Die Identität der Tiroler

ein Ergebnis der Landschaft, in der sie leben und der daraus resultierenden Geschichte

Tirol ist ein Hochgebirgsland: Über 80 % des Bodens liegen über 1000 m. Zieht man von Hamburg nach Süden eine Luftlinie, so verläuft diese über Zirl / Innsbruck und Bozen nach Bologna und Rom; an dieser Linie liegen auch die durchgängigsten Pässe in den Alpen: Brenner und Reschenpass. Als die Römer die Räume Spaniens und Frankreichs erobert hatten und sich anschickten, nach Norden zu ziehen, zogen sie ab 15 vor Chr. über diese Pässe. Der Raum Tirols war für sie ein Korridor, der durch Militärstationen zu sichern war; neue Siedlungen neben den schon bestehenden gab es nur wenige. Die nördlichste Stadt das spätere Trient, Hauptstadt der Provinz das spätere, bayrische Augsburg. Nach dem Heerführer Drusus war nicht nur die Militärstraße bei Bozen – Pons Drusi – sondern auch ein Kanal an der Küste des heutigen Holland benannt: Fossa Drusi. Die gesamte Verwaltung des Riesenreiches wurde zentral von Rom gelenkt. Latein wurde als die allein anerkannte Sprache durchgesetzt, alle Namen waren lateinisch, auch die vorrömischen Siedlungsnamen wurden lateinisiert. Römische Götter, römisches Recht, römische Sitten, römische Kleidung galten im ganzen Reich.  Ein berühmter Spruch auf dem „Siegesdenkmal“ in Bozen erinnert an diese Zeit, die allerdings seit ca.1500 Jahren vorbei ist. Denn Rom zerbrach im 5. Jhdt. Ab dem 7. Jhdt. wurde Tirol von Bayern her intensiv besiedelt; im heutigen Südtirol sind zwei drittel der Ortsnamen bayrischen Ursprungs. Die latinisierten vorrömischen  und die lateinischen Namen wurden eingedeutscht. Bis zum 12. Jhdt. Schwanden die letzten Spuren römischer Herrschaft. Im oberen Vinschgau und im Oberinntal hielt sich das Räterromanische noch lange. Ebenso im Raum um den Sellastock- im Gröden- und im Gadertal, dazu Cortina d`Ampezzo, das bis 1918 zu Tirol gehörte und heute wieder zu Südtirol kommen will: Die Ladiner fühlen sich als eigenständige Tiroler Volksgruppe.

Im Norden entstand eine neue Großmacht; der Franke Karl der Große ließ sich zu Weihnachten 800 vom Papst in Rom zum Kaiser krönen, sein Reich, das auch einen großen Teil Italiens umfasste, war das heilige Reich, der weltliche Arm der Kirche. Der Raum Tirol wurde nun wieder besonders wichtig, denn die Kaiserwürde setzte die Salbung durch den Papst, also den Zug nach Rom, voraus. Um das Jahr 1000 wurden die Bischöfe von Trient und Brixen vom Kaiser zu Reichsfürsten erhoben und mit dem gesamten Gebiet belehnt: Trient, mit den heutigen Trentino  und das Etschtal bei Bozen; das Eisaktal, das gesamte Inntal bis zum Zillertal und Arlberg erhielten hingegen die Bischöfe von Brixen, später kam noch das Vinschgau dazu. Die Herrschaft der Bischöfe, die ja keine Erben hatten, garantierte dem Kaiser einen sicheren Weg zwischen Deutschland und Rom. Noch immer war Tirol nur als Durchgangsland interessant. Ab Mitte des 12. Jhdt.s wurden die Grafen von Tirol unter Albrecht III. zu einer größeren Macht. Sein Enkel Mainhard II. baute die Macht aus. Er nahm den Bischöfen den größten Teil ihres Besitzes und schuf aus dem diffusen „Land im Gebirge“ das Land Tirol. Da die Bischöfe von Trient und Brixen auch für ihren restlichen Besitz in Bezug auf Finanzen und Verteidigung dem Landesfürsten unterstellt wurden, war mit dem Werk Meinhards das Land Tirol in seiner bis 1918 bestehenden Grenzen geschaffen. Es wurde lediglich Anfang des 16. Jhdt. durch Kaiser Maximilian I. abgerundet. Als es 1336 nach dem Aussterben der Grafen von Tirol durch die Entscheidung der Landstände an die Habsburger fiel, tasteten  diese die Rechte des Landes nicht an. Tirol mit seinen Toren bei Kufstein und Verona, war nun Herr über das wichtigste Durchzugsgebiet zwischen Deutschland und Italien.

Tirol damals wie auch heute ein Zentrum des Verkehrs. Das bedeutete Weltoffenheit, aber gleichzeitig Bedürfnis nach Abwehr des allzu mächtigen Fremden. Zeugnisse der Weltoffenheit finden sich im ganzen Land, aber vor allem im südlichen Teil, das ja bis ins 14. Jhdt. mit der landesfürstlichen Burg in Meran das Zentrum des Landes beherbergte.  In keinem anderen Land, Europas sind so reiche Kunstschätze aus allen Epochen erhalten geblieben: Von vorkarolinischen und karolinischen Bauten im Vinschgau, St. Prokolus bei Naturns, über unglaubliche Zeugnisse der Romanik bis zu Spitzenleistzungen der Gotik und des Barock. Reichtum und Vitalität hatten den Zuzug von Künstlern, Baumeistern und Handwerkern zur Folge, gleichzeitig bestand das Bedürfnis allzu viel Fremdes – und Fremde – abzuwehren, Schon im 14. Jhdt. mussten die Landesfürsten den Landständen versprechen, keine Landesfremden mit einer Funktion im Landesdienst zu berauen, ein Versprechen, das sie nicht immer einhielten. Die Zustimmungen, mit denen sich damals die Städte vor Überfremdung und Verarmung schützen wollten, waren in Bozen besonders streng. Mit der Gründung des Merkantilmagistrat in Bozen wurde die Stadt zum wichtigsten Handelszentrum. Es zeigt noch heute – soweit es deutsch ist – eine merkwürdige Mischung von Liberalität und außergewöhnlicher Abkapselung.

Als um 1420 der Regierungssitz nach Innsbruck verlegt wurde, gewann Innsbruck an Bedeutung; noch mehr, als dort 1669 die Universität errichtet wurde – der Sitz der Verwaltung; das hieß Sachlichkeit, Nüchternheit, zuweilen Kleinkrämerei, aber auch Gerechtigkeit. Universität. das bedeutet kritischen Geist und Forschungsdrang, Innsbruck wurde Gegenpol von Bozen, doch man ergänzte sich; in der Mitte aber Brixen, als Sitz des Bischofs und der Pfarrerausbildung geistig und moralisch tonangebend.

Tirol ist ein Hochgebirgsland: Großflächige Landwirtschaft, mit Leibeigenschaft der Landarbeiter. War in Tirol nie möglich. Die Gutsbesitzer mussten ihren Pächter irgendwo weitab am Berg vertrauen, und das forderte gleichzeitig Vertrauen auch vonseiten des Pächters. So entwickelte sich neben den von Anbeginn freien Bauern schon im hohen Mittelalter die Erbpacht, die Sicherheit gab. Ein selbstbewusstes Bauerntum entstand; die Bauern gehörten zu den Tiroler Landständen als vierter Stand neben Geistlichkeit, Adel und Bürgertum.

Meinhard II. schuf auch ein eigenes Landrecht – das Fundament einer geordneten Verwaltung, in der der Adel keinen besonderen Einfluss hatte. Er setzte erste Schritte für die Selbstverwaltung der Gemeinden und schuf, besonders wichtig, ein Landgericht, das die Beklagten der Willkür der anderswo üblichen Gerichtsbarkeit des Grundherrn entzog. Dieses Recht wurde im „großen Freiheitsbrief“ von 1342 erweitert und von den  Habsburgern bestätigt. Der aus vier Ständen zusammengesetzte Landtag entschied über die wichtigsten Fragen des Landes, vor allem über Steuern und Kriegseinsatz. Nachdem Josef II die Landrechte eingeschränkt hatte, leistete der Landtag seinem Nachfolger Leopold II. erste den Treueeid, als dieser versprach, diese wieder herzustellen. „Es ist zwar eine große Ehre, sagte der Landeshauptmann, dass der Graf von Tirol zugleich Kaiser ist (!), aber deshalb verzichten sie nicht auf ihre Rechte“. Schon Jahrhunderte vorher, am 23. Juli 1511, hatte Kaiser Maximilian I. in Tirol ein anderes Zeichen gesetzt. Im Einvernehmen mit den Ständen traf er eine im damaligen Europa einzigartige Entscheidung: Alle männlichen Tiroler zwischen 18 und 60 Jahren wurden zum Kriegsdienst verpflichtet, aber ausschließlich zu Verteidigung der Landesgrenzen. Dieses Gesetz wurde von allen nachfolgern Maximilians eingehalten. Dies hatte Gleichberechtigung und eine Durchlässigkeit der sozialen Schichten zur Folge, wie sie sonst nirgends gab. Währen im übrigen Europa noch das Söldnerwesen herrschte, Bauernsöhne zum Militär gepresst, ja sogar noch 1786, 275 Jahre später(!), in Würtenberg als Sklaven verkauft wurden, gab es in Tirol die gleichen Pflichten für alle erwachsenen Männer. Die Schützen, die schon früher in unserm Land im Gefolge der Bürgerwehren der Städte entstanden waren, wurden nun als Standschützen zu einer Institution. Ohne Landlibell von 1511 hätte es keinen Andreas Hofer gegeben und die Südgrenze wär nach der Kriegserklärung Italiens im Mai 1915 nicht geschützt worden.

So viel anders lief die Entwicklung im Trentino. Trentiner und deutsche Tiroler hatten 1809 gemeinsam gegen Napoleon gekämpft Noch im ersten Weltkrieg waren es  60.000 Trentiner (10.000 gefallen) die mit Österreich gegen Italien kämpfte  Ein – vorerst lautloser Riss zwischen dem Trentino und den deutschen Tiroler war schon vorher erfolgt.

Tirol war verwaltungsmäßig in Bezirke aufgeteilt. In den italienischen Bezirken südlich von Salurn galt allein die italienische Verwaltungs- und Schulsprache. Selbstverwaltung der Gemeinden, Bauernfreiheit, Schützenwesen galten auch dort. Die Trentiner waren ärmer als die deutschen Tiroler, das bei ihnen übliche italienische Erbrecht führte zur Zerstückelung der Höfe. Die Trentiner betrachteten sich als Tiroler. Die Bischöfe von Trient und Brixen saßen als Reichsfürsten im deutschen Reichsrat und gleichzeitig im Tiroler Landtag. Aber im Gefolge der napoleonischen Kriege beschloss der Reichstag 1803, zum Ausgleich  der deutschen Gebietsverluste gegen Frankreich, den territorialen Besitz der geistlichen Fürsten zu enteignen. Das traf alle deutschen Bischöfe, aber es beeinflusste den Trentiner Bischof und seine Nachfolger besonders. Fast gleichzeitig 1802, war im Süden der (kurzlebige) italienische Staat von Napoleons Gnaden entstanden. 1806 wurde das „Römische Reich deutscher Nation“ aufgelöst. Es gab keinen Reichstag mehr. Dieses Gefühl, dass die Masse der Bevölkerung nur wenig erfasste, sonder vor allem die Oberschicht, wurde maßgebend für die Geschichte Tirols im 19.Jhdt. Als nach der Teilung des Landes 1919 und dem zweiten Weltkrieg 1945 eine  neue Zeit anzubrechen schien, wollten die meisten Trentiner zu “Tirol“ zurück.

Die Teilung Tirols brachte für die deutschen und ladinischen Südtiroler viele bittere Jahrzehnte. Unter der zentralistischen Verwaltung Roms und vollends unter der Diktatur des Faschismus machten sie mit dem Verbot ihrer Sprache in Schule und Ämter, dem Ausschluss aus der öffentlichen Verwaltung, aus den sozialen Einrichtungen und schließlich  mit dem Entweder – Umsiedelung – oder – völlige – Italienisierung eine Bewehrungsprobe durch die, die bei Österreich verbliebenen Tiroler in ihrem Ausmaß nicht nachempfinden können.  Nach 1945 war es noch Jahrzehntelang wenig besser; der Zentralismus Roms brachte für den völlig anderen Charakter der Tiroler  kein Verständnis auf. Trotz Demokratie wurde bis in die 70er Jahre die italienischen Bürger von Politikern und Presse „sudditi“ (Untertanen) genannt, und ein Minister ließ sich bei einer festlichen Gelegenheit selbst noch in den 90er Jahren von diesen „Untertanen“ die Hand küssen.

Die Südtiroler müssen mit der Tradition, dem Geist, den Verhaltensweisen eines 50 – Millionen – Volkes fertig werden, das sich im Grunde noch immer – siehe „Siegesdenkmal“ als Nachfolger des Drusus (oder Duce) sieht. Sie haben sich bisher behauptet, an ihrer Überzeugung, ihrer Lebensart, ihrer Geschichte und Sprache festgehalten, aber sie haben schließlich gelernt, dies wenn möglich (immer war dies nicht der Fall siehe Feuernacht usw.) auf eine Weise zu tun, die frontale Konfrontationen möglichst vermeidet. Heute werden immer mehr Stimmen laut die ein „Los von Rom“ fordern (deutsche Oppositionsparteien). Eins muss uns allen klar sein: Ohne Südtirol ist Nord- Osttirol ein Torso. Tirol liegt bei Meran, nicht bei Innsbruck. Aber auch die Südtiroler können sich gegen die vitalen Italiener nicht behaupten, wenn sie nicht in Nord-Osttirol  ihren Rückhalt suchen. Nur beide zusammen Nord-Osttirol  und Südtirol, sind Tirol. Nur gemeinsam können Tiroler zwischen Hamburg und Rom das Recht auf ihren Raum und die Reste ihrer Freiheit verteidigen. Das Problem hat sich geändert, aber der Charakter der Tiroler, hoffentlich nicht.

Der Schriftführer des Andreas Hofer - Bundes für Tirol: Ing. Winfried Matuella