Welschtirols Recht zeugt für Südtirol

Was das alte Österreich den Welschtirolern gewährte, gewährte Italien den Südtirolern nicht.

I.

„Ob eine Menschengemeinde, groß oder klein, von dem Forum der Politik und der Gerichte das Recht hat, fortzubestehen, das entscheidet sich am entschiedensten gerade in solchen Zeiten, wo jeder herkömmliche Schutz, jede gewohnte Stütze versagt und jedermann auf sich allein angewiesen ist und selbst für sich sein angeborenes Recht zu behaupten hat, das Recht, von welchen alle Kultur anhebt und auf welchem alle Kultur hinausführt: Das Recht, sein Gewissen nicht zwingen zu lassen und seinen Platz zu behaupten.“ Dieses Wort aus der „Livländischen Antwort“*, das Carl Schirren* 1869 geschrieben hat, findet eine Bestätigung im Schicksal Südtirols, dem seit dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie schließlich jede gewohnte Stütze versagt wurde und das sich, in eine Lage gekommen, in der wirklich jedermann auf sich alleine angewiesen sein angeborenes Recht behaupten muss, des Fortbestandes fähig und würdig erwiesen hat. Nicht aus Gewohnheit und um etwas Menschliches zu verteidigen, hat Südtirol seit 1918 seinen Kampf um Volkstum und Heimat geführt, sondern weil es damit etwas verteidigte und gegen jeden Angriff zu sichern suchte, was ihm von Gott gegeben worden ist und wofür es sich verantwortlich weiß.

„Die Trennung des Menschengeschlechtes in Rasse und Nation muss angesehen werden als eine von der Vorsehung gewollte, mit der Entwicklung der menschlichen Natur innig verknüpfte Einrichtung“, lehrte der Moralphilosoph Viktor Cathrein S.J.; Döllinger aber schrieb in seinem Werk „Kirche und Kirche“ (1873): „ Die Unterdrückung einer Nationalität überhaupt oder in ihren einzelnen natürlichen und legitimen Lebensäußerungen ist ein Frevel gegen die von Gott gewollte Ordnung, der sich früher oder später rächt.“ Und aus diesem Grund haben die Priester in Südtirol stets den Daseinskampf des Südtiroler Volkes unterstütz, denn wie der Bischof Dr. Wenzel Frind in seiner berühmten Schrift über das sprachlich-nationale Recht in polyglotten Ländern schrieb (1899), „ist die Kirche niemals Feindin, sondern Schützerin des Nationalwesens“. (nicht so die Linkskatholiken)

„Alle Lebensgemeinschaften besteht im gemeinsamen Haben, Gebrauchen und Genießen einer Anzahl von Gütern“, schrieb Ignatz Seipl (Prälat u. Politiker) in seinem berühmten Werk „Nation und Staat“ (1916). „Diese sind teils materieller, teils geistiger Natur. Und unter den materiellen ragt eines an Wert hervor, das Land, der Boden. Kein anderes lässt sich mit ihm an Dauerhaftigkeit vergleichen… Die eigentümliche Stimmung, die über dem Land liegt, fließt in die Seele seiner Bewohner hinüber. Dazu füllt es sich jeden Tag mehr mit Erinnerungen, kleinen und großen, frohen und ernsten. Allem Geschehen, das für die Menschheit Bedeutung hat, gibt die Landschaft, in der es sich abspielt, den Rahmen, der mit ihm zu einem einheitlichen Bild verwächst. So wird das Land zur Heimat. Und die Heimat verbindet auch die Menschen unter sich… Die Heimat ist kein bloß materielles Gut. Aus dem Boden sprossen seelische Werte hervor; sie sind es, die in erster Linie die Heimatgenossen aneinander schließt.“ Wie in jedem Volk, so liegt auch im Südtiroler Sehnsucht und Wunsch nach Bewahrung des geschlossenen Heimatbodens als Grundlage des Eigenrechtes und eimatrechtes. Der schon erwähnte Bischof Frind verurteilöt als unberechtigten nationalen Heimatrechtes. Der schon erwähnte Bischof Frind verurteilt als unberechtigten nationalen Angreifer jeden, der „darauf ausgeht, die Naturbedingungen zugunsten anderer zu verändern“ besonders durch die „bestellte Einwanderung und geflissentliche Heranziehung von Konnationalen in eine anderssprachige Gegend aus nationalen Gründen und unter geflissentlicher Verwertung des wirtschaftlichen Moments für nationale Zwecke, durch den sogenannten wirtschaftlichen Nationalismus. (Dieses verwerfliche Vorgehen offenbarte sich in Südtirol leider in zahlreichen Beispielen wie die Anlegung der Industriezone in Bozen und

Meran, bei der Anlage der Kraftwerke, in der Praxis der Arbeitsämter, in der Verlegung von Behörden und Garnisonen, in der Vergabe der Wohnungen, in der Finanzierung der Ansiedlung von Italienern, in der Tätigkeit des Ente per letre Venezie, verschiedener regionaler Einrichtungen usw.)

Aber das Streben geht nicht allein nach Bewahrung des Bodens, es richtet sich auch auf Bewahrung der Sprache und Kultur, denn, wie Seipl weiter schreibt: “Der Weg von der materiellen Gütergemeinschaft zur geistigen ist überhaupt kein weiter. Das kommt von der Doppelnatur des Menschen, der auch das Materielle mit seinem Geist erfasst und mit seiner geistigen Arbeit sich selbst vergeistigt. Die Sprachgemeinschaft ist die Voraussetzung und Folge der Entwicklung eines Kulturverbandes. Der Austausch der geistigen Güter kann nur soweit stattfinden, als die Möglichkeit der geistigen Verständigung reicht.“

„Was ist nun die Funktion des Staates für Individuen, Volksgruppen und Gesamtstaat? Der Staat hat die Wohlfahrt der im Staat Lebenden zum Ziel. Im Staat leben aber nicht nur die einzelnen und deren Familien, sondern ebenso die Nation… Müssen die schwächeren Nationen fürchten, dass der stärkeren die Aufsaugung gelingt (Verelsässerung bzw. Verwalschung) dann werden sie diese Gefahr letzten Endes durch Losreißung vom bisherigen Staatsverband sich zu entziehen versuchen …. (LOS VON ROM)…Der Staat hat aber das alleinige Wohlbefinden aller seiner Angehörigen zum Ziel. Er hat es daher nicht nur mir einzelnen Staatsbürgern als Individuen zu tun. Deren allseitiges Wohlempfinden schließt ein, dass auch ihre Familien, ihr Stamm, ihr Volk, ihre Nation, ihre Gemeinde, ihre Kirche und überhaupt alle erlaubten Organisationen, denen sie von Natur aus oder durch freien Willen angehören, zu ihrem Recht kommen. Der Staat der nur Staatsbürger, der Regent, der nur Untertanen gelten lassen wollte, ohne sich um die mancherlei Verbände zu kümmern, in denen diese nun einmal stehen, macht sich seine Aufgabe allzu leicht….Der Staat wird bemüht sein, die Nationen, die er beherbergt, gerade so wie den einzelnen Menschen, die besten Vorbedingungen für ihr allseitiges Wohl zu bieten. Und die Nationen selbst werden gegebenenfalls die Vorteile, die ihnen die politischen Verbindungen mit anderen in einem Staat gewährt, genießen, ohne sich durch diese Verbindung gedemütigt zu fühlen.“ Dieses Gefühl aber konnten die Südtiroler seit 1918 in Italien nicht haben, denn sie waren in ihrem Dasein bedroht, weil der Staat weder ihr Recht auf Sprache noch Heimat achtete, im Gegenteil es gröblich missachtete und das teilweise, zwar in einer etwas gemäßigten Form, bis heute.

In dieser Lage, wie sie seit 1918 besteht, haben die Südtiroler nach zwei Grundsätzen gehandelt, die der bereits zitierte österreichische Staatsmann Ignaz Seipl im Wiener Parlament bei Debatten zur Südtirolfrage aussprach: „Wir können uns nicht zu der Auffassung bekennen, das das letzte Recht das geschriebene Recht ist, das sich ein Staat selbst gibt, wir glauben an höhere Rechte“ (1927). Und: “Wir sind friedlich, nicht weil wir klein sind, sondern weil wir die innere Ruhe an Idealen glaubender Menschen haben“ (1923)

Südtirol hat die mannigfaltigsten Formen der Unterdrückung seit 1918 an sich erfahren, auf den verschiedensten Wegen wurde die Entnatioanlisierung versucht, mit brutaler Gewalt und mit unsichtbaren Methoden, ja selbst heute noch unter dem Deckmantel der Autonomie glimmt der Vorgang der Entnationalisierung weiter, indem durch staatliche Maßnahmen der nationale Charakter des Landes geschwächt wird und alles getan wird, um die Südtiroler in die Minderheit in der angestammten Heimat zu versetzen. Südtirol hat aber zur Bewahrung seiner Art und seines Wesens als deutschsprachiges (ladinisch) autonomes Gebiet und zur Errichtung einer echten Autonomie nicht allein die Menschenrechte und bestimmte Paragraphen der italienischen Verfassung und das von den Außenministern Degasperi und Gruber geschlossenen Pariser Abkommen als rechtliche Grundlage (zum Unterschied das der Mailänder Verträge) für Südtirols Rechtsanspruch in Italien. Nachstehend sei nun in knappen Zügen ein Bild der Lage Welschtirols vor 1918 entworfen. Es bietet eine gute Vergleichsmöglichkeit mit den heutigen (gestrigen) Verhältnissen Südtirols; es gestattet eine genaue Beurteilung, ob damals Welschtirol oder heute Südtirol unter Gleichberechtigung und in Freiheit lebte.

II.
Südtirol und das Trentino klar voneinander geschieden

Eine klare Entscheidung des italienischen und des deutschen Siedlungsgebietes hat die Auseinandersetzung ebenso wie das Zusammen- und Nebeneinanderleben von Deutschen und Italienern in Tirol im alten Habsburgerstaat erleichtert. Welschtiroler Abgeordnete führten 1848 in der Nationalversammlung zu Frankfurt aus: „Von der Salurner Klause nordwärts zweigt zur Rechten und Linken hohe Bergzüge ab, nur durch wenige steile Pfade durchschnitten. Über ihre Kämme verläuft im Westen am Sulzberg die lombardische, im Osten im Fassatal die venezianische Grenze. Die Natur hat hier eine Scheidewand zwischen den beiden Nationen geschaffen. Die Völker haben sie zu respektieren und eine nationale Politik wird sie in Zukunft achten (was Italien später nicht getan hat). Zur selben Zeit erklärte auf dem Reichstag in Kremsier* der welschtiroler Abgeordnete Baron Turco (der einen bedeutsamen Beitrag zur Formulierung des Artikels XIX des bereits in Kremsier erörterten und weitgehend formulierten, aber erst am 21. Dezember 1867, RGBL. Nr. 142, erlassen Staatsgrundgesetz leistete), ebenfalls die Scheidelinie von Salurn bekräftigend: „Dass die Welschtiroler Italiener sind, wird doch niemand in Abrede stellen und ein Blick auf die Sprachkarte zeigt, dass Tirol eine Scheidewand zwischen den bedeutenden Nationalitäten, dass dort keine Mischung besteht, wie in Galizien oder Mähren. In Tirol hört das deutsche Element auf, wo das italienische anfängt.“ Tatsächlich gab es in ganz Deutschtirol nördlich der Salurner Klause 1910 insgesamt 383.619 Einwohner in den zehn deutschen Mehrheitsgemeinden (Proveis, Laurein, Unser Frau im Walde, St.Felix, Truden, Altrei, Florutz, Gereut, Palai, Lusern) und verstreut 15.857 Deutsche, alle übrige waren Italiener und Ladiner. Das Deutschtum im Trentino war, obwohl so gerne der Vorwurf einer Germanisierung und die Verwendung des Schlagwortes Pangermanismus zu vernehmen ist, seit Ausgang des 18. Jahrhunderts bis auf die oben erwähnten zehn Gemeinden dahingeschwunden und italienisch geworden. Es gab keine Ausdehnungsbestrebungen der deutschen Tiroler ins italienische Siedlungsgebiet, und Welschtiroler wie Deutschtiroler zeichneten sich in gleicher Weise durch nationale Einheitlichkeit aus. Die erwähnte Salurner Grenze, die nicht nur tatsächliche Sprachscheide, sondern auch Verwaltungsgrenze war, ist zur Zeit der Donaumonarchie von Deutschen wie Italienern großteils geachtet worden. Das altösterreichische Nationalitätenrecht aber sicherte im Verein mit geographischen und ethnologischen Gegebenheiten den Italiener im Trentino eine Heimat, in die niemand eindrang und die sie in größter Freiheit selbst verwalten konnten.

III.
Artikel XIX des Staatsgrundgesetzes von 1867

Welches waren die rechtlichen Grundlagen und Gesetze, welche den Italienern in Welschtirol bis 1918 ohne Erlassung einer Autonomie tatsächlich eine fast vollständige Selbstverwaltung und unbehinderte Entfaltung verbürgten, sie vor jeder Entnationalisierung und auch vor jeder fremdnationalen Zuwanderung bewahrte? Ausgangspunkt und Grundlage ist der Artikel XIX des Staatsgrundgesetzes über die allgemeinen Rechte aller Staatsbürger vom 21. Dezember 1867, RGBL. Nr. 143. „Artikel XIX. Alle Volksstämme des Staates sind gleichberechtigt, und jeder Volksstamm hat ein unverletzliches Recht auf Wahrung und Pflege seiner Nationalität und Sprache. – Die Gleichberechtigung aller landesüblichen Sprachen in Schulen, Amt und öffentlichem Leben wird vom Staat anerkannt. – In den Ländern, in welchen mehrere Volksstämme wohnen, sollen die öffentlichen Unterrichtsanstalten derart eingerichtet sein, dass ohne Anwendung eines Zwanges zur Erlernung der zweiten Landessprache jeder dieser Volksstämme die erforderlichen Mittel zur Ausbildung in seiner Sprache erhält.“ Auf dieser Grundlage erfolgt die Entwicklung des Nationalitätenrechtes, das auf sorgfältiger Achtung der Gleichberechtigung und Freiheit aller Volksstämme im Gesamtstaat zielt. Auf dieser Grundlage entwickelte sich in Tirol de facto für Welsch- und Nordtirol (heute Ost-, Nord- und Südtirol) eine Lage, die als eine Autonomie beider Landesteile bezeichnet werden kann, wenn auch der von beiden Gruppen akzeptierte Autonomievorschlag (1902) nicht in Kraft gesetzt worden ist. Angesichts der klaren Sprachgrenzen und des Fehlens einer Völkermischung (mit Ausnahme der deutschen 10 Gemeinden in Welschtirol) hatte der Gedanke der nationalen Autonomie ja in Tirol besonders günstige Vorraussetzungen. Das tirolische Landesgesetz vom 8. November, LGBI. Nr. 35, über den Landeskulturrat darf als erstes Autonomiegesetz in technischem Sinne bezeichnet werden. Dadurch wurde der Landeskulturrat in zwei Sektionen geteilt, deren eine ihren Sitz in Innsbruck und andere in Trient hatte. Der Wirkungskreis der letzteren umfasste die Bezirkshauptmannschaften Borgo, Cavalese, Ckles, Primiero, Riva, Rivereto, Tirone und Trient. Weiter waren Gerichts- und Verwaltungssprengel zwischen Deutsch- und Welschtiroler reinlich nach Sprachgrenzen (ausgenommen die zehn deutsche Gemeinden) abgegrenzt. Infolge dieser Umstände kam das in ganz Österreich bestehende System weitgehender Selbstverwaltung in Ortsgemeinden und Bezirken einer territorialen Autonomie von beträchtlichem sachlichem Umfang nahe.

Autonomie der Gemeinden

Vergegenwärtigen wir uns die weitgehende örtliche Selbstverwaltung der Gemeinden auf Grund des Reichsgemeindegesetzes vom 21. Jänner 1869, RGBL. Nr. 18, und den auf Grund desselben durch die Landesgesetzgebung erlassenen Gemeindeordnung. In den selbstständigen Wirkungskreis der Gemeinden gehörte alles, was das Interesse der Gemeinde zunächst berührt und innerhalb ihrer Grenzen durch ihre eigene Kraft besorgt und durchgeführt werden kann. Dazu gesellte sich die Zuständigkeit der Gemeinden im übertragenen Wirkungskreis. Die Bedeutung dieser echten Gemeind-Selbstverwaltung für die nationale Befriedigung kann kaum überschätzt werden. – Die Autonomie der Gemeinden hätte heute in Italien einen nicht minderen weit reichenden Umfang, doch war der gesetzliche Rahmen der Selbstverwaltung durch die Praxis und durch eine Verbiegung der (damals) bestehenden Gesetze, insbesondere auch durch die Institution des einst dem Staat und nicht der Gemeinde unterstehenden Gemeindsekretärs, unterhöhlt. Die Stellung des Gemeindesekretärs, der als Angestellter nicht dem Bürgermeister untersteht, stand in völligem Widerspruch zur Gemeindautonomie.

De facto-Autonomie in Landes- und Staatsverwaltung

Durch die Schaffung einsprachiger Gerichts- und staatlicher Verwaltungsbezirke waren in der Tat in Tirol in der Zusammenfassung der gleichnationalen Gemeinden Verhältnisse geschaffen, die einer territorial-nationalen Autonomie nahe kamen. Nicht allein im Landesausschuss von Tirol hatte die italienischen Landtagsabgeordneten gebührende Stellung

und wurde in den Referaten die Scheidung der beiden Sprachgebiete berücksichtigt, auch hinsichtlich der staatlichen Funktionen hatte das italienische Sprachgebiet eine Sonderstellung, indem die äußere und innere Amtssprache in diesem die italienische war, was mit sich brachte, das die Dienstpost im italienischen Sprachgebiet vorwiegend mit Richtern und Verwaltungsbeamten italienischer Nationalität besetzt wurden. Diese unterstanden schon durch die Ministerialverordnung vom 31. Juli 1868, RGBL. Nr. 115, dem amtierenden Hofrat der Statthaltereiabteilung in Trient, dem im wesentlichen die Aufgaben einer Statthalterei zufielen. So war schließlich die aus irrendentistischen Gründen erhoben Forderung der Italiener nach völliger Abtrennung Welschtirols nicht mehr durch praktische Bedürfnisse bestimmt, denn de facto war weitgehend eine administrative Trennung vom Deutsch- und Italienisch Tirol verwirklicht.

Die Autonomie der Gemeinden als Grundlage und Bürge der nationalen Selbstverwaltung Welschtirols ist bereits gewürdigt worden. Wie sah es bei der Landesverwaltung aus? Der vom Kaiser ernannte Statthalte (Verwalter anstatt des Kaisers) war meist deutscher, sein Stellvertreter italienischer Nationalität. Im Landtag waren sowohl Deutsch als Italienisch gleichberechtigte Verhandlungssprachen. Das Landesgesetzblatt erschienen in beiden Sprachen. Ebenso waren in den Landesausschüssen beide Sprachen gleichberechtigt. Die Angelegenheiten der italienischen Gemeinden lagen in Händen des italienischen Referenten, alle Erledigungen an italienische Gemeinden und Amtsstellen ergingen in italienischer Sprache. Paragraph 15 der Geschäftsordnung für den Tiroler Landesausschuss lautet: „ Die Korrespondenz ist mit den Behörden und Gemeinden Welschtirols in italienischer Sprache zu führen und die dahin abgehenden Erledigungen sind ebenfalls in italienischer Sprache abzufertigen“. Der Landeskulturrat wurde, wie schon erwähnt 1881 national in zwei Sektionen geteilt, von denen die eine ihren Sitz in Trient hatte. Das Schulaufsichtsgesetz vom 30. April 1892, LGBL. Nr. 7, regelt die paritätische Zusammensetzung des Tiroler Landesschulrates. Mit Landesgesetz Nr. 4 vom 2. Februar 1914 wurde die Wählergruppe des adeligen Großgrundbesitzes national geteilt und wählte der deutsche Wahl Bezirk Innsbruck –Bozen vier, der italienische in Trient sechs Abgeordnete. Wahlgesetzlich waren die Italiener begünstigt, indem sie bereits mit geringerer Wahlziffer als die deutschen Tiroler ihre Mandate erhielten. Der Landtag setzte sich aus 45 deutschen und 23 italienischen Abgeordneten zusammen.

Unter 515 Abgeordneten des Reichsrates in Wien waren als Vertreter Tirols 16 Deutsche und 9 Italiener. Sie stellten auch einen Vizepräsidenten. Ebenso war jede Nationalität im Herrenhaus (Senat) vertreten. Auch dem Beamtenkörper, der in Welschtirol selbst ausschließlich aus Italienern bestand, gehörten in allen Rängen und Zweigen, auch in den Zentralstellen, Angehörigen aller Volksgruppen an. Waren die Italiener (in Welschtirol, Istrien, Dalmatien und Triest) nur 2,75 Prozent der Staatsbevölkerung der Donaumonarchie, so waren beispielsweise im Wiener Außenministerium unter 832 Beamten 37 Italiener, Im Justizministerium unter 197 Beamten 7, im Finanzministerium unter 295 ebenfalls 7 Italiener, im Ministerium für Inneres unter 259 Beamten 5 und im Handelsministerium unter 2073 Beamten 5 Italiener. Insgesamt 98 leitende ministerielle Beamtenstellen hatten in Wien Italiener inne. Bei den obersten Gerichten in Wien amtierten 19 Italiener. Die Welschtiroler hatten also manche bedeutende Beamtenstellen in den Zentralbehörden inne, aber sie blieben am liebsten auf Dienstposten in ihrer engeren Heimat und dem trug die österreichische Regierung durch entsprechende Einteilung und Verwendung Rechnung. Von 498 Beamten der Statthalterei und Landesverwaltung Tirols waren 149 italienischer Nationalität. Niemand brauchte sich sorgen, aus seinem Heimatgebiet in ein anderes Gebiet wegversetzt zu werden, es sei denn, er wünschte es selbst.

Die italienische Sprache Amts- und Schulsprache

Wie stand es mit dem Sprachgebrauch im italienischen Landesteil Tirols? Wenn „Nationalitätenrecht Sprachrecht ist“, wie der Tscheche Rudolf Herrnritt feststellte, dann war dieser Grundsatz in Welschtirol erfüllt. In den staatlichen Ämtern des italienischen Landesteiles war die italienische Sprache als äußere und innere Amtssprache herrschend. Wie es bei den Landesbehörden und in den Gemeinden war, wurde bereits erwähnt. Bei den politischen Behörden einschließlich der Agrar- und Finanzbehörden richtete sich die Sprache ausschließlich nach den Bedürfnissen der Bevölkerung, nach der Sprache der Klienten. Wer zur Behörde kam, erhielt mündlich oder schriftlich in der von ihm gewünschten Sprache Auskunft, bei den selbstständigen Magistraten Trient und Rovereto nur in italienischer Sprache. Auf Drucksorten, Amtstafeln, Schildern und Stempeln wurde nur die italienische Sprache gebraucht, in sehr vereinzelten Fällen waren doppelsprachige Drucksorten in Gebrauch. Der Verkehr zwischen den Behörden in Welschtirol erfolgte ausschließlich in italienischer Sprache. Der staatliche Verwaltungsdienst in Welschtirol stand unter dem Gedanken der italienischen Einsprachigkeit. Für die Ortsnamen in Welschtirol wurden ausschließlich die italienischen Namen verwendet. Die innere und äußere Geschäftssprache war die italienische. Mit Gesetz vom 25. Dezember 1894, RGBL. Nr.1 /1895 wurde von Gendarmen (heute Carabinieri) die Kenntnis der Landessprache gefordert. Post- und Telegrafenämter bedienten das Publikum in Welschtirol in vollem Ausmaß in italienischer Sprache, in dieser Sprache waren auch Aufschriften und Drucksorten verfasst. Auch die Eisenbahnverwaltung, bei welcher die Dienstsprache an sich deutsch war, wandte in Welschtirol die italienische Sprache an. Bei den Gerichten war in Welschtirol einzig die italienische Sprache zugelassen, wer deutsch sprach, musste sich eines Dolmetscher bedienen. In ganz Tirol gab es 128 Richter und 46 Notare, davon waren 48 Richter und 20 Notare Italiener. Die italienische Einsprachigkeit setzte sich zum Oberlandesgericht nach Innsbruck fort (hier waren von 88 Gerichtsbeamten 22 Italiener); auch weiter zum Obersten Gerichtshof in Wien (an dem 12 Italiener amtierten). Die Richteramtsprüfung fand nach Wunsch des Kandidaten in italienischer oder deutscher Sprache statt, der gleiche Grundsatz der freien Sprachenwahl galt auch bei den Advokatenprüfungen. Es galt auch allgemein vor Ämtern der Grundsatz: „Die Führung und Schreibung der Namen (Vor- und Familienname) stellt ein persönliches Recht des Bürgers dar, in das jeder Eingriff des Staates unzulässig ist“.

Das Unterrichtswesen war auf den Artikel 19 des Staatsgrundgesetzes und dem Reichsvolksschulgesetz vom 14. Mai 1869, RGBL. Nr.62, aufgebaut. Der Unterricht erfolgte im Trentino durch ausschließlich italienischsprachige Lehrer an 489 öffentlichen Schulen mit 1177 Klassen in italienischer Sprache, ohne dass Deutsch als Unterrichtsgegenstand gelehrt wurde. Außerdem bestand ein entsprechendes aus öffentlichen Mitteln erhaltenes mittleres höheres Schulwesen in italienischer Sprache. Das Unterrichtsbedürfnis der italienischen Bevölkerung Tirols war voll befriedigt, das vollständige italienische Schulwesen bis zur Universität unterstand eigenen italienischen Inspektoren und dem Landeschulrat. In Innsbruck, Graz und Wien wurden Vorlesungen in italienischer Sprache, teilweise von aus Italien berufenen Dozenten gehalten, vornehmlich für Juristen, Mediziner und einige Zweige der philosophischen Fakultät. Ungelöst war nur die Frage der Einrichtung einer italienischen Universität in Triest (Trieste o nulla). Vom Recht auf Privatschulen machten die Italiener nur in einem Fall, in der deutschen Sprachinselgemeinde Lusern, gebrauch, weil das zur Verfügung stehende öffentliche Schulwesen alle ihre Wünsche erfüllte. Wie die Lehrer selbst waren auch die Organe der Schulaufsicht italienischer Nationalität, diese amteten und verkehrten untereinander nur in italienischer Sprache. Die Prüfungskommissionen für alle Schulen waren ausschließlich aus italienischen Mitgliedern zusammengesetzt. Man darf sagen, dass die herrschenden Verhältnisse den Begriff einer echten Kulturautonomie verwirklichten.

Völlige Freiheit in der Kulturarbeit

Dieses Bild wird vervollständigt, wenn man das übrige geistige und materielle Leben der Italiener in Welschtirol unter Österreichs Herrschaft kurz skizziert. Das gesamte kulturelle Leben der Italiener konnte sich in Welschtirol völlig frei entwickeln. Die Italiener in Tirol waren im Vollbesitz der Freiheit der Person, der Unverletzlichkeit des Eigentums, des Hausrechtes, des Briefgeheimnisses, der Freiheit der Meinungsäußerung, des Versammlung- und Vereinsrechtes, des Rechtes zur Errichtung von Schul- und Erziehungsanstalten und Erteilung von Hausunterricht, es bestand staatliche Schadensersatzpflicht bei Ungerechtigkeiten durch staatliche Organe und es stand jeder Rechtweg bis zur höchsten Instanz, und zwar in italienischer Sprache, offen. Es gab keine Zurücksetzung bei Ämterverleihungen, bei Gewährung von Konzessionen, bei Zuweisung staatlicher Aufträge, bei Prüfungen. Bei Abfertigungen in staatlichen Betrieben, keine Paßverweigerungen, keine Grenzzone- oder andere Sondergesetze. Das Vorrecht, ja Alleinrecht der italienischen Sprache in Welschtirol war in vollem Maße gewahrt. Ein dichtes Netz von Vereinen aller Art zeugte von der vollen Freiheit der Organisation und Vereinsbildung (Auch wenn in manchen zielbewusst für ein Großitalientum gerungen wurde). Völlig frei konnte sich der italienische Schutzverein „Lega nationale“, auch seine Zusammenarbeit mit dem reichsitalienischen „Dante-Aligieri-Verein“, die „Accademica degli Agiati“, die „Biblioteca popolare“, konnten sich zahlreiche Musikvereine, die Dilettantenbühnen und Theater – es bestand keine Vorlagepflicht der Stücke in deutscher Übersetzung bei einer Wiener Zentrale oder in Innsbruck – betätigten, nicht minder die Sportvereine, die Standesvereine wie Bauern-, Arbeiter-, Angestellten-, Beamten- und andere Vereine, die Gewerkschaften, Lehrervereine, Priestervereine, Jugendverbände. Sie konnten auch frei über die Staatsgrenzen hinweg verkehren, an Tagungen teilnehmen, sich Vortragende (wie z.B. Mussolini vor 1918 in Welschtirol - eigener Sandwirtsbrief) und Organisationen von dort kommen lassen. Die Handelskammer in Trient und Rovereto waren reinitalienisch, ebenso die Advokatenkammer.

Auch Finanzautonomie

Das Wirtschaftsleben im Trentino war zur Zeit Österreichs vollständig in eigenen italienischen Händen. Es bestand auch eine Finanzautonomie, wenn man so sagen darf, denn neben der halbamtlichen Charakter tragenden Filiale der Österreichisch- Ungarischen Bank in Trient und der Zweigstelle der Triester Anglo-Österreichischen Bank gab es nur Geldinstitute in Welschtirol, die nach Sitz, Organisation und Zusammensetzung der Verwaltungsräte und Direktoren rein italienisch waren. Es griff kein deutschtirolerisches Institut mit Filialen oder sonst irgendwie in das italienische Gebiet hinein. Gleiches galt auch für die wirtschaftlichen Organisationen, insbesondere die Cassa Rurali (Raiffeisenkassen), die Konsum-, Milch-, Seideraupenzüchter-, Weinbau- und andere Genossenschaften, die alle im Sindicato Agricolo Industriale in Trient zusammengeschlossen waren. Es galt für die Elektrizitätsgesellschaften, das Feuerwehrwesen, die Armenhäuser, Waisenhäuser, die Spitäler, Taubstummen- und Bildungsheime, Jugendhorte, Kindergärten usw. Und nicht minder galt diese Freiheit und Unberührtheit von nichtitalienischer Entwicklung für das Pressewesen, das unbehindert die Ansprüche der Italiener vertreten und italienische Gesinnung pflegen und für das Recht der Italiener eintreten konnte. Es gab im Trentino neben der italienischen keine deutsche Presse, auch keine staatlich finanzierte italienische Presse.

Welschtirol bis 1918 und Südtirol ab 1918

Jedem vorurteilsfreien Betrachter drängt sich von selbst ein Vergleich der Behandlung und Lage der Welschtiroler als italienische Minderheit in Österreich vor 1918 und der Behandlung der Deutschtiroler als Minderheit nach 1918 in Italien auf. Eine vergleichende Betrachtung offenbart, wie viel besser die Stellung der Italiener im alten Österreich als jene der Südtiroler im heutigen Italien, auch wenn sich seit dem Inkrafttreten des Autonomiestatus einiges gebessert hat, gewesen ist.

Die Verfassung der Italienischen Republik, veröffentlicht im Gesetzblatt Nr. 298 vom 27. Dezember 1947, stellt in Artikel 2 fest: „Die Republik anerkennt und gewährleistet die unverletzlichen Rechte des Menschen, sei es als Einzelnem, sei es innerhalb der gesellschaftlichen Gebilde, in denen sich Persönlichkeit entfalten (das ist eben auch ein Volksgruppe)“. Weiter in Artikel 3: „Alle Staatsbürger haben die gesellschaftliche Würde und sind vor dem Gesetz ohne Unterschied des Geschlechts, der Rasse, der Sprache, des Glaubens, der politischen Anschauung, der persönlichen und sozialen Verhältnisse gleich. Es ist Aufgabe der Republik, alle Hindernisse wirtschaftlicher und sozialer Art zu beseitigen, welche, durch eine tatsächliche Einschränkung der Freiheit und Gleichheit der Staatsbürger, der vollen Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und sozialer Gestaltung des Landes im Wege stehen“ (dazu gehört die Aufhebung der aus faschistischer Zeit stammenden Sondergesetze, die in Südtirol weiter angewendet werden.) Artikel 5 besagt: „Die eine, unteilbare Republik anerkennt und fördert die örtlichen Selbstverwaltungen; sie setzt in den Dienstleistung, die vom Staat abhängen, die weitgehende Dezentralisierung der Verwaltung in die Tat um; sie gleicht die Grundsätze und Methoden ihrer Gesetzgebung den Erfordernissen der Selbstverwaltung und Dezentralisation an“. Artikel 6 legt fest: „Die Republik schützt mit dazu geeigneten Normen die sprachlichen Minderheiten. Artikel 9 setzt fest: „Die Republik schützt die Landschaft und das geschichtliche und künstlerische Vermögen der Nation“. Im Artikel 116 ist der Sonderstatus für Südtirol anerkannt und in Artikel 117 der Umfang und die Materie der Gesetzgebungsmaterien im Bereich der Region (Provinz) umschrieben und weiter Aufgaben, Ausübungen und andere Funktionen der Verwaltung im lokalen Bereich in den Artikeln 118 bis 133 festgelegt.

Verfassung und Autonomiestatut würden es ermöglichen, dass Südtirol mindestens so eine umfassende Einstellung in Italien haben sollte, wie sie Welschtirol in Altösterreich hatte. Doch zahlreiche Beispiele, meist durch deutsche Oppositionsparteien aufgedeckt zeigen, dass dies leider nicht so ist. Daher formen sich in Südtirol immer mehr Kräfte, die ein LOS VON ROM durch Selbstbestimmung wollen.

Der Rückblick offenbart aber auch, dass Welschtirols Recht in Altösterreich eine unübersehbare mahnende Grundlage für den unverlierbaren und unbedingten Rechtsanspruch Südtirols ist, für dessen Realisierung unter Überwindung aller Widerstände seinerzeit Kanonikus Michael Gamper, der Versöhner zwischen Dableibern und Optanten, dem dieser 71. Sandwirtsbrief gewidmet ist, unerschrocken und unermüdlich, auch als Vorbild für viele die ihm im Freiheitskampf folgten, und an dessen Grab am 23. Juni 2014 (durch die STF) in Erinnerung an den 75. Jahrestag der Option Blumen niedergelegt wurden, als Priester und Mann sich eingesetzt hat. Er konnte und musste dies tun, weil er als Staatsbürger für die Erfüllung der Verfassung sein musste und weil der Universalismus des Katholiken die Besonderheit und die Gemeinsamkeit anerkennt, weil Zusammenarbeit nicht durch Preisgabe des einen und Vorherrschaft des anderen erkauft werden kann. Gottes Schöpferwille fördert nicht eine eiförmige Gleichheit, (wie die Multikulitis) sondern eine geordnete Mannigfaltigkeit, aufgebaut auf gegenseitige Achtung und Anerkennung.


F.d.R.d.W. Ing. Winfried Matuella Obmann des Andreas-Hofer-Bundes Tyrol Juni 2014
 

* Carl Christian Schirren deutsch baltischer Historiker geb. 1826 in Riga gest. 1910 in Kiel. Sein Buch „Livländische Antworten an Herrn Juri Samarin“ war die Erwiderung auf eine polemische Schrift des Slawophilen Samarin. Dieser trat für die Beseitigung der Autonomie der Ostseeprovinzen und an eine Anpassung an Russland ein.

* Kremsier (Kormeriz) Stadt im gleichnamigen Bezirk der Region Zlín in Ostmähren - heute Tschechien.

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