Sepp Kerschbaumer und seine Mitstreiter, warum, weshalb und wieso

Die Politik nimmt keine Rücksicht auf den Einzelnen, nicht auf sein Wünschen und Wollen, nicht auf seine Ideale und erst recht nicht auf seine Freiheit. Tirol erfuhr dies in schmerzlicher Klarheit spätestens am 10. Oktober 1919, als die Annexion Südtirols an Italien vollzogen wurde, und das, obwohl kein einziger Gegner des  ganzen Krieges auch nur einen Fußbreit Tiroler Boden erobern konnte. Der ganze Heldenmut der Tiroler Kaiserjäger, Kaiserschützen und Standschützen schien vergebens gewesen zu sein, der Blutzoll, der in den Tiroler Bergen gezahlt worden war, schien zur Farce degradiert zu sein.

Die Freude über den endgültigen Frieden vermischte sich mit der Trauer über das verlorenen gegangene Kernland Tirols, das ein Diktat, welches sich mit dem in diesem Fall absurden Wort „Frieden“ schmückte, gegen jede Vernunft vom übrigen Tirol losgetrennt hatte. Die Italienisierung Südtirols ging mit Riesenschritten voran: Italienisch wurde zur Amtssprache, zehntausende Italiener wurden „umgesiedelt“, Deutschsprachige wurden von verschiedenen Posten und Ämtern ausgeschlossen, deutsch Inschriften hatten zu verschwinden, die Orte bekamen italienische Namen, künstlich assoziiert mit angeblichen oder tatsächlichen historische begründeten römischen Bezeichnungen, ja, sogar die Grabinschriften mussten italienisiert werden, so dass aus einem Tiroler Josef  plötzlich ein Giuseppe, aus einem Hans ein Giovanni wurde, aus einem Alttiroler Gasthof über Nacht ein „Albergo“ und etwa aus dem schönen Welsberg ein Monguelfo und aus dem klangvollen Namen Gossensasß (=Gotensitz) ein simples Colle d´Isarco.  Tiroler Aufschriften, Tiroler Fahnen und Trachten wurden verboten und eilends wurde ein Siegesdenkmal in Bozen errichtet, das stolz verkündete, hierher hätten die Italiener den Barbaren die Kultur gebracht. Diese Inschrift existiert noch heute …

All dies wurde noch um ein Beachtliches verschärft, als 1923 in Italien der Faschismus an die Macht gekommen war, in jenem Jahr, da Adolf Hitler in München seinen berühmten “Marsch zur Feldherrnhalle“ angetreten hatte, der allerdings blutig endete und Hitler auf Jahre von seinem Ziel wieder entfernte, während Mussolini ein Jahr zuvor nach seinem „Marsch auf Rom“ wesentlicher erfolgreicher gewesen war.

Aber das Schicksal der Südtiroler in den zwanziger und dreißiger Jahren ging unter angesichts der ungeheuerlichen Dinge, die sich in der Welt vollzogen. Und auch das noch bei Österreich verbliebene Tirol, das mit 1918 aufhörte eine gefürstete Grafschaft zu sein, sondern eines von neun Bundesländern der Republik Österreich geworden war, spielte keine große Bedeutung mehr in der europäischen Geschichte, wie es sie in seiner schönsten Blütezeit unter Friedrich mit der leeren Tasche, unter Sigmund dem Münzreichen und vor allen unter Maximilian I. gehabt hatte. Es litt ebenso wie andere Länder unter Hunger, Arbeitslosigkeit, Inflation und dem Bewusstsein, ausgespielt zu haben im Konzert der Völker Europas. Kein Wunder, dass von allem Anfang an diesen „Staat, den keiner  wollte“ zu seinem „großen Bruder“ nach Deutschland schielte und dass das Wort „Anschluss“ nicht erst 1938 seine Bedeutung erhielt, sondern bereits unmittelbar nach dem Krieg von 1914-18.

Doch Südtirol versank nicht in Lethargie. Schon Anfang November 1918, als der Krieg endgültig verloren war und nicht nur durch die zurückströmenden Truppen das ganze Land in Chaos geriet, wurde ein eigener Südtiroler Nationalrat geschaffen, um die Verwaltung intakt zu halten und wenigstens annähernd wieder Ruhe und Ordnung in das Land zu bringen. Natürlich wurde diese Organisation  sofort nach der Besetzung des Landes durch die Italiener aufgelöst, sie blieb jedoch, quasi im  Untergrund, auch weiterhin bestehen. Protestschreiben sämtlicher  deutschsprachigen und den 12 ladinischen Gemeinden (keine Welschtiroler) wurden  mitten im Winter  über Hochgebirgspfade heimlich nach Innsbruck geschmuggelt und von dort nach Bern zum amerikanischen Gesandten weitergeleitet. Die entschiedene Ablehnung eines Anschlusses an Italien durch die Bevölkerung und deren ausführliche Begründung konnten jedoch  den amerikanischen Präsidenten Wilson nicht bewegen, das von ihm proklamierte demokratische Recht der Völker, über ihr Schicksal selbst zu bestimmen, auch den Tirolern zuerkennen.

Aber Italien war mit dem, was ihm die Alliierten zubilligten – Südtirol bis zum Brenner, das Küstenland von Triest, Istrien, Teil von Kärnten, Dalmatien und einige dalmatinische Inseln – nicht zufrieden, ja, es sprach sogar von einem „verlorenen Frieden“. Diese Enttäuschung  förderte das Anwachsen rechts- wie linksradikaler Bewegungen und Strömungen im ganzen Königreich, die Bevölkerung  fühlte sich (wie so oft) in seiner nationalen Ehre verletzt, es kam zu auch offiziell so genannten „Krise der Demokratie“ – und diese Krise ( eine erstaunliche Parallele zu Deutschland) führte letztlich zum Faschismus. Das „Schanddiktat“ von St. Germain - en - Laye vom 10 September 1919 zog auf diese Weise auch Süd- und Nord-Osttirol in den tragischen Bann jener Diktaturen, die bis 1945 herrschten und die Welt veränderten. 

Benito Mussolini, 1883 in der Provinz Fori geboren, war ursprünglich Lehrer gewesen, bis er sich 1912 zum Chefredakteur des sozialistischen „Avanti“ emporgearbeitet hatte, der 1914 den Anschluss an die Entente befürwortete, von 1915-1917 selbst an der Front stand, ohne daneben seine Journalistische Arbeit, vor allem in dem von ihm gegründeten „Popolo d´ Italia“ zu vernachlässigen. 1919 schuf er im Mailand den Wehrverband der „Schwarzhemden“, die für ihn das wurden, was einst die „Rothemden“ für Garibaldi waren. Zwar gelang es Mussolini bei den ersten Wahlen noch nicht, große politische Erfolge zu erzielen – ähnlich erging es auch Hitler in Deutschland -, aber Mussolini war rücksichtsloser und machtgierig genug, um mangelnde politische Erfolge durch Terror zu ersetzen. – genau wie Hitler später. Sozusagen als Auftakt oder Generalprobe für seinen „Marsch auf Rom“ überfiel er in einem spektakulären „Marsch auf Bozen“  mit einigen tausend Faschisten das dortige Rathaus und setzte den Bürgermeister Perathoner kurzzeitig ab, eine Köpenikade, die allerdings nichts Humorvolles in sich barg, im Gegenteil, die sogar von Rom sanktioniert wurde. Dabei wurde ein Mann (Innerhofer) getötet, vierzig Menschen wurden verletzt. Das geschah am 2. Oktober 1922; die Galapremiere des „Marsches auf Rom“ fand 26 Tage später statt – und war ebenso erfolgreich. Mussolinis Weg zum Diktator, zum „Duce“, war breit und gut gepflastert.

Was brachten die nächsten Jahre: Ab 1924 stellten die Südtiroler auf Grund eines Wahlrechtes, das den Faschisten von vornherein zwei drittel aller Mandate garantierte, nur mehr zwei Abgeordnete. Doch inzwischen war der Parlamentarismus ohnehin nur noch Farce. Der Demokratie war ein Ende gesetzt. Im lokalen Bereich verschwanden durch die Einsetzung von italienischen Amtbürgermeistern bei gleichzeitiger Auflösung der Gemeinderäte die uralte Tiroler Gemeindeautonomie. 1926 wurde der Südtiroler  Bauernbund aufgelöst, 1927 der „Deutsche Verein“, der jedoch illegal weiterbestand. Natürlich kamen Pressezensur und Zeitungsverbote. 1929 gab es das Schauspiel einer „plebiszitären Wahl“, die dem Stimmberechtigten keine Wahl ließ. Er konnte nur für oder gegen eine faschistische Einheitsliste stimmen, wobei von einem Wahlgeheimnis keine Rede war. Einen deutschen Abgeordneten gab es in der so „gewählten“ rein faschistischen Kammer nicht mehr. Die Diktatur Mussolinis war perfekt. Sie bedeutete in Südtirol nicht nur die Aufhebung der politischen Rechte, sondern vor allem einen rücksichtslosen Kampf gegen Sprache und Volkstum. Hauptwaffe der Faschisten waren Schikane, erpresserische Gewalt, Gefängnis und Verbannung.

Welch greller Gegensatz zu den Verhältnissen, die im österreichischen Großstaat, dem sogenannten „Völkerkerker“, laut Staatsgrundgesetz vom Jahre 1867, Artikel 19, festgelegt und strikte eingehalten wurde: „Alle Volksstämme des Staates sind gleichberechtigt; und jeder Volksstamm hat das unverletzliche Recht auf Wahrung und Pflege seiner Nationalität und Sprache“.

Auch in den Dreißigerjahren ging die Italienisierung weiter; allmählich wuchs die erste Generation heran, die bereits unter dem Faschismus geboren wurden und als „Italiener“ zur Welt gekommen waren. Aber auch sie wuchsen deutschsprachig  auf, auch sie wurden von ihren Eltern im Tiroler Geist erzogen, auch wenn sie in der Schule ausschließlich italienisch sprechen musste und keine deutschen Lehrbücher hatten. 1933 trafen Hitler und Mussolini das erste Mal zusammen, in Venedig, aber noch fanden die Diktatoren keine gemeinsame Linie. Als im Juli 1934, weniger als ein Jahr nach diesem Treffen, der nationalsozialistische Putschversuch in Wien, bei dem  Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ermordet wurde, scheiterte, trat diese Meinungsverschiedenheit zwischen beiden noch deutlicher zutage, denn der Austrofaschismus unter Dollfuß hatte sich ausgerechnet den größten Feind Südtirols als Schutzmacht auserkoren. Aber die Bindung wurden enger, nachdem im Abessinienkrieg  Italiens  über   Antrag  von   England  Sanktionen  mit  drei   Gegenstimmen (Österreich, Ungarn und Albanien)  im Völkerbund gegen den Aggressor  gesetzt wurden, und England, seine für Italien so lebenswichtigen Kohlenlieferungen  einstellte. Hitler half Mussolini durch Kohle aus dem Ruhrgebiet.

Aber noch ein Band knüpfte die beiden Diktatoren aneinander; der spanische Bürgerkrieg, bei dem sowohl Hitler als auch Mussolini Generalissimus Franco Truppen zur Verfügung stellten. Nicht umsonst nennt man den Krieg „die Generalprobe zum zweiten Weltkrieg“. Höhepunkt dieser Zweckfreundschaft war dann im Mai 1939 das deutsch - italienische Militärbündnis, das für die Südtiroler Bevölkerung völlig neue Situationen gebrachte.

Dieses Südtirol hatte 1919 nicht nur seine Sprache, seine Kultur, sein Volkstum verloren, man hatte ihnen auch die Identität genommen. Es ist bezeichnend, dass man selten von österreichischen Südtirolern sprach sondern von deutschen Südtirolern, und das nicht nur, weil sie deutsch sprachen, sondern weil „deutsch“ der Kontrast zu „welsch“ war. „Wir wollen deutsch bleiben“ war kein bloßes Schlagwort, es war Herzensbedürfnis. Und so erlebten es viele Südtiroler mit Freude, als Hitler immer mehr  deutschsprachige Menschen „heimholte ins Reich“: die Saarländer, die Österreicher, die Sudetendeutschen u.a. Vielleicht – man wagte es gar nicht laut zu sagen – vielleicht würde der „Führer“ bald auch die Brüder in „Deutschsüdtirol“ erlösen.

So bedeutete jener in den 20er und 30er Jahren in Südtirol stattfindende geistige Prozess der Abwendung vom „österreichischen Vaterland“ und der Hinwendung zur „Mutter Germania“ mehr als nur politische Umorientierung von Wien auf Berlin: damit verbunden war auch ein neues Selbstverständnis der Südtiroler, eine Neu-Definierung ihrer historischen und kulturellen Identität.

Betrachtet man rückblickend die zeitliche Abfolge dieses Verlustes der früheren Identität und das Sich – heraus – bilden des neuen Selbstverständnisses als „Volksdeutsche“ bei den Südtiroler mit den nazifaschistischen Planungen zur Umsiedlung, so erscheint manches geradezu wie eine Ironie der Geschichte. Genau in jenen Tagen des März/April 1938, als sich die Südtiroler Nationalsozialisten nicht genug tun konnten in ihrer Freude über das „gottlob gewesene austrofaschistische Österreich“ und als sie den unmittelbaren  bevorstehenden „Anschluss“ Südtirols an das Dritte Reich erhofften, wurde in Rom und Berlin auch über die Zukunft Südtirols entschieden: nunmehr griff man konkret auf bereits in früheren Jahren erörterte Umsiedlungspläne zurück. Italiens Außenminister G. Ciano schrieb am 3. April 1938 den folgeschweren und zynischen Satz in sein Tagebuch: “Es wird notwendig sein, den Deutschen über die Opportunität, ihre Leute wieder aufzunehmen, einen Wink zu geben; da das Oberetsch geographisch gesehen italienisches Gebiet ist und die Berge und Flüsse nicht versetzt werden können, müssen die Menschen verpflanzt werden.“ Ettore Tolomei, der fanatische Hasser alles Deutschen in Südtirol, regte anlässlich des Abessinienkrieges 1935 die Umsiedlung von Südtiroler Bauern nach Sizilien oder Abessinien an.

In ein konkretes Stadium traten die Planungen und bilateralen Gespräche über eine eventuelle Südtirolumsiedlung gleich nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Diese im März 1938 begonnenen Verhandlungen führten schließlich zur Geheimkonferenz vom 21. Oktober desselben Jahres.

Für das faschistische Italien ging es dabei in erster Linie um die Bereinigung der Südtirolfrage auf politischer Ebene, nämlich um ein für allemal einen eventuellen Südtiroler Irredentismus unmöglich zu machen und die Brennergrenze für Italien endgültig zu sichern. Für das Deutsche Reich kamen neben dieser außenpolitischen Notwendigkeit der Ausschaltung eines dauernden Konfliktes zwischen den Achsenpartnern auch noch deren Vermögen als Arbeitspotential und Devisenquelle und der Einsatz dieses „Im Grenzlandkampf erprobten Menschenmaterials“ zur Neuordnung und Absicherung des neue eroberten „Lebensraum“ im Osten. So bildeten die Umsiedlung der Südtiroler konsequenterweise nicht eine „Befreiung aus einem unnatürlichen Joch“ sondern lediglich den Auftakt zur Himmler´ischen Siedlungs- und Rassenpolitik währen des Krieges und zur „Heimführung“ aller deutschen Volksgruppen in die verschiedenen Länder Europas.

Die Entscheidung für die Südtiroler, in Italien zu bleiben oder für die Umsiedlung zu optieren, war bestimmt nicht leicht. Es kam zu hitzigen Diskussionen zwischen „Dableibern“ und „Auswanderern“, es kam zu regelrechten Feindschaften. Im Pustertal wurde folgendes Gedicht in Umlauf gebracht, dessen Titel „Wer sind die Dableiber?“ lautete und folgende Antwort gab:

„Falsche Christen – alte Weiber –

Egoisten – Hurentreiber –

Warme Brüder – Schlechte Pfaffen –

Welschebastarden – ein paar Grafen

 

Die „Dableiber“ revanchierten sich nicht minder derb:

„Wer sind die Auswanderer? …

Antichristen – Glaubensfeinde –

Kommunisten – feige Schweine –

Arme Teufe – Wenig Reiche –

Landesverräter sondergleichen.-

Einige, die vor lauter Schulden

Die schlechten Zeiten nicht mehr dulden,

mit leeren Taschen das Weite suchen

und vor Hunger Heil Hitler rufen!

Von hundert sind es siebzig leider,

dreißig sind jedoch gescheiter,

die bleiben fest in ihrer Heim,

den Männern gleich von Anno Neun“

 

Die Option musste bis 31. Dezember abgeschlossen sein, lediglich für die Südtiroler Priester wurde ein halbes Jahr Verlängerung gewährt. Noch bevor die Optionsfrist  abgelaufen war, kursierten die wildesten Gerüchte über die zukünftigen Aufenthaltsorte der Auswanderer durch das ganze Land. Die einen sprachen von Galizien, die anderen von Elsaß-Lothringen, wieder andere von Burgund, wo Himmler ein neues Südtirol aufbauen wollte; die Städte Besancon, Chalons sur Saone, Pontarlier und Auxonne sollten in Bozen, Meran, Brixen, Bruneck und Sterzing umgetauft werden. Sogar die Krimm wurde als Künftige Heimat der Südtiroler ausersehen.

1945 wurde den Alliierten eine „Große Denkschrift“ übergeben deren Beilage 5 sich mit der „Umsiedlung der Südtiroler“ in das Dritte Reich befasste. Dieser Bericht stammte aus dem Jahr 1944 und wurde von Kanonikus Michael Gamper verfasst. Er beinhaltet auch das Ergebnis der Option, wie es am 10. Jänner 1940 von den zuständigen italienischen und deutschen Stellen bekanntgegeben wurde.

Zur Option zugelassene:                                 261.382

Optanten für Deutschland:                              180.509 (71.3%)                                                                             

Optanten für Italien und Nichtwähler:             80.873 (28.7%)

Bis zur endgültigen Einstellung der Umsiedlung im September 1943 waren rund 79.000 Südtiroler ausgewandert (davon 25.000 zur Wehrmacht), während viele, die 1939 für Deutschland optierten hatten, es sich anders überlegten und in der Heimat blieben, da sie, wie sie selbst sagten. „einem Betrug zum Opfer gefallen seien oder weil sie Angst vor Rache im Falle des Nichtwählens gehabt hatten. Von diesen fast 80.000 Südtirolern und Ladinern kehrten nur knapp 30.000 wieder zurück, die anderen hatten tatsächlich eine neue Heimat gefunden, vorwiegend in Nordtirol und Vorarlberg, wo mehr als 25.000 Südtiroler Unterkunft fanden. Noch heute prägen „Südtiroler Siedlungen“ den Charakter mancher Tiroler Gemeinde. Wobei sich immer wieder die Frage stellt: sind Südtiroler die in den Norden Tirols auswanderten Heimatfremde? Oder Südtiroler die in Vorarlberg wohnen – Heimatferne? obwohl sie in ihrem Vaterland Österreich wohnen.  

1945 als Österreich wieder Österreich und nicht mehr die „Ostmark“ war, besannen sich Nord-Ost- und Südtiroler  Patrioten erneut auf das Schicksal des „Landes an Etsch und Eisack“. Am 22. März 1946 konnte Österreichs Bundeskanzler Figl in Innsbruck 158.000 Unterschriften von Südtirolern entgegennehmen, die die Wiedervereinigung ihres Landes mit Österreich forderten.  Aber Italien dachte nicht daran , die Brennergrenze aufzugeben, und die Sieger gaben Rom recht, hatte Italien doch rechtzeitig, wie bereits im ersten Weltkrieg, die Fronten gewechselt und zählte nun ebenfalls zu den Siegern. Aber wieder waren es die Engländer, die mit großem Nachdruck auf eine Autonomiegewährung für Südtirol drängten. Am 5. September 1946 konnten die beiden Außenminister Alcide Degasperi und Karl Gruber, der im Mai 1945 Landeshauptmann von Tirol war, das oft umstrittene „Pariser Abkommen“ unterzeichnen.

Aber das, was sich Südtirol unter Autonomie vorstellte, wurde nicht erfüllt. Vor allem fehlte die Gleichberechtigung der Sprache, es bestand für Südtiroler keine Möglichkeit, bestimmte führende Positionen zu erreichen usw. Das „Deutschtum“ geriet abermals in Gefahr, der „Italianita“ zum Opfer zu fallen. Es bedurfte der Vereinten Nationen, dass das Problem Südtirol weltweit bekannt wurde und dass jeder Punkt des Pariser Abkommens neu hervorgehoben wurde, wonach Zweck dieses Abkommens „der Schutz des Volkscharakters und die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung des deutschsprachigen Bevölkerungsteils in der Provinz Bozen“ sei. Aber trotz zweier UNO-Resolutionen (Oktober 1960 und November 1961) zogen sich die bilateralen Verhandlungen, da durch Italien immer verzögert, endlos dahin. Bis einigen Tirolern der Kragen platzte: sie griffen zur Gewalt.

Schon 1957 begannen die Italiener etwas von der Unruhe in der Südtiroler Bevölkerung zu spüren. Eine Kundgebung der Südtiroler in Bozen war verboten worden, die nun nach Sigmundskron ausweichen musste, wo schon am 5. Mai 1946 eine Großkundgebung stattgefunden hatte. Unter stürmischen Beifall der Zehntausenden wurde eine Resolution angenommen, in der es unter anderem heißt.“ Das Südtiroler Volk sieht sich, 11 Jahre nach Abschluss  des Pariser Vertrages, in seiner Existenz immer mehr bedroht. Es ist das Gebot der Stunde, dass sich jeder Südtiroler mehr denn je den Pflichten gegenüber seinem Volk und seiner Rechte bewusst ist und sein ganzes Verhalten danach einrichtet. Den Staat aber mahnen wir an die Erfüllung der übernommenen Verpflichtungen. Dazu gehört vor allem: Die Gewährung einer echten Autonomie für Südtirol als eigene Region mit der Sicherung des unbedingten Vorrechtes auf Arbeit und Wohnung für die einheimische Bevölkerung, die Durchführung der vollen und wirklichen Gleichberechtigung der deutschen Sprache im öffentlichen Leben und wirksame Maßnahmen, welche die verhältnismäßige Berücksichtigung unserer Volksgruppe bei der Besetzung aller öffentlichen Stellen und der Vertretung in allen öffentlichen Organen sichern.“ Aber auch Transparente mit der Aufforderung „Los von Trient“ oder „Los von Rom“ waren bereits zu sehen.

Der damalige Obmann der Südtiroler Volkspartei, Dr. Silvius Magnago, zog am Abend des gleichen Tages folgendes Fazit:

„Südtiroler! Es ist mir durch den Ablauf der Kundgebung bewusst geworden, dass 35.000 von euch, hinter denen ganz Südtirol gestanden hat, bereit gewesen währen, nach Bozen zu marschieren. Ihr habt es nicht getan, und ich danke euch, dass ihr meinem Appell Folge geleistet habt. Es war daher auch eine Kundgebung  eurer Disziplin. Man darf aber Disziplin  nicht überfordern. Ich hoffe daher, dass diejenigen, welche es in der Hand haben, dass dem Südtiroler Volk Recht und Gerechtigkeit zuteil werde, dies endlich verstehen. Wer aber  immer noch nicht verstehen will, darf sich nicht wundern, wenn die Geduld eines Volkes zu Ende geht!“  

Ähnliche Worte fand der Obmann der Tiroler Volkspartei und Abgeordnete zum Nationalrat, Dr. Aloys Oberhammer:

„In Zypern wird geschossen, in Algerien wird gekämpft, die Negerkolonien (damals durfte man das noch sagen) sind freigeworden! Unsere Südtiroler Bauern sind viel bescheidener, sie wollen nichts, als ihre Sprache, ihre Kultur, ihren Boden erhalten. Gebt ihnen doch, was sie verlangen! Ihr habt es doch zugesagt! Die Lage in Südtirol ist zum Zerreißen gespannt. In den letzten Jahren ist dort unbemerkt eine Jugend herangewachsen, die den Schock des  Zusammenbruches 1945 überwunden hat. Diese Jugend lässt sich nicht ohrfeigen, weder körperlich noch moralisch. Deshalb beschwöre ich Italien, bitte ich die Gemeinschaft der europäischen Völker aus ganzen Herzen: Tut endlich eine entscheidende Tat, ehe hinter dem Brenner Schüsse krachen und unschuldiges Blut vergossen wird!“

Derartige Worte ließen bereits ahnen, was die kommenden Jahre für Südtirol bringen würden: Sprengstoffanschläge auf Hochspannungsmasten, auf faschistische Denkmäler, wie zum Beispiel auf das überlebensgroße Standbild Mussolinis beim Kraftwerk Waidbruck südlich von Klausen am 30. Jänner 1960 u. a. Allmählich kristallisierte sich der harte Kern des Südtiroler politischen Widerstandes heraus: Es waren hauptsächlich jene Männer die 1958 den Südtiroler Schützenbund mit Landeshauptmann Ing. Pupp als Landesschützenkommandant und Georg Klotz als Stellvertreter begründet hatten.  Hier tauchten zum ersten Mal jene Namen auf, die in den sechziger Jahren Tiroler Geschichte machten: Georg Klotz, Luis Amplatz, Sepp Kerschbaumer, Franz Höfler u. v. a. Es zeugt von der Härte dieser „Freiheitskämpfer“, dass alle hier erwähnten Männer - und noch einige mehr - diesem Kampf zum Opfer fielen:

1961 wurden der 21 jährige Josef Lechner und der 25 jährige Hibert Sprenger in Mals „auf der Flucht erschossen“;  im November 1961 starb im Gefängnis von Bozen, angeblich an Gehirnblutung, Franz Höfler; wenige Monate später, am 7. Jänner 1962, erlitt der 42 jährige Bauer Anton Gostner dasselbe Schicksal, der 38 jährige Luis Amplatz, Schützenoffizier und Gemeinderat von Bozen-Gries, wurde am 7. September 1964 auf der Brunner Mader von einem Verräter ermordet; der 51 jährige Sepp Kerschbaumer, dessen Name bereits 1957 weitum bekannt wurde, nachdem er wegen der Hissung der Tiroler Fahne verhaftet und im Gefängnis in  Hungerstreik getreten war, starb am 7. Dezember 1964, angeblich an einem Herzschlag, im Gefängnis von Verona; Friedrich Rainer aus Riffian kam im Oktober 1964 auf der Malser Heide durch Sprengstoff ums Leben, ebenso der 27 jährige Herbert Volgger aus St. Jakob im Pfitschertal im September 1966 auf der Steinalm;

Der 18 jährige Peter Wieland wurde im gleichen Monat in der Nähe von Niederolang von einem Alpinioffizier erschossen.

Die einzigen die in Freiheit starben, allerdings in der „Verbannung“ in Nordtirol waren Schützenmajor Georg Klotz und der am 24. Jänner 1976 bei seine Köhlerhütte zwischen Unterberg und Schönberg  an einer Lungenembolie verschied und der „Pusterer Bua“ Heinrich Oberleitner, der  in einem Innsbrucker Krankenhaus verstarb. Insgesamt waren es 252 Freiheitskämpfer, die zu Haftstrafen zwischen einen Jahr und Lebenslänglich verurteilt wurden.

Aber auch die Italiener hatten einen hohen Blutzoll zu verzeichnen. Seit dem Sommer 1961  sind 18 Angehörige der Armee und der Polizei, allerdings einige davon durch eigene Fahrlässigkeit oder Nervosität getötet und 137 verwundet worden. Ihre Rache war grausam. Sie schreckten auch vor barbarischen Folterungen gefangener Südtiroler nicht zurück, und die mehrmalige Angabe „gestorben an Herz- oder Gehirnschlag“ lässt erkennen, welche Grausamkeiten in einem Staat herrschten, der angeblich „Kultur nach Südtirol“ gebracht hatte.

Die zeitliche Entfernung von jenen Ereignissen in Südtirol ist nicht mehr so gering, so dass man sich ein endgültiges Urteil bilden kann. Fest steht zweifelsohne, dass durch die Aktivitäten der „Südtiroler Freiheitskämpfer“ die Weltöffentlichkeit auf das brennende  „Problem Südtirol“ aufmerksam gemacht  und die politischen Verhandlungen für “Paket“ und „Operationskalender“ beschleunigt wurden.  

Vielleicht kennzeichnet die Haltung eines Mannes wie Josef Kerschbaumer am deutlichsten das Wesen jener Männer, die aktiv im Kampf standen. Das „Handelsblatt“ in Düsseldorf schrieb am 10. Dezember 1964 über den Tod Kerschbaumers.

Der 51 jährige Josef Kerschbaumer aus Eppan war alles andere als das, was man sich  gemeinhin unter einem „Terroristen“ vorstellt. Tief katholisch, den Kommunismus ebenso glühend verabscheuend wie den Faschismus, glich er in seiner Denkweise und in seinen Handlungen viel eher einem religiösen Mystiker als einem politischen Ehrgeizling, der er bestimmt nicht war. Das zeigte sich schon darin, dass er sowohl vor der Polizei, als auch vor dem Untersuchungsrichter und Staatsanwalt und auch im Prozess freiwillig alles offen eingestand, was er nur wusste. Dabei war er keineswegs ein „verführter Idealist“, was er tat, das tat er aus seinem innersten Glauben und seiner innersten Überzeugung heraus, für das heilige Land Tirol.

Er war ein Mann – und damit das Symbol für viele Südtiroler -, der nicht verstehen konnte, wieso die von Kaiser Maximilian seinerzeit verbrieften Rechte heute nicht mehr gelten sollten, dass in einem zentralistisch gelenken Staat kein Platz für Menschen ist, die auf ihre jahrhundertealten  Rechte pochen, ihre Symbole hochhalten und in ihrem Land frei schalten und walten wollen. Was dem Italiener die grün-weiße-rote Trikolore, war Kerschbaumer, der nächst Gott nur Süd-Tirol gelten ließ, die weiß-rote Fahne Tirols. Und wo immer er konnte, hatte er sie ausgehängt – womöglich auf der Kirchtumspitze, damit sie nur ja alle sahen. Sogar im Bozner Gefängnis feierte er das Herz-Jesu-Fest, das höchste Fest der Tiroler, indem er ein rotes und ein weißes Taschentuch, die er sich von seinen Kindern hatte bringen lassen, zum Zellenfenster hinaushängte.

Täglich betete er – dessen philosophisch-geistvollen Briefe auf den, der sie liest, ihren Eindruck nicht verfehlten – fünf bis sechs Rosenkränze für diejenigen, die „mit und für ihn leiden müssen“. Sein Mitleid und seine Hilfe galt überhaupt immer den „anderen“, egal, ob es sich um Südtiroler oder Italiener handelte; für sie bettelte er seinen Anwalt und seine Verwandten immer wieder um Geld und Lebensmittel, wenn er glaubte, dass ihnen Unrecht geschah. Das Leben des anderen, auch das der Karabinieri, schützte er, wie er stets hervorhob, auch bei seinen Aktionen. Fast möchte man glauben, dass er sich so wie der Andreas Hofer – Bund für Tirol und noch viele andere patriotisch Vereinigungen, Andreas Hofer als Vorbild nahm. Typisch für den tiefgläubigen Kerschbaumer war auch, dass er nicht log. Unter keinen Umständen und um keinen Preis. Auch wenn er sich selbst und andere damit schadet. Ein Tiroler lügt nicht. Als guter „Tiroler muss man den Mut haben, für das, was man tut, einzugestehen und die Wahrheit zu  sagen“. So sagte er auch ganz offen, dass er für die „Freiheit Südtirols kämpfe und kämpfen werde, solange er lebte.“ 

Ähnliches klingt auch aus einem Gedicht, das Luis Amplatz geschrieben hat:

Der Himmel ohne Sterne

gibt keinen Hoffnungsschein;

die Hilfe ist so ferne

und wie sind ganz allein.

Aus Leid und Kerkermauern

Erhebt sich ein Symbol,

es wird uns überdauern

die treue zu Tirol