allerlei böse Sachen von den Bürgern, Bauern und Klerikalen zu erzählen und fällt sogar über die Sozialdemokraten her, das diesen ein „substrato di autentici proletari“ (Seite 58) fehlt. Die sozialistische Partei besteht eben aus Trentinern und hat daher

die Fehler und Vorzüge der Trentiner, „Un paese senza vero proletariato, in un paese stanco che ha bisogno di punture e di iniezioni per non cadere in periodici catalessi, in un paese stancon che ha bisogno di punture e di iniezioni per non cadere in periodici catalessi, in un paesse senza traditzioni rivoluzionarie, mancano le condizioni per lo sviluppo di un forte patrio socialista.“ (In dem Land ohne revolutionäre Traditionen fehlen die Voraussetzungen für die Gestaltung einer starken sozialistischen Partei – (auch heute noch in ganz Tirol spürbar.) Hier zeigt sich Mussolini noch als der alte politisch unbefriedigte „Aufwiegler“, der die Revolution und nicht den befriedigenden Lebensstandart der Arbeiter liebt.

Einen kleinen Trost findet Mussolini in der Tätigkeit der Lega nazionale, die als scheinbar unpolitische Organisation die „Italianità linguistica“ verteidigen soll, also als Gegenspielerin des deutschen Schulvereins auf den Plan tritt. Sie arbeitet auf dem Gebiet des Schulwesens, unterhält zahlreiche Bibliotheken, allerdings aller kleinster Art (67 Büchereien verfügen insgesamt über 10.000 Bücher) und versorgen die im Ausland lebenden Italiener mit Zeitschriften und Tagesblättern. Sie gebärden sich als staatstreu Gemeinschaft und lässt bei ihren Zusammenkünften auch häufig die schwarzgelbe Fahne flattern Aber, aber! Hinter der Lega nazionale, der politisch scheinbar farblosen Organisation steht die Dante-Alighieri – Gesellschaft eine politisch intrigante, wirklich imperiaistische (panitalienisch) eingestellte Organisation, in der unser „patrigno della Provincia di Bolzano“ Ettore Tolomei eine besondere Rolle spielte. Nebenbei: Es wird noch zu untersuchen sein, inwieweit Tolomei der viele Jahre in Saloniki lebte und dort italienische Mittelmeerträume träumte, an der schicksalhaften Dummheit Mussolinis (auch gegen den Willen Hitlers) in Griechenland einzufallen, mitschuldig ist. Ich behaupte „Schicksalhaft“, weil Mussolini mit diesem missglückten Beutezug sich unlösbar mit dem Geschicke Hitlers (der ihn zur Hilfe kam) verkettete und der auswegsamen Katastrophe verfiel. Dass Mussolini auch den „Archivio dell´ Alto Adige des Tolomei, eine rein politische tendenziöse, jeder Wissenschaftlichkeit und jeder historisch – kulturellen Gewissenhaftigkeit entbehrende Veröffentlichung, lobend erwähnte, versteht sich von selbst.

Die größte Hoffnung für die „Italianität“ bietet für Mussolini jedoch die Masse der Arbeiterschaft. Genügsam und unassimilierbar bricht dieselbe in fremde Sprachgebiete ein und überwälzt dieselben wie eine Elementarkatastrophe. Die deutschen Oasen werden von ihr in Kürze verschlungen sein. Mit den Ladinern wird es nicht anders gehen. Aber noch mehr. Der Angriff auf den Norden ist schon in vollem Gange! Sono i contadini italiani che si spingono al nord e sopprimono ogni residuo tedesco.“ (Es sind die italienischen Bauern, welche nach Norden vorstoßen und jedes deutsche Restchen auslöschen. (Seite 36.) Ferner „nelle vallete ladine il processo d´italianizzazione continua irresistibile“. (in den ladinischen Tälern schreitet dieser Prozess der Italienisierung unaufhaltsam weiter) Ja selbst in Vorarlberg haben sich starke Niederlassungen von italienischen Bauern gebildet, die von der Lega nazionale in jeder Weise in ihrem Nationalgefühl gestärkt werden. Nach Mussolini werden für die 20.00 Italiener in Vorarlberg Bibliotheken allein für Erwachsene unterhalten (Seite 30). Dies war im Jahr 1910, als Vorarlberg noch zum Tiroler Verwaltungsbezirk gehörte.

Wie man sieht, zeichnet sich hier ein von der Lega nazionale zielbewusst geführter sprachlicher Imperialismus klar und deutlich ab, dem nichts Ähnliches auf der „pangermanischen“ Seite gegenübersteht. Dass dieser sprachliche Imperialismus auch weiter, durch staatliche Grenzverschiebungen unausdrückbare Ziele vor Augen hatte, ersieht man nicht nur aus dem Buch von Paolo Drigo „Claustra Provinciae“ sondern auch aus den Friedensverträgen nach den Weltkriegen.

Das Vertrauen auf die Penetranz der Proletarierinvasion (der „proletari autentici“, Seite 58) hat Mussolini auch dazu bewogen, die berüchtigten Industriezonen mitten in die weltbekannten Fremdenverkehrsgebiete Bozen und Meran zu verlegen, eine Maßnahme, die auch die Regierung Degasperi wohlweislich beibehielt und begünstigte. Es ist wirklich tief entmutigend für jeden kulturpolitischen Idealisten feststellen zu müssen, wie auch die dem Faschismus folgende „demokratische“ Regierung, in voller Eintracht mit den Sozialdemokraten und Linkssozialisten sich nicht schämten, die bestialischen Vergewaltigungen der Mussolinisch-Tolomeischen Sklaverei ohne Reuebekenntnis beizubehalten ja sogar teilweise bis zum heutigen Tag trotz der „Weltbesten Autonomieweiterzuführen. (es gibt scheinbar doch glückliche Sklaven)

V. Mussolini entdeckt den österreichischen Staat

Mussolini, der 1909 nach Südtirol (Welschtirol) kam und darauf gefasst war, das Seufzen gequälter politischer Gefangener aus finsteren Kerkern und Festungskasematten vernehmen zu müssen, war höchst verwundert. Er schreibt: „La polizia austriaca trentina non è feroce come suppongono quelli che son rimasti al `48. Gli assassini compiuti dai poliziotti in Austria, non raggiungono certo la cifra di quelli compiuti da poliziotti italiani. Le manette sono abolite – e non si applicano che in casi specializissimi di resistenza e riottosità – cosi nelle Assise mancano le gabbie. – Il regime carcerario a Trento e Rovereto è infinitamente migliore dell`italiano. Silvio Pellico non potrebbe più scrivere le sue lamentose memorie. I condannati a meno di 2 anni lavorano tutto il giorno o nei cortili delle carceri o fuori nei campi, nelle colonie agrcole. Le celle sono comode – la disciplina non è molto rigida. Potete tutti i giorni farivi portare il pranzo da fuori e leggere uno o parecchi quotidiani e service a piacimento vostro, usw.“ usw.“ (Die österreichisch-trentinische Polizei ist nicht so grausam wie die alten 48 glauben. Die von den österreichischen Sbirren (Spitzeln) ausgeführten Morde erreichen sicherlich nicht die Zahl der von den italienischen “polizotti“ begangenen. Die Handschellen sind abgeschafft worden. Sie werden nur in ganz seltenen Fällen der Widerspenstigkeit verwendet. Im Gerichtssaal gibt es keine Käfige. Die Kerkerbetriebe in Trient und Rovereto sind unvergleichlich besser wie in Italien. Die, welche zu Gefängnisstrafen unter zwei Jahren verurteilt sind, arbeiten den ganzen Tag in den Gängen der Gefängnisse oder auswärts in den landwirtschaftlichen Betrieben. Die Zellen sind bequem. Die Disziplin ist nicht besonders hart. Ihr könnt euch alle Tage das Essen von auswärts bringen lassen und eine oder mehre Zeitungen lesen. Auch schreiben könnt ihr nach Belieben. Empfindlich war die Regierung nur, wenn es sich um ausgesprochene Aufruhrakte handelte. Aber dann „in momenti di crisi, quando si tratta di reprimere, I`Austria non distingue fra popolo e popolo. Italiani o tedeschi o slavi, il regime è identico“. (in kritischen Augenblicken, wenn es sich um Niederhaltung von Revolten handelt, unterscheidet Österreich nicht zwischen Volk von Volk. Für Italiener, Deutsche und Slaven gibt es nur ein Vorgehen (Seite 72.ff.). Die Regierung sieht auch die deutschen Schutzverbände nicht gerne, „Tuttava il Volksbund cominica a suscitare i sospetti e le diffidenze delle alte sfere ufficiali austriache,“ (Jedenfalls beginnt der Volksbund schon den Verdacht und das Misstrauender höheren österreichischen Kreise zu wecken. (Seite 26). Die österreichische Regierung bleibt im Sprachenkampf unparteiisch und das gilt den Trentinern ein gewisses Vertrauen in die Zukunft, da es auch Österreich ohne weiteres möglich wäre, das Trentino zu germanisieren – wenn es wollte. (Se l´Austria volesse veramente intedescare il Trentino ci riuscirebbe, Ma – noi crediamo che il Trentino, rimanedo neutrale il governo, conserverà la sua italianità liguistica. Seite 35. )

Auszusetzen hatte Mussolini an dieser Regierung nur folgendes: An erster Stelle bemängelt er die Verweigerung der Autonomie für das Trentino: Allerdings sagt es selbst, dass nur die sozialistischen Partei zeitweise eine wirkliche Propaganda für die Autonomie entfaltet hat, während die Lieberalen und Klerikalen sich sehr zurückhaltend gezeigt hätten. (i liberali-nazionali osteggiano l`agitazione – i clericali cercano di stroncarla. Seite 66) Die Besitzende Klass wusste eben zu gut, dass sie ohne die finanzielle Hilfe Deutschtirols nicht bestehen könnte. Darum hat Degasperi, der dies sehr wohl wusste, im Jahre 1946 darauf bestanden, dass das Trention und Deutschsüdtirol beisammen bleiben sollten. (1948 Nichteinhaltung des Gruber-De Gasoeri-Abkommens)

Ferner wirft Mussolini der österreichischen Verwaltung vor, dass die Verteilung der Abgeordnetensitze im Tiroler Landtag sehr zuungunsten der Trentiner ausgefallen sei. Mussolini wusste wahrscheinlich nicht, dass die alte Landeswahlordnung die Sitze nach der Steuereinnahme verteilte. Und hier fehlte es bei den Trentinern wirklich grob. (sie sind halt doch großteils Italiener)

Dann behauptete Mussolini, dass die Trentiner durch überhöhte Steuern bedrückt worden seien. Dazu kann man nur sagen, dass die Vorsicht mit der die Trentiner von den, selbst aus Trentinern bestehenden, Steuerbeamten angefasst wurden, schon fast als politische Bestechung bezeichnet werden konnte. Dies kann man ja auch schon aus der geringen Zahl von Landtagsabgeordneten, die auf Grund der Steuerleistung gewählt wurden, erkennen.

Der letzte Vorwurf ist der, dass Österreich die Industrialisierung des Trentino verhindert habe. Dieser groteske Unsinn bedarf wohl keiner weiteren Widerlegung. Wer hätte dies verhindern können und wie?

Da die Studie Mussolinis, abgesehen von der nationalistischen Naivität und Urteilslosigkeit, die leider vielen Romanen zu Eigen ist, den wirklichen Verhältnissen auf den Grund zu kommen sucht, muss angenommen werden, dass Mussolini, der in die wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnisse keinen Einblick hatte, einem „Plauscher“ aufgesessen ist. Dies ergibt sich auch aus der Klage wegen der Finanzierung der Volksschulen. Die Wahrheit ist, dass im Landtag von Trentinern Seite der Versuch gemacht wurde, die Lasten für die Volksschulen durch Abgaben auf Bier und andere Erzeugnisse Deutschtirols (das heutige Nord-, Ost und Südtirol) zu decken. Da die Trentiner davon nichts abgeben wollten, beschränkte man sich darauf, nur die Lasten für die Deutschtiroler Schulen mit Deutschtiroler Abgaben zu decken und es den Trentinern zu überlassen, für ihre Schulen selbst zu sorgen. Das konnte Mussolini natürlich nicht wissen, sonst hätte es bestimmt nicht geschrieben.

VI. Und der Schluss von allem?

„Autonomie? Autonomie? Status quo?“ frägt sich Mussolini am Ende des politisch-polemischen Teils seiner Studie.

Autonomie? Ja wer verlangt danach? „Dal alto non verrà, e dal basso nessuno si agita per volera. – L`alto clero era ed è antiautonomistra.“ – Ill clero minuto ebbe un tempo delle velleit à autonomostiche. Oggi non. L`alta borghesia accetta l´Austria. – La popolazione rurale è austriacante.“ (Von oben kommt sie nicht d.h., von der Regierung. Anmerkung) und von unten rührt sich niemand, der nach ihr verlangt. – Der hohe Klerus war und ist noch antiautonomistisch. – Der niedere Klerus hatte einstmals derartige Bestrebungen. Heute nicht mehr. – Die obere Bürgerschicht bekennt sich zu Österreich. – Die Landbevölkerung ist österreichisch gestimmt. (Seite 78ff.)

Die Annexion durch Italien? Wie denkt man sich diese? Meint man, dass nach dem Tode des Kaisers Österreich von selbst zerfallen wird? Unmöglich! Freiwillig wird Österreich das Trentino nicht abtreten. Das wolle ja nicht einmal die Arbeiter, die die Pensionen und Krankenkassen der guten österreichischen Sozialversicherung genießen und die im inneren Österreichs liegenden Versicherungsfonds nicht im Stich lassen wollen. Nein, unmöglich! Da

bleibt also nur der Status quo. Von einer vierten Möglichkeit, der eines siegreichen Krieges, der Österreich zwingen würde einen Teil des Gebietes abzutreten, will Mussolini nicht weiter sprechen. Das wäre nur eine Hypothese. Also bleibt es beim Status quo!

Also an einen Krieg dachte Mussolini damals noch nicht im Ernst. Dies war erst seiner weiteren Gesinnungshäutung im Jahr 1915 vorbehalten. Wohl erst im Jahre 1922 machte Mussolini seinen letzten Gesinnungswandel zum ländergierigen Panitaliener mit, dem „ der Appetit mit dem Essen kam“, da bald nach der „Machtergreifung“ an den Hauswänden der Städte und Dörfern plötzlich auf Plakate mit der Unterschrift “Si va oltre“, (Es geht weiter, d.h. über den Brenner.) Dann erschien im Auftrag der faschistischen Regierung das berüchtigte Buch Paolo Drigos „Claustra Provinciae“, wonach die Schweiz, Süddeutschland, Österreich und ein Teil von Ungarn und fast ganz Jugoslawien und Griechenland als strategisches Vorland unter die Vorherrschaft Italiens gebracht werden sollte. Man sieht, der Geist Cola Rienzis, der 1354 von seinen eigenen Volksgenossen zu Tode gesteinigt wurde, so wie Mussolini 1945 von seinen eigenen Leuten erschossen, an den Beinen aufgehängt und durch mehrer Tage den Pistolenschützen als Zielscheibe preisgegeben wurde, spukte noch immer in den leicht entflammbaren Herzen dieser ziellosen Phantasten und ihrer Führer. Es war eben keine menschlichen idealen Sozialrevolutionäre, erst zu Sozialisten, dann zum Kriegstreiber und Übernationalisten und endlich zum antidemokratischen totalitären Diktator werden ließ.

Es ist nun ein höchst absonderliches Schauspiel, zu sehen, wie aus der besprochenen Studie ein Bild Mussolinis heraustritt als eine Vertreters der „Mittelmeerrasse“ der sich mit Empörung gegen die Bezeichnung „chaotische Rasse“ auflehnt und in sich die dunkle, unbegründete Berufung fühlt, etwas gegen den „Pangermanismus“ zu tun, während als Gegenspieler der noch nicht materialisierte Geist Hitlers, des späteren Schildträgers der „nordisch-arischen“ Rasse, geisterhaft durch die Zeilen spukt. Die Hoffnung auf eine gemeinsame Beute hat nun beide Antagonisten später zusammengeführt. Mit verständnisvollem Lächeln betrachten die Historiker (und nicht nur die) dieses seltsame Ende zweier Ideologen, die den Verlockungen höchst materieller Versuchungen nicht widerstehen konnten.

Besonders auffallend ist, dass Mussolini in seiner sozialrevolutionären und sozialdemokratischen literarischen Tätigkeit die Propagandaschlager „Humanität“ und „Verletzung der Menschenrechte“ nicht gebraucht. Er konnte diese Wörter in seiner Studie auch nicht verwenden, da im Trentino – nach Mussolini selbst – niemand sich seiner Menschenrechte verletzt oder bedroht fühlte.

Das Fazit der mussolinischen Untersuchung ist in ihrer naiven Offenheit eigentlich seltsam genug: Sie zeigt uns das Bild einer ruhigen und großteils zufriedenen Bevölkerung, die keinerlei Änderung politischer oder wirtschaftlicher Art anstrebten und am Ende als Opfer machtpolitischer Intrigen und Umtrieben eine bitterböse Rechnung begleichen musste, bei deren Eintreibung Quälereien linguistischer und ethnischer Art nicht fehlten.

Alles ist in diesem Buche seltsam! Mussolini als Kronzeuge gegen die irredentistische Propaganda, die im Trentino selbst kaum Anhänger hatte, dafür aber im „Regno“ groß aufgezogen wurde! Schon im ersten Satz seiner Einleitung sagte Mussolini: Moltissimi italiani del regno che fan proffessione d`ìrredentismo (professione abbastanza comoda e forse anche sufficentemente lucrosa) conoscono assai vagamente la reale situazione di quelle terre ch´essi vorrebbero redimere“.(Sehr viele Italiener des Königreiches, welche aus dem Iredentismus einen Beruf machen – einen recht bequemen und auch hinreichlich einträglichen

Beruf – haben nur vage Kenntnisse von jenen Gebieten, welche sie erlösen wollen) Die ganze Studie und insbesonders das letzte Kapitel des politischen Teils „Autonomie? Annession? Status quo?“ deckt keinen Grund für eine Abtrennung auf, ja nicht einmal für eine Autonomie des Trentino. Warum hat dann Mussolini nach der „Machtergreifung“ im Jahre 1922 derart gegen Südtirol, ja auch gegen das Trentino gewütet?

Dann: Wie konnte Mussolini sich mit Hitler, dessen Staats- bzw. Rassenlehre er mit Grimm und Spott verhöhnte hatte, so bedenkenlos verbünden und sogar dessen rassische Verfolgung im eigenen Land sekundieren?

Endlich der ideologische Wechsel vom Anarchisten zum Sozialisten, zum Interventionisten, zum Panitaliener bis zum totalitären Gewaltherrscher: welchem Leitstern folgte Mussolini?

Ihn lockte der Ruhm, die Macht und das Hosianna seiner Gefolgschaft! Mussolini ist das Beispiel des Exhibitionisten ohne Gewissen.

Ein seltsames Buch, an dem die Mussoliniforschung nicht vorübergehen können wird. Aber auch ein Buch, das traurig macht, wenn man daran denkt, wie viele Geschichtsfälschungen notwendig sind, um in einem Volk die Erinnerung an eine bessere Vergangenheit auszulöschen.

Vorübergehen kann man heute immer noch in Bozen beim Finanzamt, wo, wenn man den nötigen Blick hat, von Mussolini mit erhobener Hand begrüßt werden. - Und das immer noch im Jahre 2014 und in der angeblich „Weltbesten Autonomie“ die nicht die Fähigkeit besitzt dies zu ändern.

f.d.R.d. W. Ing. Winfried Maturella Obmann des Andreas-Hofer-Bundes Tyrol September 2014

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